Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop, Wilhelm Middendorff u. Robert Kohl in Keilhau v. 16.11./17.11.1844 (Frankfurt/M.)


F. an Johannes Arnold Barop, Wilhelm Middendorff u. Robert Kohl in Keilhau v. 16.11./17.11.1844 (Frankfurt/M.)
(KN 56,28, Brieforiginal 4 B 8° 16 S., tw. ed. Prüfer 1920, 90-92. - Der Brief ist nur auf den 16.11.1844 datiert. Aus dem Anfang des Folgebriefs v. 18.11.1844 geht aber hervor, daß der zuvor abgeschickte F.-Brief am 16.11./17.11.1844 geschrieben wurde; dafür spricht auch die Länge des Briefs.- Kommentar zum Nachsatz: F. hat folgende Passagen durch einen senkrechten Strich am linken Seitenrand angestrichen: - 6V, 2.Absatz (ab: "In Frankfurt traf" bis Ende 7R (bis: "die Sache herauszugeben") - 8V, 2./3.Absatz (ab: "Ich bitte Euch" bis: "concurriren".)

      Frankfurt a/m, in der Wohnung Kosels, am 16. Novbr 1844.
(Adresse der Briefe und Sendungen an Herrn K. Schneider gr. Esch. G. D. 165.[)]

Lieber Barop, lieber Middendorf, lieber Kohl und Euch allen Ihr Lieben, treu
am Werke der MenschenErziehung Arbeitenden Gottes Segen zu Euerm
Wirken zuvor und auch mir gebe Gott Klarheit, Kraft, Muth und Ausdauer
nicht nur das Wahre, Zeit-, Ort- und Sachrechte klar zu erkennen, sondern
auch das klar Erkannte in ruhig fördernder That richtig nach Mittel und
Weg auszuführen.

Wie so sehr gern wäre ich endlich einmal wieder bei Euch um mich mit
meinen schwer, schwer errungenen Erfahrungen Euch, mit Willen und That-
kraft Euch ganz zu geben um als Ein Mann für das zu leben, was wir
als unsern gemeinsamen Lebenlauf erkannt haben; allein auf der Rück-
kehr zu Euch begriffen werde ich hier in Frankfurt, magnetisch und wie in
einem Netze festgehalten; es ist, so wenig ich es im Einzelnen nach Mittel
und Wege, nach Art und Weise durchschaue, als sollte es sich hier zu einer
Entscheidung entwickeln und so an sich unbedeutend und klein jede einzelne der
verschiedenen Theilnahmen ist, die sich hier zeigen, so ist es mir dennoch
als zerrisse ich muthwillig und willkührlich ein sich endlich bilden wollendes
Lebensganze wenn ich sogleich in diesem Augenblick Frankfurt wieder
verlassen und zu näherer gemeinsamer, innig einiger That zu
Euch zurück kehren wollte; sehet so ist es mir seit der ganzen
Zeit meiner jetzigen langen, langen Abwesenheit gegangen, immer
zwischen Furcht und Hoffnung, stets das Schwert des Damokles über mei-
nem Haupte schwebend fühlend, jeden Schritt nach vorwärts prüfend
mir Bahn brechend, jedes Fünkchen auf meinem Wege pflegend und mir so
Licht auf demselben und für den Gegenstand schaffend bin ich dem, was
mir in jedem Augenblick als unerläßliche Forderung erschien, nachgegangen
und so bin ich nun wieder hier, von wo aus mich eigentlich das Geschick /
[1R]
in die Schranken eines neuen großen Kampfes, ich möchte sagen ei[-]
nes Kampfes auf Leben und Tod rief. Seht in diesem Gefühle habe
ich stets gelebt und gewirkt, urtheilt nun selbst wie mir zu Muth seyn
mußte. In kurzen harten Umrissen will ich Euch zeigen, was ich erlebt
und bewirkt habe, so klar und scharf als mir nur immer möglich ist
will ich Euch vorführen wie und wo jetzt die ganze Sache steht; urtheilt
nun selbst was zu thun ist.- Doch erlaubt mir, daß ich Euch gleich das
Endergebniß des Ganzen so klar und so entschieden ausspreche, als
es sich mir in diesem Augenblick vor die Seele stellt, und sehet dann,
wenn ich Euch die Einzelheiten in kurzen Andeutungen mitgetheilt habe
ob auch Eure Ansicht das Ergebniß Eurer Prüfung mit der meinigen über
einstimmt.
