Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Xaver Schnyder v. Wartensee in Frankfurt/M. v. 23.3.1844 (Blankenburg)


F. an Xaver Schnyder v. Wartensee in Frankfurt/M. v. 23.3.1844 (Blankenburg)
(Autograph nicht überliefert, ed. Widmann 1869, 188-192, Datierung im Kommentar Widmanns. Briefschluß fehlt, Seitenangaben nach Widmann)

[23.3.1844]

Lieber Schnyder!
Gütiger Freund!

Wie ist der sich so frei dünkende Mensch doch in der
Erfüllung selbst seiner liebsten Wünsche so abhängig von äuße-
ren Umständen! Seit länger als einem Monat ersehne ich
recht herzlich Ihnen zu den so gütig freundlich aufgenommenen
Compositionen des Herrn Kohl auch das einfache Wort mit
seinen Randzeichnungen, genug das Familienbuch selbst, welches /
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jene Compositionen so anziehend verklären, zu überschicken; allein
da drängte sich ein Hemmniß nach dem andern und oft so un-
erwartet in den Weg, daß ich ganz dadurch niedergedrückt wurde;
zuletzt wollte mir auch der Buchbinder nicht ein Exemplar ab-
liefern, bis das ganze Chor eingekleidet sei.
Ich mußte mir nun schon diese lange Darlegung erlauben,
denn sonst mußte ich Ihnen ganz unbegreiflich erscheinen, wie
es mich nicht vor Allem gedrängt hätte, Ihnen, dem lieben,
wirklich theuern Freunde, die erste Frucht, welche ich als die
wirklich gereifte meines Strebens erkenne, freudig in die treue
Hand und an das theilnehmende Herz zu legen. - Nehmen Sie
dieselbe nun gütig auf und nachsichtig hin. Verweilen Sie nicht
zu kritisch auf der Form, ich weiß es, dann bin ich verloren;
lassen Sie sich bei der Prüfung von dem Zweck erwärmen,
welchen ich im Herzen trage, von dem Ziele erheben, dem ich
entgegenstrebe. Ich bin nicht Künstler, ich bin nicht Dichter,
kann es nicht sein und will nicht als solcher genommen werden.
Ich bin Erzieher, muß es meiner Natur nach sein, und kann
mich jetzt noch nicht von meinem abstrakten und zugleich auch
praktischen Denken losreißen. Ich weiß wohl, daß der Erzieher,
der ächte, praktische, zugleich Dichter und vor allem Künstler
sein soll; ich läugne nicht, daß ich es auch erstreben möchte;
allein es ist und bleibt die schwierigste aller Künste, wie die, für
die Menschheit, für den höchst- wie den niedrigst Gebornen,
wichtigste; doch sie erringt ihren Zweck, erreicht ihr Ziel blos,
wenn sie mit Dichtkunst, Musik und zeichnender Kunst Hand in
Hand geht; allem liegt aber Ein Gesetz zum Grunde, welches
wir theilweise als mathematisches erkennen, vor welchem wir uns
als dem göttlichen, dem Gesetz des Logos, im höchsten Sinne
des logischen beugen. Dieses Gesetz zu durchdringen, hält mein
Schicksal mich mit diamantenen, mit ehernen Banden fest;
darum hat alles, was von mir jetzt noch äußerlich erscheint, etwas
Steinernes, Eisernes. Ich muß mich deshalb den äußerlichen
und einseitigen Urtheilen über mich fügen. Allein ich weiß auch,
daß ein verborgener innerer Zug mich zum Rechten, zum Er-
streben des Rechten treibt. /
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Mir, Sie und ich, theurer, lieber Schnyder, haben den Be-
weis dafür in Händen; war es nicht ein unerklärlicher Zug,
welcher mich zu Ihnen führte? - war es nicht ein natürliches
unwillkürliches Etwas, was Sie für mich mit Vertrauen er-
füllte? - Hatte unser ganzes Sich-finden und Zusammenstehen
nicht etwas Räthselhaftes, Wunderbares? - Ich glaube an des
Lebens Räthsel, an des Lebens Wunder, mit einem Worte: an
des Lebens wie innigen, so ewigen Zusammenhang; welche
Räthsel zu lösen, welche Wunder zu erkennen und welchen Zu-
sammenhang zu zeigen, eben des Gemüthes und des Geistes,
des Lebens Aufgabe ist. Sehen Sie, lieber Schnyder! jetzt,
dünkt es mich, liegt die Lösung unseres Lebens Räthsel vor
uns: - die praktische Erziehung sollte sich zunächst innigst mit
der himmlischen, mit der Tonkunst und hier wieder zunächst mit
dem Gesang einen, um früh den Menschen als Kind in der Fa-
milie und vaterländischer Gemeinsamkeit, nicht erst für einen
einstigen Himmel zu entwickeln, zu bilden, sondern schon auf
Erden durch ihn mindestens einen Vorhof des Himmels darzu-
stellen, das ist - Einklang in sich zu finden und um sich zu
schaffen. Sehen Sie, lieber Schnyder! der Mensch bleibt nach
gewissen Seiten hin, noch in die hohen männlichen Lebens-
jahre hinauf, Kind; vor allem soll es der Erzieher bleiben: ein-
mal, daß er das Kind durch und durch erkenne, dann, daß er
sich nicht zu weit von der Kindesnatur entferne; nach solchen
Seiten hin handelt der Mensch dann, wie das Kind, sinnbildlich
und spricht prophetisch. In dieser Beziehung ist mir zwischen
