Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 9.8.1844 (Darmstadt)


F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 9.8.1844 (Darmstadt)
(KN 56,26, Brieforiginal ohne Schlußteil 1B 8° 4 S.)

  Darmstadt, Freitags am 9 August 1844. In Fölsings Wohnung

Der Seegen welcher Deine Liebe und Treue in Deinem jüngsten Briefe
meinem Bestreben gab, wirke auf Dein und all der Deinen Thun heil-
bringend zurück.

Ich hatte gestern bei Absendung meines antwortenden Briefes an Dich
nicht Zeit Dir l. Barop! für die Brüderlichkeit, oder vielmehr den ächten
Sohnessinn Deines Briefes an mich zu danken indem ich blos eilte Dir
den Wechsel zu überschicken. Doch dieser Dank, so recht er ist, so ist er doch nur
wenig, deßhalb freue ich mich tief in mir überzeugt zu seyn, bleibender
Seegen wird von diesen Gesinnungen und Thun auf Deinem Leben und Wirken
ruhe[n], nicht ein mystischer, sondern ein anschaubar nachweislicher, ein
logischer möchte ich sagen.- Es ist in meinem Leben abermals, und so
in unser aller Leben und Wirken als einem stetigen, unzerstückten, einigen
Ganzen ab wiederkehrend die Zeit einer neuen Fruchtansetzung da wie
diese und solche Zeiten schon öfters in unserm gemeinsamen und meinem
besonderen Leben da waren; lasse S sie uns aber wegen ihrer Wieder[-]
kehr um so klarer erkennen, in ihrem Wesen und Fordern durchschauen
damit wir sie um so fördersamer, sowohl für das Ganze als für den
Einzelnen benutzen mögen. Im Gegensatz mit dem herrschenden Ma-
terialism[us] und Egoismus wie des blendenden Scheines sollen 3 Dinge
dadurch offenbar werden: das stille, stetige Wirken der Einsicht und Klarheit
die Kraft der Wahrheit und die Macht der ausdauernden Einigkeit; über[-]
haupt die Macht des Innern über das Äußere, des Geistes über
den Körper, des Wesens über den Stoff und die Materie, jedoch
mit Würdigung, Anerkennung und Beachtung der dem Äußeren
dem Körper, dem Stoff und Wesen als solchen eigenthümlichen
Eigenschaften und Gesetzen. Lieber, lieber Barop! was die Ent-
wickelungsstufe der Zeit will, dem müssen wir mit Nothwendig- /
[1R]
keit folgen, da hilft uns kein Wollen Streuben oder Nichtwollen kein
Ach! und kein Weh! Es ist eine höhere, die höchste unbeugsame
Macht die uns gebietet und [uns] ist blos vergönnt diese Gesetze der
Nothwendigkeit annähernd in Klarheit und Vollständigkeit zu
erkennen und ihre Forderung mit Selbstbestimmung und Eigenwahl
zu erfüllen, das ist unsere Freiheit. Barop, Barop! es giebt hier kei-
nen Ausweg[—] entweder werden wir zur Verdumpfung, zur Thierheit
zur Vegetation, zum Stoff zurück[-] und zusammengedrängt, oder
wir werden zermalmt wenn wir nicht unsern Geist [ge]brauchen
und Stoff und Wesen durchdringen, dessen Gesetze erringen
sie als die unseres eigenen Daseyns erkennen und so aus uns
selbst I ihnen und uns so getreu also mit Freiheit, - frei handeln.
Barop! Du bist wohl stark an Geist, bist auch wohl klar am
Geist, allein gebrauche auch Deinen Geist in seinem ganzen Um-
fange, mache ihn, mache Dich ganz frei; mache Dich allseitig
irgend eine Einseitigkeit vielleicht eine, welche weder Du noch
irgend Jemand in Dir ahnet, fesselt Dich wenigstens, wenn sie
Dich nicht früher oder später zu Fall bringen d.h. Dich minde-
stens, wenn auch Dir selbst unerkannt Dich verhindern sollte
das Ziel zu erreichen, das zu bewirken zu welchem Du im großen
Weltenplane mit berufen [b]ist. Barop! lasse mich zu Dir als
Freund, als Bruder, als Vater sprechen, der jetzige Lebensmo-
ment ist wichtig, ist über alle Beschreibung wichtig er kehrt in
diesem Maaße, in diesem Zusammenhange, ja Einklange nie wie[-]
der. Laße Dich nicht durch das Zerfallenwollen und vielleicht
