Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Amalie Müller in Döllstedt v. 7.3.1845 (Keilhau)


F. an Amalie Müller in Döllstedt v. 7.3.1845 (Keilhau)
(BN 576, Bl 13-14, Brieforiginal 1 B 8° 4 S.)

Keilhau bei Rudolstadt am 7 März 45.

   Geliebtes Malchen.

Du rügst und dieß mit dem größten Rechte von Deiner und von
Eurer Seite, daß ich abermals in der Nähe von Döllstädt vorbei
gereist bin, ohne Euch zu besuchen, denn der Schein spricht auch
dießmal wie auch in der früheren Zeit gar sehr gegen mich;
und ich muß mir dieß schon gefallen lassen, weil ich nach Außen
hin als ein von den Lebensverhältnissen und Lebensforderungen
unabhängiger Mann dastehe, dem Schein nach dastehe als
ich es in mir und der Wirklichkeit nach bin. Jede meiner Hand-
lungen ist bis jetzt noch von einer solchen Menge von Handlungen
Umständen bestimmt, daß mir eigentlich nie die Willkühr
in der Wahl gestattet ist, indem ich, ich darf es kühn sagen, sehr
oft gar nicht einmal denken kann was ich will, sondern mich
sogar hierin einer höheren Forderung und Macht unterwerfen
muß, welche mir so unerwartet vorschreibt, was ich zu thun habe,
daß ich sehr oft in dem nächsten Augenblick vorher nicht weiß
was ich in dem darauf folgenden zu thun habe, thun muß.-
Meine scheinbare äußere Freiheit oder wenn man will Will-
kühr besteht blos darin, daß mein vereinzeltes Stehen mir es
wohl gestattet, auch sich oft die äußeren Verhältnisse unerwartet
so gestalten, daß ich wohl jenen augenblicklichen Lebensforde-
rungen auch augenblicklich entgegen kommen kann. Umgekehrt
wird mir aber auch sehr oft die Erfüllung von Wünschen, welche
sehr leicht zu erreichen und nur von meinem Wollen abzuhängen
scheint durch das Einwirken der Umstände unerwartet un-
möglich. So ist es mir nun schon mehreremale mit meinem
Besuche bei Euch gegangen, welchen ich mir nicht nur bei be-
stimmten Gelegenheit fest vorgesetzt, sondern sogar schon mit in
die Berechnung des Ganzen gebracht habe; so ist es mir bei
meiner Reise nach und von Frankfurt gegangen. Hinwärts
verzögerte Middendorffs Theilnahme die Abreise, so daß wir
nun nur eilen mußten in Frankfurt einzutreffen um für
den beabsichtigten Hauptzweck nicht zu spät dort anzukommen, /
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was demohngeachtet beinahe geschehen wäre. Nun war mein
so ganz unerwarteter Aufenthalt und meine erziehrischen Wan-
derungen am Main, Neckar und Rhein wieder das Ergebniß
einer solcher Menge ganz unvorhergesehener, ja nicht einmal ge-
ahneter Umstände, ja Forderungen, so daß sich dadurch bewo-
gen in mir gegen das Ende und namentlich im Monat Oktober und
November den Entschluß entwickelte nach Hamburg oder ei-
gentlich nach Bergedorf zu gehen und von dort aus vermittels
der Eisenbahn für meine Bestrebungen in Hamburg zu
wirken, ja es zeigte sich sogar die Möglichkeit, daß mein Aufent-
halt dort Monate dauern würde um daselbst für die Aus-
führung eines größeren Planes thätig zu seyn. Doch dieß
zerschlug sich indem eine neue Lebensentwickelung mich in Frank-
furt festhielt, vor Weihnachten hoffte ich jedoch bestimmt
Frankfurt verlassen und in die Heimat zurück kehren zu
können fest war da mein Entschluß die ganze Weihnachts-
ja mit der Neujahrzeit bei Euch zuzubringen und mich so
einmal wieder in alter Liebe und Herzlichkeit mit und bei
Euch einzuleben, worauf ich mich recht innig, besonders auf
das Leben mit Euern Kindern freute, von welchen ich durch
ihr kindliches Treiben und in demselben recht viel zu lernen
hoffte, doch eine Forderung deren Nothwendigkeit ich mich nur
fügte: - Die Forderung Erziehungsvereine der Männer aller
und Väter aller Verhältnisse und Bildungsgrade ins Leben
zu rufen und die Nothwendigkeit für deren Ausführung zu wirken
trat mit solcher Bestimmtheit hervor, daß ich mich genöthigt
sahe fast bis Ende Januar d. J. noch in Frankfurt zu bleiben.
Jetzt war die Zeit so vorgerückt, daß ich die Erfüllung und
Ausführung meines schönen Wunsches und Entschlusses dran
geben, ja wegen des eingetretenen K kalten und schneereichen
Winterwetters sogar den Gedanken aufgeben mußte
Euch auch nur auf kurze Zeit zu besuchen. Ich schreibe Dir und
Euch allen dieß, damit Ihr Euch überzeugen möget, daß es
in mir nicht irgend einen trüben Grund, sey es auch nur
der der Gleichgültigkeit habe [sc: gebe], daß unser gemeinsamer /
