Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die Volksvertreter von Baden in <Karlsruhe> v. 21.10.1844 (Heidelberg)


F. an die Volksvertreter von Baden in <Karlsruhe> v. 21.10.1844 (Heidelberg)
(BN 720, Bl 3-5, Reinschrift 1 ½ B fol 6 S.)

Projectirte aber durch Umstände zurück behaltene Eingabe.
An die Volksvertreter zu Baden.
Überall tritt uns als Ergebniß durchgreifender Lebensbe-
achtung die Überzeugung entgegen: - so kann es nicht bleiben,
es muß nicht nur anders sondern es muß auch besser werden,
d.h. an die Stelle des Mißverstehens muß das Verstehen,
an die Stelle der Trennung die Einigung, an die Stelle der nur
äußeren muß auch die innere Erfassung des Lebens kommen.
Mit dieser Einsicht muß sich aber noch ganz besonders die That,
das Handeln und mit dem Einzelthun sich das Handeln und Thun
in Gemeinsamkeit und auf Ein Ziel hin gerichtet, verbinden.
Alles Ihr Wirken und alle Ihre Bestrebungen nun, als ver-
tretend das Wohl und Bedürfniß des Einzelnen u. des Ganzen gehen
aus jener Überzeugung, aus der Tiefe und Wahrheit derselben her-
vor; allein Sie machen auch gar bald im Erfolge dieß Ihres
Bestrebens in dreifacher Beziehung höchst traurige u. widrige
Erfahrungen: - entweder fehlt es bei denen auf welche u. für
Sie wirken wollen, deren Mitwirkung Sie daher auch nothwen-
dig in Anspruch nehmen müssen an Einsicht, oder an Thatkraft
und Thatfertigkeit, oder an gutem Willen, auch wohl an
allen dreien zugleich.
Da sollte nun freilich für die Älteren die Belehrung durch Schrift
und Rede und für die heranwachsende Jugend der Unterricht, die
Schule zu Hülfe kommen; - die Älteren finden wir aber im Ganzen
wenig mehr zu jener Wortbelehrung empfänglich u. geschickt, u. der
Unterricht der heranwachsenden Jugend in Schulen u. Anstalten ist
durch die einzelnen Zwecke und Gegenstände derselben schon so zer-
theilt u. verschiedenartig in Anspruch genommen, daß zu einer
Wirksamkeit für Gemeinsamkeit in den höheren Lebensinteressen,
für die Einsicht und Erfassung des Gesammtbedürfnisses weder
Zeit, noch Kraft, noch Wille übrig bleibt, und dennoch soll es ja
anders, soll es besser werden; - Wohin sollen wir uns also wenden
- Nichts bleibt uns übrig als das Kindesalter, als die Kinderwelt /
[3R]
vor ihrer Schulpflichtigkeit!- An diese müssen und können
wir uns nur einzig wenden, als an den alleinigen Aus-
gangs-
, Keim-, und Quellenpunkt des ächten und wahren
Besserwerdens besonders durch Belehrung.
Allein welch' einen langen, langen vieljährigen Weg hat
da die Erziehung und Bildung, das Besserwerden zu gehen, ehe
es von der Kindheit durch die Jugend hindurch in dem männ-
lichen Alter wirksam u. mit gereiften Früchten erscheint!-
Dieß Mittel, dieser Weg mag - wird man sagen - gut seyn
für die Zukunft, allein für die Gegenwart sind sie ungenügend,
unpassend; - denn wir bedürfen nicht nur der augenblicklichen
Belehrung, sondern auch der augenblicklichen Einsicht, und nicht
dieß allein, wir bedürfen der augenblicklichen Thatkraft, wir
bedürfen des augenblicklichen guten Willens, überhaupt des
charaktervollen Wollens mit Bürgersinn u. Bürgertugend,
genug - der augenblicklichen thatsächlichen Hülfe in jeder Beziehung.-
Ja! so ist es und ich erkenn dieß selbst.- Allein auch dazu
bietet uns das Leben der Kindheit einen sichern Weg, ein fast
mit magischer Allgewalt sicher wirkendes Mittel: - das
reine, einige u geeinte, gemeinsame und doch wieder geson-
derte und besondere, nur leider zu wenig beachtete Kinderle-
ben, wie es sich allein in wahren Kindergärten zu entfalten
