Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Friederike Schmidt in Gera v. 11.6.1843 (Blankenburg)


F. an Friederike Schmidt in Gera v. 11.6.1843 (Blankenburg)
(BlM XIV,29, Bl 118-120, Brieforiginal 1 B 8° 4 S., zit. Heerwart 1905, 318; ed. Heerwart 1911, 19f.)

Blankenburg am 11 Juni 1843.·.


       Theure, verehrte Muhme.

Ich beginne mit Wiederlesen des von Ihrer Güte mir
am 3 Mai zugesandten Briefes, um das mir darin etwa
noch zu beantworten Nöthige nachzusehen. Zuförderst hab[e]
ich innigen Theil an der Freude genommen, welche Ihnen der
Besuch Ihres l. Bruders gebracht hat; ich kann mir diese
recht lebhaft denken, wenn ich mir, für Sie als Schwester, mehr[-]
fach die große Freude gesteigert denke, welche auch ich f em-
pfinden würde einmal nun nach mehr als 30 Jahren Ihren
lieben Bruder wieder zu sehen, welcher dortmals einen so freund-
lichen bleibenden Eindruck in mir zurück gelassen hat. Grüßen
Sie ihn gelegentlich recht herzlich von mir und wünschen Sie ihm
aufrichtig Glück zu seiner neuen Verbindung. Komme ich einmal
nach Leipzig, so werde ich ihn, wenn ich nicht fürchten darf daß
es ihm unangenehm ist, mir zur Freude aufsuchen. Was er
mir über Dörf[f]ling sagt ist mir mehrfach ausgesprochen worden.
Für Ihre Freundlichkeit meine Spielkästen immer mehr in
Familien- und Kinderkreise einzuführen danke ich Ihnen, be-
sonders erfreulich war es mir, daß solche auch den lieben
kleinen, wenn auch mir noch unbekannten Vettern lieb ge-
worden sind, es knüpft sich doch manches leise liebe Band an
solche Beziehungen.
Die Wichtigkeit einer Confirmation für einen ganzen Fa-
milienkreis in dem meinen fast alljährlich tief empfindend
habe ich denn auch den aufrichtigsten Antheil an dieser
Feyer für Ihren wackern Moritz genommen; sprechen Sie /
[118R]
gütigst ihm dieß unter meinen besten Seegenswünschen,
wenn auch wohl etwas spät aus. Wo kämen aber treu[-]
sinnige Seegenswünsche im Leben je zu spät!
Sie sind besorgt daß Ihr l. Moritz den Kaufmanns-Stand
wählt; auch ich würde es seyn, hätte ich einen Sohn und betrachte[-]
te ich den Kaufmann und dessen Stand wie er jetzt noch
gewöhnlich und so häufig erscheint; doch sollte derselbe, da
alles vorwärts schreitet, da alles einen humanen d.i[.]
Menschenwohl befördernden, im allgemeinen erziehenden
Charakter annimmt sollte es der Kaufmann, der Kaufmanns-
Stand nicht auch thun?- Es will mir doch scheinen, als sähe ich
hier und da Spuren davon, und so viel ist gewiß Seiten und
Richtungen nach welchen hin dieß möglich ist zeigt auch der
Kaufmannsstand mehrere. Fasse ich nun diese Ansicht
ins Auge, so würde es mir hätte ich einen Sohn, ganz besonders
erfreulich seyn, wenn er, jenen höhern menschheitpflegenden
Sinn in sich tragend, eben diesen Stand wählte und zwar
gerad aus dem Grunde, weil diese Verknüpfung, welche
ich so höchst seegensreich für das jetzt lebende Menschenge[-]
schlecht halte, gerad jetzt noch so sehr selten ist. Einen jungen, doch
schon erfahrenen Kaufmann mit solchen humanen Ansichten
zu finden, würde mich wahrhaft freuen mit ihm, eben nach
der industriellen und merkantilischen Seite meiner
erziehenden Bestrebungen hin, in eine Verbindung zu ge-
meinsamen Ziel und Zweck zu treten, auch dazu von mei-
ner Seite gern alles förderliche bieten.- Sehen Sie
