Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Hermann von Arnswald in Eisenach v. 6.2.1845 (Keilhau)


F. an Hermann von Arnswald in Eisenach v. 6.2.1845 (Keilhau)
(BlM XXVII,5,1, Brieforiginal 1 B 4° 3 S.+Adr.)

[Briefkopf: Lithographie Keilhaus mit Bildunterschrift
"Erziehunganstalt in Keilhau", die bezüglich der Blickrichtung erweitert wird]

Erziehungsanstalt in Keilhau
(:gegen ONO gesehen:)
Mein sehr lieber, herzens[-] und lebenstreuer Arnswaldt.

Zuförderst Dir nochmals schriftlich meinen wärmsten Herzensdank für Deine Gemüths- und le-
benstreue Aufnahme meiner, und für die vielfachen Beweise eines unverändert treuen Soh-
nessinnes, welche Du mir in den wenigen Stunden meines Aufenthaltes in Eisenach auf so
klar sprechende Weise gegeben hast. Ich freue mich um Deinet- und um meinetwillen
daß meine sich mir vielfach bestätigten Lebenserfahrungen die tief gegründete Überzeugung
gegeben haben, daß solche Gesinnungen den Lohn in sich selbst tragen d.h. als Blüthen und Früchte
des Lebens aus sich selbst treiben. Glücklich bin ich schon im Geiste zu sehen wie einst Deine
Kinder und Gott gebe Enkel in gleichen Gesinnungen und gleichem Handeln den fried- und
freudvollen Lebenskranz um Dich und um Deine Dir dann durch gleiche Gefühle und gleiches Thun
für immer Geeinte schlingen werden. Haltet fest an diesen Gesinnungen aus ihnen quillt
der klare Strom eines um sich beglückenden und in sich beglückten Lebens, wie Dir dieß ja,
nach Deinen wenigen Mittheilungen an mich, schon Dein jetziges Leben bezeugt. Nach dem
Wenigen was Du mir in dieser kurzen Zeit aus der Tiefe Deines Herzen und von Deinem thätigen
Leben und Bestrebungen ausgesprochen hast, hat sich in mir die freudige Zuversicht gebildet,
daß, ob Du gleich nur kurze Zeit mein Pflegesohn warest und eigentlich später Dein eigentlicher
Selbsterzieher wurdest, daß Du Dich durch Dein ganzes Leben so zeigen und bewähren wirst
wie ich mir, wenn auch nur einen Zögling und Sohn wünschte: einfach stillen, Gott ergebenen
wie Gott vertrauenden Sinnes, stets thätig im Geist und thätig im Leben zur Ausprägung eines
menschlichen Lebens in und um sich in engeren und weiteren Lebenskreisen: in dem Familien- und
dem Berufskreise wie in den Kreisen des geselligen und bürgerlichen Lebens. Wie wir /
[1R]
durch unser ganzes Leben, nur mit stets steigendem Bewußtseyn und wachsender Freiheit und
Selbstwahl, Zöglinge des Schicksals, der Vorsehung sind, so sollen wir auch auf gleiche Weise
durch unser ganzes Leben, wie unsere eigenen Erzieher, so auch im möglichsten Einklang mit
dem Welt- und Menschheitserzieher, die Erzieher unserer Umgebungen seyn. Ich freue
mich, daß wir uns auch hierinne[n] begegnen. Es bedarf dazu keines besonderen Erzieherbe-
rufes, ja vielleicht wirkt der diesem am fernsten Stehende verhältnißmäßig am meisten;
denn es kommt hier nicht auf das Viel, sondern auf das Lebenseinige und Lebenstüchtige an, nicht
auf das Wissen von Vielen, sondern auf das Thun des als gut Erkannten. Und hierzu bedarf
es blos die innern und äußeren Sinne zu entwickeln, den Körper und die Glieder thatkräftig
und thatfertig zu üben, und einen festen reinen Willen und Charakter, welcher sich eben in That
ausspricht, herauszubilden. Dieß ist nun bei jedem Menschen, bei jedem Grade geistiger Anlage,
und in jedem Lebensberufe möglich. Ich dieß suche es darum durch allgemein verbreitete, unter
sich in organischem Zusammenhang stehende Erziehungsvereine zu erreichen. Daß nun dieser
Gedanke nicht nur Deine geistige Theilnahme, sondern Deinen Willen zur thatkräftigen Mit-
wirkung weckte, daß das vorgesteckte Ziel auch wirklich erreicht werde, hat mich besonders
hocherfreut, indem es von neuem ein höheres ei[ni]gendes Band um unsere beiderseitigen sonst
so verschiedenen Lebensberufe schlingt. Ich freue mich dessen um so mehr; als mir aus Deinen
mir skizzirten Lebensbeziehungen in W. Eisenach die Möglichkeit hervorgieng, daß Du
für die Begründende Ausführung desselben Gedankens daselbst, vielleicht erfolgreicher
wirken kannst, als ich selbst irgendwo. Nochmals muß ich aussprechen, was ich schon in Eisenach
sagte.- Es wäre ungemein erfreulich wenn sich in Eisenach, am Fuße der Wartburg und gleich-
sam durch Dich von oben, von ihr herab ein solcher Erziehungsverein, zuerst bildete, selbst /
