Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 19.11.1844 (Frankfurt/M.)


F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 19.11.1844 (Frankfurt/M.)
(KN 56,30, Brieforiginal 3 ½ B 8° 13 S. - Der Brief ist nicht unterschrieben und wurde vermutlich zusammen mit denen an Middendorff u. Barop v. 18.11. bzw. an Barop v. 20.11.1844 verschickt.)

          Frankfurt a/m. Dienstag am 19 Novbr. In Kosels Wohnung.
(Bleibende Adr. an K. Schneider[.])

     Guten Morgen.

Ich knüpfe meinem Versprechen gemäß sogleich daran wo ich gestern
stehen geblieben bin um nun in die Ausführung und das Einzelne
herabzusteigen.- Du erinnerst Dich vielleicht Barop, daß schon nun
wohl vor 2 oder 3 Jahren mir Leonhardi einen erfahrenen Geschäfts-
mann Namens Sonntag in Carlsruhe nannte und mich aufforderte
zum Ordnen und Betrieb eines Geschäftes, mich mit demselben be-
rathend in Verbindung zu setzen, indem derselbe sich schon mehrfach
in den ersten Handlungen und Geschäften z.B. selbst bei Cotta als
ein klarer, verständiger, umsichtiger und sicher zum Ziele führender
Geschäftsmann, Ordner u.s.w. bewährt habe.- Auch dießmal
wieder bei meiner ersten Anwesenheit in Heidelberg und Karlsruhe
forderte mich Leonhardi auf denselben aufzusuchen und mich mit ihm
hinsicht[lich] des nutzbaren und zum Ziele führenden Betriebes meines
Unternehmens berathend zu besprechen. Leider wurde ich dort davon
abgehalten; erst bei meiner zweiten Anwesenheit in Carlsruhe
gieng ich zu ihm um die Sache ernstlich mit ihm zu berathen. Nachdem ich
ihm alles durch die Darlegung der Thatsachen mitgetheilt hatte, sagte
er: - er sey erstlich nicht nur ebenso wie schon früher sondern noch mehr
von der Tüchtigkeit und des in sich gegründeten der Idee und deren
Ausführbarkeit überzeugt, er sey auch geneigt sobald seine jetzige
Verbindlichkeit gelöst sey sich dem Ordnen u der Ausführung des Ge-
schäftes zu unterziehen nur müsse er mir gleich von vorn herein
sagen, daß das Geschäft und dessen Betrieb ganz anders und
viel praktischer erfaßt werden müßte: Die Spiel- und Beschäf-
tigungsmittel so vorzüglich und entsprechend sie an sich und in Be-
ziehung auf das Kind sie seyen, so ständen sie noch viel zu sehr /
[1R]
vereinzelt, unbekannt und unerkannt, also noch zu wenig im
wirklichen Leben angewandt da um das ganze Unternehmen
zu tragen, dieß müsse nothwendig durch Brotartikel (wie man
von Brotstudien spricht) geschehen welche mit in dem Plane und
vor allem in der Ausführung des Ganzen aufgenommen werden beg
müßten. Diese Brotartikel deren Aufnahme in den Plan des Ganzen
und deren Ausführung durch das Ganze, liegen aber auch eben ganz
direkt in dem Ziele und Zwecke des Ganzen, es seyen dieß vor
allem erzählende Kinderschriften, zweckmäßiger der Kindes-
natur angemess[en]er Art; woran - ich möchte mich durch das
Meer von Kinderschriften nicht teuschen lassen - dennoch ein großer
Mangel und <wonach> große Nachfrage als nach einem dringenden
Zeitbedürfnisse sey.- Durch diese erzählenden tüchtigen Kinder-
schriften müßten wir nur unsere ErziehungsIdeen, Gedanken
und Grundsätze vereinzelt und nach und nach in die Kinder-
welt, in die Familien und so ins große Publikum einführen
und auf gleiche weise aber auch zugleich unsere Spiel- und Be-
schäftigungsmittel selbst deren Gebrauch und Anwendung da u.
