Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop und Wilhelm Middendorff in Keilhau v. 19.12.1844 (Frankfurt/M.)


F. an Johannes Arnold Barop und Wilhelm Middendorff in Keilhau v. 19.12.1844 (Frankfurt/M.)
(KN 56,39, Brieforiginal 2 B 8° 7 S., zit. Prüfer 1920, 92 aus 1R/2V)

Frankfurt a/M am 19 Decbr 1844. In Kosels Wohnung. Adr. Schneider

Lieber Barop u. Middendorff.

Deinen Brief lieber Barop vom 14n dieses mit dem Postzeichen Rud: den 16 Decbr
habe ich gestern durch Schneider erhalten. Ich hätte Dir denselben gern sogleich beantwor-
[tet] wenn es mir möglich gewesen wäre. Laßt mich gleich mit dem Ende des Deinen
beginnen, Barop! weil es das Wichtigste ist. 1.) "Warum stellst Du
"Dich in Deinem Brief als wollten wir Dich verlassen?"- Wenn dieß der
Fall gewesen ist, was ich mich der Form nach nicht mehr erinnern kann, so ist es
die Folge einer Lebensthatsache gewesen, deren Wirkung noch jetzt fort geht. Mit
kurzem Worte: Wie früher - und selbst noch jetzt - in Dresden, so hat mein Streben
auch hier eigentlich und am Ende mit Handwerksgegnern zu kämpfen; doch so,
daß man wie Bergunholde alles Unheimliche aus der Tiefe herauf
beschwört um es gleich einer Lawine auf mich fallen zu lassen und mich
unter derselben mit meinem Wollen u Streben zu begraben, da ist
nichts in u mit Frankfurt in dieser Beziehung mir begegnetes Widrige
was nicht dienen muß: - Enslin - Anspach - Stolze - steigen als
Unholde in ihrer eigensüchtigen Widerwärtigkeit aus der Vergangenheit
Nacht hervor; ja selbst die Unzweckmäßige Auffassung der Sache bei
und schiefe Ausführung bei sonst gutem Willen legt man mir zur
Last und da läßt man selbst den längst verstorbenen Hochstädter
nicht im Grabe ruhen, wie der einseitige und nur äußerlich W wirkende
Schneider ihnen stets noch als lebendes Zeugniß gelten muß.- Und
wie darf u kann ich ich gegen und über Schneider äußern, da der[-]
selbe sein ganzes bürgerliches Bestehen mit auf diese Wirksam[-]
keit gegründet hat. Ihr habt mir wohl früher immer gesagt: Schn.
versteht sein Frankf[u]rte[r] Publikum das ist wohl wahr; allein das
was mir u der Sache unwohl will, übersieht ihn und benutzt seine
Äußerlichkeit (die ich nicht grell bezeichnen mag) ja vielleicht einen
gewissen Mechanism[us] rc um gegen mein Streben zu wirken und
je leiser unbemerkter dieß geschieht um so stärker wirkt es, /
[1R]
Ackermann, dessen Wort hier, wie man sagt, gleich einem Orakel
gilt, welcher jetzt aber mehr persönlichen philosophischen Studien lebt, ist durch
den Eindruck welchen er bei Hochstädter erhalten habe [sc.: hat], bestimmter Gegner
wenigstens gleichgütiger Dafür. Weiter einzugehen ist seiner Bequemlichkeit
entgegen. Dr Bagge hat sich bestimmt gegen die Kinder aus Schneiders An[-]
stalt erklärt, sie seinen [sc.: seien] zu unruhig, theils zu wenig, theils zu viel wissend
rc, rc, genug in keine tüchtige Elementarklasse mehr passend - dem stimmen
auch andere Schulinhaber bei, welche lieber die Kinder unmittelbar aus
der Eltern Haus u Hand wünschen. Doch dieß nur als Einleitung: alles dieß
konnte am Ende doch die Erfahrung des Bessern widerlegen; dahin meinte
man es nun entweder aus Instinkt oder aus Einsicht nicht kommen lassen
zu dürfen, und so suchte man mich u mein Wirken hier unmittelbar
zu untergraben, indem man das Gerücht verbreitete:- "Keilhau und
namentlich genannt Middendorff und Du habe sich gänzlich von meinem [sc.: meinen] per[-]
sönlichen erziehenden Bestrebungen getrennt, ich stände in dieser Beziehung
isolirt da, dabei ließ man durchblicken, als wisse ich selbst dieß noch nicht."
