Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an < ? > ["Doctor", "Herr", "Freund"] in <Frankfurt/M./NiederIngelheim> v. 26.1.1845 (Frankfurt/M.)


F. an < ? > ["Doctor", "Herr", "Freund"] in <Frankfurt/M./NiederIngelheim> v. 26.1.1845 (Frankfurt/M.)
(BN 609, Bl 6-7, Reinschrift 1 B 8°3 S. Als Adressat gilt in BN Gabriel Riesser; zur Falsifikation vgl. Gebel in: Heiland/Neumann (Hrsg.): Friedrich Fröbel in internationaler Perspektive. Weinheim 1998, 43f.)

Wohlgeborner Herr Doctor,
Hochgeehrtester Herr und Freund

Durch meine Schuld, allein ohne Zweifel nur durch die Verspätung von 7-10
Minuten habe ich die Freude verloren, dem Bedürfniß meines Herzens
zu genügen Ihnen Hochgeschätzter Herr Doctor mündlich meinen tief fühlen[-]
den Dank für die seltene Wohlgewogenheit, ja Freundschaft zu sagen, welche
Ihre Güte mir, während der langen Zeit meines Aufenthaltes hier in
Frankfurt in der Angelegenheit meines Herzens, in der Lösung der Aufgabe
meines Lebens: - in der Erziehung der Kindheit gegeben bewiesen oft zeitopfernd
erzeigt hat. Ich gestehe Ihnen offen, daß ich mich mehrmals gefragt habe, was
Sie wohl zu solcher Hingabe bestimmen konnte und daß ich mich innigst freute
nie einen anderen Grund als die reinste Theilnahme an dem Gegenstande
finden zu können. Solche Gesinnungen können aber für das Leben nicht ohne die
schönsten Früchte bleiben und die Tage werden für mich zu den schönsten meines
Lebens gehören, wo das errungene Ziel Ihnen solche darreicht.- Und ich hoffe
es, bis zu der letzten Stunde meines Hierseyns habe ich Beweise erhalten, daß
früher oder später die Sache hier in Frankfurt durchdringen und Wurzel
schlagen wird, denn manche Rinde scheint sich zu lösen manche Trennung zu schwin[-]
den; dennoch aber durfte ich jetzt ich möchte sagen keinen Tag mehr hier weilen
um nicht die Trennung wieder zu erneuen ja zu vermehren, das sich zu erweichen
beginnende wieder zu erhärten. Lieber Herr Doctor! die Menschen, wir haben
es ja gemeinsam bemerkt: die Menschen sind kleinlich besorgt um störende
Einwirkungen in ihre persönlichen Zwecke und Verhältnisse. Davon habe ich
mich noch gestern überzeugt als ich von Ihnen wegging um irgendwo, wo sich
lebhafte Theilnahme für den Gegenstand zeigte, den Gedanken nach eines kurzen
Verweilens hier zu berathen; allein ich durfte den Gedanken gar nicht mit Bestimmt[-]
heit erwähnen, wenn ich nicht fürchten wollte die Theilnahme sogleich in eine Ent-
gegnung umzuwandeln, und so mußte ich sorgsam meiden, das zartkeimende
Leben nicht in seinem ersten Beginne zu stören, so kleinlich eifersüchtig wahrt jeder
seine Zwecke; daß jeder auf seine Weise fürchtet, sich durch Förderung des von mir hier /
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gestellten Zweckes sich für die seinen einen Feind, mindestens ein Hemmniß zu
zu erziehen. Man hat von solcher kleinlichen Eifersucht keinen Begriff
wenn man sie nicht erlebt. Ich mag sie darum nicht noch mehr wecken, nicht weil ich sie
fürchte, sondern weil ich tief in mir überzeugt bin, die Wahrheit der Idee wird
durchdringen und sie durch sich vernichten ohne daß es nöthig ist mit ihr in einen, immer
häßlichen, öffentlichen Kampf zu treten. Es handelt sich nur darum nach und nach
eine öffentliche allgemeine Stimmung zu erwecken, welche die in unklarer persönlicher
Eigensüchtigkeit gegründeten Entgegnungen leicht vernichten. Sehen Sie so denke ich
hochgeschätzter Herr Doctor, und ich habe für die Wahrheit dieser Ansicht in diesen
letzten Tagen, ja Stunden schon manchen Beweis von Männern erhalten; wenn nur
Männer wie Sie still mit treuer Gesinnu[n]g wo sich nur Gelegenheit zeigt, ganz
namentlich in achtbarer Bürger Gesellschaft den Gegenstand pflegend vertritt.
Herr Ravenstein hat den Gedanken besonders lebhaft und fest aufgegriffen
er will ihn in gewisser Hinsicht vertreten und in seine Hand nehmen; zwar wird
er ihn zunächst mit seinem Zweck: Einen Verein für körperliche Erziehung oder
