Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Ida Seele in Darmstadt v. 6.9.1844 (Heidelberg)


F. an Ida Seele in Darmstadt v. 6.9.1844 (Heidelberg)
(BN 651, Bl 6-9, Brieforiginal 2 B 8° 6 S. + Adresse, tw.ed. Heiland 1998, 336-337.)

Heidelberg (in der Wohnung des Herrn Freiherrn Dr von Leonhardi
           Zimmerplatz B. 160.) Freitags am 6. Septbr 1844.

          Liebe Ida!

Ich danke Ihnen sehr für Ihre freundlichen Zeilen vom 2en
dieses, welche ich gestern hier nebst einem lieben Briefchen
von unserm Herrn Fölsing und Beilage, nach Rückkehr
von einem Ausfluge nach Frankenthal, jenseits des
Rheines, und nach Mannheim, zu meiner Freude vorfand.
Was kann ich zunächst und namentlich von Ihnen angeneh-
meres hören, als daß sich die Verhältnisse und besonders
das Leben und Betragen der Kinder immermehr zu einer
freudigen Erfüllung Ihres so wichtigen Lebensberufes
entwickelt und recht bald zu einem schönen lebenvollen
einträchtigen und friedigen Wechselwirken (Organismus)
zusammenordnet.- Allein das Leben läßt uns auch
gar keine Zeit, alles geht den Eilweg: was wir heut
erstreben, sollen wir morgen schon wissen und können;
was wir heut lernen, sollen wir morgen schon lehren;
und was wir heut erst säen und pflanzen, davon will
man morgen schon die Blüthen und so mindestens den
Ansatz von Frucht sehen. Das Leben ist nun einmal so,
wir machen es nicht anders, wir leben in diesem Leben,
da heißt es nun nur dasselbe richtig zu erfassen und
darin fest zu ankern oder man wird mit dem Lebens[-]
strome fort- und in demselben hinuntergerissen. Also
nur Erfassung seines gewählten Lebensberufes mit tiefem Ernst
mit klarer Einsicht und besonnener Umsicht. Nur die
höhere und höchste Lebensansicht steht uns hier helfend zur Seite. /
[6R]
Warum ich Ihnen dieß hier schreibe?- Auch Sie sollen, l.
Ida! in Ihrem neuen Wirken für sich eben erst nur noch
lernend dastehend, eben für diesen Beruf auch schon sogleich
lehrend auftreten. Sie erinnern sich nemlich gewiß
daß es Plan war die J[un]gfr[au] Roos, Kinderführerin aus
der Kinderpflege Anstalt in NiederIngelheim, möchte wäh[-]
rend meines Aufenthaltes in Darmstadt dahin kommen
um sogleich bei Ihrer Einführung in Ihre neue Wirksam-
keit gegenwärtig zu seyn um sich dadurch manche Er-
fahrungen für ihr Wirken in Niederingelheim zu sammeln
so wie manche weite Fortbildung zu erhalten, namentlich
in der Kenntniß und Ausführung von Bewegungsspielen,
im Singen der Liedchen dazu, besonders aber auch in Be-
handlung der
verschiedenen Spielgaben namentlich der 3.
und 4.
Spielgabe und auch hier wieder der Aneignung
einiger Liedchen wenigstens. Besonders handelte es sich da-
rum und dieß ist der Hauptzweck: die Art und Weise, die
Behandlung die Ordnung und Führung der Kinder die dahin ge-
hörigen Worte, Liedchen und Singweisen kennen zu ler-
nen und Ordnung, Folgsamkeit, Pünktlichkeit, Ruhe und
Stille, sei es auch wirklich nur noch anstrebend bei einer
großen Anzahl von Kindern zu erreichen. Da ich nun aber
glaube, daß die Jgfr Roos (wie man jenseits des Rheines sagt)
dieß alles auch schon in Ihrer Kinderführung ausgeprägt sehen
kann (wozu mir ja Ihr lieber Brief den Beweis giebt) so
bin ich auf den mir von Ingelheim ausgekommenen An-
trag gern eingegangen: - daß die Frl. Roos nächsten
Sonntag, also übermorgen, nach Darmstadt und zu[-]
nächst zu Ihnen komme, um durch das Besuchen Ihrer Anstalt /
[7]
und unter Ihrer Leitung und Deutung noch ma[n]che ihr wesentliche
Erfahrung zur Führung ihrer Anstalt in Niederingelheim zu
sammeln. Haben Sie nun die Güte, ich bitte recht herzlich
darum, nicht nur mir und der Frl. Roos, wie deren Gönnern
diesen Wunsch zu erfüllen, sondern auch, was nöthig seyn, min-
destens sehr gut aufgenommen werden wird, den Herr Obrist-
leutenant Fresenius um die geneigte Erlaubniß dazu zu bitten;
Ebenso auch der Frl. Bögel mit meinem besten Gruß, eine
freundliche Anzeige davon zu machen. Diese Bitte und Anzeige
ersuche ich Sie, gelegentlich, sey es auch blos formell, an den
Herrn Oberfinanzrath Görz, so wie an die Frl. Rück, wenn
Ihnen diese schon als
Vorsteherin vorgestellt ist, zu machen.
