Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Albertine Middendorff in Keilhau v. <Ende> 12.1844 (Frankfurt/M.)


F. an Albertine Middendorff in Keilhau v. <Ende> 12.1844 (Frankfurt/M.)
(BN 565, Bl 11, undatierter Entwurf 1 Bl 8° 2 S. Anhaltspunkte für Datierung und Abfassungsort: Briefliste Nr.1222 dat. „(1844)“. Der Brief ist geschrieben zur Feier des Geburtstags [29.12.1801] der Adressatin.  Die Frühlingsmetaphorik des Briefs deutet vordergründig auf einen Jahresanfang, steht aber im Kontext der Lebenssituation F.s.  Der Briefanfang deutet darauf hin, daß F. nicht in Thüringen ist ["d[urc]h Fremdes reden ... kommen]". Den Jahreswechsel 1844/45 verlebte F. bei Carl Schneider in Frankfurt/M. Das auf 11R erwähnte Buchgeschenk ist mit Sicherheit Arndts „Fragmente der Menschenbildung“ von 1805. Diese Schrift wurde F. zur „2. Bibel“ [vgl. Brief an die Frauen in Keilhau v. 18.8./21.9.1831] und wird hier gegenüber Albertine erneut in einen breiten autobiographischen Kontext gestellt. – Alle Indizien sprechen für die Abfassung des Briefs Ende Dezember 1844 sein.)

Albertine.