- Es läßt sich mit Bestimmtheit, alles wohl erwogen aussprechen: - der
Gedanke, die Idee die Menschenbildung durch frühe entsprechende Kind-
heitpflege, welche wir vertreten und die wir als Thatsache in das
Leben als Wirklichkeit einzuführen für unseren gemeinsamen und ich ganz besonders
für unseren Beruf erkenne - dieser Gedanke, diese Idee zeigt sich
und bewährt sich bei allen Denkenden nicht allein als wahr, als in dem
Menschenwesen und vorallem in der Kindesnatur tiefbegründet, und
in der Ausführung nicht nur als höchst wünschenswerth, sondern in derselben
auch als ein sicheres Mittel wie zur endlichen Entfernung alles dessen was uns im Familien-
im geselligen und bürgerlichen Leben drückt - so auch als sicheres
Mittel zur endlichen einmaligen Erreichung alles dessen was wir
nicht nur für das Leben in jenen 3 Rücksichten wirklich alles Ernstes
fordern müssen, sondern was das Herz alles aller nur natürlich
unverdorbener Menschen schon ersehnt. Allein mit dieser
Überzeugung mit dieser Erwartung, welche sich gleichsam als eine
Einzige alles beurkundet drängt sich auch mir wieder ein Eignes
als Mittel und Weg zur Rechtfertigung jener Überzeugung, zur Erfüllung /
[2]
dieser Forderung entgegen: Daß der Gedanke,daß die Idee nur durch
eine Mehrheit von Menschen durch den Geist jener wie zu Einem Manne
verbunden und geeint ausgeführt werden könne; denn auf das aller
höchste merkwürdig ist es, wie zwei so große Gegensätze sich innig geeint
zusammenfinden können; einmal das höchste, warme, ächte, ja enthusiastische
Durchdrungenseyn von der Wahrheit und Wichtigkeit des Gedankens und
dann auf der anderen Seite wieder die große Muthlosigkeit, Schwäche und
wahres Mißtrauen in sich sich, in Wege und Mittel, und Zweifel am
Daseyn der letzteren beiden sobald es wirklich zur Ausführung kommen
soll. Also drei Thatsachen stehen als das Endergebniß meiner verhäng-
nißvollen Reise während der letzten 3 Monate und unseres in dieser
Zeit gemeinsam Erlebten ich möchte sagen wie die Sterne am Himmel fest[:]
1., Das volle durchgehende Anerkenntniß der Wahrheit des Gedankens
       der tiefen Begründetheit der von uns vertretenen Ideen der Menschen[-]
       bildung besonders der frühen Kinderbeschäftigungsweise.- Alles dagegen
       sich im Einzelnen dagegen bis jetzt Ausgesprochene und sich noch Ausspre-
       chende verschwand schon im Schatten und schwindet immer mehr. Demnach
2., die Kraft- Muth- und Willenlosigkeit der Einzelnen und selbst gegen
       Gemeinsamkeiten und der Glaube an Mangel von Mitteln,
       Personen und Wegen, sobald es zur wirklichen Ausführung kommen soll;
       besonders Mangel an Einigung der Einzelnen für einen doch eigentl.
       gemeinsamen Zweck und Ziel; - Genug äußerlich überall ein Ent-
       gegentreten von Mangel an Mittel und Bedingungen zur Ausführung
       und Darstellung des an sich als höchste Lebensrichtung erkannten - Wo
       nun aber im einzelnen auch wirklich ein Herbeischaffen der äußeren Mittel
       und ein Gewähren der äußeren Bedingungen zur Ausführung des Ganzen
       sich zeigt, dann wieder ein solches Schneckenartige in sich Zusammenziehen
       (wie z.B. in Homburg vor der Höhe, bei Schneider, bei Wolf in Sachsenhausen rc)
       ja fast ohne alle Ausnahme überall, - daß dadurch alles gemein- /
[2R]
       sam förderliche Zusammenwirken. Jeder preßt auf seine Weise
       den Wein für sich aus den Trauben - die Kerne aber die das
Leben für viele neue Pflanzen in sich tragen wirft er mit den
       Schalen als unnütz weg. Jeder beutet auf seine Weise und zu
       seinem Nutzen - (:dieß läßt sich fast durchgehend sagen, - ja jeder
       wirft es sogar den anderen vor:) - die Idee aus unbekümmert
       um das weitere Fortbestehen und Fortbildung derselben, ja von
       dieser hat er selbst keine Idee.- Es bleibt nun als
3. Thatsache das HauptErgebniß: nur in unserer gemeinsamen
       Hand, nur in unserm einigen Willen nur in unserer Gesamt-
       thatkraft liegt die Darstellung der Idee, die Erreichung des vorge[-]
       steckten Zieles mit uns steigt oder sinkt; hebt sich oder fällt
       die reine Ausführung des Gedankens. Würden wir aber in uns
       und unter uns selbst fal zerfallen, und würde ich vereinzelt und
       vereinsamt stehen, so würde das Ganze, die reine Ausführung der Idee
       die klare einfache Darstellung des Ganzen als ein Ganzes auf und
       in mir allein ruhen und mit meinem Willen, meinem Muth, meiner
       Thatkraft und Ausdauer steigen und stehen, oder mit der Ungenügsam-
        keit meiner Kraft als einer einzelnen und vereinzelten Kraft
sinken und fallen, so steht das Ganze Freunde. Gott gebe das
       erste und verhüte das Letztere durch Festhaltung meines Glau[-]
       bens als an das Einige alles Geistigen.