uns merkwürdig, daß ich, als wir unsern Verband an äußeres
festes Wort geknüpft hatten, - zu Ihnen sagte: "Lassen Sie
uns nun, durch Herausgabe von etwas Gemeinsamen, für das
Bestehen unserer Anstalt wirken." Dies waren, wie Sie sich
vielleicht noch erinnern die Worte; allein es lag darin ein all-
gemeiner höherer Sinn. Es handelte sich nicht um das dortma-
lige, schon Herausgeben von irgend Etwas, es handelte sich auch
nicht darum, dadurch dort schon das äußere Bestehen unserer An-
stalt zu sichern; dies war gleichsam nur das Knochengerüste zu der
lebensvollen Gestalt, welche wir schaffen sollten, es waren gleich- /
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sam nur die Hülfslinien zu dem Schöngebilde, welches wir ge-
meinsam durch entsprechende Lebenspflege und harmonische Ent-
wickelung des Menschen darstellen sollten. Die Wahrheit des
hier Angedeuteten läßt sich noch weiter verfolgen. Sie theurer,
lieber Schnyder gaben, und mußten der Natur der Sache nach,
hierzu selbst den ersten Anstoß geben: - Sie waren es ja, welcher
mir so himmlisch erklärt "Emiliens Wiegenlied" wieder gab,
und dadurch eigentlich sinnbildlich, durch Thatsache zuerst den
Charakter ausprägte, welchen unser Lebensverband haben sollte.
Jetzt nach mehr als einem Dutzend dazwischen liegenden,
für uns Beide reichen Lebensjahren, wo wir beide, Sie und ich,
ganz anders stehen: Sie stehen in einem festen, großartig schaf-
fenden Wirken, auch ich habe mir nach einer andern Seite hin
Selbständigkeit errungen, welche Sie schon so früh besaßen;
jetzt führt uns ein höheres Geschick, und wieder durch die Musik,
durch den Gesang zusammen. Lassen Sie uns nun, lieber
Freund! dies nicht als eine zufällig vorübergehende Erscheinung,
lassen Sie es uns als das, was es ist - als das Walten
der Vorsehung zum Wohle der Kinder, der Familien und des
Volkes erkennen und beachten. Wie gesagt, wir stehen jetzt
beide frei in selbständigem Wirken einander gegenüber; aber
nicht nur nicht minder, sondern gewiß noch inniger geeint zum
Heile der, in der Kindheit neu aufblühenden Menschheit, zum
Segen der Kinder in den Familien und im Volke. Natürlich
wird nun unser Wirken in seiner Form und Gestalt ein ganz
anderes sein als früher, aber darum nicht minder wohlthätig
wirkend, nein! zuletzt viel großartiger zunächst, ich sage zunächst
die Stämme und Völker aller deutschen Zungen umfassend. - /
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Erwecken Sie die Menschen, wo und wie Sie nur durch Ihr
musikalisches Wirken können, für entsprechende, wahrhaft allseitig
entwickelnde Kinderpflege; machen Sie durch Ihr Wort der Sache eine
Bahn, es ist dies ja der so schöne Beruf des ächten Schweizers;
für manches kennen Sie die Thatsachen, was zu leisten mir ver-
gönnt, und gern lege ich Ihnen mehr zur Prüfung vor; und,
was Sie so von einer wahrhaft entwickelnden Kinderpflege ver-
sprechen, das will ich treulich zeigen und erfüllen. Vor Allem
erfassen Sie die Idee der Kindergärten, den Gedanken des deut-
schen Kindergartens, ihn tief erwägend und streng prüfend, auf.
Ach ein Garten ist schön, so schön mit den frischen und kräfti-
gen Gewächsen, den lieblich duftenden Blumen, wo sich jede,
wie sie soll, ihrer Natur, dem in ihr still waltenden höheren
Lebensgesetz getreu, im Schatten birgt, oder zur Sonne sich
wendet, gerad aufsteigt oder um den stützenden Halt sich windet;
wie viel mehr aber noch ist ein Kindergarten schön, wo Kinder
mit Lilien und Rosen im Gesicht, mit schaukelnden und wallen-
den Locken um den Kopf, in hundert verschiedenen Thätigkeiten
und Beschäftigungen die Lebenskräfte regen. -
Ja Schnyder, dafür müssen Sie mitwirken, dafür minde-
stens einmal ein Concert geben, sei es, wenn es sei; dafür
müssen Sie Ihren herrlichen Cäcilienverein begeistern. Und
was ist Ihnen da nicht möglich, ist nicht dem Künstler, dem
Virtuosen möglich?! -
Doch nun zu meinen kleinen Koseliedern zurück, welche fast
mit mir bös sind, daß ich sie über Garten voll Blumen und
spielender Kinder und Concerten voll Harmonien, zu deren
Pflege, ganz vergessen habe.
Ja für diese kleinen Lieblinge, lieber, gütiger Schnyder,
komme ich besonders mit einem bittenden Worte zu Ihnen;
führen Sie diese blöden Kinder vom Lande, wenn Sie sich an-
ders ihrer nicht, ihrer gar zu einfachen Bildung halber schämen
müssen - führen Sie dieselben in die Ihnen vielfach so nahe
stehenden Kreise edler Frauen und sinniger Mütter ein, und
sehen Sie, ob es Ihnen darin nicht gelingt, denselben Freun-
dinnen zu gewinnen. Ihren freundlichen, lieben Worten, dünkt
mich, muß es gelingen. - - - -