Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Kammersänger v. <nach 17.3.> 1844 (Blankenburg)


F. an Kammersänger v. <nach 17.3.> 1844 (Blankenburg)
(BN 707a,35R+34 1 Bl 4° 2 S. Briefentwurf auf anderem datierten Eingangsbrief (1 B 4°, Text S. 1).Fröbel schreibt Entwurf auf S.4 u 1 Rand, vakante Seiten 2 u 3 nicht beschrieben)

[35R]
Wohlgeborner Herr!
Hochgeehrtester HErr Kammersänger

Da es mir nicht mögl wurde zugleich mit HErrn Kohl Ihnen meinen
achtungsvollen Besuch zu machen so muß ich schon bitten mir gütigst
zu erlauben schriftl zu Ihnen kommen zu dürfen.
Sie haben HErrn Kohls einfache musik[a]l[ische] Darstellung zu meinen sog. Koseliedchen
haben sich Ihren wie ich höre Ihre [sc.: Ihr] kunstrichterliches Urtheil zu gewinnen
gehofft [sc.: verstanden] u Sie wollen von den melodischen Tönen bewogen die Liedchen Kohls Compos[ition] in ein größeres Publikum einführen wofür ich
nur sehr dankbar seyn kann; doch da Ihre Sie in der Erziehung in ihrem Wesen u Forderung nicht minder frucht[end] sind als in der Musik so möchte
ich wohl bitten Ihr gütig einführendes Begleitwort über das G[an]ze zu verbreiten u somit die Liedchen mit den Randzeichnungen u
Erklärungen mit daran anzuschließen. HErr Deßhalb erlaube ich mir Ihnen hier die Mutter[-] u Koselieder - das Familienbuch selbst
zu Ihrer Kritik bei zu legen; und vielleicht kann Ihr liebes Kunstwerk selbst in Anwendung auf sie eine Prüfung der Sache abgeben, deßhalb bitte ich das
Buch für dieselbe als Bilderbuch gütigst anzunehmen.
HErr Kohl wird Ihnen gewiß den leitenden g[an]z einfachen Gedanken in das des Ganzen mitgetheilt haben.
Leben – Lebensäußerung u somit Lebenspflege im umfassendsten Sinn des Wortes u geistige u Leibl Pflege als unzertrennl[iche]
Zwillingsschwestern betrachtend – ist mir der Mittelp[un]kt, ja wie das Wesen, so der eigentl Gegenst[an]d der Erziehung -
Da aber diese Pflege mit der Erscheinung des Kindes auf Erden beginnt so beginnt damit auch <sogl> die Erziehung des Kindes[.]
{Zweckmäßige/entsprechende} Erziehung ist mir also mit entsprechender Bethätigung später Beschäftigung in eins zusammen fallen [lassen], und diese
Erziehung suche ich eben d[urc]h ein[e] zweckmäßige Spielen mögl. innigste Übereinstimmung mit dem Wesen wie den Entwicklungsg[esetzen] u Entwicklungsforderungen
der Kindes Sache zu erreichen
doch um sich selbst blos spielend zu beschäftigen zu können so erfordert dieß Körper- Glieder- Sinn[es]entwickelung
Doch eben d[urc]h Spiele welche das Kind gleich in die Mitte des Gesammtlebens versetzen[.] Wie denn nach dem
tägl. Augenschein jedes Ding in der Natur sich allseitig gesammt entfaltet wenn es in allseitig[em] Lebensver[-]
kehr steht, so muß also auch der Mensch als Kind gleich in dem Mittelpunkt des gesammten Lebens versetzt werden
damit dasselbe in seiner Allseitigkeit für allseitige Entwickelung auf das Kind einwirke.
Also wie die Form so die Farbe, wie das Wort so der Ton, u wie die Gestalt so der Stoff, so führen denn
auch die Koselieder das Kind gleich in die Gesammtheit des Lebens ein welche zu Gliedern [sc.: gliedern] u zu theilen dem
früh denkend sich entfalt[enden] Geiste überlassen bleibt. Ist so das Kind für allseitige Mht [sc.: Menschheit] entwickelt
so fordert es für seine Thätigkeit ein[en] entsprech[enden] Ggnstd [sc.: Gegenstand] u dieß kann nur der Ball das erste [Spielzeug] seyn. Mit Erh[ebun]g
der Kraft des Glieder[-] u Sinngebrauch[s] wächst auch der Spielgegenst[an]d wie an Größe u Schwer[e] so an <Umgestaltung>
deßhalb ist das 2e Spiel die Kugel die Walze der Würfel, dann in Hinsicht auf <?> der Würfel
in seinen verschieden[en] Teilungsverhältnissen als 3 4e u 5, 6 Gabe rc. <Ihr Geben> wie er das Kind al[l]seitig
wie körperl so geistig wie sittig so sinnig u.s.w. bethätigt so führt er dasselbe auch in Schule
Natur Leben u Schule also wie ins Thun so in Denken Fühlen Empfinden ein. In all diesem
u der sinnigen Erfassung von all diesem suchen aber die Koselieder u die sich daran anknüpfenden Spielchen für das Kind wie für die Mutter den
Mittelpunkt zu bilden, was Ihnen leicht entgegentreten wird, so bilden [sc.: wie] doch die Koselieder
ein bestimmtes G[an]zes für sich wie für die Grundlegung und den Ausgangspunkt eines größern des eigentl Erziehungs[-] d.i. Kinderbeschäftigungsg[an]zen bilden /
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Diese Andeutungen glaubte ich Ihnen Schuldig zu seyn wenn ich von Ihnen gütige Erfüllung der HErrn Kohl gemachten Hoffnung erwarten
darf[.] Möchten es Ihre Geschäfte nur bald erlauben dem [sc: den] scheuen Kindern den kleinen Liedchen die Pforte zum Eintritt in
die Lebens[-] wie in die Fremden[-] u Kinderkreise zu öffnen. Zeigt sich Ihnen dann ferner (woran ich nicht zweifle) Gegenht [sc.: Gelegenheit] den fürstl
Frauen besonders den Durchl zu förderl Theilnahme u besonders Verbreitung in ihren fürstl Kreisen, das Wollen der Liedchen
zu deuten so würden Sie mich dad[urc]h nicht minder wie d[urc]h das erste zu großem Dank verstehen.