Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Friederike Schmidt in Gera v. 17.12.1844 (Frankfurt/M.)


F. an Friederike Schmidt in Gera v. 17.12.1844 (Frankfurt/M.)
(BlM XIV,48, Bl 172-175, Brieforiginal 2 B 8° 7 S., tw. ed. Pösche 1887, 112-116; tw. ed. Lück 1929, 124-130)

Frankfurt a/m am 17 Decbr 1844.

In der Wohnung meines Freundes, des Herrn Kosel. Director der
Taubstummen[-] (auch Blinden[-]) Anstalt zu Frankfurt a/m.

           Theure, liebe liebe Muhme.

Nein! ohne eine kleine Gabe von mir sollen Sie zum lieben Christfest nicht
bleiben, bestände sie aus auch nur in einigen Zeilen von mir und ein paar un-
bedeutenden Zeitungsblättern, welche einige Nachricht von meinem Wirken an
Main, Neckar und Rhein enthalten. Freund Middendorff wird Ihnen
wie ich bestimmt hoffe, als Antwort auf Ihre beiden lieben Briefe geschrie-
ben haben, daß ich durch ein eigenes Geschick seit Pfingsten dieses Jahres
in verschiedene Städte der genannten Flüsse theils gezogen, theils getrieben worden,
theils auch durch Selbstbestimmung gegangen bin, um für ei-
ne frühe Pflege, erste Erziehung und Bildung der Kinder zu wirken wie
ich solche überall in Gottes Welt wo ich Kraft, Leben und Geist wirksam
finde, ausgeprägt sehe: "Das ist löblich und schön", werden Sie sagen, ["]allein
dabei der Freunde so ganz vergessen, der Freunde welche doch auch mit ganzer
Hingabe für solches Ziel thätig waren und noch sind, mein l. Vetter das
ist weder löblich noch schön." Sie haben ganz recht meine theure Muhme
denn wer verliert dabei und wer fühlt darum die Wahrheit des Gesag-
ten tiefer und mehr als ich. Sie haben ganz Recht in dem Drange meines
Strebens kann und mag ich mir auch nicht die kleinste Freude erlauben,
so ist mein ganzes Sehnen und Streben nur nach einem Ziele gerichtet;
das Schönste in der Natur Vogelgesang und Blumenflor, die milde Sommer[-]
und die flammende Winternacht sind für mich wie gar nicht da, es
ist als dürfte ich mich ihrer nicht freuen bis ich mein Ziel wenigstens
zum Theil errungen habe, und dieß will auch mit dem kleinsten
Theile so schwer gelingen. Wie mir nun in dem Kampfe mit der
Halb- Drittel- und Viertel- <ja> Hundertstelheit, der Menschen wahre
Freude immer fern, so schwebst schwebt durch das R rastlose Streben /
[172R]
meines Geistes - welches wie man mir sagt, das Lebenswichtigste
oft von und im Wege unbeachtet läßt, das Schwert des
Damokles stets über meinem Haupte, so ist mir also die Gefahr
immer nahe. Das Traurigste ist, daß ich alles dieß weiß, fühle
und es doch nicht ändern kann. Die Leute meinen ich lebe gedankenlos
suche meine Freude, und das Sinnen und Suchen des Rechten, da mich
und Niemanden - Niemanden der Erfolg entspricht noch weniger genügt, ­
verläßt mich nie. Ich gleiche einem Kieselstein, einem Felsblock
das [sc.: der] fest liegt in seinem Streben nach der Erden, und somit nach
der Sommer[-] und der Sonnen-SonnenMitte, und alles über sich
ergehen sich zerspalten und so w. läßt.- Ich gleiche einem Pfeil
der abgeschossen ist, der selbst an dem zersplittert was er
zu durchdringen nicht im Stande ist; - Ich gleiche einem Baum
auf einem Felsengipfel, welcher aus einem Saamen hervor
wächs[t], der in eine Felsritze fiel, der allen Stürmen und
Toben der Höhen ausgesetzt ist, welcher auf schönes Blühen und