Nichts höheres u köstlicheres vermag der Mensch den Menschen zu geben als der Mensch sich selbst, das Innerste u eigen-
ste seines Lebens, von den
edelsten Geistern ist di[e]ß erkannt von den edelsten Seelen ist es empfunden worden doch
nennt die Welt den Mensch arm der Nichts Nichts [2x] als dieß zu bieten zu geben hat arm;
und so bin ich arm sehr arm wahrhaft arm u habe darum auch an [sc.: am] heutigen am Tage Deines Lebensf[e]stes
nichts anderes als das genannte zu bieten nichts anderes zu geben aber auch nicht ein[m]al
in einer freundlichen edlen dem gewöhnlichen Leben enthobenen Form kann ich es Dir
bieten u geben, den[n] das Leben drä[n]gt vielseitig rings um von außen gewaltig von Innen
von außen fordert es Vielseit[i]gkeit des Gebildes von innen großen
hohe edle Gestaltung und die Zeit jedem zu ge[n]ügen ist auch nicht vergönnt und so will uns auch ni[c]ht[s] günstig sey[n.] Darum muß
ich heute denn d[urc]h Fremdes reden da ich gern d[urc]h e[i]genes spräche, muß d[ur]ch Fremdes kommen
da ich gern mit e[i]gn[em] bey Dir einsprächeträfe, muß d[urc]h Worte sprechen, da ich gern
d[urc]h Gestal[t]ung spräche redete muß die Vergangenheit erscheinen lassen d[a]ß sie auf dem
dem heutigen Tage geweiheten Altar Hausaltar ihre Gaben ihm niederl[e]ge,
statt ich gern die Gegenwart erscheinen ließe, daß sie fröhlich frisch jugendlich
u mit heite[re]m kindlichem u Kindes Sinn ihre reinen Gaben Dir darreihen [sc.: darreiche]. Aber ist der
Frühling alt weil er schon einmal die Natur mit Laub u Blum[en] begränzte
[sc.: bekränzte] u ein[m]al schon Lieder der Liebe u des Vertrauens u des Trostes sang, ist der
Morgen alt, weil einmal u ein[i]gemal[e] in Wiederkehr dazwischen der Abend
sehnsüchtig von der Erde schied stieg, ist die Kindheit, Ist [sc.: ist] die Sonne alt weil Homer in ihre Gluten seinen Pinsel tauchte um seinen Ge-
stalten Leben u Ossian um ihne[n] tiefes Gefühl zu geben sind die Jugend Gefühle alt für Darstell[un]g
u Schaff[un]g des edelsten u höchsten auf der Erde erschienen, das Göttl[i]che
allen Naturgestalten u vor allem der hohen edlen Menschenstad[t]
entstrahlen entleuchten entwirken u entschaffen u entblühen
u entfru[c]hten zu lassen alt weil sie schon wie noch jetzt so schön die Gefühle unserer frühen Jugend we[cken]!?
nein ewig ju[n]g ist der schaffende Geist u so trete er denn am heutigen ebenso mit
jugendl[ich] freier [sc.: freiem] Sinn u umgehender thatkräftiger Leb Kraft zu Dir als er einst zu der Mutter
trat die sehnsuch[t]svoll u hoff[nun]gsvoll zu dem Himmel Vater blickte um Segen zu
erflehen von dem in ihm wohne[nden] Vater für die HimmelsGaben ihrer Kinder die er ihr
geschenkt hatte; z Zum ersten mal in mein[em] Leben hatte ich eben meine menschen Empfind[un]g für
Menschenglück u Menschenheil in <einem freudigen> Wort, mein Schönstes Wollen Wirken dafür in einem
fremden dem Spiegel eines fremdgestaltigen Lebens gesehen als das höchste was mein Ge-
müth u meinen Geist erfüllte, das Höchste was meine Thatkraft spannte mir aus demselben entgegen[-]
tratt [sc.: trat], als ich mein[er] Grund<ahnung> u Offenba[run]g u < Annahme > meines Gemüthes; <gle[i]ches> /
[11R]
als eine 2e Bibel außer mir sahe, und so erschei[n]en mir dasje[n]ige
selbst in u d[urc]h [we]lches ich in mein Inneres u das Innerste meines Gemüthes
u Wollens u Strebens schaute als Buc Bibel über Erziehung u Unterricht
u so nannte ich dort das Buch vor J[u]gend von Ernestinen d[urc]hglüht von Thatlust
ergriffen das Buch das ich jetzt Dir reiche am Tage Deines Lebensfestes, ich
wage es Dir heute nach einem Zeitr[au]m von [von] mehr als fast 20 Jahren zu noch zu rei[c]hen denn wie
das Gemüth später und noch b[e]ym Lebenskampf wohl klarer aber nicht
und um nichts wahrer, wie es der Geist wohl <mannichfaltiger> an Gebilden aber
ni[c]ht lebenvoller al an Gestalt[un]g wird, so ist auch das im Jugendleben
des Menschen ausgesprochen[e] in [sc.: im] Jü[n]gli[n]gsalter desselben wahr empfunden;
ein ewig wahres wird sich als wahr auch in Deinem Gemüthe bestätige[n],
wird das Wahre u Leben Deines Gemüthes ob es gleich jetzt nur in
der weibl[ich]en Gestalt[un]g u [im] weibl[ich]en Leben überwi[e]gend aus- u zu in Dir spri[c]ht
Dich schauen u erkennen lassen es wird Dich im männlichen das menschl.[iche]
u so das Weibl[iche] fi[n]den lassen was vor allem Dein[em] Gemüthe u Leben vorliegt denn
am Gegensatz u d[urc]h denselben findet der Mensch oft am leichtesten d[a]s Wahre
wie d[urc]h das Kräf[t]ige u in Ei[ni]g[un]g aus der Kraft das Schöne. Anderes wird
es darum in Dir hervorrufen als in uns, anders Deine Empf[indun]gen das Wollen gestalten
als d[a]s meine, denn Menschen wollte ich bilden, so sprach sich dort in J[u]gend
Gluth u Jugendkraft mein Wollen aus, "Mensch[en] mit den Füßen in der
Erde gewurzelt u mit Herz u Haupt in den Himmel rei[c]hend, denn dem
weibl[ich]en Gemüthe gen[ü]gt es wie der Erde in sich selbst zu ruhen
u aus sich selbst die schönsten Blumen zu entwickeln in sich selbst die schönen
<reinsten> Töne zu bild gestalten u die schönsten lebenvollsten Gestalten zu bilden
u so mit <paridis[i]scher> [sc.: paradisischer] Natur erfüllt in sich selbst ruhen[d] und dorten sich leicht> um die höhere Sonne dreht [sc.:drehend]
doch erlaube daß das [{]erstere / gewal[ti]gere} Mannesstreben Dir in Dein[em] Wollen schützend treusinn[i]g
zur Seite gehe, wenn sich erweitere Dein Mutterberuf vergrößere Deine Mutter[-]
sorge u so nun in u d[urc]h dieses Buch freylich als unsichtbare Festgabe am für
Dich, mein stärkstes u kräft[i]gstes Jugendstreben als klares geläutertes höher[e]s
Mannesstreben als auch Dir u Dein Leben gehören als auch Dir zu einzig eigenem
bleibendem Eigenthum.
Des lieben ersten treusten Vater[s] Gottes Seegen ruhe wie immer so werde Dir neu und sey auch Dir auch in Dein[em] neuen Jahre LebensJahre.
FrFr.