Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Berthold Auerbach in <Breslau> v. 2.10.1844 (Karlsruhe)


F. an Berthold Auerbach in <Breslau> v. 2.10.1844 (Karlsruhe)
(Entwurf 1 B fol 2 S. in BN 609, Bl 4-5; der Entwurf ist in BN fälschlich der Korrespondenz mit Gabriel Riesser zugeordnet. Das Brieforiginal in DLA, Nachlaß Auerbach (A:Auerbach), Z 3205, 1 B 4 ° 4 S.)

a) Entwurf

Krlsr. d. 2. Oktr 1844.

V. He. Dr.

Da es mir, durch Umstände, wie es scheint nicht mögl[ich] werden wird, mich Ihnen persönl[ich] und
mündlich mitzutheilen, so muß ich schon meine Zuflucht zu den sehr unvollkommenen Mitteln dazu
der Feder u dem Papiere nehmen.
Der H. Dr v. L. in H. hat Ihnen, wie mir Ihr liebes Briefchen in Übereinstimmung mit seinen Mit-
theilungen an mich sagt, geschrieben, daß ich mich mit Ihnen über einen mir wichtigen G[e]g[en]st[an]d besprechen möchte,
die Sache ist diese.
Aus den Erfahrungen, welche ich schon früher besonders aber auf meinem Reisen u Wirken seit der Zeit
zu machen Gel[egenheit] hatte, seit mir das Vergnügen ward Sie im Mon: Aug[ust] in Baden zu sprechen, geht mir
nun unbezweifelbar hervor: daß der G[e]g[en]st[an]d der frühesten u ersten Kindheitpflege, besonders
bis zum schulfähigen Alter, welchem ich jetzt mein Leben gewidmet habe, und der Art u Mittel
wie ich den in dieser Kinderzeit sich aussprechenden Bedürfnissen entgegen zu kommen mich bestrebe, durch
durchgreifend die regste Aufmerksamkeit und Theilnahme auf sich zieht. Aus diesem geht nun aber
auch ganz leicht einsichtig mein sehr bestimmter Wunsch hervor: diesem meinem Wirken die solide
Begründung und respective Ausdehnung zu geben, welches es nothwendig fordert, wenn der Erfolg und
die Früchte der persönl[ichen] Hingabe, dem (Ziel-) Zeit- und Kraftaufwande, ja der vieljährigen auf[-]
opfernden Ausdauer welche der Sache gewidmet wurde entsprechen soll.
Es ist natürl[ich], daß man sich über solche lebenswichtige G[e]g[en]st[än]de mit dem theilnehmenden treuen
Fr[eun]de bespricht, und so geschahe es denn auch, daß ich mich darüber an d[en] H. Dr v. L. in H. mit-
theilte. Er fragte mich nun was der G[e]g[en]st[an]d u die Sache wohl mindestens bedürfe um dieje[ni]ge
Ausbildung u Sicherung zu erreichen, welche nach den vorliegenden Umständen unerläßl[iche] Forderung ist.
Ich bestimmte hiernach das Minimum auf fl. 2000 Rh. oder oa Rth 1000 p Ct.
Her[r] v. L. meinte nun, daß bey dem ganz reinen, menschl[ichen], wie ganz zeitgemäßen Zwecke dieses
Unternehmens für begründende u allgem[eine] Erziehung, es Ihnen v. H. Dr. bei Ihren vielseitigen Be-
kan[n]tschaften unter so wohlhabenden als wohldenkenden u menschenfreundlich ges[innten] Männern, ganz namentl[ich]
in Frkfurt, wohl m[ö]gl[ich] wäre auf einige oder einen derselben so einzuwirken, daß er sich frei aus
sich bestim[m]t fühlte, ja durch den Geist und die Wirkung des Ganzen auf die Kinder besonders, aber auch auf
die erziehenden Erwachsenen, so getrieben würde, die zur augenblickl[ichen] aber wesentlichen
