Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Karl Hagen in Heidelberg v. 22.11.1844 (Frankfurt/M.)


F. an Karl Hagen in Heidelberg v. 22.11.1844 (Frankfurt/M.)
(Autograph nicht überliefert, ed. Hermann Hagen 1882, Nachdruck Hoffmann 1948, 5-6, Seitenangaben nach Hoffmann)

Herrn Dr. Hagen, Wohlgeboren in Heidelberg. Durch Güte.
       Frankfurt a. M., freitags am 22. November 1844.

Hochgeehrtester , lieber Herr Doktor!

In der Dorfzeitung Sonnabend Nr. 182 vom 2. Nov. 1844 lese ich bei
Gelegenheit einer Relation, welche die Redaktion der Dorfzeitung von
den Ergebnissen macht, welche eine Art Prüfung in der dortigen Klein-
kinderschule - worinnen auch eine von mir gebildete Kinderführerin
gleich wie in Darmstadt wirkt - erzielt hat, Folgendes über die Wir-
kung meiner Kinderführungsweise ausgesprochen: "Es zeigt sich (bei
dieser Prüfung nämlich), daß die hier angewendeten Fröbelschen Finger-
Bau- und Bewegungsspiele in ihrer natürlichen und ungekünstelten An-
wendung fröhliches Leben wecken und fördern und zur Verstandes-
bildung viel beitragen". Ich bitte Sie, lieber Doktor, sich das Blatt selbst
zu verschaffen; die Dorfzeitung habe ich, irre ich nicht gar sehr, in
Ihrem Museum gefunden. Die Worte dieser Redaktion sind wichtig,
denn die Redaktoren sind seit Jahren die Sache streng Prüfende und sie
sind der Art, daß sie jedes Wort, ehe sie es aussprechen, wirklich auf
die Goldwage legen. Suchen Sie darum diesen Ausspruch soweit und so
viel als möglich, vielleicht durch Hilfe anderer Blätter, in Mannheim,
Karlsruhe und Stuttgart zu verbreiten. Denn nur dadurch, daß wir dem
Gegenstande recht ausgebreitete Bekanntschaft, Wirksamkeit und An-
erkenntnis verschaffen, in dem Maße erreichen wir auch nur die Teilnahme,
welche die Veröffentlichung Ihrer Arbeit um des Zweckes willen be-
darf und gewinnen wir am Ende die allgemeine Förderung, den Grund
und Boden, überhaupt die Mittel, welche der Gegenstand in seiner all- /
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gemeingültigen Anwendung, somit in seiner Großartigkeit bedarf, um
sich seinem Wesen getreu allseitig so einfach als stetig zur Vollkommenheit
zu entwickeln. Jetzt ist der Gegenstand reif zu solcher Empor- und Hervor-
hebung wie zur allgemeinen Besprechung. Das Einzel- und vereinzelte
Interesse ist ganz allgemein und, ich möchte sagen, uneingeschränkt: es
muß sich aber notwendig aus dieser kleinlichen Beschränkung zu einer
ganz allgemeinen Teilnahme, mindestens Besprechung erheben.
Ich weiß, es bedarf bei Ihnen keiner Anregung; dennoch lassen Sie
mich Ihnen sagen, welche Überzeugung tief in meinem Innersten ruht:
daß Sie dadurch Alles zugleich mit pflegen, was Sie als höchste und hei-
ligste Wünsche in Ihrem Innersten tragen. Besprechen Sie sich über das
Weitere mit Leonhardi.
In Darmstadt lernte ich das nachstehende ältere, allein mir doch hin-
sichtlich meiner menschheitlichen Bestrebungen, aber auch der Ihrigen,
wie mich dünkt, sehr intessante Buch kennen :
"Darstellung eines neuen Gravitationsgesetzes für die moralische
Welt", Berlin 1802, bei Joh. Ferd. Unger , kl.8°, 359 S. Inhalt: Ein-
leitung. - Von den Lebensorganen. - Von den Lebens- und Entwick-
lungsorganen. - Von den Bildungsorganen. - Von dem Antagonis-
mus des Selbsterhaltungs- und Geselligkeitstriebs. -
Von der Ehe. - Über die unbeschränkte Fruchtbarkeit
der Erde. - Beweis, daß keine Entwickelung stattfindet,
wo der Antagonismus des Selbsterhaltungs- und Gesellig-
keitstriebs nicht erwachen kann. - Beweis, daß die ge-
samte europäische Kultur aus dem Antagonismus des
Selbsterhaltungs- und Geselligkeitstriebs hervorgegangen
ist: Staaten. -Regierungen. - Regierungsformen. - Reli-
gion. -Moral. -Gesetzgebung. -Polizei. -Politik. -Poesie usw.
usw. Folgerung aus diesem Abschnitt, Geschichte usw. Ich hielt es für
Pflicht, Sie darauf als auf eine ältere Erscheinung aufmerksam zu
machen. Sie finden vielleicht einmal bei einem Antiquar das Buch -
ich wünschte, recht bald. Herzliche Grüße Ihren Lieben. Leonhardi
wird Ihnen Näheres über mein Hiersein sagen. In Liebe, Treue und Dank
   Ihr

Fr. Fr.