Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Karl Hagen in Heidelberg v.21.1.1845 (Frankfurt/M)


F. an Karl Hagen in Heidelberg v.21.1.1845 (Frankfurt/M)
(Autograph nicht überliefert, ed. Hermann Hagen 1882, Nachdruck Hoffmann 1948, 13-16, Seitenangaben nach Hoffmann)

Frankfurt a. M., am 21. Januar 1845.

Verehrter, lieber Herr Doktor!

Sie haben mich durch Ihre jüngsten, lieben Zeilen mehrfach recht er-
freut, daß Ihr Aufsatz nun bald erscheint, über welchen Leonhardi
mir schon seine Befriedigung ausgesprochen; um so mehr wünschte ich
nun, daß mir von der Verlagshandlung der Jahrbücher der Wunsch er-
füllt werden und ich ohngefähr und wenigstens 50 Exemplare der Bogen,
welche Ihren Aufsatz enthalten, als besondere oder Mehrabdrücke aus
den Jahrbüchern, versteht sich gegen entsprechende Bezahlung, erhalten
könnte. Wollten Sie die Güte haben und sich für mich in dieser Be-
ziehung an die Verlagshandlung der Jahrbücher wenden, so würden Sie
mich Ihnen gar sehr weiter verbinden. Später, wenn der Aufsatz wieder in
Ihren Zeitfragen abgedruckt würde, dann wünschte ich wohl, daß eine ent-
sprechende Auflage dieses Aufsatzes gleichsam als Abhandlung aus Ihren
Zeitfragen zum besondern Verschleiß in den Buchhandel und zu einer
noch allgemeineren Verbreitung besonders abgedruckt würde. Doch dar-
über kann und mag ich mich erst entscheiden, wenn ich mich mit dem
Umfang usw. des Aufsatzes bekannt gemacht habe, sobald ich durch Ihre
Güte ein Exemplar erhalten haben werde. Ich bitte deshalb, mir solches /
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nicht erst durch den Buchhandel, was oft gar zu langsam geht, sondern
direkt mit der Post zu senden.
Ich bin wirklich etwas gespannt, weshalb mir ein baldiger Empfang
gar sehr lieb sein wird, so wie auch deshalb, wenn vielleicht sich noch
einige Einschaltungen vor dem Abdruck in den Zeitfragen wünschens-
wert machen sollten, wie Ihre Güte bemerkte. Sagen Sie, lieber Herr
Doktor, könnte nicht auch ein Auszug Ihres Aufsatzes in einer viel-
gelesenen Zeitung, z. B. der Allgemeinen Augsburger oder Kölner Zei-
tung, abgedruckt werden?
Ich hätte Ihnen wohl jetzt schon manches sowohl in Beziehung auf
die Geschichte der Erziehung, namentlich der klassischen Völker, als auch
in Beziehung auf die gegenwärtige Zeitforderung, besonders der Volks-
bildung, zu schreiben; doch es mag bis dahin aufgeschoben bleiben. -
Schade, daß es sich mit der Ausführung eines Kindergartens in Heidel-
berg, welche meine Tätigkeit daselbst wieder auf einige Zeit hätte fesseln
können, nicht machen will. Wie schön hätten wir nun gemeinsam wirken
wollen! Seit meiner Abreise von Heidelberg hat sich mir das Ganze
wieder um Vieles geklärt und in seiner tiefen Begründetheit wie Zeit-
wichtigkeit gezeigt, namentlich auch durch die Begründung eines Er-
ziehungsvereines. Und dies ist denn das Zweite, weshalb mich Ihr liebes
Briefchen so erfreut hat, indem Sie darin aussprechen, daß Sie auch in
dieser Beziehung mit mir übereinstimmen. Seit ich Ihnen das letzte Mal
schrieb, hat sich in mir nun auch dieser Gedanke sehr ausgebildet. Ich
muß ihn immer mehr, - Sie gestatten, dass ich zu Ihnen, wie zu mir
selbst, offen reden darf? - also immer mehr muß ich diesen Gedanken,
unumwunden ausgesprochen, als den wichtigsten, als den Alles einenden
in der Gegenwart ansehen, von welchem aus sich aber auch ebenso wieder
Alles löst. Erfassen wir das Kind bis zum 6. Jahre rein als Mensch, alles
konfessionell Religiöse wenigstens von seiner allgemeinen Behandlung
ausgeschlossen, d. h. höchstens dem ganz speziellsten Verhältnis des Vaters,
der Mutter zum Kinde anheimgestellt - so gibt es nichts, daß [sc.: das] uns mit
Beseitigung aller sonstigen Differenzen inniger zu einigen imstande ist
a1s die Erziehung, als zunächst die Erziehung bis zur Schulreife. Dieser
Gedanke, der Gedanke eines Vereins erziehender Männer und Väter für
Erziehung war es denn auch und das Wirken für dessen Ausführung,
was mich bis jetzt noch in Frankfurt gehalten hat. Nach meiner bis- /
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herigen und jetzigen Erfahrung kann nun aber dieser Gedanke nur in Aus-
