Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 25.6.1844 (Frankfurt/M.)


F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 25.6.1844 (Frankfurt/M.)
(KN 56,23, Brieforiginal 2 B 8° gr 7 S.)

Frankfurt a/m. im Koselschen Erziehungshause. Dienstags am 25. Juni 44

    Lieber Barop.

Da nach den vorliegenden Umständen Middendorff ohne Zweifel späte-
stens in der Mitte der nächsten Woche zu Euch zurück kehren wird,
wo ihr dann alles ausführlich von ihm hören werdet, so will ich mich
da die Zeit von allen Seiten drängt nur darauf beschränken Dir und
Euch die Hauptpunkte hervor zu heben.
Wie Euch Middendorff geschrieben haben haben wird traf ich zu meiner gro-
ßen Freude den Schnyder von Wartensee noch hier. Es war nur noch
so viel Zeit um mich wieder in dem Speyerschen Hause und bei dem
Redakteur der Didaskalia Wilhelm Wagner einzuführen ganz besonders
aber mich mit einem jungen hiesigen Literaten Dr Hartenfels bekannt
zu machen, dieser ein junger warmherziger und klargeistiger wie
thatkräftiger Mann faßte gleich nach meiner ersten Zusammenkunft mit
ihm die Sache aus dem höchsten d.h. allgemeinsten Gesichtspunkt, so daß
er alsbald die Überzeugung aussprach es müsse nothwendig am Main
oder Rhein ein umfassende Musteranstalt für diesen Zweck errichtet
werden. Diesen Gedanken verfolgt er auch noch bis jetzt, hat in dieser
Beziehung mehreren meiner Mittheilungen hier beigewohnt; auch über meine
Wirksamkeit hier und da sie sich besonders nach Hessen zu wenden schien,
in einem Darmstädter Lokalblatte etwas einrücken lassen, was, wie
es scheint nicht ohne Folge gewesen ist. Ob nun gleich über die äußere
Ausführung des obigen Gedankens - welcher sich jedoch von verschiede-
nen Seiten und in verschiedenen Formen ausgesprochen hat - noch
gar nichts zu sagen ist, so hält er doch die Pflege des Gedankens so
wie die Verallgemeinerung der Idee entwickelnder Kinderpflege
durch die ihm zunächst zu Gebote stehenden literarischen Mittel und
Wege ganz fest und so viel ist ganz gewiß, daß die Sache in ihm
einen eingehenden, prüfenden, klaren, festen, ausdauernden Pfleger
im Bereich seiner Mittel gefunden hat, so z.B. will er in einer, wie
er sich darüber ausspricht, romantischen Beschreibung Frankfurts und
bei Gelegenheit der hiesigen Kinderpflegeanstalten, sich über die von
mir auszuführende Idee angemessen ergehen. Dieß das Eine; ich
wünschte gar sehr daß, Du lieber Barop, diesen achtbaren treusinnigen
Mann kenntest, Ihr würdet Euch sogleich verstehen in seiner Besonnen-
heit und doch Regsamkeit, wie in der Umsicht seines Handelns.- /
[1R]
(Bei dieser Gelegenheit will ich doch auch gleich aussprechen, daß ich eine
Reise von Dir nach Frankfurt für das Ganze auch für recht Wesentlich
halte, denn die Kindergärten - um in meiner Sprache kurz zu reden
scheinen doch einmal der Mittelpunkt der neuen Menschenerziehung
zu werden, und es ist gut wenn dieser Gedanke, die Ausführung dieser
Idee von Menschen der verschiedensten Charaktere und Handlungswei-
sen vertreten wird.- Wie Du bald sehen wirst hält mich die Ausführung
des Gedankens vielleicht länger hier, dann wäre es gewiß wesentlich
wenn wir uns auf Deiner Herbstreise hier am Rhein oder Main träfen. Doch zum Zweiten.-
Du wirst Dich aus meinen früheren Mittheilungen in Keilhau einer ge-
wissen Frl. Kirchner erinnern einer Freundin der Frau Jäger. Auch
hat Dir Middendorff gewiß von ihr geschrieben. Durch diese nun
wurde ich einem gewissen Kaufmann Klotz hier zu geführt und von
diesem vor ohngefähr 2-3 Wochen auf sein Gut nach NiederIngelheim
(Karl des Großen Wohnung) entführt. Das Ergebniß davon ist, daß
dort unter Mitwirkung des Herrn Klotz jedoch von der Gemeinde
Behörde aus eine Kinderpflegeanstalt verflossenen Donnerstags
feierlich eröffnet worden ist. Wir waren so glücklich durch die Mit-
wirkung des Kreisrathes Kamska in Bingen eine, in vielen
Beziehung vorzügliche Jungfrau als Führerin für dieser Anstalt zu
finden. Diese hatte während ohngefähr 14 Tagen bei mir Unterricht
so wohl im Allgemeinen als Besonderen und, da sie mehrseitig
begabt auch als Lehrerin, vorgebildet ist - indem sie sich früher
schon für den Lehrerberuf ausgebildet hat, sich auch bisher, bis zu
einer einstigen Anstellung, sich auf ihre Hand mit kleinen Kindern
beschäftigte indem sie eine Art Privatanstalt hatte - da sie
also schon wie von Natur durch liebe zu den Kindern befähigt
so durch Lehre vorgebildet war, so hat sie sehr leicht und mit
großer Freudigkeit und eingehendem Sinne alles erfaßt, so daß
ich hoffe es wird alles gut gehen, obgleich harte Persönlichkeiten
bei Ausführung des Ganzen sich gegen überstehen. Herr Klotz
hat nun durch Anschaffung mehrerer meiner Spielmittel dieses
Mädchen in den Stand gesetzt nach Umständen in meinem Geiste
fort zu wirken und ich hoffe daß sie es nach Möglichkeit thun
wird.-
An diese Wirksamkeit hat sich nun wesentlich eines, wenn /
[2]
Du willst ein zweifaches angeknüpft.
