Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an den Hofprediger Ackermann in Meiningen v. 20.10.1843 (Blankenburg)


F. an den Hofprediger Ackermann in Meiningen v. 20.10.1843 (Blankenburg)
(BN 357, Bl 8, dat. Entwurf 1 Bl 4° 2 S.)

An den Herrn Hofprediger Ackermann i. Meiningen


Blankenburg b. Rudolstadt am 20 8br 43.


Hochehrwürdger Herr Doctor.
Hochgeehrtester Herr Hofprediger.

Einer meiner jungen Freunde, welcher nun hoffentl. auch Ihr ordentlicher Zuhörer ist hat mir Ihre
5 Predigten über die <Leiden und> die Verherrlichung des Herrn und des Menschenleben mit den
Worten zugesandt, daß mich dieselbe[n] wesentl. interessieren würden und derselbe hat voll-
kommen so rechtig gefühlt und mich so rechtig aufgefaßt ja erkannt daß ich mich mehrfach darüber freue u ihm <wirkl.> herzl[ichen]
Dank für seine Zusendung und Gabe zu sagen mich verpflichtet fühle. Doch was werden Sie Hochgeehrteste[r]
Herr Dr sagen, wenn ich ein Spielgenosse der Kinder ein (sogenannter)
Spielmeister wie man mich wohl nennt Ihnen zu es wagt Ihnen auszusprechen, daß er glaubt mit Ihre[n] treffl. 5
Predigten ihm zeigen, mit demselben in einem Ziele und in gleichem Bestreben wenn nur auch in
verschiedenen Gebieten u gleichen Streben zusammenzutreffen glaubt. Sie sprechen in
Ihrem Vorworte S.... aus das [sc.: daß] die Leidengeschichte Jesu nur von diesem den [sc.: dem] von Ihnen aufgestellten
<historischen> Standpunkte aus <leslich> sey; allein was werden Sie nur gar von
mir denken und vielleicht auch sagen wenn ich mir nun gar
erlaube Ihnen auszusprechen, wie wem ich,
durch mein g[an]z eigenthüml[iches] Lebensstreben u Lebensgeschick veranlaßt, von der frühesten
Zeit an, wo ich über die Leiden der eine<n> Menschen wie g[an]zer Gemeinsam<heiten>, g[an]z[er]
Geschlechter u Völker wie des Menschengeschlechtes u der Menschheit nachzu-
denken gezwungen (war - <wenn>) sich so <mir auch> von dieser (frühesten) Zeit (meines streng erwägenden Denkens)
an (sich) in mir die Überzeugung gebildet bewährt hat, daß die
Leiden aller (soll ich aber
<doch> eine Beschränkung mach[en], welche sich aber am Ende wieder läßt,) daß die

Leiden nicht nur aller ernstl. nach dem Bessern besonders in u für großen Kreise u
Gemeinsamkeiten Strebenden immer nur von den [sc.: dem] weltgeschichtl. Standpunkt <her[kommende]>
Lösung bek<ommen> ich habe dieß <mögl.> bey fast allen mir bekanntgewordenen Strebenden
Menschen versucht u bey keinen hat dieses Prinzip auch den kleinsten
Knoten in der Lebensgeschichte dieser <Männer / Menschen> ungelöst gelassen
nicht nur nicht ungelößt gelassen /
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sondern mir sogar die feste Überzeugung gegeben, daß sich die Leiden aller Menschen
nur von diesem weltgeschichtlichen Standpunkt aus gründl und genügend befriedigend d. i den Frieden gebend u bringend zum Frieden führend nur - lösen lassen. Seit den fast 40
Jahren seit <[we]lchen> ich zum praktischen Erzieher gerufen wurde und darin mein Beruf
u Bestimmung fande und noch finde war es in steigender Klarheit nach Weg Mittel u Zweck
u <Bestärktheit / Bestimmtheit> mir Geschäft die Erziehung des Menschen u den Menschen früh für die
Einsicht in jene große Leb u wichtige Lebenswahr-
heit dahin und zwar dad[urc]h zu erziehen daß ich ihm erstl. die nothwendige Gesetzmäßigkeit
der Entwickelungen in jedem Einzeln[en] sey es im Gebiet der Wissenschaft Sprache oder
Math: der Kunst Ton- oder Zeichen<kunst / -lust>u des praktischen Leben[s] anschaulich zu machen [suchte]
dann daß ich ihm wieder in all diesen wieder das allgemein Gleichgesetzige, daß in der Nothwendigkeit
der Entwicklung bedingte die Einheit zu finden u zu schauen machte suchte. Doch die Einsicht blieb zum Theil nur Einsicht konnte
sich mit in dem Kampfe in [we]lchem sie zugleich mit ihr <Commun> tratt [sc.: trat] nicht immer erhalten, indem
sie nun nicht genug Zeit genug mehr hatte sich im Leben u dh Leben zu besthätigen zu befestigen und
so blieb sie für das Leben ohne Frucht, was ich, bey dem Ziele u dem Hoffen was ich
klar vor Augen im Geiste hatte, was bestimmt gestaltet genug in vor meinen Geiste lag, nur
mit dem tiefsten Schmerz bemerkte u so, da dieß, was ich als wesentl. Ziel u Zweck
des Erziehens der Erziehung des Einzelnen wie des Ganzen vor Augen hatte, nicht erreicht wurde, ich
selbst das Erzieher Streben u Bestreben im eigentl. tiefsten Sinn (d. i. die <positive>
u wandellose Richtung des Menschen zum wahren Guten u so zum Ziele ächten Friedens wahre[r] <Freude> hin nicht nur des Einzelnen sondern des Ganzen) für
verloren hielt, da mußte, sollte das Ziel wirklich erreicht werden ein anderer
mehr praktischer Weg und u solche Weise ergriffen werden, es mußte der Mensch nicht zuerst in
seiner Wissens u Erkenn[t]niß Einsichtsseite sondern in der des Lebens, des Thun des
Ausführens selbst von seite seiner [sc.: seines] Schaffens, erfaßt werden, er mußte für u so besonders in der Zeit erfaßt werden wo
der Mensch nur für Leben, Thun, Ausführung, Staffen [sc.: Schaffen] nicht nur ganz Sinn, sondern auch dazu alle
die dazu gehörige Zeit noch übrig hat, er mußte in der Zeit erfaßt werden ehe noch zufälliges
willkürl. ungeordnetes u ungesetziges zerstückeltes, ja zerrissenes Leben Thun u Ausführung das Gemüth die
Seele, das Herz, Kopf u Geist [erfassten] [Text bricht ab]