Kosel, welcher mich offen wegen der Wahrheit dieses Gerüchtes befragte,
zeigte es mir in seiner erstarrenden Wirkung und ich konnte mir vieles
bisher Unerklärliche nun auch lösen.- Was ich legal dagegen sagen
konnte, erwiderte ich Kosel dem es genügte und er trat als ein ächter
Kämpfer nach allen Seiten hin für die Sache auf, wie er denn so viel
wirkte, daß man das Ungegründete des Gerüchtes erkannte, doch was
dadurch getödtet war blieb todt.- Wie nun dieß Gerücht an welche[s]
man noch andere [anfügen könnte], die sich doch durch ihre augenscheinliche Unwahrheit in
sich selbst sogleich vernichteten, auch bei meinen bisherigen Lebenserfahrungen
- nur Langethal erwähnend - auch auf mich vernichtend wirken
müßten werdet Ihr einsehen.- Wo giebt uns das Leben als Erfahrung
zugleich moralische Gewissheit für das Ausdauern durch Noth u Kampf
bis zum Ziel: - Eins nur blieb mir in diesem Augenblick, daß das mich stützen
auf das gänzliche Durchdrungenseyn von der tiefbegründeten /
[2]
Wahrheit, auf die allseitig wie tief gegründeten [sc.: gegründete] Wahrheit, dessen was ich
will und erstrebe und so mich festhaltend an die Wahrheit des Gei[-]
stes welche und welcher mich und uns alle frei machen wird. Mich von allem
auf Erden h verlassen fühlend und sehend, griff ich in mein eigenes Selbst hielt ich mich in mir an
den Geist und das Leben fest was mich bisher gepflegt, getragen
geführt, und geschützt hatte, an den Geist den ich als göttlichen Geist
erkennen muß - denn woher käme dem Menschen die Wahrheit
und das Leben als aus der Quelle aller Wahrheit u alles Lebens?-
und so ergieng es mir, wie dem Taucher Schillers, "es war mir
zum Heile, es riß mich nach oben!
" In jener Zeit werde ich nun
geschrieben haben, was Du in Deinem jüngsten Briefe Barop! er-
wähnst.- Kannst Du nun Barop, könnt Ihr M. u B. nun, so denkt
Euch, nein! denkt Euch nicht nur, sondern theilt es mir bei meinen
bisherigen schaudervollen Erfahrungen: Kandler - Wetzstein - Lange[-]
thal - die Fröbel rc: rc (doch warum Namen nennen, vertilgt sie
nur die Sache spreche) wie bei Lebenserfahrungen gleich den meinen
Kosels Wort u Mittheilung erstarrend, alles vernichtend auf
mich wirken mußte.- Da erkannte ich aber auch alsbald die Kraft
die ächt belebende und erhaltende die Gott in die Wahrheit den des Gedankens der gelegt
hat, und diese Kraft der Wahrheit wird mich frei machen;
was blieb mir auch nach dem Mitgetheilten, wenn ich mich nicht
augenblicklich der Selbstvernichtung preiß geben wollte noch
übrig als dieß, auf alles Äußere resignirend, mich stützend
auf die Einheit und das Leben der Wahrheit, die Wahrheit
die die Quelle des Lebens in sich selbst hat?- Doch Du Barop!
schreibst unmittelbar fortfahrend 2.)ns "daran ist nie gedacht
"worden, im Gegentheil wohl an größere Einigung namentlich
"jetzt."- Diese Worte u Gesinnungen, sind Gesinnungen u Worte des
Heils für uns, für die Menschheit, die Kindheit u für unser ganzes
Werk; Ihr seht die höhere Leitung der Vorsehung; was mich/
was uns, was am Ende uns alle vernichten sollte - Trennung
Auflösung, Vernichtung des Vertrauens - Vernichtung der Le-
benseinigung im Geiste und durch den Geist der Wahrheit
- das war uns zum Heil, ließ uns klar bewußt werden,
was wir fest halten, was wir thun sollen. Menschen, Männer
Freunde, Brüder! Klar seht i Ihr wem und was es gilt, der Einigung
gilt es - Trennung suchen die Feinde, die Gleichgütigen der Menschen
- Trennung suchen sie nach des [sc.: der] Gottheit ewigen Rathschluß, da[-]
mit die Einheit u Einigung in ihrer göttlichen, ja in ihrer Gottes[-]
Kraft u Wirksamkeit erkannt werde. Und wenn das Leben
auf dem Spiele stehe haltet an der Einigung fest - nicht um meinet
[2R]
nicht um Euret, aber um Eurer Kinder, um Eur unseres Volkes
und Vaterlandes willen - um der Menschheit willen. Denn
immer klingt es mir mahnend ins Ohr was Berlin mir sagte
und ich glaube noch andere: - "Pestalozzi der in so großem
Lebensverbande stand hat das Gute rc nicht erreicht was er wollte, wie
wollen sie [sc.: Sie] Fröbel es erreichen der sie [sc.: Sie] so vereinzelt stehen."