abermals wirkliche Zerfallen meines äußeren Lebens teuschen
lasse uns in uns klar, wach besonnen, muthvoll, kräftig
ausdauernd seyn: es ist die abermalige Zeit einer neuen Frucht- /
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ansetzung wie ich schon sagte, sie hat die Erscheinung und Eigenschaft
des Verblühens; es ist die Erscheinung des Winters während
welches der Keim und die Knospe zu neuer Entwickelung er-
starkt. Was charakterisirt diese neue Entwickelungsstufe?-
- Durchblick durch das Leben, Überblick über dasselbe, Einblick
Einsicht in dasselbe Klarheit in allen und über alles was es giebt
und fordert. Barop höre! Wir haben theilweise und oft mit
Selbstbestimmung, somit mit Freiheit der Forderung der Zeit Ge-
hör gegeben und für Entwickelung, für Fortbildung gewirkt
und die Zeit war es die uns dem Ziele entgegentrug und vor den
Fallen sicherte nicht einseitig unsere Kunst und Kraft, wie der Frühl[in]g
in all seinen Eigenschaften mit seinem Nebel, seinem Thau und
seiner Sonne rc die Keime zur Entwickelung, die Knospen zur
Entfaltung bringt. Barop lasse uns dieß bedenken, lasse es uns
es uns wiederholen was wir schon so oft bemerrkten und uns aus[-]
sprachen: Wer den Ruf der Zeit irgend aus Gründen theilweise
folgte sich aber später aus Furcht oder Eigensucht rc von dem Rufe der
Zeit wegwandte wurde bürgerlich oder persönlich, innerlich oder
äußerlich vernichtet. Wie oft Barop! haben wir uns dieß in
Beziehung auf den Zeitcoloss Napoleon ausgesprochen: er wurde
von den Umständen zermalmt zwar nicht aber zu einem
Sklaven zu einem Schatten zusammengedrükt, so groß er war
da er die Stimme der Menschheit die aus einem Volke zu ihm
sprach nicht mehr hörte und aufhörte deren Organ zu seyn.
"Was die Geschichte zu uns spricht, spricht sie zur Lehre, zur
Weisung zu uns, giebt sie uns zum Beispiel.["] Nochmals
Barop! Wir können und dürfen es nicht leugnen, wir haben mit
mehr oder minder Freiheit die Forderung der Zeit gehört und im Geiste /
[2R]
gewirkt, gewollt, wir können wir dürfen uns nun nicht ihn
zu hören zurück ziehen ohne Gefahr zu laufen bis zur Ver-
dumpfung zur Gemeinheit zusammen[-], d.i herabgedrükt
oder zermalmt zu werden; Was fordert nun aber die
Zeit in ihren Wellen und und nach den in denselben sich ausspre-
chenden Gesetzen von uns?- Mich dünkt sie zeigt es klar:
— "In Gemeinsamkeit und einigen Zusammenwirken gelte
"das Leben und Streben der Gemeinsamkeit der Einheit
"und in dieser Gemeinsamkeit und durch dieselbe dem Besonderen
"in dieser Einheit und durch dieselbe dem Einzelnen" - das ist
die Stimme die überall spricht[.] Das Kleine soll und muß durch
Gemeinsamkeit groß, das Einzelne soll durch Verein u Einigung
zur Einheit werden. Sieh Barop hierhin für uns Forderung
und Gesetz. Die Umstände, scheinbar der Zufall, die Will-
kühr wenn Du willst mit den Worten Anderer die
Unbedachtsamkeit, die Unüberlegtheit hat schon alles so
geordnet wie es seyn soll, wir sollen nun nur das vom
Schicksal Gegebene mit Bewußtseyn erfassen, mit Besonn-
nenheit fortpflege[n]. Höre mich nun Barop. "Der Vogel der
zum Adler bestimmt ist kann kein Zaunkönig werden". Gefällt
Dir dieß nicht sprich es anders aus: es heißt jedes Ding hat
seine Bestimmung somit wir die unsere auch; also erkennen
sollen wir sie, sie uns zum Bewußtseyn bringen und der
gewonnenen Einsicht getreu handeln, das ist das Ganze.
Was haben wir hiernach zu thun? Was ist uns gegeben?-
Wie finden wir uns?- Wir finden uns hingegeben an
ein großes Ganze[s], dieses Ganze wie uns freudig bewill[-]
kommend, so an uns bestimmte Forderungen machend, also nicht mehr uns
sondern eben diesem Ganzen gehörend also es hören müssend /[Text bricht ab]