[2]
die sonst so berüchtigte Feier des 18 Oktobr bekäme dadurch eine neue höhere Bedeutung; ja
die Furcht, welche sich wegen der neu errichteten Capelle verbreitet und die ich heut wieder in
einem öffentlichen Blatte genährt fand, könnte dadurch einen kräftigen Damm finden; viel-
leicht auch gerad dadurch, daß man hellsehende und aufgeklärte Catholiken mit in den Verein zög[e].
Deinen Gedanken, den Gegenstand in der Form eines Trinkspruches, bey dem mir erwähnten
größeren Jahresfeste gemischter Theilnehmer, der allgemeinen prüfenden Beachtung vorzu-
führen - finde ich sehr zweckmäßig, nur mußt [Du] Dir freilich vorher eine solche Umsicht der Ver-
hältnisse verschaffen, daß Du nicht gerad nach irgend einer Seite hin verletzest im Fall z.B[.] auch
Glieder der g catholischen Gemeinde in der Gesellschaft seyn sollten. Nun Du würdest gewiß
die Sache vorher mit Deinen Freunden z.B[.] mit Trautvetter klar durchsprechen.
Um Dich nun einigermaßen mit den Ausgangspunkten und den Grundlagen der bezweck-
ten Erziehungsvereine bekannt zu machen, lege ich Dir hier abschriftlich einen Aufruf zur
Bildung derselben bei, wie er für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Solltest Du vor Aus-
führung Eurer Jahrestagsfeier noch weitere Auskunft von mir wünschen, so werde ich Dir
solche gern, so weit es mir selbst möglich, auf Deine Anfrage sogleich ertheilen. Jetzt sage
ich Dir nur, daß ich in Gotha längere Zeit mit dem Herrn Hofrath Becker, als Herausgeber
des Allgem. Anzeigers d. D. über diesen Gegenstand gesprochen habe, und daß er sich auch zur
Mitwirkung für Ausführung des Gedankens bereitwillig gezeigt hat, nur war nicht hinläng-
lich Zeit vorhanden um den Aufsatz selbst, von dem Standpunkt und der Tendenz seines Blattes
aus, sogleich einer Critic zu unterwerfen; doch hoffe ich, daß er mir in der Kürze seine be-
stimmte Ansicht ausspricht und dann werde ich nicht ermangeln Dir davon sogleich
Kunde zu geben. In dem Keilhauer Kreis hat der Gedanke mehrfach vollen Beifall
gefunden, und es wird mehrfach von demselben aus für dessen Verwirklichung ge-
wirkt werden. Vermittelt durch unsern Prediger; einem strebenden lichtvollen Mann,
habe ich auch gleichen Männern in Rudolstadt den Plan ausgesprochen und sogleich
deren vorläufige Beistimmung erhalten. Sobald die Sache eine bestimmte Gestalt ge-
wonnen hat, werde ich, wie gesagt, nicht unterlassen Dir vom Stande derselben Nachricht
zu geben.-
Am Fastnacht Abend hätte ich Dich wohl hier gewünscht, um Dich nicht nur Deiner früheren
Keilhauer Zöglingszeit recht lebhaft zu erinnern, sondern das Leben wieder einmal mit
durchzuleben. Die Zöglinge groß und klein hatten, zum Theil sehr schön ausgeführte Maskenan[-]
züge und die Freude dieser wurde durch die gleichartige Theilnahme mehrerer erwachsenen [sc.: erwachsener] Glieder
beider Geschlechter noch erhöht. So trat z.B[.] das Männerquartett mehrmals singend auf in
Scherzgesängen jedesmal in, dem Stücke entsprechenden Anzügen; allein auch allgemeine,
Reise- und Wanderlieder wurden, gleichsam wandernd zu aller Lust und Freude gesungen[.]
Ja selbst einige ganz unbekannte Ma[s]ken gaben der Neugier vielen Stoff zumal da sie zu
dem Orden der schweigsamen Schwestern gehörten. Delphische Pri[e]ster welche Orakelsprüche
vertheilten; ein Postillion welcher zweimal erschien und aus seinem gefüllten Felleisen
Geschenke enthaltende Packete überbrachte und ganz besonders gewandt und ausdruck[s]voll
durch Kleidung, Wort und Bewegung seine Rolle spielte, war natürlich doppelt und mehr-
fach eine sehr willkommene Erscheinung. Daß ein froher Tanz in gehaltener Weise, das
Ganze beschloß versteht sich. Ich wollte Du könntest einmal mit Deiner lieben Braut einen
solchen Tag in froher Erinnerung hier verleben. Darf ich bitten so sage ihr meinen achtungsvollen
Herzen[s]gruß, wenn auch uns persönlich nicht doch durch Dich dazu genug kennend. Alle Deine alten
Freunde hier grüßen Dich herzlich. In Liebe, Treue u Dank grüße besonders ich Dich Dein väterlicher Freund
FriedrichFröbel.

Keilhau bei Rudolstadt am 6 Februar 1845. /
[2R]
[Adresse:]
   Sr Hochwohlgeboren
Herrn Hermann von Arnswaldt
Lieutenant in Großherzoglich Weima-
   rischen Diensten
in
Eisenach
frei /