Ich hoffe man wird es angenehm aufnehmen, daß die Darm-
städter Kleinkinderschule, auch von Seite der Kinderführung u.
Beschäftigung, schon als musterhaft und vorbildend dasteht,
und gern förderlichst dafür mitwirken, daß sie sich immer
mehr als solche bethätige.
Also erstlich bitten Sie, l. Ida! ["]unter hochachtungsvoller Be[-]
"grüßung von mir den Herrn O. L. Fresenius, daß er
"und der verehrte Vorstand erlauben möge, daß nach dem Wunsche
"mehrer[er] bei der Kinderpflegeanstalt zu NiederIngelheim
"betheiligten namentlich des Herrn Klotz aus Frankfurt
"und ihr selbst, der Führerin dieser Anstalt der Frl.
"Roos erlaubt werden möchte, während der nächsten
"8 Tage stetig die Kleinkinderschule in Darmstadt zu be-
"suchen um sich unter Ihrer Leitung und Mitwirkung
"für ihren Beruf weiter auszubilden."- Sie können l.
Ida diese Bitte recht gut persönlich bei dem Herrn O. L. Fr[e]se-
nius erfüllen, indem sie in ihrem Amts- und Berufsge-
schäfte liegt; wollen Sie es aber ja nicht, so vermitteln Sie /
[7R]
es entweder durch die Gefälligkeit d. He. Fölsing oder die der Fräul.
Rück.
Bei den Besuchen der Frl. Roos hätten Sie also besonders
darauf zu sehen
1. daß die Kinder gleich am Morgen wie die Plätze und Bän-
       ke bestimmt ihre Stellen erhalten.
2. daß namentlich die größeren und mittleren Kinder, Knaben
       wie Mädchen nie ungeordnet ihre Plätze und Bänke
       verlassen dürfen, sondern dieß entweder "Brust-an-Rücken"
       oder "Seit-an-Seite", oder auch "Zwei und zwei" oder "Paar
       bei Paar" thun müssen; so besonders
3. Seit-an Seite und Bank nach Bank aber still ohne
       Wort am Morgen zum Sammeln zum Gebet und Gesang.
4. Ebenso nach demselben, das streng geordnete Rückkehren zu
       den Bänken und Plätzen.
5. Zeigen Sie ihr dann die Sitz- und Steh- auch Dreh-, überhaupt
       die Körper-, Glieder- Arm- und Handbewegungen der Kinder
        an- auf und vor den Bänken, so das stets angemessene
       Halten der Füße beim Sitzen; und zeigen Sie ihr, d.h. lassen
       Sie ihr dadu sehen und finden wie dadurch Ruhe, Ordnung, An-
       stand, Sitte, Achtsamkeit und Folgsamkeit erreicht werde.
6. Führen Sie dabei zu Zeiten auch zugleich einige Sprechübungen
       durch: "ich sitze, ich stehe, ich drehe mich" "wir["] u.s.w.
7. Ein andermal führen Sie die blosen Wortnachsprechspiele
       oder Übungen zur Auffindung der Länge und Gliederung
       der Wörter durch: Arm (Eins) Stirn (Eins) - Wan-ge
       (Eins, zwei) - Kör-per (Eins, zwei) u.s.w.
8. Sie können auch bald weiter gehen und die Töne auf[-]
       suchen lassen - z.B. Arm: - A - Arm / Hals: A, Als, Hals /
        Fuß: - U, uß, Fuß. / Kopf: - O - opf - Kopf / u.s.w. /
[8]
9. Nun können Sie nur klar und bestimmt das Wort aussprechen
       und sich von dem Kinde einzeln, dann von allen gemeinsam
       den Ton sagen lassen z.B. Arm! der Ton? - (Antwort A.)
10. Ein andermal, oder so gleich, wie es Ihnen beliebt drehen Sie
       die Frage um: Bei welchen Wörtern oder Namen von Gegen-
       ständen höre ich den Ton a? - (Arm, Hand, Band, Wand,
        Land, Rand, Stand, Haar, Bart, Zahn, Bahn, Hahn rc, rc,
        Jahr, Karl, Tag, Nacht, Bank, Stahl, stark, Mahl rc rc
       So beliebig bei jedem Ton. NB. Wer ein Wort weiß muß
       um Geschrei zu vermeiden, nur den Arm erheben.