reifes Fruchten Verzicht leisten muß sondern nur sorgen und
S streben muß, daß seine Wurzeln immer tiefer in die Felsen-
spalten immer weiter in Nacht und Dunkel dringen, damit
ihn der Sturm nicht selbst in das Dunkel und die Nacht der Schlucht
schleudere.-
Ein schöner Weihnachtsbrief werden Sie sagen, darf ein Brief
voll solcher Klagen zum Christfest, darf und kann er als
Freude bringend erscheinen?- Ja er darf und kann es, denn
der aufrichtige Freund will durch dieß alles der theuern lieben Freundin
nur sagen: daß nicht gemeines Vergessen und Hintansetzen der
Grund meines Schweigens war, sondern daß es das rastlose
Streben nach dem goldnen Fliese der Kindheit und frühen Kinder Pflege u
Erziehung war, welche[s] wir unwiderlegbar bedürfen
und welches, wenn ich es errungen Ihnen liebste Muhme /
[173]
und allen Freunden zur Freude dargebracht hätte. Also Streben
Ihnen der so ausdauernd treuen Freundin Freude zu machen
war der Grund meines langen Schweigens, und somit auch der
Mitgrund, daß statt jener Freudengabe diese Gabe der Klage
kam, die aber nun wegen ihres innersten Grundes, doch auch als
eine Freuden [sc.: Freude] zum lieben Christfest erscheinen kann; denn welchen
Charakter sollen eigentlich alle Christgaben haben und wenn sie noch
so klein sind - sie sollen uns das Innerste der schenkenden Person
so wie das Innerste des Wechselverhältnisses des Gebers und des
Empfängers zeigt zeigen; und was - was kann dem Menschen vom Men-
schen höheres gegeben werden, als das Erschauen eben des Innersten.
So lebe ich auch stets mit meiner Verklärten fort, indem ich stei-
gend, wie ich in mir fortschreite, so auch immermehr ihr Inneres erschaue.
Schenkt uns Gott ein Wiedersehen, welchen, Seeligkeiten entfaltenden
Gedanken ich mir gar nicht auszudenken getraue, so wird es das
Wiedersehen nach äußerer Trennung bei innerem gemeinsamen Fort[-]
leben seyn; und so das Wiedersehen aller der Seelen die auf der
jetzigen Pilgerfahrt sich kennen lernten.-
Doch auch eine Skizze meiner Reise sollen Sie haben. Pfingstmontag,
kam ich hier an und traf hier noch meinen alten Freund Schnyder von
Wartensee
um welches willen ich eigentlich hierher gereist war. Doch g[i]ng
er schon Tags darauf nach der Schweiz und in seine Heymath zurück.
Durch meinen alten Freund von Leonhardi wurde ich einem hiesigen Kaufman[n] Klotz
bekannt, dem ich in der folgenden Woche nach seinem Landsitze in NiederIngel[-]
heim (welches Ihnen gewiß als Karls des Großen Hoflage bekannt ist) folgte.
Dort war ich bei Ausführung einer Kl. KinderAnstalt wohl 3-4 Wochen
thätig. Der beiliegende Bogen aus dem Schulblatte für d[a]s Großherzog-
thum Hessen sagt Ihnen darüber das Weitere: - Bald darauf lebte ich
ebenfalls gegen 4 Wochen und mehr in Darmstadt um dort gemeinsam
mit Ida Seele (deren Namen Sie sich gewiß erinnern) welche dort als /
[173R]
Spielführerin angestellt u. von mir zu diesem ihren neuen Beruf ein[-]
geführt wurde - meine Kinderspiel- und Beschäftigungsweise in
Anwendung zu bringen. Da Darmstadt auf der Straße von Heidelberg
nach Frankfurt liegt und ich abwechselnd oft in beiden Orten lebte, so hielt
ich mich noch wiederkehrend einige Zeit in Darmstadt auf um dort an dem
begonnenen Werke fortzubauen oder vielmehr gleich einen Gärtner zu pflegen.