theuerste Muhme, der Stand und das Geschäft als solches
macht es nicht, sondern der Kern u Geist mit welchem es
erfaßt wird macht es, und - Moritz ist ja Ihr Sohn!- /
[119]
Gott leite also ihren [sc.: Ihren] lieben Moritz auch in seinem, zwar als
höchst äußerlich erscheinenden Berufe, zum Höchsten hin
und gebe dazu seinen Seegen. Denken Sie an Schillers Gedicht
"Der Kaufmann" - wenn es des "Guten" nur dann recht viel
recht wesentlicher ist. So viel ist gewiß, daß es für M.
recht wichtig ist noch ein Jahr im elterlichen Hause zu seyn
und die Schule zu besuchen; denn was Sie sonst über
und von der r ächten Wissenschaft sagen ist freylich wahr.
Auch über Roberts Fortschreiten freue ich mich; auch ihm
meinen Gruß und beste Wünsche dazu.
Ihren Erdenwunsch: am Rudolstädter oder Blankenburger
Kindergarten mit zu wirken theile ich vom Grunde meines
Herzens mit Ihnen. Ich sprach Ihnen beiderseits ja
schon im v. Jahr in Gera aus, hätte ich die Mittel ich
würde Ihre g[an]ze Familie augenblicklich u ganz gewiß
zum Seegen der Menschheit hierher nach Blankenburg
versetzen und unsere lieben Söhne M[.] u R. nach Keil[-]
hau bringen, wo auch die wissenschaftliche Bildung auf das
gründlichste vorgebildet wird. Doch da dieß nicht möglich
ist so wünschte ich wenigstens, daß Sie wieder einige
Wochen zum Seegen des Ganzen hier leben könnten. Ist
es denn gar nicht auszuführen?-
In Beziehung auf des Lieben Vetters Sorglichkeit hinsicht[-]
lich der Fröbelschen Erbschaft ist mir außer dem
gleichen Namen auch gar kein Anknüpfungspunkt be-
kannt; doch deßhalb dem theuren Vetter nicht minder Dank.
Die Hoyelsche Sache wollen wir ganz ruhen lassen.
Meinen Brief von Dessau aus an Ihre Fr Mutter ge-
schrieben sollen Sie recht bald mit Dank zurück erhalten. /
[119R]
Daß Sie althergebrachte Familienfeste z.B. den Trau[-]
ungstag Ihrer l. Eltern festhalten ist gewiß für die
g[an]ze Familie u namentl ihre [sc.: Ihre] l. Söhne wichtig. Ich ehre
tief solchen Gebrauche; daß Sie an diesem Tage besonders
von Kinderfreunden umgeben waren ist mir lieb.-
Wohl sind unsere Familienfeste im Concept be-
endigt, doch woher die Zeit nehmen solche abzuschreiben.
Ihr l. Brief begrüßte mich wieder in meiner
Ihnen bekannten Wohnung Blankenburgs.
Ferdinand Fröbel wird demnächstens sich mit einer
Burgdorferin verheyrathen hier ist das 3 malige Auf-
gebot schon beendet. So treten sich Länder u Völker
und Menschen wechselseitig näher. Im August erwarten
wir das junge Paar. Sie sollten uns dann besuchen.
So eben wird - da bereit[s] 26 Actien, also
260 rth. zum d. Kindergarten eingegangen sind - die
Rechenschaft darüber gedruckt. Ist es Ihnen und
Ihren Freunden besonders lieb unter den schon bezahlt
habenden genannt zu werden, so bitte ich es mir
möglichst bald zu melden.
Daß d Sie des 13 Mai gedenken lohne Ihnen
die höchste Liebe. Middendorff hat mich an diesem
Tage oder vielmehr die Ruhestätte mit schönen
tief gefühlten wahren Worten beschenkt. So es
möglich Sie [sc.: sie] Ihnen abschriftlich demnächstens.
So hoffe ich habe ich we[ni]gstens im Eil alles We-
sentliche bericht[et]. Die wilden Rosen demnächstens
zurück. Sie sind uns zartduftende eines Freundes Herzens[.]
Mit Grüßen an alle Ihr Vetter
FriedrichFröbel /
[120]
[Adresse auf Briefumschlag]
Ihrer Wohlgeboren
der Frau Magister Schmidt
geborene Hoffmann
in Gera
frei