Diese Anstalt in NiederIngelheim ist eine Preisanstalt des land
wirtschaftlichen Vereins Rheinhessens. d.h. dieser Verein hat im
vorigen Jahre einen Preis von 100 fl Rhnsch auf die erste und entspre-
chendste Kinderanstalt in Rheinhessen gesetzt, diesen Preis hat
nun NIngelheim erhalten; allein wie es geht als der Preis er-
rungen war, schlief die Sache wieder ein, nur He. Klotz erhielt sie
bei Leben.- Durch diese Verkettung jedoch wurde ich mit einigen acht-
baren Mitgliedern des landwirtschaftl. Vereins in Rheinhessen
einem gewissen Pauli in OberIngelheim, einem gewissen Rang auf
dem Loreleyberg nächst Bingen und einem Herrn Lang auf dem Wind-
häuser Gute bekannt. Der vorletzte - Herr Rang war es beson-
ders gewesen, welcher für die Preisausstellung gewirkt hatte.
Auch der Kreisrath Kamska in Bingen, so wie der Regierungs
kommissar Freiherr von Lichtenberg in Mainz sind Mitglieder des
genannten Vereines, so wie letztere sogar dessen Präsident (:wie
früher Präsident der Regierung Rheinhessen:) - Durch diese Verknüpf-
ung nun und da es mir möglich wurde diesen Herrn Mittheilungen
über meine Kinderführungsweise zu machen, welche dieselben eingehend
aufnahmen, so wurde von mir der Gedanke angeregt, bei der
nächsten Versammlung des landwirtschaftl. Vereins zu Oberingel[-]
heim (nimm das Panorama was in Keilhau vom Rhein ist zur
Hand) einen Vortrag über meine Kinderbethätigungsweise zu
halten.- Dieser Gedanke wurde mehrfach gut aufgenommen und
mir von Herrn Klotz (auf den Fall meiner Theilnahme an dem Ver-
eine) die Wohnung bei ihm angeboten.
Ob nun aber dieser Gedanke in Ausführung kommen kann und wird,
wird von der Bestimmung des Herrn Präsidenten Freiherrn von Lichtenberg
abhängen welcher zugleich Präsident des Vereines ist.
Das Zweite was sich an meine Wirksamkeit in NIngelheim an
knüpfte ist die Bekanntschaft mit mehreren catholischen Geistlichen
(:die Gemeinden in Rheinhessen sind nemlich meistens theilweise
chatholisch, theilweise evangelisch oder protestantisch:) Der catholische
Geistliche in NIngelheim nun, welcher mehrfach bei Klotz Zeuge
und Hörer meiner erziehenden Mittheilungen war und von der
Wahrheit derselben wirklich ergriffen wurde, gab mir Gelegenheit
mich auch anderen ihn besuchenden Geistlichen über diesen Gegen- /
[2R]
stand auszusprechen, welche, wie er mich hernach versicherte
dadurch eben auch ganz für die Sache gewonnen worden wären,
was mir besonders deßhalb wichtig war, weil einer dieser
Geistlichen eben mit dem Vorsatze zu ihm gekommen war - (:der
Pfarrer aus Fürten nemlich:) - in seinem Orte ebenfalls eine
Kinderpflegeanstalt auszuführen.
