Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Friederike Schmidt in Gera v. 19.9.1843 (Blankenburg)


F. an Friederike Schmidt in Gera v. 19.9.1843 (Blankenburg)
(BlM XIV,31a, Bl 123-124, Brieforiginal 1 B 8° 4 S., ed. Pösche 1887, 104-106 [mit deutlichen Änderungen]; tw. ed. Lück 1929, 114-116. - Zwei Briefe vom selben Tag an dieselbe Adressatin, hier 1. Brief.)

       Blankenburg b. Rudolstadt am 19 Septbr 43.·.


Theure liebste Muhme.

Eben hatte ich mir mit Bestimmtheit vorgesetzt, Ih-
nen heut zu schreiben einmal um endlich meine Schuld
bei Ihnen abzutragen und für Sie und die anderen
Verehrl. Unterzeichnerinnen des d. Kindergartens
endlich fertige Nachricht und Rechenschaft von demselben
zu übersenden, dann aber besonders auch weil ich mich
wirklich sehnte nach so langer Zeit einmal wieder etwas
von Ihnen und den lieben Ihrigen zu hören und mich Ihrer
Theilnahme an meinem Leben zu erfreuen. Nun geben
Sie mir gleich Eingangs Ihres lieben Briefes davon
gleich wieder einen so beglückenden Beweis, daß ich
gar nicht weiß, wie ich Ihnen genügend dafür danken
kann; denn so viele Theilnahme auch wohl das Leben und
die Lebensverkettungen reichen so ist doch die Theilnahme
an den innersten und wichtigsten, darum aber auch ganz
unvermerkt vorübergehenden Lebensereignissen und ihren
Erinnerungstagen so sehr selten, daß man kaum, kaum
Einzelne zählt die sie theilen, aber wie beglückt nun bin ich, d[a]ß
ich dieser Theilnahme von Ihnen nach so oft wiedergekehrten
Beweisen, fest versichert halten kann; wie freue ich mich
an diesen Tagen immer Ihrer Erinnerung meiner und Ihres
Andenkens an mein Leben gewiß seyn zu können. Ja
theure Muhme, das ist wahr, die Verklärte, deren Anden[-]
ken Sie mit mir in diesen Tagen so gütig feyerten, war eine
seltene, seltene Frau selten in der Übereinstimm[u]ng ihrer
inneren Entwickelu[n]g und Bildu[n]g mit ihrem äußeren Leben /
[123R]
selten in der hohen Klarheit ihres Geistes wie in der Wärme
und Liebe ihres Gemüthes, selten in der Durchgebildetheit
und Richtigkeit ihres Urtheils und doch der Einfachheit und
Anspruchlosigkeit Ihres [sc.: ihres] ganzen Wesens. Jemehr ich seit
ihrem äußeren Weggang von mir durch meinen Beruf
Gelegenheit und Aufforderung, ja Pflicht habe weibliches
Gemüth und Leben kennen zu lernen und zwar in allen
Ständen und in allen Berufen und Lebensaltern, um so
mehr sehe ich, daß in ihr eine Erzieherin der Mädchen und
Jungfrauen geboren war und wie viele durch ihre große
Kränklichkeit in den letzteren Lebensjahren und nun ganz
besonders durch I ihren frühen Tod verloren gegangen ist.
Habe ich Ihnen schon einmal ihr Gebet mitgetheilt? - es ist
so höchst einfach, als sich darin ihr ganzes Wesen abspi[e]gelt
- "Mach mich klar, mach mich wahr, mach mich treu mach mich frei[!"]
In diesen einfachen 4 Worten, deren jedes merkwürdig
in sich wieder nur 4 Buchstaben hat bestand ihr eigentlichst[e]s
Lebensgebet. Dieß Ihnen zu geringem Dank für Ihre seelen-
volle Theilnahme, zum Dank derselben muß ich Ihnen
doch auch noch aussprechen, daß Ihr lieber Brief gerad am
Geburtstage meiner Frau, am 16n von Ihnen zur Post
gegeben worden ist. Dafür zum besonderen Dank will
ich Ihnen denn auch die Worte mittheilen die mein
seelig[.] Schwiegervater niederschrieb:
"Am ersten Geburtstage
meiner Tochter Henriette Wilhelmine
Am 16 Septbr 1781.
O Du! die Du innige Freude meinen Tagen giebst.
Einzige geliebte Tochter! Theil meines Herzens. /
[124]
Deren lallender Ton jede Freude erhöhter entgegen mir führt,
Wann Du Morgens den ersten kindlichen Bli[c]k entgegen mir bri[n]gst,
Und hüpfend den Tagesgruß auf wiegendem Arme mir lächelst;
Dir singt mein Herz noch zwar unvernehmbar Dir,
Am Tage deiner Geburt, Töne der Freude.
Mit großer unnennbarer Wonne und Vaterentzücken entgegen;
Hör' sie Beherrscher der Welt, Allvater Gott!
Laß den schwachen Gesang der heißen Dankgefühle voll,
Nicht unvernommen von Dir vor Deinem Throne erschallen
Der das große Geschenk von Dir, in ihr mir gegeben
Am heutigen Tage Dir darbringt.
Erhöre den Wunsch meines Herzens, nimm ihn mit Vaterhuld auf
Ihn, der glühende Wang mit heißer Thräne benetzet
Schutz und Wohlfa[h]rt für sie in künftigen Stunden d[e]s Lebens
Von Dir o! Jehovah erbittet.
Nur Du kannst Tage des Glücks und der Freude ihr geben
Und Tugend, deren Besitz der Menschheit edelste Zierde,
Der kostbarste Schmuck der Sterblichen ist;
Versage Allvater! ihr nicht diese großen Geschenke;
Dann wird ihr Leben ein Eden, ihr Tod, wann eisgraues Alter
Den schuldlosen Nacken ihr krümmt,
Ein Schlummer der Seeligen seyn.["]
- So und dieß des Vaters prophetische Worte! -