dort eben durch eine Erzählung und Geschichte zeigen. Solchen [sc.: Solche]
kleine zugleich mit Zeichnungen, Liedchen, Noten nach Umständen
geschmückten Schriftchen müßten aber zugleich für verschiedene
Alter verschiedene erscheinen, sie müßten in solchen Auflagen
und so schnell vertrieben werden, daß bey aller scheinbaren Klein-
heit des Gegenstandes doch ein wesentlicher, das Unternehmen sichern-
der Baargewinn davon zu erwarten sey. Auch sey er wohl
geneigt die f technische und Geschäftsausführung zu übernehmen
und er hoffe bei seinen Erfahrungen in allen dahin einschlagenden
Zweigen, das Ganze wohl zu dem gewünschten und nothwendigen
Ziele zu führen, so bald ich das nöthige Betriebskapital nach- /
[2]
weisen und zur Verfügung der Ausführung des Gedankens stellen
kann. Er machte sogleich nach Erfordern des Zweckes einen Über-
schlag hinsichtlich der Größe des absolut nothwendigen Betriebs-
Kapitales und es ergab sich daraus, wenn das Geschäft irgend
mit Vortheil und nothwendigen Gewinn wie innerer Sicherheit
getrieben werden soll, daß das BetriebsKapital mindestens
6000 Rth. prß. Ct betragen müsse. Herr Sonntag theilte sich eben
diesen Plan auch Leonhardi mit, und er würde [sich mit] mir mehrfach un-
ter- und berathen und besprechen[.] Ich mußte der Ansicht Sonntags
hinsichtlich des Bedürfnisses zweckmäßiger Erzählungs- und Kinderschriften, namentlich
für die ersteren Lesejahre des Kindes ganz
beipflichten indem ein Buchhändler in Darmstadt bei
welchem ich zweckmäßige KinderErzählungen rc. suchte (er kannte mich nicht)
mir sagte: - es ist ein großer Mangel an zweckmäßigen Schriften
dieser Art, wir haben eigentlich nur Christoph Schmid und dieser
ist doch nur einseitig, endlich fügte er mit erhobener Stimme hinzu
(:es war eben das Mutterbuch in Darmstäder und Frkfurter Zeitungen besprochen
worden:). Middendorff und Fröbel sollten sich der Abhülfe
dieses Bedürfnisses unterziehen von diesen erfahrenen Kinderfreun[-]
den ließe sich etwas zweck- und zeitgemäßes erwarten. Außer-
dem bin ich wirklich unzählige mal von Erziehern und Eltern
auf den Mangel an tüchtigen, nicht <negistischen>, nicht unsittlich
dem sittlichen Handeln goldne Berge und Kleidchen und dem frommen Sinn
erst Himmelslohn versprechenden - KinderSchriftchen aufmerksam ge-
macht worden; - dieß alles machte daß ich dem Gedanken
und Vorschlag Sonntags, so weit dessen Ausführung von mir
abhing große Aufmerksamkeit schenkte und ich sogleich an-
fing an Stoff zu solchen Schriftchen und Erzählungen aus dem Schatze
meiner Lebenserfahrungen sammelte [sc.: zu sammeln]. Damit nun versehen /
[2R]
suchte ich nach meiner zweiten Rückkehr von (ersten Reise nach) Stuttgart nach Heidelberg, welche ich
über Carlsruhe machte Herrn Sonntag zum zweitenmale
auf. Ich theilte ihm meine bisherigen [sc.: bisherige] Bearbeitung des Gegen[-]
standes mit welcher theils geradzu anerkannte theils be-
richtigte und wir bearbeiteten dann während eines ganzen
Abends bis spät den Gegenstand gemeinsam weiter,
das Endergebniß war jedoch das schon eben ausgesproche-
ne frühere mit der Erweiterung jedoch: - Suchen Sie
mit Hülfe ihrer Freunde einen Mann zu finden, welcher sich
geneigt zeigt das nöthige Betriebskapital des Ganzen min-
destens Rth. 6000 prß. Crt. herzugeben ich will dann
gern auf eine den Geschäftsmann befriedigende kurze
Weise durch Berechnung nachweisen[:]
1. Wie das Kapital gerad in diesem Unternehmen noth-
       wendig gesichert ist.