vermag ist eine so zarte, liebliche Erscheinung, daß sie durch
ihr bloses Anschauen und Empfinden als das mächtigste, über-
zeugendste und begeisternste Beispiel wirkt.- Es wirkt
nicht blos auf die nahe und zunächst stehende Jugend, und die
jüngere Welt, nein! es wirkt auch - und dieß ist es ja
eben was wir augenblicklich bedürfen - zurück auf die Er-
wachsenen, auf die Eltern in häuslichen u Familienverhält-
nissen; es wirkt auch augenblicklich zurück auf den gereiften Menschen,
und auf diesen nicht blos im Allgemeinen als Menschen,
nein! ganz besonders wirkt es sogleich auf ihn als Bürger
was uns vor allem Noth thut: - denn er schaut hier
unmittelbar, gleichsam in einen Spiegel, nach Wegen Mitteln und /
[4]
Weisen
, vorbildlich erreicht, was er selbst im wirklichen
Leben aus sich und um sich ersehnt, erstrebt und so - fühlt er
sich selbst nicht nur befähiget das in sich Ersehnte und Erstrebende selbst-
thätig, mindestens befördernd und allermindestens nicht
hindernd und nicht hemmend im MannesLeben auszuführen,
sondern aufgefordert durch die schöne anmuthige Wirklichkeit
die ihm in solchem Kinderleben, solchem Kindergarten in frischer
klarer That entgegen tritt, fühlt er sich auch dazu gewilligt und
gestärkt. Dazu
Deßhalb nun müssen wir, nicht blos um das Wohl der Kinder,
sondern auch vielmehr noch um unseres ganzen bürgerlichen
Wohles, also um eines doppelten Zweckes willen Kinder-
gärten errichten, da nur in ihnen das unmittelbar durch
die That belehrende und unmittelbar zur That erweckende
Beispiel gegeben ist.
Hierauf - auf ein solches Kindheit- und Kinderpflegendes
Wirken, auf eine solche Veranstaltung u. Unternehmung
nun Ihre vertretenden väterlichen, Ihrer aller sorgsame
männlichen Blicke zu leiten komme ich mittheilend und bittend
zu Ihnen; denn um eine solche, mit geistig tiefbegründeter Allge-
gewalt wirkende Kindheit- und Kinderpflege auszuführen
scheinen sich mir, wie im Badner Lande im Allgemeinen und
Ganzen, so hier in Heidelberg ganz besonders und auf eine
wirklich seltene Weise die gesammten Umstände, Bedin-
gungen u. Verhältnisse günstig zu eignen und zu einen.
Eine solche Pflegeanstalt, wie sie zwar zunächst aus den Be-
dürfnisse
der Kinder vor ihrer Schulpflichtigkeit, dann aus dem,
Bedürfnisse der Eltern u. Familien, ja des Bürgerthums
selbst hervorgeht, darf nun aber, besonders in ihrem Entstehen,
keinesweges blos und überwiegend als Personal- und
Familiensache, nicht blos als Orts- und Localsache Localangelegenheit betrachtet, son-
dern sie muß - wenn sie gedeihen und wahrhaft ihrem Wesen
und ihrer Bestimmung nach wirken soll - sogleich, wenigstens
von den Weitersehenden und Überblickenden, in ihrer /
[4R]
umfassenden Wirksamkeit für das Allgemeine erkannt,
anerkannt und gepflegt werden.
Von diesem Gesichtspunkte nun aus, welcher nach meiner
tiefsten Überzeugung verdient alles Ernstes festgehal-
ten zu werden - handelt es sich nun, bei Gründung
und Ausführung irgend eines einzelnen Kindergartens
als solchen keinesweges blos darum, daß eine solche Anstalt
allein und für sich entstehe und bestehe; sondern es handelt
sich zugleich noch darum, daß durch ihr Entstehen der Grundstein
zu einem allgenügenden Gebäude für das ganze Vaterland
gelegt werde, - ein Grundstein von welchem es - da
man bisher die eigentliche Kindheit zu gering, zu schwach
ja sogar sündhaft achtete als daß aus ihr Großes, ja allge-
nügend Erspriesliches hervorgehen könne und würde - einst
heißen wird: - "Der Stein den die Bauleute verworfen
haben, ist zum Eckstein worden."