- Seht so wird man einst auch zu Euren Kindern u Enkeln sagen
- Schaut Fröbel der so ganz hingegeben der doch in der Zeit
(theoretisch) als wahr erkannten Idee lebte dem Männer
ein g[an]zes Menschenalter zur Seite standen konnte nicht erreichen
was er wollte, wie wollt ihr es jetzt in des Lebens ver-
mehrten Äußerlichkeit u Zerstreuung erreichen.- Denkt
nicht wie jener Asiatische Feldherrn Sohn:- "Was bleibt mir und uns
zu thun übrig wenn mein Vater die Welt erobert?" Unendliches
bleibt übrig alles bleibt übrig - diese Bewohner der Welt glücklich
zu machen. Nur den AnkerGrund, nur den Ackerboden - nur das Gar-
tenland will ich Euch mit gewinnen, wenn Ihr wollt erobern helfen
dann laßt Eure Kinder u KindesKinder als die Beglücker u Genien der
Menschheit kommen u säen u pflanzen: das Gute, Schöne, Wahre das Göttliche
d. heißt das nicht Menschheitliche u Menschliche.- /
[3]
Mein Plan ist nun ganz einfach: hier ist er: Wie Gott seinen Geist
in einer Natur selbst in der kleinen Erde gestaltete, wie er
sein Bild selbst in einem Erdenklos ausprägte, so will ich den er-
kannten Geist der KindheitEntwickelung - gleich dem Geiste welcher
zuerst das Wasser bewegte, die Körper- Glieder- Sinnen- u Lebens[-]
thätigkeit des Kindes frei machen - dann ihn in Ball u Holzklötzchen
gestalten und darlegen, ausprägen: Wie nun Geist u Gemüth
sich endlich in dem Erdenklose frei machte, so wird sich dann
auch später der erziehende Geist, das, Kinderleben pflegende
Gemüthe aus, in und durch den Wollklos, (den Ball) und die
Holzklötzchen frei machen. Ich weiß jetzt klar was, wie, wo-
zu und durch welche Mittel auf welche Weise ich es will: -
Ich will blos Spiel- und Beschäftigungsmittel Producent werden
ich kenne nun das Kleid, was sie anhaben, die Sprache die sie reden
müssen um sich Einigung im Publikum zu verschaffen. Ich will
mit Geist schaffen, den Geist wecken und zeigen möget einst Ihr
Eure Kinder, und wer sich sonst dazu berufen fühlt: Wie die
Menschheit im Großen in der Naturentwickelung so ihre Entwicke[-]
lung und Gesetze derselben fand, so soll die Kindheit u
das Kind im Kleinen in seiner Spiel- und Beschäftigungsentwicke-
lung, die seinige und die Gesetze derselben finden u erkennen; finden
in, auf u für die verschiedenen Stufen, der Lebensentwicklung
in welche die Vorsehung es setzte.
Werden wirs uns, wird mich Keilhau nun so verstehen, so
werden wir gemeinsam zum schönen Ziel der Menschheit kommen
zu welchem wir alle hinstreben wenigstens den rechten, den rich[-]
tigen Weg dahin einschlagen u anbahnen; dafür zeigt jedes Blatt
und jedes Wort in den Büchern der Gegenwart u Vergangenheit
welche unumwunden aussprechen, ja auf das eindringste fordern
was uns allen Noth tut. Der große Lebenswendepunkt ist also /
[3R]
kurz der und er läßt sich so aussprechen: - Ich erwarte nicht
mehr d von Außen das Einsehen Erkennen u Anerkennen des
Rechten und die Hülfe zu dessen Ausführung von Außen,
sondern ich beschränke mich auf das gestaltende schaffende
Ausführen und Darstellen des Rechten innerhalb meines Kreises
u mit den mir zu Gebot stehenden Mitteln, ohne auch dazu von
Außen weitere Hülfe u und [2x] Unterstützung in Anspruch zu
nehmen, als die sich aus der Sache selbst entwickelt. So
viel aber weiß ich würde ich jetzt alles was ich mein nennen
darf verkaufen und es für den genannten Zweck verwenden
so würde ich zum Ziele gelangen; denn Wenig ist es am Ende
was das Ganze eigentlich fordert.