Nun zur kurzen möglichst getreuen Darstellung der Thatsachen
und einzelnen <fru[ch]tischen> Ergebnisse meines bisherigen Reisens
und Wirkens.-
Mein letzterer Brief an Euch enthält die Darstellung mei-
nes Zusammenkommens mit Dr Schmöle aus Philadelphia
und der Ergebnisse desselben.- Von Frankenthal ging ich nach Heidel[-]
berg von wo ich Euch schrieb zurück[.]
Nach meinem so zum drittenmale wiedergekehrten Aufent- /
[3]
[halt] auf wiedergekehrte Aufforderung auch vom Dr Schmöle und mit
Empfehlungen von demselben und von Dr phil. Hagen in Heidelberg [ging ich auf]
eine Reise nach Stuttgart. Dort sprach ich besonders den Dekan Dr
Gustav Schwaab den Dichter Pfitzer und andere; und durch erstern
veranstaltet machte ich über die Kinderbeschäftigungen an einem A-
bend vor mehreren Lehrern und Kinderfreunden einen Vortrag
in dem dortigen Museum. Pfitzer war es besonders welcher lebhaft
Interesse an der Sache nahm und durch erstern Dr Schw. wurde ich
einer Geh. Bez. Räthin von Pistorius in Stuttgart bekannt, welche
zu einem Orte bei Stuttgart, Namens Gaisburg ohngef und zu
der dasigen Bewahranstalt in demselben Verhältniß steht wie der
Kaufmann Klotz zu NIngelheim. Sie gestand sogleich bei meiner
ersten Zusammenkunft mit ihr, daß das was ich den Kindern reiche
das sey was sie seit Langem für die Anstalt in Gaisburg suche.
Und sie wünschte daß ich die Führerin derselben in dieser Kinder-
bethätigungsweise einführen möchte. Dieß war an einem Sonnabend
(den 14 Septbr 1844) doch der Montag der 16 Sptbr rief mich ver-
sprochenermaßen nach Heidelberg zurück. Wie Ihr aus der Euch
mit Leonhardi's Drucksache übersandten Heidelberger Journa[l] wißt
gab ich im Laufe jener Woche 3 Mittheilungen in Heidelberg eine
in dem Museum, eine in der Harmonie, und eine ausführende in
der Kleinkinderschule. Über die Ergebnisse dieser vielbesuchten
und vielbefriedigten Mittheilungen nachher und durch Übersendung
eines Artikels in der Didaskalia welchen Ihr demnächstens
im Original erhalten sollt.- Sonntags den 22 Septbr kehrte ich
nach Stuttgart und der Einladung zu Folge zur Fr. v. Pistorius
zurück. Sogleich Montags früh fuhren wir zu dem nur 3/4 
Stunden entfernten Gaisburg wo sogleich mein Werk begann:
ich fand 2 Schwestern als Führerin wovon die erziehende /
[3R]
die jüngere, Namens Pauline Hold (Held) besonders eingehend
war, der Prediger Namens Georgii, nahm gleichfalls
wesentlichen und sehr förderlich eingehenden Antheil an dem Ganzen.
Hier wirkte ich mit sehr gutem Erfolge während 9 Tagen.
Wir hatten 50 Kinder, ein sehr zweckmäßiges Locale;
ich hinterließ in mehrfacher Beziehung eine schriftliche Instruction
zur weiteren Fortführung des Ganzen.
