Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop u. Wilhelm Middendorff in Keilhau v. 22.11.1844 (Frankfurt/M.)


F. an Johannes Arnold Barop u. Wilhelm Middendorff in Keilhau v. 22.11.1844 (Frankfurt/M.)
(KN 56,32, Brieforiginal 1 B 8° 3 S.)

   Frankfurt a/m. In Kosels Wohnung am 22 Novbr 1844. Abends.
    (Adresse wie immer an K. Schneider Gr Esch. G. Lt. D. 165.)

Lieber Barop und Middendorff.

Ich hatte mir gestern bestimmt vorgesetzt Euch wieder zu schreiben, allein die
Zeit drängte so; daß ich nicht fertig werden konnte und so kann ich wenigstens
das, was ich Euch gestern schon mittheilen wollte, heut mit mehr Bestimmtheit
aussprechen.- Menschen zu finden welche sich nicht allein um der Idee, um des
Gedankens willen für den Gegenstand meines Lebens interessiren, sondern
sich auch nach Maaßgabe ihrer Kraft und Stellung praktisch und mitwirkend wenigstens
mit dafür betheiligen, daß das Ziel und der Zweck erreicht wer
de, wenn Sie es auch durch einige Mittel und Kraft nicht selbst mit er-
reichen machen können, dieß war wie lange schon so besonders in der Zeit meiner jetzigen
Wanderung der stille Wunsch meines Herzens. Zwei ganz einfache schlichte
Männer dieser Art hier zu finden, welche die Idee um ihrer selbst willen aus
geführt, welche den Gedanken um seiner selbst willen dargestellt wünschen, ist
mir und zwar rein durch das Wirken des Geistes ohne alle fremdartige Vermitte[-]
lung und zwar unter diesen beiden einer, welcher ein ebenso gebild[et]er als praktisch
ausübender Geschäftsmann, ist mit hinlänglicher hiesiger Personal-und Local-
Kenntniß ist, welcher sich zugleich nicht scheut für die Sache zu gehen und zu
reden. Dieser letztere ist der Herr Kilzer Kauf[-] oder vielmehr Geschäftsmann
und Herr Philipp Wagner galvomagnetischer Techniker. Nachdem ich vor-
gestern (Mittwochs) Abends von 6 Uhr bis beinahe 10 den Gegenstand vor
geführt hatte, stand zwischen I ihnen der Entschluß fest, dahinzuwirken,
daß sich in Frankfurt Männer dafür interessirten, daß hier eine derartige
Anstalt besonders für die Gewerbtreibenden ausgeführt werde. Beide
wählten sich ihre Männer und jeder von beiden war wenigstens so glücklich
jeder wieder einen zu finden, welcher wenigstens vorläufig Idee Interesse an
der Idee hat; wovon der eine wieder besonders gebildet und zugleich
Kinder Vater ist. Beide übrigens zu den vermöglichen Frankfurtern
gehören: Der letzterwähnte ist Senator Kessler-Gontard, und zu ihm bin [ich]
Morgen Mittag, zugleich aber zu Mittheilungen, zu Tisch geladen. /
[1R]
Der zweite Mann ist Jonas Mylius eigentlich aus Hamburg. Er ist
wie ich höre schon durch die Frau Hofräthin Müller und seinen (oder ihren?)
Bruder im Homburg freundlich und günstig für die Sache d.h[.] für
die Idee im Allgemeinen gestimmt. Es handelt sich nun darum hier
für die Kinder der Gewerbtreibenden zunächst doch aber auch in mehr[-]
fach anderer Beziehung eine in jeder Hinsicht musterhafte Kinderpfleg[-]
anstalt auszuführen. Um Männer u Frauen dieses Ranges oder
Kreises nun für den Gedanken zu gewinnen ist es zunächst nöthig
Sie sie mit den Gegenstand selbst erst bekannt zu machen, und so ist
das nächste Bestreben zu diesem Zwecke einige, der Stellung und den
Mitteln nach wichtige Frauen und Männer, besonders aber letztere zu ver[-]
einen - was nun eben morgen Mittag angebahnt und versucht werden