das Turnen amalgamiren, das muß ich mir nun schon, wie ich oben andeutete
gefallen lassen, wenn ich nicht eine entgegnende Auscheidung bewirken wollte,
allein ich glaube, wie uns die Chemie Mittel zeigt das gediegene Metall wie-
der aus seiner Verquickung oder Vererzung auszuscheiden, so wird ja solches
auch auf geistigem Gebiet der Fall seyn. Herr Ravenstein, wird Sie viel[-]
leicht besuchen eben um Sie für seine Zwecke zu gewinnen, erlaubt es Ihr[e] Zeit
so folgen Sie der Einladung zu einer Besprechung darüber in seinem Locale, Sie
finden dort vielleicht manchen Mann, welcher auch bald für den höheren und
allgemeineren menschheitlichen Erziehungszweck wirksam werden kann.
Sollte aber auch Herr Ravenstein Sie nicht persönlich auffordern, so folgen
Sie der allgemeinen öffentlichen Einladung welche im Laufe dieser Woche er-
scheinen wird und die, irre ich nicht auf heut in 8 Tagen die Zusammenkunft festsetzt.
- Auch Herr Schneider wird Sie in einigen Monaten zu seinem Kinderfeste einladen[.]
Erlauben es Ihre Geschäfte so kommen Sie. Schneider war merkwürdiger Weise
und gegen mein Erwarten, dem Gedanken eines Erziehungsvereines geneigt, als
ich ihn denselben heut mittheilte, er faßte, was ich nicht glaubte, schnell das ihm
und seinem Wirken Förderliche eines solchen Vereines auf. Ich habe ihn nun gesagt
auf den Grund des erscheinenden Aufsatzes, dann diesen Gedanken so viel als mög-
lich förderlich und pflegend zu verbreiten.- /
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Ich wollte mir heut die Freude machen Ihnen vielleicht zu gelegentlicher Eins[icht mei-]
mem Sonntagsblatt 1 u. 2 Band zu übergeben; da ich aber bei dieser Veran-
lassung Herrn August Kilzer, einen treuen Pfleger des Erziehungsgedankens mit
Ihnen bekannt machen wollte, so habe ich das Blatt an denselben abgegeben
mit der Bitte es sich in Abtheilungen gegenseitig mitzutheilen. Ich hoffe er
wird Sie besuchen; sollte sich dieß verspäten so finden Sie ihn immer auf dem
Comptoir von De Neufville Hirschgraben I 80. Oder in seiner Wohnung, dem
Brunnenhäuschen in der Promenade gegenüber im Heineschen Hause 3 Treppen hoch.
Nun noch einen Gedanken erlauben Sie mir zu erwähnen welchen Sie mir früher
einmal aussprachen. Wie ich sagte so ist es nöthig für den Gegenstand eine allge-
meine Stimmung zu wecken. Nun erwähnten Sie früher schon der bald erschein[en]den
romantischen Beschreibung von Frankfurt und meinten dort es ließe sich
wohl in derselben z.B. in einem Excurs nach Mainz und NiederIngelheim
in dieser Beschreibung auch der Idee früher entsprechender gemeinsamen
Kinderpflege: - der Kindergärten gedenken. NiederIngelheim dem Saal
Karls des Großen, des Freundes der Kinder und ihrer Bildung meinten Sie dort-
mals könnte leicht dazu Veranlassung geben; Schön wäre es wenn sich dieß noch
ausführen ließ. Eine scheinbar neue Idee an einem tausendjährigen Gedanken
zu knüpfen könnte vielleicht nicht ohne Wirkung seyn, sey es wo es sey.
Oder an Darmstadt, wenn auch dahin ein Blick gewandt würde[.]
Ich bin deßhalb so frei hier die Blätter in dieser Beziehung nochmals beizulegen
welche ich mir erlaubte Ihnen schon früher mitzutheilen. Gelegentlich kann
ich solche irgend einmal zurück erhalten.
In jedem Monat am ersten Mittwoch deßselben ist für Theilnehmende allge-
meiner Zutritt in die Taubstummenanstalt des Herrn Kosel (Nachmittags
von 3 Uhr ich glaube bis 4.) wo zugleich Unterrichtsvorführungen mit den
Kindern vorgenommen werden; wollen Sie vielleicht nächstersten
Mittwoch im Monat Febr. dazu benutzen, so könnten Sie nachher vielleicht
gleich Ihren persönlichen Besuch bey Herrn Kosel daran anknüpfen[.]
Es ist Mitternacht vorbei so daß ich den Brief nicht nochmals durchsehen
kann. Ich hoffe Sie werden etwaige Unvollständigkeiten aus dem Ganzen ergänzen[.]
Empfangen Sie nochmals den herzlichsten Dank für alle Freundlichkeit und die
Versicherung wahrer, inniger Hochachtung
Ihres
aufrichtig ergebenen
FriedrichFröbel
Frankfurt a/m
am 26 Jan. 45.