Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Robert Kohl in Keilhau v. 6.2.1844 (Blankenburg)


F. an Robert Kohl in Keilhau v. 6.2.1844 (Blankenburg)
(FMMO, Brieforiginal 1 B 4° 3 S., ed. Kohl 1932, 6-8)

         Blankenburg am 6en Februar 1844.·.

    Lieber Herr Kohl.

Je mehr ich Ihre gestrigen, obgleich ländlich, städtisch und persönlich unbenamten Mit-
theilungen in mir überdenke um so, wirklich hochwichtiger erscheinen mir dieselben
und ich bitte nur daß [sc.: das] sich zeigende Verhältniß, den kaum noch erscheinenden Keimpunkt
recht sorgsam [zu] bewahren, damit wir uns wegen des Erfolges später, welcher er auch
immer seyn möge, keine Vorwürfe zu machen haben. Ich gestehe Ihnen aufrichtig
ich wage kaum Ihnen von meiner Seite noch etwas mehr als das schon Gesagte noch
auszusprechen, indem nach meiner im Leben viel wiedergekehrter Erfahrung der Mensch
so sonderbar ist, daß wie man ihm zur Ausführung einer allgemein gültigen Sache die
Hand ernstlich bietet, er augenblicklich solche fahren läßt, weil er fürchtet es könne da-
durch etwas geschehen wobei er zu kurz käme. Der Mensch ist jetzt, höchstmerkwürdig
so eifersüchtig auf seine Selbstbestimmung auf sein sich-selbst-Bestimmen, daß
er gleich fürchtet er würde zu seinem Nachtheile von etwas Anderem, Zweiten und
Fremden bestimmt. Ja von einem Allgemeineren von einer höheren und höchsten Welt-
führung müssen wir uns am Ende alle bestimmen lassen und wer dieß nicht mit
Freyheit und Selbstwahl thut läuft Gefahr gegen sich selbst zu handeln. Seit Jahr[-]
hunderten sprach aber diese allgemeine Weltforderung nicht klarer als jetzt, und
merkwürdiger Weise: wieder seit Jahrhundert[en] verwechselt man sie nie mehr als jetzt
nimmt sie als persönlich auf, und stellt sie als solche an die Seite. Dieß ist ganz nament-
lich auch mit der Idee der Kindergärten und deren Ausführung der Fall. Diese Idee und
deren Ausführung ist nun so absolut und unerläßlich nothwendig in der MenschheitsEnt-
wickelung und namentlich jetzt in der Entwickelung der deutschen Menschheit gegrün-
det, wie in unsern geographischen und astronomischen Verhältnissen, daß wir in wenig[en]
Monaten die Frühlings Forderungen sich werden allgemein aussprechen sehen.
In der Entwickelung der Natur und deren Pflege gehen wir sinnig den Vorzeichen
nach, allein in der Entwickelung der Menschheit in der Pflege der Kindheit wie
unserer eigenen Kinder wagen wir es nicht.
Man fürchte sich vor dem Neuen, gut ich will nichts dagegen haben, nicht dagegen
unnütz ins Feld ziehen, weil ich es gar nicht nöthig habe, im Gegentheil kommt mir
jenes Festhalten am Alten, wenn es nur gründlich durchdacht ist, d.h. geläutert
am Denken, geklärt an der Erfahrung gar sehr zu statten; ist es denn etwas
Neues was ich will?- ?- Was ich will, ist so alt als Menschen auf der Erde /
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wandeln und Gott hat es schon mit den ersten Menschen im Paradiese getrieben und von dort habe ich es mit gelernt;
jede einfache Mutter, jeder natürlich verständige
Vater treibt es theilweise oft freilich in Minima gestückelt rc. mit seinen Kindern
ich selbst beachte dieses Leben nun schon fast zwey sogenannte Menschenalter und
lerne davon, was ist denn nun das Neue das ich gebe und fordere? - Das ist das
Neue, daß ich dieß vereinzelte und zerstückelte oft mißverkannte Rechte, Gute
und Wahre als einen großen innigen und einigen Lebensorganismus und darum
jedes Einzelne nach Zeit, Ort und Grad an seiner richtigen Stelle in seiner rechten
Anwendung erkannt habe, daß mir hiervon auf eine scheinbar unbegreifliche -