führung kommen, wenn er zuerst ganz allgemein angeregt und in seiner
Notwendigkeit gezeigt wird. Zu diesem Zweck drängte es mich nun,
einen Aufruf niederzuschreiben; ich hoffte, ihn durch eines der Frank-
furter mir entsprechend erscheinenden Blätter - wobei ich den Redak-
toren zur Beschneidung bis aufs Wesentliche völlige Freiheit gab –in
das große Publikum einzuführen, doch die Engherzigkeit der Redaktoren
war nicht dazu zu bestimmen.
Der Gedanke, dünkt mich, muß aber notwendig dem großen Publikum
zur Prüfung und zu einem Gemeingut vorgelegt werden; denn der Ge-
danke selbst hat auch hier überall, wo ich ihn mitteilte, Anklang und
Teilnahme gefunden, obgleich sich durch die trennenden Verhältnisse
der Einzelnen noch kein Verein zusammenbringen ließ. Die allgemein
und offenkundig sich aussprechende Überzeugung muß hier die Fesseln
lösen. Deshalb möchte ich, daß alles versucht würde, um nur den Ge-
danken erst ins große Publikum zu bringen. In dieser Beziehung er-
laube ich mir nun, Ihnen beifolgend den von mir dafür niedergeschrie-
benen Aufruf zu überschicken, so wie er der Feder entflossen ist. Prüfen
Sie ihn, und finden Sie den Gedanken und die einzelnen Motive des-
selben wahr, so bitte ich Sie, suchen Sie alles Mögliche aufzubieten, um
denselben durch irgendeine Zeitungsredaktion ins Leben einzuführen.
Die Form, die Länge und Kürze, alles gebe ich Ihnen frei und nichts
von dem, was ich in dieser Beziehung niedergeschrieben habe, ist mir
ans Herz gewachsen. Allein den Gedanken als solchen wünsche ich ins
Pulikum ein- und irgendwo von demselben ausgeführt. Könnte denn
dieser Aufruf doch noch in den konstitutionellen Blättern Weils oder
vielleicht noch besser in der Mannheimer Abendzeitung erscheinen und
dann von dieser auch später in das Badische Volksschulblatt aufgenommen
werden ? Oder könnten Sie ihn nach Köln an Andree für die Köl-
nische Zeitung bringen? Ich gebe Ihnen alles frei, allein denken Sie sich
den Gedanken in seiner Wirksamkeit (jetzt hat alles Einheit und einen
Kopf), so spricht sich klar und bestimmt aus, was man am Ende durch alles
will: Entwicklung, Bildung, Erziehung des Volkes, und natürlich zuerst
in dem heraufkommenden Geschlechte zum Ziele seiner Bestimmung.
Könnten Sie freilich sogleich auch die Ausführung eines solchen
Vereines, und sei es wirklich nur durch 6 - 12 Personen, erwirken, so /
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wäre es ganz vortrefflich, damit nur erst die Sache als Faktum dastehe,
dastehe als ein Muster für andere Städte; würde Mannheim usw. folgen,
so würden sich bald die Früchte eines solchen Vereins allgemeiner zeigen.
Wenn die Vereine auch wirklich zuerst nicht mehr bewirkten, als sich
über das, was Erziehung heißt, was man darunter versteht, was sie för-
dert, nur gegenseitig auszusprechen, mitzuteilen, - von Einigung will
ich anfangs gar nicht reden - so wäre schon dadurch viel gewonnen;
wenn man dann vielleicht Bilder aus dem Leben der klassischen Völker
vorführte, durch deren Anschauen und Vergleichen man erkennte, was
wir bedürfen, so wäre durch alles dies zunächst schon ein ordentlicher
Schritt vorwärts getan. Es wäre doch vorläufig eine allgemeine Idee,
welche Alle bände. Die Entwickelung der Ausführung würde von Stufe
zu Stufe kommen. Ich wollte, ich hätte mit diesem Gedanken in Heidel-
berg statt in Frankfurt gelebt, ich glaube, ich wäre jetzt dort eher als
hier zum Ziele gekommen; denn hier bin ich noch ganz davon.
Nun, wie dem auch sei, was Sie auch jetzt wirken oder nicht wirken
können, halten Sie nur den Gedanken an die Ausführung felsenfest,
und bei jeder günstigen Gelegenheit sprechen Sie ihn aus, kleiden Sie
ihn in Toaste ein: es ist alles gleich, nur geben Sie ihn dem Publikum
und in der Notwendigkeit seiner Ausführung!
Werden Sie die Güte haben, mir einen Abdruck Ihres Aufsatzes zu
senden, dann schreiben Sie mir auch mit einem Worte, welcher Pflege
Sie den Gedanken wert gehalten haben. Mit Herzlichkeit und Liebe
grüße ich Ihre Kinder, deren ich oft, oft gedenke. Auch v. L. bitte ich
zu grüßen. Bleiben Sie ferner in Liebe gewogen
Ihrem treu ergebenen

Fr. Fr.