Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Karl Hermann Scheidler in Jena v. 14.2.1845 (Keilhau)


F. an Karl Hermann Scheidler in Jena v. 14.2.1845 (Keilhau)
(SBB, Autogr. I/2312, Brieforiginal 1 B 8° 3 S.+ 1 Bl 8° 1 S. [Drucksache]. Beim Brief liegt als Bl 3 eine gedruckte Beilage: Werbung/Information von Joseph Meyer zu F.s: „Nachricht und Rechenschaft vom deutschen Kindergarten“ bei.)

Herrn Professor Dr Scheidler in Jena.

Keilhau am 14' Februar 1845.

Hochgeehrtester Herr und Freund.
Seit 14 Tagen von meiner mehrmonatlichen Wanderung am Main Neckar u Rhein
zur Verbreitung wahrhaft zeitgemäßer und allseitig entsprechender früher Kinderbe-
achtung, Pflege und Erziehung zurücke gekehrt in die liebe Heimat und in mein Keilhau,
fand ich hier Ihre jüngste meinen Freunden gütig zugesandte Schrift: " Die neue-
sten <faitischen / factischen> Mahnungen an die Lebensfrage der Europäischen Civilisation
, rc"
und ich habe dieselbe mit der größten Theilnahme gelesen. Erziehung tritt da-
rin so unabweislich, als mit Recht als der erste Ausgangs-, wie der letzte Bezieh-
ungspunkt, als die nothwendige Grundlage wie der wahre Lebensknoten zur
Lösung der Lebenswirren und Lebensaufgaben entgegen, daß hoffentlich bald
Niemand mehr über die Wahrheit dieser Forderung wird hinweg kommen
können.
Während 40 Jahren nun der Erfüllung dieser Forderung lebend, seit 30 
Jahren durch meine hiesige Anstalt zur Erfüllung derselben wirkend, und
nun wieder seit fast 10 Jahren bemühet durch Ausführung entsprechender
Kinderpflege sie in ihrer Wurzel zu erfassen, haben mich meine Wande-
rungen im verflossenen Jahre zur Verbreitung derselben gelehret;
daß ehe wir an eine allgemeine Aus- und Durchführung einer zeitgemäßen
Beachtung und Erziehung der Kleinen und Kinder- wie überhaupt der Jugend
denkenden und sie mit Sicherheit erwarten können, wir vorher bei den
Größeren und Erwachsenen das wahre Bedürfniß der Erziehung wecken, so
wie die Einsicht in das eigentliche Wesen in die Wege und Mittel zur Erreich[-]
ung und Ausführung derselben bewirken, den Willen und die Thatkraft
dafür beleben, so wie besonders die gegenseitige Handbietung zur gemeinsamen
Vollbringungung des gemeinsam wichtigen Werkes bewirken müssen[.]
Durch unleugbare unzweideutige Thatsachen führten mich aber die Er-
gebnisse meiner Wanderungen dahin, daß dieß nur durch Vereine
für Erziehung, durch eigentliche Erziehungsvereine erziehender Männer
Väter, Menschen- und Kinderfreunde geschehen könne. Die For-
derung trat aber auch sogleich so stark und bestimmt entgegen,
daß unmittelbar zu deren Ausführung Hand und Werk gelegt
und ein "Aufruf an die deutschen Männer u Väter zur Bildung von
Erziehungsvereinen" für wesentlich geachtet wurde. /
[1R]
Ihnen nun, Hochzuehrender Herr und Freund, diesen Gedanken
Aufruf und Plan zu einer recht gründlichen und allseitigen Prü-
fung vorzulegen ist der Zweck dieses Briefes. Möchte derselbe
Ihnen so zusagen, daß Sie sich zu dessen Pflege, zu dessen wei-
terer Verbreitung und Wirksamkeit aufgefordert fühlten.
Ich gestehe ganz offen, daß ich von diesen unter sich später orga-
nisch verbundenen Vereinen, sie in ihrem innersten eigensten
Wesen wie in ihrer Allseitigkeit erfaßt viel, sehr viel er-
warte, daß aber auch das von ihnen [sc.: Ihnen] als Ergebniß und Wirk[-]
samkeit zu erwartende so klar, so offen vorliegt, daß
darüber auch nicht ein Wort zu sagen ist. Möchten Sie mich
darin verstehen und möchten Sie mir, durch die vielfach
Ihnen durch Schrift und Druck, Wort u That zu Gebot stehenden
Mittel zur Ausführung des Gedankens förderlich und freund-
schaftlich - im reinsten Interesse zunächst unseres ganzen
Volkes und seiner heranwachsenden Jugend - die deutsche
Manneshand reichen.
Daß der Gedanke im Volke Anklang und thätige Theilnahme
finden wird, davon mußte ich mich schon heut Abend über[-]
zeugen.- Den Gedanken zuerst in meinem nächsten Kreise
auszusprechen, wo er vollen Beifall erhielt, theilte ich den-
selben auch unserm wackeren Pfarrer mit. Dieser fand sich so-
gleich geneigt den Gedanken im eigenen Pfarrspiel auszufüh[-]
ren und zur Bildung eines solchen Vereines entsprechende
Männer aus den Pfarrdörfern einzuladen.- Heut Abend
von 6 bis gegen 8 hatten wir die erste Zusammenkunft[.]
Bei allen fand die Sache regen Beifall und die Aufforderung zur
Ausführung sogleich thätige Mitwirkung. Außer einigen recht
eigenthümlichen Bemerkungen dieser wackern Landleute,
daß z.B. der eine sagte: er habe sich selbst schon lange gewundert
daß man noch keine Vereine für eigentliche Erziehung habe, da
es doch sonst für gar Manches unbedeutende Vereine gäbe;
und ein anderer bemerkte, wie der Wahrheit, der Ermahnung
zur Ordnung und Sitte eigentlich die (moralische) Kraft fehle,
und daß man suchen müsse ihnen diese wieder zu verschaffen[.] /
[2]
Jeder nannte nun unaufgefordert aus dem Kreise seiner Be-
kannten in seinem Orte noch einen oder zwei Männer, welchen
er das Zweckmäßige, ja das Wohlthätige dieser Vereine mit[-]
theilen und sie zur thätigen Theilnahme daran einladen wolle.
Alles dieß sind mir Beweise, daß diese Vereine aus dem Be-
dürfnisse des Volkes hervorgehen und sie so wahrhaft zeit-
gemäß sind.
Allein sonst wo ich auf meiner Heimreise z.B. in Eisenach
und Gotha und nach meiner Ankunft hier, in Nachbarorten
den Gedanken mittheilte fand er förderlich thätige Theilnah[-]
me z.B. in Rudolstadt und Saalfeld. Ich halte es für nö-
thig Ihnen dieß auszusprechen, damit man wisse und erkenne,
daß kein Versuch zu dessen Ausführung jetzt noch allein stehe.
Sobald ich mir nun nach irgend einer Seite hin eine wei[-]
tere und bestimmte Entwickelung zeigt, werde ich nicht un-
terlassen Ihnen solche zur Förderung des Ganzen mitzutheilen,
so wie ich aber auch Sie recht freundschaftlich bitte mir
recht, recht bald Ihre Ansicht von dem Ganzen mitzuthei-
len.
Darf ich bitten so grüßen Sie Ihre treffliche Gattin be[-]
stens von mir. Auch meine Freunde tragen mir an
Sie beiderseits die herzlichsten Grüße auf.
Mit deutschem Gruß und deutscher Hand
          Ihr
achtungsvoll Ergebener
          FriedrichFröbel