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Wunsch bis jetzt unerfüllt blieb. Ich möchte darum wohl, daß Du
und Ihr erkennen möget wie Deiner und Eurer Treue, die mir
hoch und viel gilt, auch meine entgegen kommt, nur ist mir
leider das Leben wenig günstig solche Euch bethätigen [sc: bestätigen] zu können.
Was Euch gilt, gilt nun auch Augusten mit all ihren Lieben
in Bergedorf, welcher aller ich mit gleichen Gesinnungen ge-
denke und ebenso, wie auch Holms herzlich von mir zu grüßen
bitte.
Was nun die Ritters zugeschickte Kisten betrifft, so weiß
ich von der, welche denselben im vorigen Jahre zugeschickt,
und zwar ohne Brief zugeschickt wurde, nichts.- Es sind von
hier auf Verlangen 2 Sendungen nach Hamburg gegangen
die eine an eine gewisse Mad. De Liagre, und die zweite
an den dortmaligen Katecheten Kröger, von welchem ich
jetzt hör, daß er eine andere Wirksamkeit in Hamburg, ich
glaube als Vorsteher eines TöchterInstitutes hat. Diesen ver-
langten Sendungen nun wurden zwei größere Spielkisten
zu Ansicht beigepackt mit dem Ersuchen solche, im Falle sie
nicht beliebt würden entweder zu meiner Verfügung bei sich
in Hamburg stehen zu lassen, oder solche in Auftrag von mir
nach Bergedorf zu senden, weil damit ich sie dort bei einer
Reise nach Bremen, Hamburg und Lübeck, welche ich schon
dortmals in mir [be]absichtigte, vorzufinden zu meiner Ver-
fügung schon vorfände.
Während meiner Reise bekam ich nun von Mad. De Liagre
einen Brief worin Sie mir schreibt: Sie würde die eine Kiste
zu meiner Verfügung nach Bergedorf schicken; diese wird es
nun seyn, welche ohne Brief an Vetter Ritter gesendet worden
ist, welches ich nicht begreife. Du sprichst dagegen von zwei
Kästen welche Rittern zugesandt seyn sollen, wovon jedoch
Ritters Nachschrift zu Staul's Brief nichts sagt. Genug
das Ganze ist für mich in Unklarheit welche sich erst
lösen muß, jetzt kann ich gar nichts thun als die lieben
Ritters zu bitten: dem Kistchen, was nicht groß seyn kann,
entweder ruhig ein Räumchen zu gönnen, bis mir auf ir- /
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gend eine Weise darüber zu verfügen möglich wird; oder
die lieben Ritters zu bitten von dem Spiele selbst bei ihren
Kindern Gebrauch zu machen, doch scheint ihnen dazu die An-
leitung zu fehlen, welche ich nun aber wieder nicht geben kann
da Staul's Brief sagt: - daß der Kasten nicht enthalte
was er enthalten solle. Unserm lieben Ritter schreibe also
gelegentlich auf seine Frage was mit dem Kistchen werden
solle? - dieses Entweder, Oder.- Ich hoffe mich jedoch
demnächstens mit meiner herzlichen Begrüßung zugleich
brieflich an ihn zu wenden: ich höre nemlich es soll in dem
hamburger Correspondenten vom vorigen Jahre etwas
über mein Wirken gestanden haben oder über mein
Buch die "Koselieder" ich möchte darum gern wissen ob es
gegründet ist, und welche No es enthält.-
Von dem Fastnachtsfest und Schwänken wird die Elise ge-
schrieben haben.- Die Dorfzeitung in No 36 der Allgem[e]i[ne] An-
zeiger der Deutschen
in No 54 wird Dir und Euch allen von
meinen neuen Bestrebungen der Bildung von Erziehungsver-
einen gesagt haben.- Hier in Eichfeld hat er seit den 14n F[ebr]
und während 4 Versammlungen guten Fortgang. Den
beiliegenden Abdruck des Aufrufes kannst Du gelegentlich
nach Bergedorf schicken und dort auf die Dorfzeitung welche
man gewiß auch in Bergedorf lieset aufmerksam machen
vielleicht daß sich Ritter veranlaßt sieht von beiden
in Verbindung mit einander einen weiteren Abdruck
in einem Hamburger oder Bergedorfer Blatte zu besorgen.
Dem Vetter Ernst Deinem lieben Bruder sage, daß ich ihm,
wenn es ihn zur Anwendung für ihn oder anderer seiner
Herrn Collegen z.B. Herr Pfarrer Weingart in Großfah-
nern [sc.: Großfahner] interessiren könne, gern unsere Statuten über
senden würde. Marie mein Pathe hat mich durch ihre lieben
Äußerungen recht gerührt; demnächstens wird sie, wenn auch
nur auf kurze Zeit eine Spielgenossin aus meiner Schule als Be-
such erhalten: Christel Erdmann aus Dachwich, welche sich für Kinder-
pflege hier ausbildet. Kaum habe ich noch Raum um die herzlichsten Grüße
an all die unsrigen Bertha, Louise, Ernst und die l. Kinder zu bitten In Liebe
Dein Oheim Fr Fröbel /
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[Nachschrift]
Ich wohne jetzt für unbestimmte Zeit wieder ganz in Keilhau[.]