Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Karl Hagen in Heidelberg v.30.12.1844 (Frankfurt/M.)


F. an Karl Hagen in Heidelberg v.30.12.1844 (Frankfurt/M.)
(Autograph nicht überliefert, ed. Hermann Hagen 1882, Nachdruck Hoffmann 1948, 7-12, Seitenangaben nach Hoffmann)

Frankfurt a. M., am 30. Dezember 1844

Verehrter Herr und Freund!

Nun, das Jahr soll mir doch nicht verschwinden, ohne Ihnen meinen
so warmen als aufrichtigen Dank für Ihre gütige und eingehende Teil-
nahme zu sagen, welche Sie meinen erziehenden Bestrebungen im Laufe
desselben und namentlich während meines so langen Aufenthaltes in
Heidelberg geschenkt, und für die Freundschaft, welche Sie auch mir
persönlich in dieser Zeit erwiesen haben. Wenn ich jetzt auf die Er-
gebnisse während meiner Wanderungen am Rhein, Neckar und Main in
dem letzten Halbjahre prüfend zurückblicke, so gehört Ihre eingehende
Teilnahme zu den hoffnungs- und erfolgreichsten derselben, ja ich
glaube, sie wird sich, diese Teilnahme, als die bleibend schönste Frucht
und weit verbreitend segensreich fortentwickeln. Ich freue mich gar
sehr, solche Ihnen und unserm gemeinsamen lieben und treuen Freunde
Leonhardi zu verdanken.
Der Gegenstand, welchem Sie, hochgeehrtester Herr Doktor, Ihre Auf-
merksamkeit, ja Ihre sorgsame Pflege geschenkt haben, erscheint mir,
wenn ich die Zeiterscheinungen in Osten und Westen, Norden und Süden
prüfend beachte, immer wichtiger, ja ich muß mich immer mehr über-
zeugen, daß er sich zuletzt als den wichtigsten, als den Mittel-, als den
Quellpunkt aller Zeit- und Lebensbestrebungen erweisen wird. Wie sehr
freue ich mich daher, daß Sie denselben so tief erfaßt haben; denn jetzt
kann sich etwas schlechterdings nur dann seine Anerkennung und blei-
bende Fortentwickelung zu stetig steigender Vollkommenheit sichern,
wenn es seine Begründung in der Geschichte und in den Prinzipien der
höchsten und reinsten Strebungen der Menschheit, somit auch des Volkes,
der Familie und so auch jedes Einzelnen nachweist. Ja, ich bin in mir
so ruhig als erfreut, daß meine erziehenden Strebungen keine dieser
Prüfungen in ihrer größten Strenge zu fürchten haben, daß vielmehr
meinem Streben diese Prüfungen um so lieber sind, als sie sowohl in
geschichtlicher Entwickelung als in der Darlegung der Prinzipien und
Nachweisung der Wege zur Lösung aller sozialen Aufgaben der Zeit /
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gründlich und erschöpfend sind. Wie sehr freue ich mich daher, daß
der Idee Ihre so ruhig als eingehende und umfassende Bearbeitung
wird; nur müssen wir nach Beendigung derselben auch die größte Sorg-
falt darauf wenden, daß das Ergebnis Ihrer Bearbeitung dann auch die
größtmögliche Verbreitung erhalte. Dies geschieht nun wohl zuerst
durch den Druck in Ihrer Schrift: die Zeitfragen selbst, dann mittels
eines kürzeren Auszugs aus derselben und mit Hinweisung auf die
Schrift selbst in der allgemeinen Augsburger Zeitung: endlich durch
einen besondern vollständigen Abdruck der Abhandlung; dessen weiteste
und größtmögliche Verbreitung durch den Buchhandel dann zu be-
wirken wäre.
Für die Wahrheit meiner oben ausgesprochenen Ansicht, daß die Er-
ziehung und besonders die frühe begründete bald der Mittelpunkt der
sozialen Bestrebungen werden wird, gestatten Sie mir, Ihnen ein paar,
wenn auch an sich klein erscheinende, allein keineswegs vereinzelt da-
stehende Beweise mitteilen zu dürfen.