Mit diesen Plänen und Hoffnungen reiste ich nun verflossenen Sonnabend
den 22 Juny von NIngelheim - nachdem ich zuvor in Österich bei der
Familie Wittekind zu Tisch gebeten war - nach Frankfurt a/m
zurück wo ich Abends hier bei Kosel ankam und Wohnung machte.
Middendorffen traf ich nicht; wie er Euch hoffentlich geschrieben
haben wird, war er Mitternachts Donnerstags den 19 20 Juny von hier nach Darm-
stadt gereist um von da weiter über Weinheim nach Heidelberg
zu gehen. Gestern Brief erhielt ich nun einen Brief von ihm aus
Darmstadt vom Sonnabend worin er mir schreibt daß er
noch in Darmstadt sey jedoch so eben im Begriffe stände nach
Heidelberg zugehen.
(Donnerstags) Mittwochs hatte er noch viele Besuche gemacht bis selbst
(Freitags) Donnerstags Nachmittags - Aufgefordert hatte er Freytags
5 Uhr im Lokale der Bewahranstalt einen Vortrag über den
Gegenstand gehalten. Er schreibt mir: - "Es war das erste
mal daß ich mir das getraute oder dazu die Aufforderung be-
kam. Und es war ein Kreis seltener Männer da rc ...".
Freitags Nachmittags hat er dann weiter aufgefordert im
gleichen Lokale vor denselben und noch anderen Männern wie
wie er sich aus drückt: - "auch vor einem ganzen Saalrund
von Frauen mit den Kindern gespielt."- Er sagt wörtlich
darüber: "die Theilnahme und Befriedigung war allgemein"- doch
zum Schluß - das Ergebniß vom G[an]zen war: - Man hielt sich
überzeugt daß es nöthig sey eine Musteranstalt in dem vor-
geführten Geiste in Darmstadt auszuführen, über die Möglich-
keit der Verwirklichung sollte mit mir Rücksprache genommen
werden.-
Heut Dienstags den Auf diesen Brief nun habe ich dem Midden-
dorff Deinen Brief, nachdem ich ihn flüchtig durchgeflogen
eiligst nach Heidelberg nachgeschickt, von mir mit der
Ansicht begleitet, Dir sogleich zu schreiben, daß er, Midden- /
[3]
dorffen, dessen persönliche Mission, nach den vor mir liegenden
Umständen, hier nun ganz beendigt ist - spätestens in der Mitte
nächster Woche nach Keilhau zurück kehren werde. Denn das
Angeregte braucht nun ruhige Pflege und Zeit der Entwicklung.
Weiter schrieb ich dem Middendorff, daß er mich jedenfalls in Hei-
delberg erwarten solle, wo ich Mittwochs den 26 Juny (also morgen)
eintreffen würde; daß ich nach Briefen, welche ich von Leonhardi
erhalten habe, und nach anderen Mittheilungen den Plan habe, von
Heidelberg nach Karlsruhe zu gehen, theils die Sache dort Landtags
Deputierten, theils Mitgliedern des Badischen Landwirtschaftl. [Vereins]
vorzutragen. Zu den Landwirtschaftlichen Vereinen habe ich nämlich,
was mir in Rheinhessen davon bekannt wurde - persönlich gar
großes Vertrauen.
Heut Dienstags den 25n Juny nun erhalte ich einen Brief vom
Leonhardi aus Heidelberg d. d. 24 Juny worin er mir schreibt
daß Middendorff noch gar nicht in Heidelberg angekommen sey;
entweder ist er also weiter noch in Darmstadt festgehalten worden
oder in Weinheim hängen geblieben.
Mein Vorsatz ist nun doppelt fest morgen Mittwochs den 26 Juny
von hier zu Wasser nach Mannheim und Heidelberg zu gehen; dort mit
Leonhardi und Middendorff die Badenschen und Karlsruher Verhältnisse
zu besprechen, nach Maaßgabe des Ergebnisses dieser Besprechung
meine weiteren Entschließungen zu ergreifen. Sowie die Sache
jetzt vor mir liegt halte ich, wie ausgesprochen, fest nach Karls-
ruhe zu gehen, wie ich glaube, daß Middendorff zurück gehen
kann.
In Homburg, wo wir, wie Euch vielleicht Middendorff geschrieben
hat, - von dem dortigen Frauenverein freundlich aufgenommen
wurden, besonders durch eine gewisse Frau Hofräthin Müller
eingeführt, ist hat man der Idee des "Kindergartens" - dadurch
seine Bestimmung bewiesen, daß man auf Veranlassung
unserer Gegenwart daselbst und unserer Mittheilungen über
den Gedanken der Kleinkinderbewahranstalt nun den
Namen - "Kindergarten" [ge]geben und dieß in seinem jetzigen
zweiten Jahresbericht mit freundlichen Worten zur öffentlichen Kenntniß /
[3R]
gebracht hat. Auch wird wie mir vor wenigen Tagen die
Fr. Hofräth. Müller persönlich sagte, demnächstens eine
besondere Tafel den

"Eingang in den Homburger Kindergarten"

bezeichnen.