2. Wie es die gewöhnlichen Interessen nicht nur sichert
       sondern wie auch
3. das ganze Unternehmen mit allem was es zu seinem leben-
       vollen Fortbestehen und zu seiner Fortbildung bedarf, ge-
       deckt ist.-
Du siehst also lieber Barop es handelt sich nicht darum wie früher
ich, wenn Du willst, Middendorff und auch mein Bruder ge-
than hat ein Kapital einer unbestimmten dunklen Ahnung
des Wahren, Rechten und Richtigen zu opfern, sondern
es handelt sich darum ein nachweislich sicheres und gesichertes
Geschäft zu gründen. Ich möchte sagen ein Geschäft welches
zu mir und meinen bisherigen Unternehmen, wie die
so erfolgreiche Schäffersche Wirksamkeit und Unternehmungen
zu denen von Gutenberg standen.                     Barop! /
[3]
Barop! Jedermann höre besonders hier am Rhein, Main u Neckar
wo Du willst, Eine Stimme ist es die sagt: Wir gehen einer ganz
neuen Ordnung der Dinge entgegen, ehe 10 Jahr vergehen sind die
Bürgerlichen und Lebensverhältnisse so umgeändert daß man die alten
nur noch schwierig erkennt; ein großer Lebenskampf steht uns bevor.
Was fordert Deine Pflicht als Vater mußt Du nicht Deine Kinder und ihre
gesammten Lebensverhältnisse dieser neuen LebensEntwickelung ent-
gegenbilden, willst Du sie unvorbereitet und ungesichert in dem neuen
Lebenskampf eintreten lassen daß sie in demselben untergehen wenn
sie auch nicht einmal das höchste, wenn sie ein höheres menschliches
und menschheitliches Streben haben?- Eine Grundlage mußt Du
doch dem Leben Deiner Kinder Deiner Familie geben, die doch
nicht in ihrer Ausbreitung an eine Scholle gebunden seyn kann.
Welche Grundlage willst Du I ihnen G geben?- Die Religion, die
Kirche? - welche hat ihre reinen menschheitlichen Grundlagen hervorge-
bildet?- Magst Du Deine Kinder diesem unabsehlichen Kampfe ent-
gegen- und für denselben bilden?- Der Staat?- Soll der Dir
die Grundlage zur Sicherung des Glückes Deiner Familie geben?-
Wo ist der zu dessen Dienern Du die Deinen erziehen möchtest
der Dir als Mensch ganz genügte?- Amerika sagst Du
vielleicht.- Ja Du hast Recht! allein Amerika ist der Staat
zu und für Entwickelung des rein Menschheitlichen; wenn er sich
anders versteht und sich treu bleibt, dasheißt vom Materialis-
mus dazu empor arbeitet. Also dafür mußt Du selbst wenn
Du Amerika mit mir im Auge hast Deine Kinder erziehen. Amerika
bedarf eines ungeheuern <sprach- wie>, intensiven kraftvollen
geistigen Wirkens, wer solche Geisteskraft nicht getragen
von Körpergesundheit mit dahin bringt geht in Amerika
geistig wie in Deutschland leiblich unter, {die Masse/ die Materie} erdrückt ihn. /
[3R]
Willst Du das Glück und Bestehen, die freudige frische gesunde
Fortentwicklung Deiner Familie an das materialistische
und Gewerbstreben in Deutschland knüpfen?- Suche die Er-
folge auf Geist u Gemüth und alles höhere menschliche Leben
in den Familien aller derer welche hier Lebenssicherung suchen
und für sich finden.- Was bleibt hier übrig?- Eine
neue Zeit soll kommen!- Warum kann sie in Hinsicht auf
auf die Sicherung unserer irdischen Subsistenz bestehen,
denn Brot, d.h. Nahrung; Kleidung, Wohnung, das ist doch das aller-
erste was wir ich möchte sagen für den Körper für den Leib bedürfen; allein ich möchte sagen wir bedürfen
auch Nahrung, Kleidung
und Wohnung für den Geist, d.h. Verhältnisse u Mittel zur Pflege
und Kundmachung des Geistes; Warum kann also die neue
Zeit in Hinsicht auf die Sicherung unserer leiblichen und geistigen
Subsistenz bestehen?- Woher soll sie uns kommen?-
Nach meiner festen Überzeugung nicht von der Kirche und was
ihr angehört; auch nicht vom Staat was er, wie er besteht
alles in seinen Bereich zieht z.B. Erziehungs- u Univers[it]ätswesen; auch nicht vom äußeren mate-
riellen Betrieb und Geschäfte
, sondern rein von der all-
seitigen und reinen Pflege der Idee, des Gedankens, und der Idee
und ihrer Pflege
, die Ausführung des wahren Gedankens muß
wieder die geistige wie leibliche Subsistenz sichern, und
- da giebt es denn keine tiefer greifendere, keine allgemeiner
geltende, keine der Ausführung mehr dem sich allgemein aussprechen-
den Bedürfnisse entspräche; keine die darum mehr praktischer
wäre, als eben die Ide[e] früher entsprechender Kinder- und
Kindheitpflege und die sich daraus entwickelnde angemessenere
Jugenderziehung und besonders des Schulunterrichtes - denn
welche lauten Klagen erheben sich jetzt gegen die Parforceweise Lehr- /
[4]
Art und Unterrichtsart in den Staatsanstalten.
