Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Hermann v. Leonhardi in Heidelberg v. <12.1.>1845 (Frankfurt/M.)


F. an Hermann v. Leonhardi in Heidelberg v. <12.1.>1845 (Frankfurt/M.)
(Autograph nicht überliefert, ed. Hanschmann 1874, 343-345, undatiert und ohne Briefanfang und -schluß. Die Datierung ergibt sich aus dem Kontext. Hanschmann leitet S.343 die Wiedergabe des Briefauszugs mit den Worten ein: “Beziehentlich dieser Vereine schreibt Fröbel*) an Leonhardi:” Hanschmanns Anmerkung* S.343 unten lautet: “Da hier wieder ein Anklang an Krauses Forderung von geselligen Vereinen zur Erreichung menschheitlicher Bestrebungen stattfindet, so ist eine Äußerung Fröbels aus jener Zeit (12. Januar 1845) über sein Bekanntwerden mit Krause von Wichtigkeit. Er schreibt: ‘Krauses Name als philosphischer Schriftsteller lernte ich, sowie die Titel seiner beiden früheren Schriften, historische Logik und der Tageblätter des Menschheitlebens, irre ich nicht, 1807-8 kennen. Bald darauf kam mir die historische Logik selbst zu Gesicht, doch lag mir ihre Beachtung dort sehr fern. In Keilhau erst las ich die ‘Tagesblätter‘ zum Öfteren, sowie auch das ‘Urbild‘, doch im letzteren mehr den allgemeinen Teil als den besonderen, denn die Behandlung der einzelnen Bunde sagte mir in dieser Form nicht zu". Bei der Datierung “<12.1.> 1845” dürfte also das Jahr gesichert sein, Tag und Monat scheinen plausibel. Für das Datum “12.1.1845” spricht auch, daß Karl Hagen am 18.1.1845 an Fröbel schreibt: “Eben ist Leonhardi bei mir gewesen, um mir zu sagen, daß Sie noch in Frankfurt sich befinden.” (BN 463, Hoffmann 1948,12). Leonhardi konnte sich dabei auf Fröbels Brief vom 12.1.45 beziehen, der bis 17./18. sicherlich von Frankfurt/M nach Heidelberg gelangte.)

Desto mehr habe ich in mir gearbeitet, um in mir die Ursachen der Hemmnisse zu
finden, wie die Mittel, sie zu heben und die Wege, ihnen zu begegnen und da
- ja da war ich nicht ohne Erfolg thätig. Ich habe das Buch der Prüfung,
ich habe die Geschichte der Erziehung und Menschenbildung aufgeschlagen;
allein ich habe auch nach wirklich ernstem Studium nur gefunden, daß ich auf
rechtem Wege bin und die rechten Mittel im Auge habe; wohl ein stiller Trost
und leise Kräftigung für mich, doch wenig Hilfe und Trost nach Außen und
für den Fortschritt davon. Ich bin in das Leben gegangen, aber da war die
Erfahrung traurig niederschlagend: in dem Maaße, als das Sprechen darüber
im Leben viel ist, in dem Maße ist die Einsicht in die Sache wenig, und noch
geringer ist das wirkliche Streben, ja auch nur das schwache Streben, das
wenig erkannte Bessere wirklich aus und im Leben einzuführen. Auch diese
hochwichtige Sache ist da blos Gegenstand vorübergehender äußerer oberfläch-
licher Unterhaltung. - Durch diese Erfahrung und bei derselben hat mich
nun recht der Gedanke gefesselt, "Vereine erziehender Männer und
Väter zu bilden
", um dadurch erstlich das Bedürfniß einer Ver-
besserung der Erziehung nach den verschiedenen Richtungen hin
recht lebendig
zu sehen, sowie die Wege und Mittel zu erkennen, anzuer-
kennen und anzuwenden, um dem Bedürfnisse entgegen zu kommen. Um nun
wirklich eine Verbesserung der Erziehung, der häuslichen und Familienerziehung,
sowie der öffentlichen und bürgerlichen oder vielleicht besser der gesellschaftlichen
einzuleiten, dünken mich nun die Ausführung der Erziehungsvereine
aus Männern und Vätern jedes Standes und der verschiedenen
Bildungsstufen über Alles wichtig
. Immer nun werde ich unwillkürlich
darauf hingedrängt, daß Heidelberg (und Mannheim, wie ich durch Kosel