Förderung und weiteren Ausführung u Sicherung oben genannte Summe auf ei[ni]ge Jahre dem Ganzen unter
den ersprieslichsten Bedingung[en] zu überlassen.
Über diesen für die Sache der frühen entsprechenden Kinderführung u Pflege wie für mich ihren Vertreter
so wichtigen G[e]g[en]st[an]d mich mit Ihnen zu berathen u besonders darüber Ihre Ansichten u Vorschläge
zu hören, wie Ihnen alles das noch mündl[ich] mitzutheilen, was Sie zu dem hier blos Angedeute[-]
ten als nothwendige Ergänzung wünschen sollten, dieß war der Grund warum ich bei meiner jetzigen
Nähe in Karlsruhe oder Baden eine mündl[iche] Besprechung mit Ihnen wünschte. /
[4R/5V]
[leer] /
[5R]
Ob mir nun gleich diese irgend durch Umstände versagt ist, so ersehne ich doch gar sehr über
den in Frage stehenden oben bezeichneten Punkt Ihre Ansichten u Vorschläge, und besonders
von Ihnen zu hören, ob es nicht mögl[ich] wäre durch irgend Ihren geistigen u Lebenseinfluß auf
irgend einen so wohlgesinnten als wohlhabenden Frankfurter dem Ganzen gerad jetzt
wo die Sache so vielseitig lebensvolle Anerkennt[ni]ß findet, die obengedacht[e] Summa zur För[-]
derung zu verschaffen. Da neml[ich] die von mir angebahnten Spiel- u Beschäftigungmittel
u [-]Weisen, sich in der Anwendung nach offenkundig vorliegenden Erfahrungen so wohl in den Familien
bei einzelnen Kindern, als in den verschiedensten Kinderpflegeanstalten bewährt haben u daher
ihr Besitz, selbst in Massen, vielseitig gewünscht wird, u als wirkl[iche]s Bedürfniß sich aus[-]
spricht, so wäre es nun aber auch unerläßl[ich] nöthig diese Sp[iel-] u Besch[äftigungs] M[ittel] wie die Anl[eitungen]
zu ihrem rechten Gebrauch u zu ihrer entsprech[enden] Spielweise, in der genügendsten Zahl u
Menge ausfertigen zu lassen; dieß jedoch eben würde es mögl[ich] seyn, wenn ich mich in den
Stand gesetzt sähe, durch die nöthigen Geldmittel es bewirken zu können.
Die Mittel, der Zweck u der Geist meiner frühen Kinderpflegeweise liegt in den ver-
schiedensten Darstellungen u Prüfungsweisen der Öffentlichkeit vor, so daß mir kaum noch etwas
darüber zu sagen übrig bleibt als höchstens das, worüber sie alle übereinstimmen: daß die
Kinder dadurch auf entwickelnd stärkende Weise zur kräftigen freien Darlebung ihres von Gott
ihnen gegebenen Wesens, zu tiefem, reinen lebenvollen Gefühl im Bereiche ihres Kindheits[-]
lebens, wie zum klaren Auffassen u Denken, zum geläuterten festen Willen u zum
sichern ausdauernden Handeln, wie also überhaupt zu einem harmonischen, charakter[-]
vollem Leben gelangen.
Ein solches Ziel u Streben, die Mittel u Wege zur Erreichung eines solchen, dünken mich
verdienen nun wohl die förderl[iche] Mitwirkung aller derer welche mit Kräften u Mitteln
dazu beschenkt sind. Diese Überzeugung konnte nun auch in <aus mir> das Vertrauen wecken
und stärken mich im Vorstehenden anfragend u bittend an Sie zu wenden. Möchte
es Ihnen nun gefallen mich recht bald mit einigen Zeilen unter der Ihnen bekannten
Aufschrift nach Heidelberg an d[en] He. Dr. v. Leonhardi von Ihrer Ansicht der
Sache zu erfreuen; In dieser Hoff[nun]g pp. [Text bricht ab]