Also Barop! überlege Dir in Übereinstimmung mit Deinen Vaterpflichten,
in Rückbeziehung auf das heilige Bestreben der Sicherung des geistigen
und leiblichen Wohles Deines sich immer erweiternden Familienkreises
recht ernstlich die Sache, denn von Außen kann Dir nur der Gegen-
stand zur Berathung vorgelegt werden entscheiden mußt Du frei
aus Dir selbst. Ich kann Dir nur die Sache und das Ganze vorführen
wie ich es sehe, Du mußt entscheiden ob Du darinn auch Deine
Lebensansicht, Deine Lebensforderungen, Deine Lebensbestrebungen
die Erfüllung Deines Lebensberufes und Deiner Lebenspflichten
findest. Ich kann Dir gar nicht genug aussprechen, welch eine
innerste Ruhe, welch eine allgemeine Befriedigung sich in mir
ausspricht wenn ich das Ganze so allseitig in mir überdenke, es
ist mir (und dieß ist für mich immer ein großer Beweis das Wahre ge-
funden zu haben) so wohl, so wohl als habe ich den Stein der Weisen
gefunden.- Könntest Du auf meinen Antrag und Vorschlag ein-
gehen und irgend[wie] durch Deine Familienverhältnisse das nöthige Betriebs-
Kapital dem Ganzen verschaffen, so dünkt es mich als hätten wir
gleichsam von neuem in praktischer Anwendung das Sonnensystem
gefunden; alles und jedes bekommt seine richtige Stelle, von
allem und jedem ist die freie Entfaltung gesichert, gesichert,
wahrhaft gesichert, denn das Ganze ruht nun nach jeder Seite
hin in sich. Alle Glieder u Kräfte Deiner Familie d.h. zunächst Deiner
Kinder können sich frei entfalten, die kleinsten Kräfte schon für
ein großes bleibendes Ganzes wirksam werden; alle und jede
Kraft in Deinem Kreise wohin sie sich in der Entfaltung wende, wächst
organisch - lebenvoll - als lebendiges Glied dieses menschheitlichen
Lebensganzen herauf denn welcher Kraft könnten wir nicht eine
Thätigkeit eine würdige anweisen der Kunst, der Wissenschaft, dem Gewerbe[?] /
[4R]
Ich sage Dir Barop! Dieß würde eine Weltwirksamkeit werden
- eine entwickelnd allseitig erziehende und bildende - wie die
Zeit keine gesehen hätte. Selbst die Wirksamkeit eines
Meyer würde nach Jahren klein dagegen seyn, denn wir erfassen
das tiefste Bedürfnisse der Menschheit; das tiefste Be-
dürfniß unseres u jedes Volkes, unserer und jeder Familie
wie unser eigenstes persönliches Bedürfniß und das
Bedürfniß jedes einzelnsten Menschen in welchem Stande
er sey - d.h. die Pflege und Erziehung der Menschheit
des Menschheitlichen in jedem Menschen und in jedem <Menschen>
- die Herausbildung dieses Erziehungsganzen aus dem
germanischen Geiste, gestützt auf das germanische <Pani[e]r>
als dem Vertreter des allgemein M menschheitlichen.-
- Überlege Dir das Ganze Barop! aber überlege es Dir als
Mann! Überlege es Dir vor der Geschichte, der gewesenen
- der daseyende[n] - wie der kommenden und werdenden -
überlege es vor Deiner Familie und ihrem Streben ebenso
in allen Zeiten; überlege es Dir vor dem Urgrunde alles
Seyns, aller Einsicht und aller schaffenden Thatkraft.-
Barop! Du forderst Aufrichtigkeit von mir, Du forderst ich
soll frisch von der Leber reden; ich thue es und will es noch thun.