- Es handelt sich um
das Pflanzen eines Saamenkernes, eines deutschen Eichkernes,
welcher einst als Baum seine seegnenden Schatten über das ganze
deutsche Vaterland über all seine Familien und Bewohner, ja, durch
das allgemein eintretende richtige Verständniß u. durch
die richtige Pflege des Kindheitlebens, - weiter noch ausbreiten wird.-
Es war mir vor meinem völligen Weggange aus
Heidelberg Bedürfniß meines Herzens und Forderung
meiner Vaterlandspflicht Ihnen den Gegenstand den ich
zu vertreten und zu fördern ich für mich als Lebensaufgabe
erkenne, zur förderlichen Beachtung an Ihr, von Vater-
landsliebe durchdrungenes Herz zu legen.- Denn nur
durch die angedeutete doppelseitige Pflege und Erzieh-
ung der Kindheit für häusliche und Familientugend, für
entwickelte Thatkraft, Willen und Einsicht zum Zusammen-
wirken, zur Einigung und Eintracht werden wir jene
Gemeinsamkeit und Einigung für Ein Ziel auch im allge-
meinen bürgerlichen und im VolksLeben erreichen.
Darum bitte ich einmal im Namen der Kinderwelt /
[5]
in ihren verschiedenen Kreisen, dann im Geiste und zum
Nutzen aller derer, welche sich von der Wahrheit dieser
Sache, von der Wahrheit solchen einträchtigen und einmüthigen
Zusammenwirkens, - wo auch die freudige Selbstbestimmung,
das friedige Leben des Einzelnen und dessen frische, fröh-
liche Fortentwickelung gesichert ist - ohne das wirkliche
Schauen desselben im Leben, keinen Begriff machen
können - ich bitte Sie, ja ich fordere Sie in beider Namen
nochmals dringend auf: - sehen Sie in den angestrebten
Kindergärten nicht blos Anstalten deren Wirksamkeit
in dem engen Kreis des Kindheitlebens, deren Ziel nur
auf Unterhaltung, Einzelheit, Örtlichkeit
u.s.w be-
schränkt ist; sondern prüfen Sie, ob Sie darin nicht
finden was sie zu seyn versprechen
: - Anstalt zur Pflege
und Entwickelung reiner Menschheit,
ächten Volkscharak-
ters schon im Kinde, Erziehung des Kindes zur Menschenwürde,
zu häuslicher, Familien- und Bürgertugend, Pflicht u. Würde,
- Anstalten deren Früchte den Forderungen der Gegenwart
durch ihren mächtig begeisternden Einfluß auf unsern Geist
und unser Herz, auf unser Wollen und unsere Thatkraft
auf unsere Einsicht und unser Handeln
entsprechen.
Ich erkenne diese Prüfung aus den angegebenen Gründen
(welche sich jedoch noch mit vielen nicht minder wesentlichen
vermehren ließen, scheute ich die Weitläufigkeit nicht)
als einen der aller wesentlichsten wichtigsten Gegen[-]
stände, welchen eine
Volksvertretung, die besonders
für viele andere vorkämpfend und musterhaft da-
steht, sich zum Gegenstand der Beachtung, der Be-
rathung und der Verwirklichung zu machen habe,

weil in der richtigen Erfassung und rechten Durch-
führung dieser Sache der Schlüssel zur Lösung vieler
anderer Fragen zur Erfüllung vieler anderer For-
derungen liegt.
Zunächst wäre also mindestens dahin zu wirken /
[5R]
daß der hier in Heidelberg in Aussicht genommene
und bereits in der Begründung begriffene Kindergarten,
vielleicht selbst durch freiwillige Beiträge und dieser vaterländischen Idee gebrachten Opfer
begeisterter und wohlwollender Kinder- und Vater-
landsfreunde - sich als eine möglichst vollkommene, in
sich aus- und durchgebildete Musteranstalt in dem
vielfach angedeuteten Sinne ausgeführt würde, um -
gestützt auf deren Ergebnisse zu seiner Zeit zur weite-
ren förderlichen Beachtung der Sache bei der Kammer
eine geeignete Denkschrift einzureichen.
Indem ich den Gegenstand nochmals Ihrer aller
ernsten prüfenden Erwägung angelegentlichst em-
pfehle unterzeichne ich mich zugleich auf das hoch-
achtungsvollste
Heidelberg am 21' Oktbr. 1844.
Friedrich Fröbel