Die Lehrerinnen der Anstalt sprachen mir aus, "daß sie jetzt,
"wo sie wüßten, wie sie die Kinder beschäftigen sollten wie
"im Himmel seyen." Bei der Frau von Pistorius wurde ich
noch außer mehreren besonders mit 2 Frauen, zwei Pro-
dectorinnen von Kl[ein]kinderschulen einer in Ludwigsburg
und einer in Tübingen bekannt, welche mich einluden ihre
Anstalten zu besuchen, doch war jetzt nicht daran zu denken.
Doch erbaten sie diesen Besuch sehr bei einer späteren
Wiederkehr nach Stuttgart. Meine ausführende Thätigkeit
in Gaisburg von früh Morgens bis spät Abends gab mir
keine Zeit jetzt weitere Bekanntschaften zu machen, ich sah auch
daß man in den 3 Stuttgarter Kinderanstalten, die ich
besuchte und woselbst alles in Fliednerscher Weise betrieben
wird nicht eher etwas zu erreichen sey, bis man das besser
thatsächlich vor Augen sähe, was ich zu seiner Zeit durch Gais-
burg hoffe. Dienstag den 1n Octbr reiste ich wieder von Stutt-
gart ab nachdem ich auch einige Spielmittel zum Gebrauch
zurück gelassen hatte. Die Fr. v. Pistorius sprach den Wunsch
aus, daß ich bei einer einstigen Wiederkehr nach Stuttgart
doch ja bei ihr wieder einkehren möchte. So sehr diese Frau
nun für die Förderung ihrer Gaisburger Anstalt nach Maaßgabe
ihrer Einsicht war, so wenig war doch eigentl. allgemeines Interesse /
[4]
für die Sache in ihr, denn was sich nicht auf ihr kleines Gaisburg be-
zog und nach ihrer Meinung darinne keine Anwendung finden könnte
blieb von ihr unbeachtet; so z.B. die Anlegung eines eigentlichen
Gartens und Gärtchens für die Kinder, wozu die allerschönste Ge-
legenheit da war. Überhaupt hatte das Ganze die schönsten Ei-
genschaften zur Ausführung eines vollendeten Kindergartens
im Sinne der Idee. Jetzt mußte ich mich mit Unvollkommnem
genügen und gehört dieser Fall daher [sc.: dahin], was ich oben erwähnte, wo
man nur theilweise die Idee gleichsam ausbeutet. Doch bin ich
mit diesem Keim- ja Ankerpunkt in Stuttgart zufrieden an
welchen sich sonst noch manche Bekannt[schaft], welche vielleicht ihrer Zeit
früher bringen kann knüpft.
Also am 1n Octbr. kehrte ich über Karlsruhe, wo ich übernachtete
nach Heidelberg am 2n Octbr. Mittwochs zurück. Ich habe eher ver[-]
gessen zu erwähnen, daß ich meine erste Reise in dem ersten Vier[-]
tel des Octbr. nach Stuttgart über Karlsruhe machte um dort
auf Anrathen und Empfehlung von Leonhardi einen Geschäftsmann
Namens Sonntag kennen zu lernen. Später komme ich darauf
zurück und muß darauf zurück kommen, denn der Mann
meint es seelengut, wahr und aufrichtig mit mir und der Sache
wie mit der Ausführung. Jetzt machte ich wie eben gesagt
meine Reise oder vielmehr meinen Rückweg nach Heidelberg
wieder über Karlsruhe um mich mit diesem Manne nochmals
zu besprechen. Sonst sah ich jetzt in Karlsruhe Niemanden
weil ich kein Materiale bei mir hatte.
Den zweiten Okbr in Heidelberg wieder angekommen fand ich dort einen
Brief von Ida aus Darmstadt worin sie mir schrieb, daß
die Jungfer Roos die Führerin der NiederIngelheimer Anstalt
 /
[4R]
jetzt da sey, um sich durch Anschauung und Theilnahme an der prakti[-]
schen Ausführung noch mehr auszubilden. Ich eilte Sonntags den 6. 8br
nach Darmstadt um der Jgfr Roos, der für Ingelheim so wichtigen Person,
noch zu Ihrer Fortbildung wesentlich Fingerzeige und Materialien zu
geben. Ich überzeugte mich daß Jfr Roos eine für ihren Beruf
und Stellung vorzügliche Person sey, so wie sie mich wiederkehrend
versicherte, daß sich die Anstalt in NIngelheim zur Zufriedenheit
aller Gutgesinnten namentlich der dabei betheiligten Eltern und Kinder kräftig fortentwickele und daß jetzt die Zahl der kommenden
Kinder mehr als Hundert seyen (Jetzt 115). Besonders versicherte
sie mich der Zufriedenheit des Kreisrathes von Kamsaska in Bingen,
der des kathol. Pfarrer Wagners und der gesamten Klotzschen Familie.