Siehe bisher hat Dein Leben, Dein Streben, Dein Geist und seine Kraft
bei all dem Bleibenden was Du in unserm Kreise gewirkt hast, doch
nicht seine volle und wahre Stelle und Wirksamkeit gefunden, jetzt
hier wird sie Dir gezeigt. Jetzt erst trittst Du in Deine richtige
Stelle in dem Kreis, wirst als der jüngste noch kräftigste Mann
die Spitze des Ganzen - Und - zu Deinem Geburtstage kommt Dir
dieß - wie mir so eben ganz ungesucht und unerwartet einfällt alles
dieß, damit in u durch denselben Dir zugleich ein höheres - Dein Leben
in seiner wahren höchsten Bedeutung geboren werde.- /

[5]
Frankfurt Dienstag Nachmittags 3 Uhr den 19. Nov. 1844.

Barop.
Nachdem ich das, in der beiliegenden Fortsetzung Deines gestrigen
Briefes niedergeschrieben hatte, was eine innere Stimme mich trieb
welcher ich unausweichbar folgen mußte, habe ich Deinen lieben Brief
nochmals ruhig Punkt vor Punkt durchgelesen und ich will ihn um auch
Dir davon Beweis gebend Punkt vor Punkt beantworten.
1. Wie Ihr Anweisung zur Ordnung meines Geschäftes von mir erwartetet
       hoffte ich sie Euch täglich zu senden; allein ein furchtbares Gefesseltfühlen
       hielt davon ab[.]
2. Die Verwirrung und steigende Schwierigkeiten in Lösung der Sache fühlte ich kommen
       ich arbeitete mich müde um sie durch herbeizuführende Verhältnisse
       zu lösen; doch war es mir trotz alles Strebens, selbst mit Hülfe und
       Theilnahme des treusinnigen Leonhardi, welcher mir hierher noch deßhalb
       schrieb nicht mögl[ich.]
3. Du kannst Dir nun denken wie mir bei allen Ansprüchen bei dem Hinblick
       auf jenes Drunter u Drüber im Gemüthe seyn mußte, und doch mußte ich es
       dulden, weil sich hier ein Durchdringen v. Zeit zu Zeit zeigte.
4. Ich werde darum weder über Deine Treue und Deinen Rath weder un-
       willig noch erkenne ich denselben unbefugt. Ja l. Barop lasse uns ge-
       meinsam der abermals drohenden Gefahr so einsichtig und so be-
       sonnen als möglich zu begegnen. Alles was ich bin und was ich habe
       stelle ich hierin Dir zur Verfügung. Denn eine furchtbare Gemüths-
       fessel hielt mich, wie kann ich sagen wie lange gebunden. Indem ich Dei-
       nen Brief ruhig lesen und wieder lesen, indem ich ihn so wie [ich] that beant-
       worten kann hoffe daß sie entlich [sc.: endlich] mich verlassen u schwinden möge.
5. Möge das Schicksal mich nicht so hart beugen, daß die junge Saat
       in den Rheinlanden gleichsam durch meine eigne Schuld (:das weiß ich
       und dennoch konnte ich nicht anders:) wieder zertreten werde. /
[5R]
6. Gern will ich Dich und Euch mit der Sachlage so viel als möglich bekannt
       machen, daß ihr durchgreifend handeln könnt; doch würde ich nachdem
       ich Deinen Brief gelesen habe und jetzt wieder lese, sogleich von hier
       aufbrechen und zurück kehren wenn ich nicht durch einzelne Entwicke[-]
       lungen z.B. das Schneider das Lager abgeben will zurück gehalten
       würde.
7. Daß der Geschäftsführer sich die Sache wenig anfechten läßt, thut mir weh.
8. In Deiner, mir mitgetheilten, Ansicht der Sache hast Du ganz recht
       meine vorigen Briefe bestätigen die guten Hoffnungen u Erwartungen die
       Du heegest; allein auch darin gebe ich Dir ganz und unbeschränkt
       Recht daß nichts natürlicher ist als die Forderung - mein Geschäft mit
       dem allgemeinen Gesetz der Entwickel[u]ng meines Strebens in Ein-
       klang zu bringen.