Da Homburg sehr viel von Fremden besucht wird, so be-
kommt dadurch wenigstens der Name und mit ihm vielleicht
die Idee der Kindergärten mehr Allgemeinheit; frey-
lich wenig allein doch Etwas.
Der zweite so eben gedachte Jahresbericht Homburg schließt
mit den Worten:
"Und so wachse und gedeihe denn, freundlicher Kindergar-
ten
" gewinne die Herzen guter Menschen zu deiner
Pflege und trage Früchte für die Ewigkeit."
Heut war ich bei dem ConcertMeister Alois Schmidt
dem Kohl als Komponist gewiß bekannt; Ihm gefiel
der Name Kindergarten gar sehr und er sagte: - "der
Name sey keinesweges gleichgültig["].-
Diese Mittheilungen müssen mir für heut genügen, gern
hätte ich noch mehr besprochen, doch die Zeit wollte es
nicht erlauben, da ich unserm Kosel doch auch heut
einige Stunden schenken mußte.
Leider erfahre ich so eben von diesem, daß in Darmstadt
schwerlich etwas geschehen wird ohne den Bericht und das
Urteil von Curtmann, Seminardirector in Friedberg.
Wie nun dieser zur Sache steht weiß ich bis jetzt nicht,
ein Besuch welchen ich ihm mit Middendorff zugedacht
hatte wurde durch Abwesenheit Curtmanns von Fried-
berg vereitelt; für mich ist jetzt die Zeit zu kurz nach
Friedberg zu gehen; ob ich nun vielleicht den Middendorff
veranlasse vor seinem A gänzlichen Abgang von Frkfurt
nach Friedberg zu gehen weiß ich noch nicht; in diesem Au-
genblick scheint es mir fast wichtig und würde 1 bis 1½ 
Tag kosten. Doch ist dieß nur so mein Gedanke. Ich glaube
es ist auch gut wenn Middendorff nachdem wir uns in /
[4]
Heidelberg gesprochen haben über Darmstadt zurück kehrt.
- Was für Frankfurt und für Frankfurts Nähe angeregt
wurde liegt seinen Ergebnissen nach so in der Ferne, daß
darauf irgend Werth zu legen Thorheit wäre. Doch bleibt
im Allgemeinen der Gedanke als wichtig fest: - in der Rhein[-]
und Maingegend eine Musteranstalt zu errichten - und ich halte
dafür in mir Rheinhessen und Baden fest, doch fehlt in erster
Beziehung noch die Bestimmung des Freyhe. von Lichtenberg in Mainz
ehe der Gedanke selbst einige Bedeutsamkeit erhält, jedoch darf
schlechterdings von meiner Seite wenigstens die Pflege dieses Ge-
dankens nicht aufgegeben werden. So bald sich eine Möglich-
keit zeigt ihn auszuführen werde ich mich auch über das
Wie? - aussprechen.
Daß Du den jungen Männern in Blbg Rth. 12- ausgezahlt
hast danke ich Dir.
Der Gedanke für das Buch reisen zu lassen ist durch einen
jüngsten allgemeinen Beschluß des Bundestages gänzlich vernichtet;
es darf Niemand mehr zu Privaten reisen, nur zu Buchhändlern
und zu diesen ist es nicht der Kosten werth, doch durch Midden[-]
dorff darüber mehr[.]
Zunächst sey so gut und lasse mir durch He. Meldau
unter der Addresse an Herrn Valentin Meidiger hier
Große Eschenheimer Gasse Lit. D. No 165 (:Auch die Haus
Nummer von He. Carl Schneider) ein [Paket mit] 25 Exempl. oder
nach Umständen auch 30 Exempl. Koselieder, so wie
100 Ex: Balllieder zugleich in Begleitung von 3 ausge-
führten Spielkästen 3' Gabe senden. Weiter 3 Kästen
Festgestalten. Aller freyer Raum soll durch Spiel
kästen besonders 3er und 4er Gabe, so wie ½ Dzzd
oder 1 Dzzd Kästen (jeden) mit (einer) Farbenfolgen von 6 Bällen
ausgefüllt werden.- Herr Meldau soll sogleich an
die Besorgung dieser Aufgabe gehen. Herzliche Grüße an
alle, alle Freunde, Kinder, Verwandte von DFrFröbel /
[4R]
In den nächsten Tagen das Weitere[.]