Zuerst erlaube ich mir, Ihnen ein mir in dieser Beziehung nicht un-
wichtig erscheinendes kleines Büchlein von einem gewissen Ebeling
überschicken zu dürfen. Nachdem es ganz kurz die Erziehung nach ihren
verschiedenen Zwecken, Grundsätzen, Mitteln und Methoden historisch
und kritisch darstellt, deutet es 1.) S.70 an, daß wir einer universalen
Erziehung bedürfen und (S. 72), daß diese Aufgabe besonders praktisch
ihm noch nicht gelöst ist: 2.) S.73, daß das Ziel und der Zweck aller
Erziehung sei, die Idee der Menschheit darzustellen: 3.) S. 92, daß wir
einer Nationalerziehung bedürfen. Endlich weist die Schrift durch ein
Zitat auf S. 78 auf die organische Einheit des Erziehungs- und somit
auch des Unterrichtswesens hin. In allen diesen Beziehungen nun kann
sich die von mir aufgestellte Erziehungs- und Unterrichtsidee und –weise
einer strengen Prüfung unterwerfen.
Ferner steht im Augustheft des Mundschen Freihafens 1844 ein Auf-
satz: "Über die Erziehung unserer Zeit" von Medizinalrat Trinks in
Dresden, von welchem ich wohl wünschte, daß er von Ihnen gelesen
werden könnte und möchte. Denn ich glaube, daß sich in Beziehung
auf denselben das Nämliche aussagen läßt, was ich soeben aussprach:
daß nämlich die von mir angebahnte Kinderführung alles das leistet,
was Herr Trinks in der Erziehung unserer Zeit vermißt. /
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Drittens steht im Allgemeinen Anzeiger der Deutschen, welcher in
Gotha bei Becker herauskommt, in Nr. 345 vom 18. Dezember auf der
4. Seite ein Aufsatz: ,,Über Erziehung" usw. als von einer Mutter an ihre
Freundin geschrieben. Der Gegenstand ist die Mitteilung der Erfahrungen,
welche eine Mutter über den Geist und die Wirkung des besonders frühen
Schulunterrichtes an der Hand ihres eigenen Knaben macht. Die Auf-
zählung alles des sich hier tatsächlich findenden Unstatthaften schließt
nun mit den ganz einfachen: Worten; "Alles dies würde durch die Aus-
führung der Kindergärten Fröbels verschwinden" usw. Dieser kleine
Aufsatz ist mir mehrfach wichtig: 1. weil er von der Vorführung der
mangelhaften Tatsachen ausgeht, darauf 2. mit wenig Worten seine For-
derung gründet, daß er 3. mir wirklich aus der Feder einer Mutter ge-
flossen zu sein scheint und so 4. den Beweis gibt, daß der Gegenstand
wirklich allgemeineres Interesse zu bekommen beginnt. Dieses Interesse
aber muß nun notwendig möglichst gepflegt und so auch immer mehr
geweckt werden.
Da der Allgemeine Anzeiger d. D. sich auf dem Lesezimmer des Mu-
seums in Heidelberg befindet, so würde es mich freuen, wenn Sie dem
Gegenstande selbst Ihre Aufmerksamkeit schenken wollten. Überhaupt
habe ich daran gedacht, ob es nicht auch für die Heidelberger Verhält-
nisse gut sei, wenn der Aufsatz, vielleicht mit einigen ortsgemäßen Ab-
änderungen, in der Mannheimer Abendzeitung oder dem Heidelberger
Journal abgedruckt würde. Wollen Sie vielleicht so gütig sein, auch
Herrn von Leonhardi und Herrn Huber in dieser Beziehung auf
diesen Aufsatz aufmerksam zu machen?