vernehme), der Ort und Baden das Land ist, von wo solche Vereine ausgehen, /
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wo sie zuerst in Ausführung gebracht werden können. Ich halte diese
Vereine erziehender Männer und besonders Väter
so hochwichtig,
daß ich in mir tief überzeugt bin, daß, wenn sie einmal in Ausführung
kommen, sie ein Punkt werden werden, von wo aus sich eine Mehrheit unserer
wichtigsten Lebensfragen zu lösen beginnen werden. Doch ich kann nur auf-
rufen und bitten, alle Kraft zur Bildung derselben aufzubieten, mindestens
nur den Gedanken derselben recht oft auszusprechen, allein auch für wirkliche
Ausführung festzuhalten, damit man sich zunächst nur mit demselben recht
vertraut mache. - Es thut mir recht leid, daß mir der Gedanke und
die Nothwendigkeit dieser Vereine nicht schon während meines
Aufenthaltes in Heidelberg gekommen ist
, durch Dich, durch Louis,
durch Dr. Hagen, durch Huber und sonst noch einige wackere Bürger Walz,
Apel
hätte er ganz gewiß ins Leben gerufen werden können. Nach meiner
Ansicht hat dieser Verein zunächst eine dreifache Aufgabe zu lösen:
1. sich mit dem Stande des gegenwärtigen Erziehungswesens und dessen
Forderung überhaupt bekannt zu machen und dieß sowohl im Allgemeinen
in Beziehung auf öffentliches und sociales, als im Besonderen in Beziehung
auf häusliches und Familienleben; 2. die Wege und Mittel aufzusuchen,
wie diesen Forderungen genügt werden könne; 3. aber auch mit aller Kraft
nach Maßgabe der örtlichen Verhältnisse und Mittel dafür zu wirken, daß die
erkannten Wege zum Ziele auch wirklich betreten, die erkannten Mittel
zum Zwecke auch wirklich angewandt werden; so kann und wird sich endlich
ein einiges Verständnis über den Gegenstand bilden und ein gemeinsames
Zusammenwirken für Ausführung des Erbauten sich zeigen. Die Fröbel'sche
Spiel- und Beschäftigungsweise, seine Kindergärten brauchen gar nicht der
erste Gegenstand der Besprechung, noch weniger aber sollen sie gar die
Fahne des Vereines sein. Erst wenn der Verein gefunden hat: - was thut
uns und besonders unsern Kindern Noth, und wo finden wir, was wir für
sie bedürfen, dann mögen die Fröbel'schen ersten Kinderführungs-Wege und
Mittel in Betracht und Berathung kommen. - Es wäre sehr gut, wenn der
Gegenstand, damit er Allgemeinheit und Oeffentlichkeit erhalte - (denn
nur diese beide sind die Elemente, der Grund und Boden, in welchem lebens-
wichtige Gedanken jetzt Wurzel schlagen müssen, aus welchem einzig sie für
die Ausführung im Leben Nahrung ziehen können) - in einer eurer Badi-
schen Blätter, z. B. in der Abendzeitung, besprochen würde. Mich dünkt der
Gedanke motivirt sich auch für den einfachen Bürger und Landmann durch
die bestehenden Gewerbs-, Landwirthschaftlichen und Gartenvereine, - in wel-
chen beiden letzteren man besonders die Gesetze der Entwickelung der Thiere /
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und Gewächse zu erkennen und bei ihrer Cultur in Anwendung zu bringen
sucht, daß es mich dünkt, der Gedanke liegt so ganz nahe, vor Allem und
zunächst auch die Gesetze der Entwickelung des Menschen sich zur Einsicht und
bei der Bildung und Erziehung des Menschen in Anwendung zu bringen zu
suchen.
Ich lege Dir und durch Dich allen Heidelbergern und Ba-
densern den Gedanken der Ausführung dieser Erziehungsvereine
recht warm ans Herz
, und wenn ich heut noch sterben sollte, müßt Ihr ihn,
wegen der Vielseitigkeit seiner sich aus ihm entwickelnden Wirksamkeit und
gleichsam als einen Mittelpunkt Dessen, was wir bedürfen, auszuführen suchen.