Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop und Wilhelm Middendorff in Keilhau v. 24.11.1844 (Frankfurt/M.)


F. an Johannes Arnold Barop und Wilhelm Middendorff in Keilhau v. 24.11.1844 (Frankfurt/M.)
(KN 56,33, Brieforiginal 1 B 8° 3 ½ S.+Adr.)

        Frankfurt a/m in der Koselschen Wohnung. Sonntags den 24 Nov. 1844
(Adresse: He. K[.] Schneider Gr. Esch. G. D. 165[)]

Lieber Barop und Middendorff

Ich sehne mich sehr nach Nachrichten von Euch.- "Gut." werdet Ihr sagen,
"da fühlst Du wie es seinen Freunden zu Muthe ist, wenn man sie so
"lange, wie Du ohne Nachricht läßt", und Ihr habt ganz Recht, deßhalb
sage ich auch nichts weiter; da ich nun aber jetzt wieder, wie es scheint
in einem Entwickelungspunkt stehe, von welchem ich noch gar nicht weiß
zu welchem Ergebnisse es führt, so will ich wenigstens jetzt nicht in den
alten Fehler fallen, damit es komme auch was da komme, Ihr doch wißt wie
und auf welche Weise es so kam wie es nun eben kommen wird; deßhalb
will ich Euch mittheilen wo die Sache jetzt steht und wie sie dahin gekommen.
Erste Thatsache ist, daß die Idee wie die Sache der entwickelnden Kinder-
führung hier, wenn auch in verschiedener Äußerungsart, doch mehrfaches
ja bei den Euch früher genannten Beiden: Wagner u. Kilzer lebhaftes
Interesse behält.- Gestern Mittag war ich wie ich Euch schrieb bei dem
Senator Keßler Gontar[d] mit Wagner zu Tisch. Er führte mich dadurch
in eine sehr liebe Familie von 6 Kindern (:die Eltern seit 16 Jahren ver-
heirathet) - ein. Vater und Mutter wirklich denkende und zu einem
schönen Ergebniß bei ihren Kindern gekommene Selbsterzieher derselben.
Er außerdem Liebhaber der Naturwissenschaften namentl[ich] der Miner[alien]
(hier wieder besonders Crystallographie und Chemie)[.] Ihr seht es, war
hier ein Grund u Boden da für gegenseitiges Verständniß, der
ältere Knabe besaß auch schon von Schneider die 5 Gabe, so wie
das noch ältere Mädchen durch die Musterschule, welche sie besucht mit
den Ballliedern, und durch eine Tochter von Bürgermeister <Metlers>
(wie sich später zeigte) mit den Ausstechblättern 2e Folge bekannt
war. Nach den wechselseitigen Mittheilungen bei Tische, entstand als
er verlassen, das Spiel u Spielen mit den Kindern wozu ich noch
einige Spiele 4e Gabe mitgebracht hatte. Nach verschiedenen /
[1R]
Spielen mit der 4n und auch der 5n Gabe (wo ich in die Ausführung der Schön-
heitsformen auch den Vater, die GroßMutter und Herrn Wagner mit verflocht, um
die Allgemeingültigkeit der Spiele zu zeigen) - gieng ich zur Vorführung des
Ganzen im Zusammenhang über; die Kinder wurden nun in ihre Stube beschieden;
doch kaum hatte ich mit der Darlegung des Familienbuches begonnen, als ein Kind bald
zu dieser bald zu jener Thür zurück kam und sich über das schöne Buch erfreute,
dieß war mir natürlich Aufforderung die Kinder wieder in die Spiele
zu ziehen und das magische Band derselben, im "Fischlein", "Taubenhaus", "Lieber
ich bitte" rc. rc. um Alt und Jung zu z schlingen. Und als die Kinder schlafen ge-
gangen waren dauerten die Mittheilungen noch bis gegen 8 Uhr. Ihr
könnt Euch also die Theilnahme denken denn ich wollte wiederkehrend
abbrechen, doch immer zog uns Neues fort und die Mutter: Ach
man kann wenn man Kinder hat gar nicht genug lernen, sie fördern
durch ihre Thätigkeit nur gar zuviel. Genug es kam zu dem Ergebniß das
auch die Erziehenden von der Mutter und dem Kindermädchen an ei-
gentlich erst erzogen d.h. das in ihnen wohl aber unbewußt liegende
Rechte zum Bewußtseyn, in Zusammenhang und nach Ziel u Zweck ge-
ordnet werden müßte.
Heut morgen besuchte ich sogleich Herrn Wagner wieder. Er kam
mir sogleich mit dem Bemerken entgegen, daß der Gegenstand wohl so tiefes
als auch mehrfaches Interesse hier in Frkfr. habe und daß hier wohl et-
was und zwar Erkleckliches zur Förderung desselben geschehen könne,
wenn man nur den Nagel auf den Kopf träfe, und dieß glaube
er könne in Frkfr[.], so weit er es, und die Männer von Einfluß und Ge-
wicht kenne durch die Bildung eines