allein durch ganz bestimmte und nachweisliche Umstände und Verhältnisse herbei ge-
führte - Weise so früh in meinem Leben die dunkle Ahnung davon gekommen ist
daß meine mir bewußten ersten Denkspuren mit jener Ahnung fast zusammen
fallen und seit jener Zeit habe ich jene Ahnung an allen Erscheinungen des eigenen
und des Fremdlebens geprüft, bis in mein 23[stes] Jahr nicht etwa um Fremderzieher
oder Erzieher vom Beruf, zu werden, sondern blos und einzig um selbstthätig Selbst[-]
erzieher zu seyn, (:die ersten Gedanken deren ich mir bewußt bin sind (:durch eige-
ne Umstände herbei geführt:) Selbsterziehungsgedanken:)[.] In meinem 23[sten] Jahre
kam mir zwar auf sehr eigenthümliche, doch selbst im Innersten nachweisliche Weise
der 3 fache Ruf zur Fremderziehung, welchem ich dann auch, als wenn sichs von selbst
so verstände und als wenn ich selbst gar nie etwas anderes gewollt hätte, da so
freudig als willig folgte.- Nun mußte natürlich die strengste Prüfung meiner
Erziehungsüberzeugungen eintreten, die Prüfung nach Ursach[e] und Quelle[.]
Was erkannte ich denn nun Span-Nagel-Neues (:so sagen die Thüringer:) als
Grund und Quelle des Ganzen?- ?- das Uralte: "Ein Gott und ein Geist ist's der
da wirket Alles in Allem!" - diese Überzeugungs Wahrheit geht nun durch das
kleinste meiner Spielchen, wie durch das kleinste meiner Liedchen hindurch, das
Unbedeutendste was zur Kinderpflege u Beschäftigung geschiehet ruhet darinnen wie
die Knospe am Zweige - der Zweig am Aste - der Ast am Stamm - der Baum in der Erde
die Erde in der Erdsonne - die Erd[-] u Planetensonne in der ? Sonne u.s.w.- Diese
Überzeugung gab aber von jeher dem, der sie fest hielt Friede, Freude u Freyheit
und wird sie in alle Ewigkeit geben; diesem Frieden, dieser Freuden, dieser
Fr[e]yheit will ich nun meine Kindlein frühe in den Kindergärten durch ächte
Selbstthätigkeit und Selbsterziehung rc rc. entgegen erziehen wie es Gott auf /
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gleiche Weise mit dem ersten Menschen im Paradiesgarten wollte.-
Sehen Sie hier lieber Kohl, das Alt-Neue u Neu-Alte meiner Kinderführungs[-,]
meiner Kindheitpflege- und Bethätigungsweise; sehen Sie hier Lessings Erziehung
des Menschengeschlechtes.- Denn in die klaren Sterne welche in heiterer stiller
Mitternacht von Außen herein in mein friedliches, freundliches Zimmer funkeln
will ich es schreiben: Wohl dem Lande dem zuerst ein Kindergarten frei und
selbstthtätig erblühet; Heil und Seegen der Stadt welche ihn zuerst pflegt, und
Friede und Freude den Familien, den Eltern, den Männern welche mit Muth und
Ausdauer ihn zuerst gründen und Friede, d.i. ächte Freiheit den Kindern und ihren
Kindeskindern welche zuerst in einem frei erwachsenen Kindergarten sinnig gepflegt
werden. Ich schweige von dem was mein Gemüth noch ahnet, mein Geist erschaut
denn die lieblichste Forderung Jesu wird allgemeine Lebens-Wahrheit; Lebens-
Thatsache.
Warum ich eigentlich Ihnen lieber Kohl dieß schreibe, weiß ich wirklich nicht:
es floß mir in die Feder und da mußte ich denn so lang schreiben bis es auf
dem Papiere stand; denn eigentlich wollte ich Ihnen gar nichts sagen, als daß
ich Ihnen beigeschlossen die von mir gewünschten Mittheilungen über den hiesigen
Kindergarten überschicke. Ich hätte die Menge leicht verdoppeln können;
doch glaubte ich es sey vielleicht schon dieß zu viel.
Die Aufschrift auf jedes Faszikel sagt das Weitere; bestimmen Sie nun
weiter darüber nach Gefallen.- Gute Nacht!
I.Fr.Fr. /
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