9. Ich füge mich ganz willig in jede äußere Beschränkung alles Unnöthigen[.]
       Außerdem will ich auch noch überdieß gern Alles opfern und
       verkaufen, was zur augenblicklichen Deckung der Forderungen nöthig
       ist - nur, wenn es möglich ist, hemmt die jetzt so vielseitig be-
       ginnende Entwickelung der Idee in ihrer klaren Gestaltung nicht[.]
10., Die Einzelnheiten der Geschäftsführung kann ich jetzt noch nicht bestimmen,
       doch denke ich ja bald, bald nach Hause zu kommen; doch scheint es
       Euch früher nöthig, so thut was Ihr für nöthig achtet - nur bedenkt
       bedenkt es ja daß viele geistige Arbeiten auf mich harren
       denen ich mich um ihre Forderungen zu erfüllen ungetheilt mit
       Geist u Gemüth, Leib u Seele hingeben muß.
11. Wenn ich durch gerichtliche Verpfändung den in Leipzig zu hoffenden
       Einnahmen durch Deine Vermittelung ein Capital von 800 rth
       bekommen könnte, so glaube ich wäre es das beste. Ich habe mir
       in Verbindung mit Leonhardi die größte Mühe gegeben, allein
       unsere Anstrengungen waren umsonst. Selbst Leonhardi /
[6]
        ist ganz betrübt darüber, wie er mir auch in dem jüngsten Brief
       schreibt.
12. Du schreibst "um mich wieder sehen lassen zu können."- Nein Barop
       lieber Barop! nicht <Frust> vor der Rückkehr hat mich von der Rück-
       kehr bisher zurückgehalten, sondern das Ergreifen jeder sich mir
       darbiethenden günstig scheinenden Gelegenheit um eine günstige Wen-
       dung meines gesammten Verhältnißes besonders durch steigendes
       und sich immer mehr verbreitendes Anerkenntniß meines Wirkens
       herbei zu führen, sowie besonders das Bedürfniß meine
       Lehrmittel zu befördern.
13. <Dann>[.] "Du bemühest Dich diese brieflich zu beruhigen." Kann Middendorff
       Zeit erübrigen um es da und dort zu können so bin ich ihm auf
       das höchste Dank verpflichtet. Denn meine Lage ist ja nur einzig
       dadurch gekommen, daß mir die Gelder so unerwartet spät
       eingehen.
14. oder [sc.: aber] schreibst Du ferner "- oder Du läßt ein Moratorium nach-
       suchen["] was mir wie auch ich glaube nach dem Stande der Lage
       nicht verweigert werden kann, denn bei dem niedrigsten
       Laden Verkaufspreiß ist muß ja das zu Fordernde oder die
        Activa die Passiv[a] 2 mal übertreffen.
15. Also thue Deinem Versprechen nach das Beste: Du siehst aus
       diesem Briefe daß ich endlich wieder, ich möchte sagen von einem
       furchtbaren Todteskampf zum Leben erwacht bin. Es werden
       ja die Fesseln bleibend nun schwinden, welche meine Kraft und
       Willen so furchtbar gebunden hielten. O! ich erkenne die Forderung
       der Ordnung und des Gesetzes an; ich strebe nur das Gerechtigkeit sey auch dem Ärmsten[.]
16. Was die Anzeigen betrifft, so habt ihr Recht, nur
       müssen solche kurz in Buchhändler Sprache also glänzend hervorhebend
       seyn, das hilft einmal nichts u geht nicht anders. Von Sauer- /
[6R]
       länder hier wird deßhalb auch in Blankenburg ein Gesuch
       hinsichtlich der Koselieder eingehen; ich war gestern bei ihm
       und so ist die Sache abgemacht; morgen erhalte ich in Beziehung
       auf die Koselieder vielleicht einen Entwurf von ihm. Es
       giebt und gäbe hier noch mehr zu thun ich kann gar nicht durch-
       kommen, so viele kleine Keime und Verhältnisse sind nach der
       Ansicht Leonhardis zu pflegen: ach! nur die persönlichen Beziehungen und
       die mündlichen Besprechungen machen das Ganze.
