Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Bernhard II. Erich Freund Herzog von Sachsen-Meiningen in Meiningen v. <Anfang>3.1844 (Blankenburg)


F. an Bernhard II. Erich Freund Herzog von Sachsen-Meiningen in Meiningen v. <Anfang>3.1844 (Blankenburg)
(BN 707a, Bl 27-28, hier: 27VR, undatierter Entwurf 1 B 8° 1 ½ S. ohne genauere Adressatangabe. Adressat ergibt sich aus dem Briefinhalt. - Der Bogen [ursprünglich ein an F. gerichteter Briefumschlag] enthält außerdem Entwürfe an einen jungen Fürsten [27R] und an eine "Exzellenz" [28VR]. Alle drei Briefe wohl vom selben Tag und als Begleitschreiben zur Übersendung der „Mutter- und Koselieder“ [erschienen Ende Februar 1844, bereits im März rezensiert]. Im Entwurf an eine „Exzellenz“ schreibt F. auf 28R, daß er das Buch "in diesem Augenblick dem deutschen Publikum ... übergebe". Es ist also soeben erschienen.)

Herzogl. Durchl.

Ew. Herzogl. Durchl. schenkten vor nun mehr als 16-17 Jahren meinem Erziehenden Wirken Höchst Ihre
gnädige Aufmerksamkeit. Seit jener Zeit wurde mir auf selten günstige Weise mögl.
die Erziehungs Gr[un]dsätze welche ich mir dortmal[s] Ew. Herzogl. Durchl. vorzulegen vergönnt war vielfach
zu prüfen, sie bewährten sich nicht nur bis in die Jahre der frühesten Kindheit herab; ja
machten es sogar zur Pflicht sollten sie sich in Ihrer [sc.: ihrer] vollen reinen segensreichen Wirkung
zeigen daß sie schon auf der Säuglings Stufe des Kindes auf die seiner EntwicklungsStufe
angemessenen Weise in Anwendung kommen müssen. Die erste Forderung war nun den
Versuch zu machen dieß zu zeigen - und so entstand unmittelbar aus dem Leben mit den
Kinder[n] u in steter Beachtung ihrer Entwickelungsweise u getreu des mahnenden Zurufs
"Kommt laßt uns unsern Kindern leben!"

Mutter-, Kose[-] und Spiellieder
Da aber das reiche wie sinnige Mutter Leben nichts trennt - Wort Sache Bild u Ton
ihr immer ein Ganzes ist, so gestaltete sich jene Hand u Hand mit den Ton u Zeichnenden Kinde als

          als Dichtung u Leben
zur Edlen Pflege des Kindheitlebens
doch das Kindheitleben kann nur gedeihen wo das Familienleben ein Ganzes ist, ein
G[an]zes mit Menschen[-] u Naturleben, mit innern <ruhigen> u äußerlich thätigen u so ge [sc.: ge]
stalten sich <werden> die Lieder zu was sie wünschten

       "ein Familienbuch"
Allein die Familie ist der ächte Kinder[-] ist der wahre
Gottes Garten auf Erde[n] und so wurde das Buch zugl[eich] die
Gr[un]dl[a]ge der von mir für gewiß zum tief gegründeten Heil für Familie u Volk
erstrebten Familien[-] u Ortskindergärten, wie der im [sc.: in]
Ausübung dargelegten Grundsatze[s] des von mir für mein geliebtes
Vaterland ersehnte[n] u z im Guttenbergsfeste im höchsten Gottver[trauen]
wie im Vertrauen zu[m] deutschen Menschheitsgeiste gestifteten

deutschen Kindergarten[s] -
Seit mehr als 17 Jahren schulde ich nun Ew. Herzogl. Durchl.
mein[en] Dank für das mir dortmals geschenkte Ver Zutrauen u noch nie wollte sich
mir eine Gelegenheit zeigen diese bethätigen zu können[.]
Erlauben mir deßhalb Ew. He. Herzog in hoher Ehrerbietung das gedachte
Buch, als wie ich hoffe reife Frucht meines Lebens u darum als eine Ew. Herzogl.
Durch[l.] würdige Gabe darreichen zu dürfen und als[.] Nicht versteckte eigennützige Absichten sind die
Triebfedern meines Handeln[s]; doch um aufrichtig zu seyn nicht allein der kleine Dank des
Buches ist es der mich treibt sondern ich möchte daß Ew. Herzogl. Durchl. die Idee der Kinder[-]
gärten in Beziehung auf das durch Ew. Hrz. Durchl. seegensreiche Regierung schon so beglückte
Land prüfen möchte. Erlauben Ew. Hrzl. Durchl. mir unumwunden auszusprechen daß ich nicht blos
die tiefste Überzeugung in [mir] trage sondern daß ich glaube es verstehen
klar nachweisen zu können: der sicherste Grund den man zum Wohle eines Landes
legen kann ist die Ausführung von Kindergär[t]en - Familien[-] Kind wie Ortskindergärten -
wie vor allem die Ausführung eines Musterkindergartens in <jedem> Lande
denn das Wesen eines Kindergartens ist, daß die Kinder darin treu den von Gott /
[27R]
in den Menschen gelegten Gesetzen wie in großem Zusammenhang mit Natur u Welt u Menschen
und so mit der religiösen Weltentwicklung gepflegt werde[n] wie der einfachste Gärtner
u Landm[ann] sein Gewächs sey[nen] Baum oder Kraut dessen Natur getreu in großem
Zusammenh[ang] mit der Natur mit dem Menschen u im tiefsten Gottvertrauen pflegt ist
aber der Mensch schlechter als das geringste Pflänzchen des Gärtners daß er in gerin[gerem]
Lebenseinklange <gepflegt> werde?- Und sollte eine solche Lebenspflege nicht wie sie <getreu>
<der natur Gewächse> in seiner Art wohlthätig ist, so Heil u Segen jedem Einzelnen in jedem Verhältnisse - Heil u Segen jeder Familie
In tiefster Ehrerbietung
Heil u Segen jedem Lande u Volke u so zuletzt Heil der ganzen Menschheit bringen
der Einheit der verschiedenst begabten so verschiedenst berufen[en] Menschen bringen?
Ew. Herzogl. Durchl.
ehrerbietigster.
[keine Unterschrift]