- In Darmstadt überzeugte ich mich von allen Seiten mit der völligen
Zufriedenheit, mit Ida Seele, so wie ihres so freudigen als seegens[-]
reichen Wirkens, wie Ihr aus der Anzeige in der Grßherzgl. hessischen
Zeitung die ich Euch zugesandt habe selbst ersehen haben werdet.
Jedes dort ausgesprochene Wort ist ehe es genehmigt worden
auf die Wagschale gelegt worden und der, welcher auf Aufforde-
rung des Vorstandes den Aufsatz gemacht hat - Herr Fölsing
gefragt worden, ob er auch für die Wahrheit des Gesagten einstehe? -
was er denn bestimmt bejaht hat.
Abermals das Nöthige in Darmstadt geordnet habend kehrte ich am 12en oder 13en 8br., ich
glaube nun zum viertenmale nach Heidelberg zurück um dort für
die Ausbildung eines Kindergartens mit allem Ernst wenigstens ein
Saamenkorn zu pflanzen. Es geschah dieß auf die Weise, daß der Lehrer
an der Kleinkinderschule Herr Antoni daselbst, sich bestimmt jeden
Sonntag Nachmittag von 2-4 Uhr eine Anzahl Kinder gebildeter
und wohlhabender Eltern unentgeltlich um sich zu versammeln [bemühte], um diese /
[5]
Eltern von dem guten Erfolge dieser Kinderführungsweise Thatbeweise in
die Hand zu geben. Während zwei Sonntagen, am 20 und 27 Octbr war
ich mit Leonhardi und dessen Frau bei diesem Kindervereine thätig ge[-]
genwärtig und es wird sich nun zeigen was daraus hervorgehen
wird; ich selbst habe während mehreren Tagen jederzeit Abends von
8-10 Uhr Herrn Antoni und Frau Mittheilungen gemacht um sie beide
so weit es nur immer möglich durch Einsicht und Übung in die Sache ein-
zuführen. Antoni ist sehr willig und in jeder Hinsicht selbst mit
Opfern in die Sache eingehend. Von Leonhardi sucht die Sache im Ver[-]
ein mit anderen Freunden nach Möglichkeit zu pflegen; der Schul[-]
direktor Louis (hochgeachtet in Heidelberg wie im ganzen Badener Lande)
wünscht - wie Ihr ja selbst aus seiner Euch übersandten Einladung
in No 254 des Heidelberger Journals gelesen habt - sehr die Aus[-]
führung "eines Kindergartens" nach klarer Idee in Heidelberg.
Zuletzt noch in Heidelberg bey <G u W> Kohlhagen (Kaufm)
eine Niederlage für die Spiel- und Beschäftigungsmittel errichtet
habend - und nachdem Leonhardi und ich noch andere Lebens-
pläne, die er Euch angedeutet hat besprochen hatten - so wie
nachdem ich vielseitige Mittheilungen durch Wort, Schrift-
und Drucksachen an einen gewissen Dr Hagen - einen sehr
lieben eingehenden Manne (:Verfasser der "Zeitfragen":) - für
eine öffentliche Besprechung in der ebengenannten Zeitschrift
und in der allgem. Augsburger Zeitung gemacht hatte; gieng
ich von Heidelberg Montags am 28n Octbr über Mannheim
nach Osthofen, 1 Stunde von Worms abwärts, wohin ich zur
Gründung eines Kindergartens von dem dasigen ersten Lehrer
Herrn Philippi eingeladen worden war. Der Gegenstand
wurde öffentlich in Gegenwart des Schulrathes und Kirchenrathes /
[5R]
von dem Gemeinderath unter Vorsitz des Bürgermeisters in mein-
ner Gegenwart, und nach Mittheilungen von mir besprochen.
Das Ergebniß war - daß - da sich zum Glück auch ein ange-
messenes Frauenzimmer zur Ausführung fand - sogleich mit einem
Versuche begonnen werden solle; die nöthigen Gelder dazu werden
vom Gemeinderath garantiert - Lehrer Philippi gab einstweilen
ein Zimmer dazu her und so begann ich sogleich während mehreren
Tagen obengenanntes Frauenzimmer <Betchen Keiel> in die Sache
einzuführen. Mittwochs den 6. Novbr begleitete sie mich
jedoch in Gesellschaft des Herrn Philippi nach Darmstadt um
sich demnach durch Anschauung praktischer Ausführung für die Sache noch ein
wenig auszubilden und ich selbst widmete beiden hier noch einige
Tage - so daß beide Ende jener Woche mit den besten Hoffnungen
nach Osthofen zurückkehrten. Zukunft muß den Erfolg zeigen.