Mein Hauptstandort war also Heidelberg und mein Wohnen und Leben daselbst
bei einem selten ausdauernd und kräftig förderlichen Freunde, dem oben
schon erwähnten Leonhardi. Heidelberg gab mir wie durch diesen alten und
einige neue Freunde sehr viel; auch war man dort für Errichtung eines
Kindergartens sehr thätig, wovon je doch der Haupterfolg noch in der Zu[-]
kunft liegt. Eine wichtige Bekanntschaft verdanke ich Heidelberg, die eines
deutschen Amerikaners eines Dr Med: welcher in Heidelberg lebte um den
neuern Stand seiner Wissenschaft in Europa, kennen zu lernen und ihn
nächstes Jahr mit nach Amerika zu nehmen. Ich theilte mich ihm über meine
Bestrebung vielseitig mit und er forderte mich dagegen alles [sc.: allen] Ernstes
auf nach Amerika zu gehen, wo ich gewiß der Früchte meines aufopfern[-]
den Wirkens froh werden und mir die Mittel erwerben würde durch
mich selbst meinen Zweck u mein Ziel zu erreichen. Ich trage nun auch
den Gedanken zur Ausführung für künftiges Frühjahr sehr pflegend in mir.
- Von Heidelberg gieng ich nach Karlsruhe wo ich durch Vorlesung u
Mittheilungen für meinen Zweck wirkte, die Früchte ruhen noch in der
Zukunft dunklem Schooße. Bestimmter war der Erfolg in Darmsta Stuttgart
wo ich durch eine Fr. Legationsräthin von Pistarius aufgefordert wurde
in der Kinderpflegeanstalt zu Gaisburg, wo sie ein Landgut hat
durch ihre Verwendung die Spielweise u Beschäftigungen einzuführen. Sehr
glücklich war ich auch hier 2 Schwestern und 50 Kinder zu finden alle
von eingehendem Sinne. Weiter streute ich Saamen aus in Bensheim
zwischen Darmstadt u Heidelberg und in Osthofen nächst Worms.-
Seit wohl nahe 6 Wochen lebe ich hier dem Vertriebe meiner Schriften u Spiele. /
[174]
"Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde zum Bilde Gottes schuf er ihn."-
und "Ihr sollt vollkommen seyn wie Euer Vater im Himmel
vollkommen ist", was heißt dieß anders als das Wirken und
Schaffen Gottes soll sich der Mensch zum Vorbild machen: Nun
prägte aber Gott sein Wollen vor allem, wie seinen Zweck
zunä[c]hst in Dingen, in Sachen, in der Körper- und Gestaltungswelt
aus, so soll es denn auch vor allem und zunä[c]hst der Mensch thun,
und so will auch ich denn von nun an schaffen und Wirken, und mein
Wollen und meines Lebens Ziel u Zweck, wie meines Strebens
Weg und Weise in Sachen und Dingen, in einer Gestaltungswelt
ausprägen: ­ "Das Kind sich selbst schaffend seine Welt, wie es
in sich aufnimmt und versteht seine Außen- und Umwelt, und wie
es außer sich darstellt seine Innen- seine Selbst-, seine Eigenwelt.["]
- Der Mensch das Kind der Knabe (das Mädchen) der Jüngling (die Jungfrau)
und selbst wie noch so oft der Mann (das Weib) soll so viel in mei-
nen Kräften und Willen ist nicht förder wie so häufig seine Kräfte
seine Zeit, seine Mittel in allen Beziehungen als theures Lehrgeld hin[-]
geben damit er höchstens, wenn er schon Altersschwach ist und der
Weg schon zum G[r]abe gehe, einsehe und wisse welche hohe Bedeutung
das Leben und selbst dafür das Kleinste im Leben hat um des Men-
schen Erdbestimmung u Ziel als Vorschule eines neuen Lebens gewiß
zu erreichen. Gott prägte sein Höchstes, sein eigenes Bild, in einem
Erdenklos aus, und scheute u schämte sich dessen nicht, so will auch ich
mich nicht scheuen das Menschen[-] u Kindeswesen und dessen Entwicke-
lung wie ich es in mir seit meiner eigenen Kindheit u Jugend (:wenn
auch in verschiedenen Stufen der Klarheit doch in einer und immer
ebenderselben Stufe der Wahrheit des Gemüthes u Geistes:) in mir
trage in Holzklötzchen auszuprägen. Wie Geist u Gemüth
sich endlich in dem Erdenklose frei machte[n], so wird sich auch der er-
ziehende Geist, das, Kindesleben pflegende Gemüthe aus in u durch /
[174R]
den Wollklos (den Ball) und die Holzklötzchen frei machen.