Die kleine Schrift von Ebeling berührt übrigens in der Vorrede
S. XIX noch einen Gegenstand, welcher mich in der jüngsten Zeit ganz
vorzüglich beschäftigt. Es ist dies die Vereinigung von Männern und
Vätern zur tatsächlichen Förderung der häuslichen und öffentlichen Er-
ziehung überhaupt, wie der früheren [sc.: frühen] Erziehung bis zur Schulfähigkeit
und Reife insbesondere. Überall und in allen Beziehungen steigen die
Wissenschaften in das Leben zur Förderung desselben herab; überall be-
gegnen wir Vereinen, welche den wissenschaftlich gebildeten Mann mit
dem Laien zu einem das Leben verschönernden Kranz verbinden, worin
der wissenschaftliche Mann die Ergebnisse seiner Forschung zur An-
wendung im Leben hingibt und der praktische Mann solche gegen die /
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Mitteilungen seiner oft so wichtigen Erfahrungen eintauscht. Nur einzig
für die Erziehung, für die erste häusliche und überhaupt frühe Er-
ziehung, welche für uns alle so entscheidend wichtig war, welche nicht
minder entscheidend wichtig ist für alle, welche unserer erziehenden
Einwirkung hingegeben sind - und welcher Mensch wirkte nicht, sei es
positiv durch das, was er tut, oder negativ, durch das, was er unterläßt,
erziehend ein?! - nur einzig für die Erziehung, besonders für die frühe,
an welcher wir alle, alle Mitarbeiter sind, nur für diese gibt es noch
keinen Verein von Männern und Vätern zunächst, welche von deren
Wichtigkeit tief durchdrungen, hoch begeistert sind! Der Ort, die Stadt,
verehrtester Herr Doktor, in welcher es möglich sein wird, zuerst einen
solchen Männer- und Väterverein in Ausführung zu bringen, wird sich
für ewige Zeiten ein Denkmal in der Geschichte seines Volkes, ja in der
der ganzen Menschheit setzen. Die Bildung dieser Erziehungsvereine muß
ich für das Allerwichtigste halten, was die Zeit erzeugen kann. Bei
weitem höher und wichtiger halte ich diese Vereine und deren Bildung
als alle Gustav-Adolphs- und ähnliche Vereine und als alle jetzt auf-
steigenden konfessionellen und kirchlichen usw. Fragen. Wie ich es oben
schon andeutete, wird einmal alles dies in der Erziehung nicht nur
seinen Sammel- und Einigungspunkt, sondern seinen Halt- und Klä-
rungspunkt finden.
Von allen Orten, welche ich nun kenne, finde ich keinen dazu geeig-
neter als Heidelberg, indem sich dort schon wissenschaftliches und
bürgerliches Leben vielfach durchdringt, und an diesem Orte sehe ich
nun niemanden mehr zur Anregung und Gründung eines solchen Ver-
eins geschaffen als Sie, hochgeehrtester Freund! Nicht sage ich etwa dies
aus irgendeinem fremdartigen und ungenügenden Grunde. Nein! Ihre
ganze Stellung, besonders eben jetzt als erziehender Vater, als Mann
der Wissenschaft, als Verkündiger der Lehren der Geschichte, zugleich
als Vertreter des Volks in Wort und Schrift, als Beförderer der bürger-
lichen Bestrebungen, als Mitglied zweier Gesellschaften, sowohl des Mu-
seums als der Harmonie, Sie, bester Herr Doktor, wären bei dem Streben
nicht nur nach vorwärts, sondern nach dem Besten, welches Heidelberg
in seinen Bürgern und Bewohnern charakterisiert, ganz in der Stellung,
einen solchen Erziehungsverein durch Männer und Väter in Heidelberg
zu begründen. Dadurch würden nicht nur die Bedürfnisse allgemeiner /
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erkannt und anerkannt, sondern auch die Mittel und Wege, ihnen ab-
zuhelfen. Es wäre schön, sehr schön, wenn sich beim Eintritt in das neue
Jahr wenigstens dazu eine fortwirkende Anregung geben ließe. Ein
solcher Verein könnte denn auch in gewisser Beziehung wieder ver-
mittelnd zwischen dem Museum und der Harmonie dastehen. Es wäre
dieser Verein gleichsam ein Sproß oder Zweig aus jenen beiden, welcher
sich ein höheres Vereinsziel, einen allgemein gültigen Vereinszweck
stellte. Ich habe es jetzt wieder hier in Frankfurt gesehen: der Ein-
zelne ist gar sehr leicht auch ein Vereinzelter und vermag als solcher
selbst in seinem eigenen Hause wenig, wenigstens sehr wenig, worein
auch die Umgebung, und noch weniger, worein auch das Allgemeine
förderlich eingreife, was doch eben bei der häuslichen und selbst der in
sich geschlossenen Familienerziehung so höchst wichtig ist. Wie zu-
nächst in Heidelberg, könnte sich später ein solcher Verein auch in
Mannheim, dann in Karlsruhe usw. bilden. Die Wirkungen solcher Vereine
müßten für die Volks- und Nationalbildung auf das höchste wichtig sein;
bildende Volksfeste und erziehende Spiele, ähnlich den griechischen usw.