In Darmstadt traf ich nach vorherigen schriftlichen Mitthei-
lungen eine Deputation bestehend aus Bürgermeister, Stadt
verordneten u Dr Med: Lutz Claus aus Bensheim nächst
Weinheim um sich zur Begründung einer Kinderanstalt da-
selbst von dem Erfolge meiner Kinderführungsweise in
Darmstadt zu unterrichten.- Sie waren mit den Ergeb-
nissen die sie fanden gar sehr zufrieden und baten mich
I ihnen eine Kinderführerin später nachzuweisen.-
Mit solchen Hoffnungen reiste ich Sonntags Mittags
über Mainz, (wo ich Personen kennen lernen wollte, davon
einmal später) nach Ingelheim um mich dort vom Stande
der Sache zu unterrichten. Ich traf Niemand als den Herrn
Pfarrer Wagner der mir das Beste versicherte.- Mon[-]
tags den 11 Nov kehrte ich über Mainz nach Frkfurt zurück wo ich nun noch bin. /
[6]
Herr Pfarrer Wagner hat einen sehr detaillirten Aufsatz über die
Ndr Ingelheimer Anstalt geschrieben welcher in diesem Augenblick
in dem Großherzgl. hessisch. Schulblatte in Offenbach abgedruckt wird.
Ich hoffe ihn bald zu erhalten und Euch denselben zuzusenden.-
In Frankfurt traf ich alles beim Alten nur eine Art Concurrenz
fand ich vor, weßhalb ich jetzt ganz hauptsächlich an Euch schreibe.
Du Middendorff, kennst die Lebensmuthigen Gebrüder Wolf in
Sachsenhausen wovon der eine Lehrer an der dasigen Kleinkinderschule
der andere zwar Forstmann allein auch Privatlehrer und Fertiger kleiner
Lieder und GelegenheitsVerse ist. Du weißt auch, jener war gleich
spiel- und singfertig und in beiden Arten erfindend.
Dieser sagte mir nun erstlich daß er zu circa 30 Bauliedern
Melodien aus Volks- und andern ansprechenden Opern Musiken
entsprechende - wie er sich ausdrückte "klassische Stellen" aus[-]
gesucht habe und solche den Worten oder vielmehr die Worte ihnen
angepaßt habe; in letzterer Beziehung nun hat er manche
Worte, Verse und ganze Stellen, ja die ganzen Liedchen, doch
dieß nur sehr einzeln verändert, auch wohl ein- oder einige-
male verschiedene Stellen compiniert [sc.: kombiniert].- Genug er ist, wie
Du Middendorff, dieß auch schon von Herrn Schneider weißt - gar
sehr von seiner Arbeit eingenommen, nennt sie einen Strauß treff-
licher Blüthen rc. Einige Melodien sind aber auch gerade zu von uns aufgenommen worden. Er ist auch damit sogleich zu einen Buchhändler
gegangen um sich für die Sache
einen Verleger zu suchen.
Bis jetzt ist aber keiner auf seinen Wunsch eingegangen. Er hat
nemlich den Vorschlag gemacht, Zeichnung und Liedchen als ein
Ganzes auf ein Doppel Duodezblatt zu setzen und zwar
so: [*Zeichnung: aufgeklappter Bogen, linke
  Seite Zeichnung, rechte Seite Text "Lied mit
  Noten"*].
Auch in dieser Hinsicht hatte er schon mit einem
Lithographen gesprochen, welcher sich auch /
[6R]
geneigt gezeigt hat die Arbeit, wie Herr Wolf sen. wünschte
noch zum Weihnachtsfeste zu liefern. Darüber nachher gleich
mehr.- Auch bei einem Tischler war er gewesen und sich von diesem
Probekästchen liefern lassen und zwar, da er nur darauf rechnet
den Beifall der Familien zu erhalten, - so daß in jedem Kästch[en]
8 Würfel und 8 Bauklötzchen zugleich liegen.- Er sagte, dieß
wird gewiß in dieser Verbindung ein gesuchtes Spielzeug zum
Weihnachtsfest liefern.- 8 Würfel 8 Bauklötzchen nebst einem
Kästchen dazu will ihm ein Tischler für 12 Xr liefern. Er rechnet
also jeden Würfel ½ Xr und das Kästchen 4 Xr.- Du siehst nun
daraus wieder daß er billiger verkaufen kann, denn ich muß
(irre ich nicht) 100 Klötzchen oder Würfel zu 1 rth. bezahlen, während
dieser für 100 Klötzchen oder Würfel nur 48 Xr fordert.