       Ich wollte nur ich hätte ein recht vollständiges Sortimen[t]
       der Spielsachen hier namentlich fehlt es mir an Lithographien
       und Kästen der 5e u 6' Gabe. Sage Middendorffen
       die Blankenburger sollen mir mindestens 1 Dzzend Litho-
       graphien zur 5e und zur 6' Gabe mehr schicken.
17. Also lieb es mir [wäre] wenn Anzeigen eingerückt werden, nur eben
       da wo Wirkung zu hoffen ist z.B. in die Dorfzeitung - im Allg.
       Anz. der Deutschen vielleicht in eine Leipziger Zeitung - in das
       Rudolstadt Wochenblatt - nur muß alles sehr kurz schlagend
       hervorhebend seyn. Denn diese Anzeigen kosten furchtbares Geld[.]
18. Die Koselieder noch vor Weihnachten hefteweise erscheinen zu
       lassen erscheint mir ganz unmögl[.] zumal da Dein l[.] Brief
       so spät mir zur Hand gekommen ist, sonst erkenne ich alles an[.]
19. Geliebter Barop: Du sagst ich hastete, wahrlich ich haste nicht allein
       ich fühle nur den Zeitendrang, wo alles mit Dampfkraft und ins
       Große geht, weil das Große das Billigste, Geschwindeste, Zeit
       Stoff u Kraft benutzendste ist.- Beachte darum Barop die bei-
       liegenden Worte auch wenn Du sie mußt an die Seite legen. Barop
       schaffe uns einiges gemeinsames Zusammenwirken. Man sieht
       auf uns Keilhau und Blkbrg wie auf zwei Sonnen von welchen Licht u Wärme
       kommen soll. Morgen vielleicht wieder einige Zeilen
       schicke zur Post um sie holen zu lassen[.]- /
[7]
Wie glücklich wäre ich gewesen Barop! hätte ich nicht etwa als Jüngling
blos, wie als Mann, da ich Keilhau gründete einen Mann ge-
troffen welcher aus dem Welt- und Lebensganzen und mich an und
in demselben als Glied erfassend so zu mir gesprochen mir alles
so klar nachgewiesen hätte als ich es jetzt zu thun im Stande bin, da
würden mich und die ihr Leben mit mir Geeinten nicht so viele Lebens-
schmerzen getroffen haben - doch erst "da die Zeit erfüllet war, er-
füllet ist" kann und konnte alles geschehen; dieß zeigt mir eben
der Blatt Anfang eines Briefes an Dich welchen ich vor länger
als einem Vierteljahr in Darmstadt an Dich begann, allein von
dem Lebensdrang fortgerissen nicht beendigen konnte; dort konnte
ich noch nicht so klar und bestimmt sprechen als jetzt; denn - die Zeit
war noch nicht erfüllt; allein jetzt scheint die Zeit erfüllt und
so findet sich zufällig jener Briefes Anfang indem ich dieß Blatt
Papier suche, um Dir Zeugniß zu geben, daß ich vor Monaten
so dachte und so denken mußte, ob ich gleich viel versucht habe
jenen Brief unnöthig zu machen d.h. von Außen her Hülfe für
das Ganze zu suchen ohne sie innerhalb des Kreises zu suchen, zu finden
mindestens in Anspruch zu nehmen. Möge Dir dieß zugleich ein
Beweis der innern Wahrheit meines Gemüthes, Geistes u Strebens
seyn?.- Doch nun genug hierüber, Dir vielleicht längst zu viel[.]

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Eines muß ich jedoch noch erwähnen, was mir ganz wesentlich dünkt,
daß nemlich das Leben nach all seinen Beziehungen, Verhältnissen
und Begonnenem ungetrübt und unverkürzt bleibe: Leonhardi's Beach-
tung und Pflege Heidelbergs; die Pflege und Fortentwickelung der verschiede-
nen Anstalten am Rhein Neckar und Main; die Beachtung u Bearbeitung Amerikas
die Bildungsanstalt vor Allem für Kinderführerinnen; die Namen Keilhau
und Blankenburg welche nun einmal wie zwei Phari für entwickelnde
Kinderpflege dastehen; denn sie waren die klare stille Quelle von wo alles ausging.

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[7R]
[leer]