müßten sich daraus entwickeln. Bedürfte und wollte man zur Bildung
und zu dem Zusammentritt solcher Vereine auch eine äußere Veran-
lassung, gleichsam einen Haltepunkt, so könnte es zunächst die Prüfung
der Idee und die Ausführung des Gedankens der "Kindergärten" sein.
Sollten Sie in diesen Übergangstagen mit Huber oder Leonhardi
oder Louis usw. zusammenkommen, so teilen Sie denselben doch
diesen Gedanken zur förderlichen Teilnahme mit! Es tut mir zwar recht
leid, daß sich mir dieser Gedanke durch die Umstände erst hier ent-
wickelt hat und ich ihn nicht schon während meines Aufenthalts in
Heidelberg bekommen habe, doch schadet dies gewiß gar nichts zur Aus-
führung, im Gegenteil wird nun alles um so eher ein eigentliches Heidel-
berger Gewächs. Also wenigstens Pflege des Gedankens!
Irre ich nicht sehr, so bin ich Ihren lieben Kleinen zu den über-
gebenen Kästchen noch die lithographischen Hefte schuldig. Ich wollte
Ihnen solche schon zum lieben Christfest überschicken, allein von einer
Zeit zur andern wurde ich durch das Schwanken des Lebens davon ab-
gehalten. Das liebe Töchterchen kann doch vielleicht nun bald von den
Zeichnungen Gebrauch machen, und was jetzt noch nicht ist, kann doch
später werden. Deshalb bitte ich Sie, nach Ihrem besten Ermessen der /
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l. Kleinen zum frohen Neujahr, nebst Gruß von mir, davon abzugeben,
was Sie für gut halten.
Bis zu nächstem Sonntag früh werde ich wohl hier bleiben müssen;
könnte und würde mich bis dahin eine Zeile von Ihnen erfreuen, so
würde mich dies sehr glücklich machen.
Wen von unsern gemeinsamen lieben Freunden Sie in diesen fest-
lichen Tagen des Jahreswechsels sehen, dem bitte ich auch von mir meine
besten Wünsche zum neuen Jahr auszusprechen.
Die Drucksachen aus dem Großherzoglich-Hessischen Schulblatt, Neu-
Ingelheim betreffend, und aus der Didaskalia Nr. 341 vom 10. Dezember
hat Ihnen doch Herr von Leonhardi abgegeben?
Diesem nun meinen besonderen freundlichsten Gruß. Möge Ihnen das
neue Jahr die reinsten und schönsten Wünsche Ihres Herzens erfüllen,
dann wären damit zugleich auch die wärmsten Wünsche erfüllt
Ihres herzlich ergebenen
Friedrich Fröbel.

Adresse: Herrn Karl Schneider, Vorsteher einer Bildungsanstalt. Frank-
furt a.M., Große Eschenheimergasse D. Nr.165.