Ich weiß klar was, wie, wozu und durch welche Mittel ich
es will: Was Gott als Schöpfer u Vater in seiner Schöpfung und
durch seine Schöpfung für jedes Einzelne so auch für die Menschheit
und die Menschen wollte, das will auch ich der Mann als
schaffender Vater in meiner Schöpfung meiner Welt und durch sie
wie für jedes Einzelne in derselben (daß es nemlich in seinem Wesen
rc. richtig erkannt werde z.B. der Ball, die Kugel, der Würfel rc) so
aber ganz vor allem für die Kindheit und die Kinder als die
Keime der Menschheit.
Da ich nun hoffe, was ich auch wünsche, daß Ihnen l. Muhme dieser
Brief u sein Inhalt eine Weihnachtsfreude macht, (:denn ein klares
weibliches Gemüth kann auch hier schlechterdings nicht miß- sondern
nur ganz verstehen, denn wie ich will handelt das ungetrübte
Frauengemüth u der reine Weibes Sinn; auch es knüpft sein Wesen
seine Seele sein Wünschen u Wollen oft an die unscheinbarste der
äußerlichsten Handlungen; aber leider verstehen wir Männer es
entweder gar nicht, oder zu spät:) da ich nun hoffe, daß Sie mich ganz
verstehen und der Brief so seinen Zweck erreicht, so bitte ich auch
heben Sie denselben auch auf zu einem einstigen Zeugniß
über und für mich, wenn ich zu Grabe gegangen bin; denn was
ich Ihnen hier schrieb entquoll ohne eine andere Absicht als
Ihnen mich in meinem Handeln verständlich und Ihnen so Freude zu
machen - dem Gemüthe.
Kann der liebe Vetter oder Herr Müller vielleicht durch Benutzung Einiges des Bei-
liegenden, z.B. des Aufsatzes aus dem Hessischen Schulblattes [sc.: Schulblatte] für
oder des Aufsatzes über die Fröbelschen Kinderspiele - für irgend
ein Blatt Ihrer Umgegend oder Sachsens für die weitere Bekannt-
machung meiner Bestrebungen wirken - z.B. in dem Leipziger Tages-
blatte, so wird es mich freuen wenn es geschiehet, so wie wenn Sie /
[175]
für den Verschleiß meiner Erzeugnisse gelegentlich wieder
wirksam werden können. Sie sehen ich bin Kaufmann aber
ächter Kaufmann nach dem Bilde Gottes in der Natur geworden
der verwallet [sc.: verwandelt] auch alles Besondere u Gewordene wieder in
einfaches Urelement zurück, damit es aus diesem in im[m]er
wieder neuer höherem höherer und schönerer Gestalt erscheine, wie zu letzt wie[-]
der in dem Menschen.-
Ihre Sendungen der Liebe habe ich mit Liebe empfangen und danke Ihnen
in gleichem Sinne; denn jedes ist mir wie Selbstzweck in sich, so zugleich
Vermittelung zur Erreichung des allgemeineren und darum höheren.
- So wußte ich Ihnen nun heut umsos [sc.: umso] mehr zu schreiben, als Ihnen
recht freudiges Christfest und einen frohen Ausgang aus - und
frohen friedigen, freudigen E[i]ngang in das neue Jahr 1845
zu wünschen. Ihnen zu wünschen indem ich in Sie Ihr ganzes
FamilienEin Gatte und Kinder mit einschließe. Doch
aber auch noch jedem besonders so vor allem dem lieben
hochachtbaren Vetter namentlich meine herzlichsten Festes-
und Seegenswünsche.
Zuletzt nun noch die Bitte erfreuen Sie mich recht bald mit
einigen Zeilen Antwort: Adressiren Sie solche nach Keilh.
mit der Bitte mir selbige zu senden wo ich auch sey. Weih[-]
nachten werde ich schwerlich im Kreise der Meinen sey[n], da mich
Freundes Wort u das Leben noch hier bindet, doch hoffe ich,
daß ich zu Neujahr zu Haus seyn werde.
Im Neuen wie im alten Jahre und so wie in
aller Vergangenheit so in jeder Zukunft
            Ihr
treugesinnter u dankbarer Vetter
      FriedrichFröbel

Daß ich diesen Brief un[-]
frankirt sende, werden Sie
verzeihen; ich thue es damit
Sie das Ganze sicher erhalten[.]