In dem Probekästchen hatte er auch oben etwas freien Raum
gelassen um dahin die obengedachten Zeichnungen zu legen.
Weiter sagte er mir, daß er für Kinderbeschäftigungsanstalten
die Kästchen nicht gut fänd indem die Kinder so viele zerbrächen
Er habe also den Gedanken Kästen von 200 Würfeln für
25 Kinder und zu 400 Würfel oder Bausteinen für 50 Kinder
machen zu lassen und er zweifle nicht die Sache werde
Anklang u Abgang finden.-
Ihr werdet alle einsehen so sehr mich diese Mittheilung be[-]
fremden mußte, so wenig konnte ich etwas dagegen sagen
denn 1) die Lieder sind im Publikum und bis jetzt kann
sie noch jeder Componist in Musik setzen oder Musiken
denselben anpassen und öffentlich verkaufen.- 2ens für
die Anfertigung weder der Klötzchen noch der Kästchen
kann ich ein Patent oder Monopol in Anspruch nehmen
Nur gegen das Aufnehmen von uns eigenthümlichen Melodien /
[7]
konnte und kann ich später sprechen, nur wollte ich in dem Augenblick
nichts sagen, um ihn nicht mißliebig zu machen.- Ich machte nun
zuerst Herrn Wolf den Vorschlag: Euch die gewählten Melodien und
Lieder zur Prüfung zu überschicken, wo wir denn jede derselbe welche
wir aufnehmen würden ihm anständig honorieren würden; Zu welchem
Zweck er mir die Lieder anvertrauen möchte ich gäbe ihm mein Wort,
daß wir ohne sein Wissen und Willen keinen Gebrauch davon machen wollen.
Doch darauf wollte er nicht eingehen, weil er nemlich von seiner
Sache auf das stärkste eingenommen ist. Nun trug ich ihm an, ihm das
ganze Manuskript zu unserem Gebrauche abzukaufen, er möchte
nur das Honorar bestimmen; allein auch hierauf wollte und will
er bis jetzt noch nicht eingehen, weil er eben zu viel Werth auf
seine Quasi- oder Adoptivvaterschaft legt und sich wohl gern
bei Note und Lied namentlich gedruckt sehen will. Um ihm auch in
dieser Hinsicht entgegen zukommen habe ich ihm versprochen zu jeder
Musik von welcher wir Gebrauch machen würden seinen Namen
hinzuzufügen. Er legt aber wie ich schon sagte großen Werth auf
das Ganze als eines trefflich ausgewählten Blumensträuschen.
Er hat nun auch wirklich nochmals mit dem Lithographen ge-
sprochen, was auch ich nun zu thun mich genöthigt sehe. Dieser hat
nun vorgeschlagen zur Papier- und zur Druckersparniß
Zeichnung u Bild Lied auf ein Blatt zu machen also das Bild oben
das Lied oder die Musik unten, zB [*Zeichnung mit Text: "in
  8°"*]. Hier verlangt nun der
Lithograph für 16 Lieder und Zeichnungen also für 2 Bogen: fl 25
für 100 Bogen 40 Xr also für 100 Exemplar Drucklohn 1 fl. 20 Xr[.]
Rechnet man nun das Nöthige Papier dazu zu 3-4 fl. nemlich 2 <Ses>
Nehmet dazu nun noch das Honorar für Lied u Composition, nehmt
wegen Verlust und Provision oder Rabbat dann das G[an]ze doppelt
so könnt ihr nach Maaßgabe der Größe der Auflage den ohngefähren /
[7R]
Preis bestimmen.-
Wolf hat mir nun folgenden Vorschlag gemacht; wir sollten die
Baulieder - wobei er immer die seinigen als vorzüglich passend und
gelungen im Auge hat - (die Kinder der sachsenhäuser Kleinkinderschule
singen sie schon sämtlich nach Herzenslust) - in Lesen (wie er
es nennt zu 16-20 Liedern herausgeben, und die erste
Lese zugleich mit den Kästchen abgeben, jede folgende Lese aber
besonders für jeden der sie verlangt. Wolf wünscht ferner, daß
die Sache noch zu diesem Weihnachtsfeste geliefert werde, und
der Lithograph hat auch versprochen Zeichnung und Abdruck zu
liefern und zwar beides auf das Gediegenste und Sauberste.