11. Nun Zahl- und Zählübungen: Was seh ich nur 1- was 2-, 3-,
       4-5 mal in der Stube oder an einem Gegenstande?-
       Ich sehe nur 1 Ofen, nur 1 Stubenthür nur 1 Tisch, nur 1 Hut- und
       Mützengestell in der Stube; an jedem Kinde oder in jedem
       Gesicht nur 1 Stirn, 1 Mund, 1 Kinn, 1 Nase 1 Kopf u.s.w.
       <bei> 2 und mehrmal. Bei 5 hören Sie auf, dann nehmen Sie jede
       Zahl mehrmals z.B. der 2 Kinder haben 2 mal 2 Augen; 3, 3 mal 2 pp.
       - Eine hand [sc.: Hand] hat 5 Finger; 2 Hände haben 2 mal 5 Finger; weiß
       es das Kind nun so können Sie es auch sogleich zusammenfassen lassen in 10.
       So ein Würfel hat 3 mal 2 Flächen; auf die Ecke gestellt aber
       erscheinen 2 mal 3 Flächen; er hat 2 mal 4 Ecken und 3 mal 4 Kanten rc
       In der Stube, wie viel Wände? - Winkel? - Ecken? - Im Fenster
       wie viel Flügel? in jedem Flügel wie viel Fenster Tafeln? - In jedem
       Fenster wie viel mal 4 3 Tafeln? - (Antw: 4 mal 3 Tafeln)
12. An die Spiele mit dem Balle knüpfen Sie die Fragen: Was ist noch
        rund? - farbig? - roth? - u.s.w. weich? - wollig? - springkräftig? -
       Was liegt noch? - was rollt? - regt sich? - bewegt sich noch? - pp pp
       Was steigt noch? - was neigt, was dreht, was schwingt sich noch um sich?-
13. Zeigen Sie daran die Tonstufen, die Tonleiter.
14. Zeigen Sie wie sich die Thätigkeiten des Balles einführen lassen in das Leben d. Kindes und
       vielmehr ein Bild dem Kinde sind für sein Thun: Hüpfen, springen rc /
[8R]
15. Üben Sie oder vielmehr führen Sie, wie es sich eben macht, Geh-
       und Wanderspiele und andere freie Bewegungsspiele aus.
16. Ist es möglich so lassen Sie die Kinder geordnet aus dem Zimmer
       ins Freye gehen.- Könnten Sie, unter Ihren, zu Zeiten helfenden
       Mädchen, wenigstens bei der Dörte den Gedanken wecken, daß
       es doch schön sey in den Augen Anderer vorbildlich und muster-
       haft dazustehen. Vielleicht, daß Sie dann wenigstens in ihr eine
       Mitwirkerin zur Ausführung der Ordnung rc fänden.-
17. Führen Sie besonders auch der Frl. Roos die Schlußlieder vor[.]
18. Sein Sie überhaupt gegenseitig und gemeinsam, zur guten
       Benutzung der kurzen Zeit, so fleißig als nur immer möglich.
       Nicht wahr, Sie nehmen mir es nicht übel, daß ich meine Wünsche
       so kurz u bestimmt ausspreche, weil mir es ja ganz besonders
       lebensvoll vor der Seele schwebt, wie wichtig deren Erfüllung
       dem Ganzen ist.
Bald aber habe ich die Hauptsache vergessen, nemlich die Wohnung
für die Frl. Roos. Ich habe deßhalb schon früher mit Herrn
Fölsing gesprochen und ersuchen Sie beide herzlieben Freunde
Ihnen zu sagen, wo wohl die Roos auf 8 Tage einzumiehten
sey gegen billige Bezahlung. Fölsings meinte früher das die Roos
wohl für ohngefähr 4 fl. wöchentlich Wohnung u Kost erhalten
könnte, dieß habe ich nun auch nach NIngelheim geschrieben und
man scheint damit einverstanden. Früher war einmal die
Rede bei Schaffenitt.
Ich persönlich werde nächsten Montag nach Stuttgart reisen;
Gern wäre ich nun zwar wegen der Anwesenheit der Roos
wenigstens noch in den näch letzteren Tagen der nächsten Woche
nach Darmstadt zurück gekehrt, doch glaube ich nicht an die Mög-
lichkeit. Die schönsten Grüße an die ganze Fölsingsche Familie und
einen seegnenden Gruß u Kuß dem kleinen Engel. Auch der Frl. Bögel m. Gruß
Fröbel. /
[6V]
(Nachbemerkung)
Ist es mir nur einigermaßen möglich so schreibe ich morgen an He. Fölsing, heut ge-
stattete es die Zeit nicht.- Sehen Sie Herrn Schaffenit[t] dann auch diesen herzlichen Gruß. /
[9]
[leer] /
[9R]
[Adresse:]
An
  Fräulein Ida Seele,
Kinderführerin in der Kleinkinderschule
in
          Darmstadt.
Gebäude der Kleinkinderschule
          vor dem Jägerthore
frei!