"Vereines für begründende, (oder entwickelnde, oder für die erste)
Erziehung"

geschehen, woran jeder Vater bei einem jährlichen Beitrag von vielleicht
Louisd'or Antheil nehmen könne. Zur Begründ[un]g dieses Vereines hoffe
er werden sich auch Männer finden, welche dazu durch besondere Gaben /
[2]
gleichsam das erste Gebäude aufführten. Er habe sich, fuhr er fort, die
Sache schon schrif[t]lich klar zu machen gesucht und nun las er mir von
cca[.] 3 Quartseiten einen Aufsatz darüber vor, welcher sogleich
hätte abgedruckt werden können, so im allgemeinen richtig hat
er das Ganze aufgefaßt. Auf einem praktischen Zweck und Basis
ruht alles, dieß ist die Einführung ächt entwickelnder und begründender
Kindererziehung in Haus u Kinderstube durch die dort dafür Wirkenden
hervorgehend aus einem kleinen Kreis so behandelter Kinder.
Darauf würde sich alles andere gründen, daraus alles andere hervor-
gehen, die Sache und die zu erreichende Wirkung würde ganz dieselbe
bleiben. welche ich Euch gestern ausgehend vom Bedürfniße der Gewerb-
treibenden vorführte. Das Ganze würde sich auch wieder zu einer
Centralanstalt zunächst für den Main, Neckar und Rhein ausbilden
können, so bliebe denn auch alles erreicht u gefordert was dort in meinem vor. Briefe
angedeutet wurde. Daß unmittelbar ausübende
Vorträge oder Mittheilungen, wie Ihr es nennen mögt, sich
für Mutter, Frauen und Tochter daran anschließen
müßten habe ich, als zum Zweck des Ganzen wesentlich
gehörig oben an seiner Stelle einzuschalten vergessen.
Als Wagner und ich darüber sprachen trat auch Kilzer ein. Dieser
wurde auch nun vom Ganzen unterrichtet was ich nicht abwar-
ten konnte. Alle sind wi Heut war in der Sache nichts mehr zu
thun; alle sind wir jedoch einverstanden, daß das, was geschehen
soll hier rasch geschehen muß. Kosel ist zwar heut nicht hier, doch
hoffe ich daß er diese Form, der Verwirklichung auch noch ausführba-
rer wird, als die vorgestern mitgetheilte. Heut sprach ich mit Dr 
Engelmann, einem Freunde v. Leonhardi[s], über den Gegenstand, er fand ihn
auch praktisch, wenn man vom Praktischen eben ausgehe und so
immer mehr zum Bewußtseyn und der Einsicht, zuletzt der klaren
Wissenschaft empor steige.- Hinsichtlich der Vorträge u Mit- /
[2R]
theilungen an Frauen und Mütter, habe ich mich heut Mittag, wo ich bei
der Dr Hochstädter in solcher Gesellschaft war, überzeugt, daß
diese hier so nutzbar seyn, als Anklang finden werden.
Alles, alles ist freilich nur Gedanke, nur Idee und kann als schönes Phan-
tasiegebilde morgen zerronnen seyn; doch schreibe ich Euch alles
so genau, damit Ihr ganz genau den Grund u Boden erkennt worauf
das Ganze beruht und in wessen Hand die Ausführung liegt. Ich freue
mich, daß der Gedanke so erfaßt: als die Väter und Familien umschlie-
ßender Erziehungsverein - welches etwas ganz Neues, in sich Einzi-
ges noch nicht dagewesen und jetzt noch nicht daseyendes ist - nicht
von mir ausgeht, sondern von Herrn Wagner (ich hatte ihm blos von einer
Akademie für Erziehung gesprochen) - um so eher hoffe ich daß es vielleicht
durchgeht und ins Leben tritt. Ich habe Euch auch gesagt wie er sogleich
dafür arbeitet. Morgen mehr. Schreibt mir doch, bitte! bitte! D. u. E[.] FrFr.
[Adresse:]
Herrn Johannes Barop
Leiter der allgem: deutschen Erz: Anstalt
          Keilhau
bei Rudolstadt
          (Fürstenth. Schwarzburg.)