soll. Ich schreibe Euch dieß so ganz blank, damit Ihr sehen könnt, daß
ich in diesem Augenblick nicht nach Hause kommen kann, daß aber
mein Nichtkommen keinen trüben Grund, sondern den reinsten und
männlichsten hat mir durch mich selbst und durch mir von Gott ge
schenkte Kraft und geistige Mittel zu helfen. Daß ich mit diesen
Männern, wie hier überhaupt bei den Freunden offen über meine Lage
und mein augenblickliches Bedürfniß gesprochen habe, versteht sich
von sich selbst. Die Antwort der beiden genannten Männer ist die
welche Ihr Euch selbst sagen könnet und werdet,:- Nur nicht störend
und willkührlich in die Sache eingegriffen, und der Entwickelung die Zeit
und Ruhe gelassen welche sie bedarf.
Übrigens, so günstig die Sache sich vielleicht, möglicher Weise ent-
wickeln kann oder könnte, so bleibt meine Ansicht doch immer
die, Dir Barop ausgesprochene, denn jemehr wir unsere Kräfte und
Mittel in unserm eigenen Kreise finden und einigen um so mehr bleiben
uns auch später die Blüthen und Früchte, und um so freier bleiben
nicht allein wir jetzt Lebenden sondern um so freier und selbstständiger
in einem großen der Menschheit gewidmeten Gang heraufwachsen und
somit einlebend machen wir unsere d.h. Eure Kinder und Kindeskinder[.] /
[2]
Auch die Spiel- und Beschäftigungsanstalt in Blankenburg kann, wenn
es jetzt möglich ist, daß sie gehalten werde, in Statu quo bleiben, denn
ich sage dieß nur, damit daß alles dieß keine gewaltsamen Verände-
rungen hervorbringt. Wollt Ihr nun wissen wie ich das Ganze in
in mir ansehe; denn Ihr könntet doch denken u fragen: Ich möchte doch
nur wissen wie sich dieß der Oheim denkt. Nun so hört, wie [ich] es mir
denke, Frankfurt a/m würde zunächst die Centrale ihrer Wirksam-
keit nach die Mutteranstalt für alle bis jetzt am Main, Neckar
und Rhein gebildeten und noch zu bildenden Anstalt[en]. Durch das
Eisenbahnnetz von welchem Frankfurt das Herz bilden wird
kann man auf eine gewisse Distanz von hier fast allgegenwär[-]
tig werden. Möge das Gewitter was über meinem Haupte schwebt droht
möge das Schwerd des Damokles welches seit Monaten über meinem
Haupte schwebt mich nicht treffen bis ich sagen kann:
Ich war todt und siehe da ich lebe.- Ich kann nichts gar
nichts anders thun als Beten wie jener Pilot:- "Du
"Gott kannst mich erhalten kannst mich vernichten; doch
"ich halte mein Steuer gerad."
Daß Ihr von diesen Mittheilungen die ich Euch im engsten innigsten Ver[-]
trauen mache außer Euch selbst jetzt noch keinen Gebrauch macht
versteht sich von sich selbst; denn selbst [ich] kann davon nicht mehr
sagen, als - es scheint; aber andere machen den Schein gleich zum
Seyn, zum Daseyn, und dann wirkt wenn der Schein, Schein bleibt
was ja hier der Fall seyn könnte, dieß nachtheiliger als wenn er
nie gewesen. Ich hoffe und ersehne bald von Euch Nachricht
wegen der Wolfschen Baulieder[.]
Grüßt meinen lieben alten Bruder recht herzlich in Liebe, Treue
und Dank. Sagt ihm, daß ich seiner auch in geschichtlichen Mitteilungen
meines Lebens während meiner Reise sehr oft in gleicher Weise ge[-]
dacht habe.- Nochmals schreibt mir bald[.]- Grüßt herzlich Eure
Frauen, Eure Kinder, Schwiegermutter, Elise und die Freunde wie die Zöglinge
E. Fr. Fr. /
[2R]
[Adresse:]
Herrn Johannes Barop
Director der allgem deutschen
   Erziehungsanstalt
Keilhau
   b.     Rudolstadt
Im Schwarzburg[ischen]