Nun zum Brief: - Ich darf so wenig als m[ö]gl[ich] hier fertigen lassen
wenn ich nicht zugleich die ganze ins industrielle Seite hierher
verlegen will, weil - wie Wolf zeigt, also sogleich als Er-
werbsmittel festgehalten u ausgebeutet wird - und wie ich oben
ja klar darlegte das Viele Halbe mich eben um das Ganze ge-
bracht hat, denn 2 halbe Apfelkerne oder Eier machen für die Fort[-]
entwickelung kein Ganzes.
Kosel hat mich nun aufgefordert das Weihnachtsfest noch hier
zu feiern, ich um nach Weihnachten noch einen Versuch mit den
Spielen bei seinen Blinden zu machen, ich mußte mehrfach
darauf eingehen - doch komme ich in der nächsten Zeit g[an]z bestimm[t]
zurück, dann wollen wir in der offensten Einigung das g[an]ze
Leben klar besprechen[.] Ort der Firma Blankenburg muß von
nun an stets bleiben: ebenso die Firma selbst. Anstalt zur Pflege
des Beschäftig[un]gstr[iebes] rc: ja nicht wie im Allgem. Anzeiger und bei
allen jüngsten Bekanntmach[un]g[en] steht: - Kinderpflegeanstalt,
diese Abkürzung würde blos unter gewissen Umständen erlaubt[.]
- Mein ganzes Wesen sehnt sich mit aller Kraft zurück; dann mündlich alles[.]
Geseegnetes Weihnachtsfest Allen D. u E. Fr. Fr. /
[4]
Leider habe ich in dem jüngsten Briefe Schwarzkopfs an mich übersehen
daß er vom 14 Decbr schreibt. "Wie er abermals am 13 Dcbr 40 
Weihnachtsbäume von Hildburghausen für Blankenburg erhalten und
daß er sie d[urc]h seinen Bursch hat herumtragen lassen, weil er aber als
Fremder sich nicht gern mit dem Einkauf befassen auch Euch in Keilhau nicht
damit beschweren will, so will er d[a]s Geld dem Stadtrathe geben rc. Fast
war ich in mir damit nicht zufrieden, da ich aber bedachte wie sich Blkbrg
gegen mich hinsichtlich der Anstalt betragen, so ist mir auch recht d[a]ß
wir uns weiter <d[oc]h> um die Sache bekümmert haben. Schwarzkopf hat
doch hoffentlich auch Euch die Anzeige gemacht?-
Mir Bälle zu schicken hätte Schwarzkopf alles aufbieten sollen:
das geht nicht so leicht so etwas in einer großen Stadt in solchen Zeiten zu erhalten;
ja es ist ganz unmöglich, und was ich selbst nicht glaubte, gerad
Farbenfolgen von 6 Bällen werden gefordert.
Es ist mir sehr bang u weh ums Herz daß ich diese Feiertage
nicht in Keilhau und bei Euch bin; ich sehne mich unbeschreib[-]
lich heim; grüßet alle in Liebe. Friede u Freude Euch
allen zum Feste. D. u. E FrFr.
Daß wenn auch die Firma rc [in] Blankenburg bleibt, wie es noth[-]
wendig ist, wozu ich sprechende Gründe habe - so ist es mir doch gar sehr
recht, wenn Schwarzkopf in Keilhau leben kann; denn ihn jetzt
zu entfernen, wo mit Ernst diese Sache betrieben werden soll, kann ich
nicht angemessen finden, ich sehe es hier wie diese Art besorgungen [sc.: Besorgungen] einen
Menschen regrer Art u allein fordern, ein Mensch wie ich geht dabei
rein zu Grunde.
Freunde! wenn ich komme, wonach sich mein Herz sehnt, dann müßt Ihr
aber mich frei machen daß ich nur schaffen u schaffen kann, dann sollt
Ihr sehen was mir noch zu leisten möglich ist.- Schaffen, schaffen
praktisch zu wirken, jetzt da ich in mir durchgedrungen bin, das ist
meine Bestimmung! Von allen Seiten mahnt es mich sie zu erfüllen; dazu helfe <Gott> [*Theta-artiges Zeichen für theos*] d[urc]h Euch. /
[4R]
[leer]