Was ist nun Euer aller Ansicht von dem Ganzen?-
Schon diese Frage nur an Euch zu thun ist mir widrig; denn ich
weiß Ihnen, lieber thätiger Kohl, wird das Ganze besonders un[-]
angenehm sein. Allein nochmals - was ist zu thun?-
Erscheinen dürfen wir die Lieder als selbstständige Sache nicht
lassen, denn daß sie erstl[ich] als diese Mixtur mehr Beifall finden
als das Einfache ist gewiß, - so wird also schon die Reinheit
der Idee getrübt - wenigstens müßte es als eine Verbindung
der 3 u 4' Gabe erscheinen. Daß sie auch durch das An-
knüpfen an bekannte Volkslieder und Stellen aus den Opern
bei Vielen, welche diese kennen mehr Anklang finden als
die eigens zu den Bauliedchen componirten, ist wohl auch
keinem Zweifel unterworfen. Ich dachte also wir suchten
die Lieder in unsere d.h. in Kohls Sammlung mit Wolfs Namen
als Arangeur aufzunehmen; denn erstl. der Gedanke aus
den Lesen oder Heften ist wohl gut; - auch der Gedanke, welchen wir
ja selbst schon hatten mit Lied u Zeichnung ist gut.- Jetzt seht
Ihr wie ich recht hatte, daß ich längst wünschte die Sache herauszugeben[.] /
[8]
Ich habe gearbeitet was ich konnte, müde und matt habe ich mich ge-
arbeitet, todt müde, doch konnte ich es nicht erschwingen, obgleich
ich kann sagen im Wesentlichen auch nicht eine Stimme dagegen, ja
sogar die Meisten und unter diesen erfahrene, denkende Erzieher und
Lehrer für das Ganze waren - ich konnte u kann es bis jetzt noch
nicht erschwingen. Ihr seht ich mag keinen wesentlichen, auf unser
gemeinsames Leben zurückwirkenden Schritt allein thun um
nicht nachtheilig auf Keilhau das h. auf unsern hohen gemein[-]
samen Zweck zurück zu wirken. Möchte nun Keilhau als ein
Ganzes auch die Idee die ich vertrete so in Schutz nehmen.-
Heut ist mir die Zeit zu kurz mich auf die allseitig günstigen
Urtheile über die Idee und deren Kraft und Geist wohlthätiger
Lebenserneuerung einzulassen. Morgen schon muß ich Euch mehr
schreiben.-
Ich bitte Euch nehmt das Ganze sogleich in Berathung und
schreibt mir umgehend - Am besten ist es vielleicht daß
Du Middendorff selbst einige Worte an Wolf sen. schreibst
und mir offen überschickst; damit ich dem Inhalt gemäß sandte[.]
- Daß die Bauklötzer bei ganz gleicher Güte wohlfeiler geliefert werden müss[e]n ist
natürlich, sonst verkaufen wir nichts[.]
In Heidelberg will ein Tischler das Kästchen für 18 Xr liefern
was mir - wenn ich noch Rabbat an den Kauf geben soll
oder diesem doch den Ansatz und seine Provision sichern soll, unmöglich ist; allein
wenn ich hier das 100 Würfel oder Klötzch[en]
für 48 Xr vielleicht noch billiger erhalte und der Fracht über[-]
hoben bin, so kann ich dann schon concurriren.
Ich habe 100 fl. Rhein. liegen welche ich für Blankenb[ur]g bestimmt
habe, ich dachte solche morgen an Dich Barop abzusenden, schreibe
mir was ich thun soll. Würfel werde ich einige Hundert hier nach /
[8R]
lassen oder um das Bedürfniß am Main, Neckar u Rhein
damit zu versehen.- Morgen mehr.- Ich wohne bei
Kosel - (wie viel verdanke ich jetzt dem Freund) - Briefe
bitte ich jedoch stets an Karl Schneider zu addressiren.
Du Middendorff mußt aber in dem Brief an Wolf sen. ja
alles störende vermeiden, denn du weißt wie störend
eine Mißstimmung von jener Seite her auf das Ganze zurück
wirken kann und wird, indem Sachsenhausen zu der Thä-
tigsten, ja auch lebenvoll eigenhendsten [sc.: eingehendsten] Anstalt Frankfurts
gehört, ja daß sie selbst viel von <Fremden> besucht wird rc.
Jetzt Euch allen die herzlichsten Grüße - Ich sehne mich
sehr nach Nachricht von Euch.
D. E. Fr. Fr.

Leset und berathet zuerst:
die auf den letztern Blättern angestrichenen Stellen[.]