b) Abschrift

[1]
Karlsruhe, Mittwoch am 2en Oktober 1844. - (:Gasthaus zum Ritter:)

Verehrtester Herr Doctor.

Da es mir irgend durch Umstände, wie es scheint, nicht möglich werden wird
mich Ihnen persönlich und mündlich mitzutheilen, so muß ich schon meine Zuflucht
zu den sehr unvollkommenen Mitteln dazu, der Feder und dem Papiere
nehmen.
Der Herr Dr v. Leonhardi in Heidelberg hat Ihnen, wie Ihr liebes
Briefchen in Übereinstimmungen mit seinen Mittheilungen an mich sagt, ge-
schrieben, daß ich mich mit Ihnen über einen, mir wichtigen Gegenstand besprechen
möchte; die Sache ist diese.
Aus den Erfahrungen welche ich schon früher, besonders aber auf meinem
Reisen und Wirken seit der Zeit zu machen Gelegenheit hatte, seit ich das
Vergnügen hatte Sie im Monat August in Baden zu sprechen, geht mir
nun unbezweifelbar hervor, daß der Gegenstand der frühesten und ersten
Kindheitpflege besonders bis zum schulfähigen Alter, welchem ich jetzt mein
Leben gewidmet habe, und die Art und Mittel, wie ich den in dieser Kinder-
zeit sich aussprechenden Bedürfnissen entgegen zu kommen mich bestrebe, durch-
greifend die regste Aufmerksamkeit und Theilnahme auf sich zieht. Aus
diesem geht nun aber auch ganz leicht einsichtig mein sehr bestimmter Wunsch
hervor: diesem meinem Wirken die solide Begründung und resp: Ausdehnung
zu geben, welches es nothwendig fordert, wenn der Erfolg und die Früchte dem /
[1R]
der persönlichen Hingabe, dem Zeit- und Kraftaufwande, ja der vieljährigen
aufopfernden Ausdauer, welche der Sache geopfertwidmet wurde, entsprechen soll.
Es ist natürlich, daß man sich über solche Lebenswichtige Gegenstände
mit dem theilnehmenden, treuen Freunde bespricht, und so geschahe es, denn
auch, daß ich mich darüber an den Herrn Dr v. Leonhardi in Heidelberg
mittheilte. Er fragte mich nun, was der Gegenstand und die Sache wohl
mindestens bedürfe um diejenige Ausbildung und Sicherung zu erreichen,
welche nach den vorliegenden Umständen unerläßliche Forderung ist. Ich be-
stimmte hiernach das Minimum auf 2000 fl. Rhei. oder coa Rth 1000
pß. Ct.-
Herr v. Leonhardi meinte nun, daß bei dem reinen menschlichen, wie
ganz zeitgemäßen Zwecke dieses Unternehmens für begründende
und allgemeine Erziehung es Ihnen, verehrter Herr Doctor, bei Ihren
vielseitigen Bekanntschaften unter so wohlhabenden, als wohl denkenden
und menschenfreundlich gesinnten Männern, ganz namentlich in Frankfurt a/m
wohl möglich wäre auf einige oder einen derselben so einzuwirken, daß
er sich frei aus sich bestimmt fühlte, ja durch den Geist und die Wirkung
des Ganzen auf die Kinder besonders, aber auch auf die erziehenden
Erwachsenen, so getrieben würde, der zur augenblicklichen aber wesent-
lichen Förderung und weiteren Ausführung und Sicherung oben genannte
Summe, auf einige Jahre dem Ganzen unter den ersprieslichsten
Bedingungen zu überlassen.- /
[2]
Über diesen, für die Sache der frühen entsprechenden Kinderführung
und Pflege wie für mich ihren Vertreter so wichtigen Gegenstand
mich mit Ihnen zu berathen und besonders darüber Ihre Ansich-
ten und Vorschläge zu hören, wie Ihnen alles das noch mündlich mit-
zutheilen, was Sie zu dem hier blos Angedeuteten als nothwen-
dige Ergänzung wünschen sollten; dieß war der Grund warum ich
bei meiner jetzigen Nähe, in Karlsruhe oder Baden eine mündliche
Besprechung mit Ihnen wünschte.
Ob mir nun diese gleich, irgend durch Umstände versagt ist, so erseh-
ne ich doch gar sehr über den in Frage stehenden, oben klar bezeichneten
Punkt Ihre Ansichten und Vorschläge, und besonders von Ihnen zu
hören, ob es Ihnen nicht möglich wäre durch irgend Ihren geistigen und
Lebenseinfluß auf irgend einen so wohlgesinnten als wohlhabenden Frank-
furter, dem Ganzen gerad jetzt, wo die Sache so vielseitige lebensvolle
Anerkenntniß findet, die obengedacht[e] Summa zur Förderung zu ver-
schaffen. Da nemlich die von mir angebahnten Spiel- und Beschäftigung-
Mittel und Weisen sich in der Anwendung, nach offenkundig vorliegenden
Erfahrungen, so wohl in den Familien bei einzelnen Kindern, als in den
verschiedensten Kinderpflegeanstalten bewährt haben, und daher ihr
Besitz, selbst in Massen, vielseitig gewünscht wird, und als wirkliches
Bedürfniß sich ausspricht, so wäre es nun aber auch unerläßlich nöthig
diese Spiel- und Beschäftigungsmittel, wie die Anleitungen zu ihrem /
[2R]
rechten Gebrauche und zu ihrer entsprechenden Spielweise, in der genügen-
den Zahl und Menge an- und ausfertigen zu lassen; dieß jedoch eben würde
nur möglich seyn, wenn ich mich in den Stand gesetzt sähe, durch die nöthigen
Geldmittel es bewirken zu können.
Die Mittel, der Zweck und der Geist meiner frühen Kinderführungsweise
liegt in den verschiedenartigsten Darstellungen und Prüfungsweisen der
Öffentlichkeit vor, so daß mir kaum noch etwas darüber zu sagen bleibt
als höchstens das, worüber sie alle übereinkommen: daß die Kinder dadurch
auf entwickelnd stärkende Weise zur kräftigen freien Darlebung ihres
von Gott ihnen gegebenen Wesens, zu tiefem, reinen, lebenvollen Gefühl im
Bereiche ihre[s] Kindheitslebens, wie zum klaren Auffassen und Denken, zum geläu-
terten, festen Willen und zum sichern ausdauernden Handeln, wie also
überhaupt zu einem harmonischen, charaktervollem Handeln Leben gelangen.
Ein solches Ziel und Streben, die Mittel und Wege zur Erreichung eines
solchen, dünken mich, verdienen nun wohl die förderliche Mitwirkung aller
derer welche mit Kräften und Mitteln dazu beschenkt sind; diese Über-
zeugung nun konnte nun auch in mir das Vertrauen wecken und
stärken mich im Vorstehenden anfragend und bittend am [sc.: an] Sie zu wen-
den; möchte es Ihnen nun gefallen mich recht bald mit einigen
Zeilen, unter der Ihnen bekannten Aufschrift nach Heidelberg an den H v. L.,
von Ihrer Ansicht der Sache zu erfreuen. In dieser angenehmen
Hoffnung grüße ich Sie auf das hochachtungsvollste ergebenst,
Friedrich Fröbel.
Adresse Heidelberg.
Zimmerplatz <lt. B.> 160.