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Ich wollte Ihnen sehr ausführlich auf ihren [sc.: Ihren] lieben Brief ant-
worten, doch diese lieben Mittheilungen haben für heut mein[e]
Zeit beengt und der Posthalter will nicht mehr nach dem Post-
schluß die Briefe annehmen also nur das wi[c]htigste und
dieß ganz kurz. /
[124R]
1. Erstlich empfangen Sie hier die oben erwähnten Nachrichten[.]
Ich hoffe daß nun alles nach Ihrem Wunsche d.h. der Sache
ganz entsprechend ist auch daß ich keine der resp. Unter[-]
zeichnerinnen mit einer Gabe vergessen habe, sollte es
je seyn so empfangen sie [sc.: Sie] drei Ex. als Überschuß zu
beliebigen und förderlichen Gebrauch, wovon Sie denn
gütigst das fehlende ersetzen können. Theilen Sie doch
Ihrer Prinzeß ein Exempl. mit, sie hat ja nun so hoch-
achtbare Vorgängerinnen.- Auch den lieben Vetter bitten
Sie doch als Fortsetzung früherer gütiger Mittheilungen in Ihrem
Ortsblatte von dem Erscheinen dieser Nachricht pp Kunde
zu geben. Gera, was ich bitte darin heraus zu heben
hat ja so förderlichen Antheil an diesem deutschen Natio-
nalwerke genommen und wird es so hoffe ich ferner.-
2. Zweitens ersuche ich Sie mir gelegentlich die geätzten
Blätter nebst Zubehör zu den Koseliedern gütigst
zurück zu senden indem jetzt der Schriftdruck derselben
beginnt und ich dieser Probeabdrücke auch hier für zu
Probedrucken bedarf.
3ens Alles was sonst Ihr lieber lieber Brief enthält
werde ich demnächstens beantworten nur bin ich jetzt
gar sehr mit der endlichen Herausgabe der Koselieder
beschäftigt die spätestens im nächsten Monat erfolgen
soll.
4ens empfa[n]gen Sie anliegend ein Paar erweiterde [sc.: erweiterte]
Baulieder, vielleicht ist eines und das ander[e] für
Ihren mir angegebenen Zweck darunter.
Empfehlen Sie mich ja hochachtungsvoll allen verehrten
Unterzeichnerin[nen] so ich mich all den lieben Ihrigen.
Ihr Vetter Fr Fröbel.