Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an den Diakon Köhler in Neustadt an der Orla v. 7.4.1845 (Keilhau)


F. an den Diakon Köhler in Neustadt an der Orla v. 7.4.1845 (Keilhau)
(BN 517, Bl 8-9, dat. Entwurfsfragment 1 B 8° 3 S. Der Entwurf ist ursprünglich als Reinschrift angelegt.)

Sr Hochehrwürden dem Herrn Diaconus Köhler in Neustadt a/d. O.


          Keilhau am 7 April 1845.

Hochgeehrter Herr.

Unser lieber Kinderfreund Kohl hat mir, in einem von ihm und d[urc]hgreifend am 5en
d. M[.] geschriebenen Briefe, die erfreuliche Nachricht zukommen lassen,
daß den Mittwoch vorher, also am 2en d. M. sich auch bei Ihnen in
Neustadt, namentlich durch Ihr und des Herrn Dr Med. Diemar kräftiges
Zusammenwirken, ein Erziehungsverein gebildet habe. Ich kann Ihnen gar
nicht sagen wie mich diese Nachricht mehrfach hocherfreut hat; denn dadurch
daß nicht nur ein ausübender Arzt mit reger erzieherischer Theilnahme, sich
mit Ihnen für diesen so hochwichtigen Gegenstand für der die Veral[l]gemeinerung entsprechender Erziehung vereint
hat, sondern daß, wie ich höre, auch Frauen und Mütter an dem Vereine
thätigen Antheil nehmen, einigt derselbe alle die Bedingungen in sich
welche für Häuslichkeit und Öffentlichkeit, für den Einzelnen wie für das Ganze
die segensreichsten Früchte seines Wirkens erwarten lassen. Ohngeachtet
der nur wenigen schriftlichen und mündlichen Mittheilungen welche mir
durch unsere Freunde Kohl und Dr Besser zugekommen sind, so erkenne
ich Ihren Verein doch als den vollständigsten unter denen die sich, als mir
bekannt, bis jetzt gebildet haben. Ich freue mich deßhalb außerordentlich mich in mein[en] Erwartungen von Neustadt nicht geteuscht zu haben[.] Halten Sie nur verehrte Männer
und Frauen innig treu und lebensvoll für das Leben, und von demselben,
seinen Bedürfnissen und Bedingnissen ausgehend, zusammen auch wenn der
Früchte Anfangs auch nur wenige, ja wenn sie auch selbst dabei noch
ganz unscheinbar wären; halten sie nur liebend, hingebend, ver-
trauensvoll zusammen, es ist etwas Großes, bleibend Gutes um welches
es sich handelt, wenn es auch von Vielen als etwas ganz Unbedeutendes ge-
achtet wird, und die großen, bleibend seegensreich sich fortentwickelnden
Wirkungen werden nicht ausbleiben: alles Große geht ewig aus
dem Kleinsten, alles in Fülle der Entwickelung Prangende aus dem
Unscheinbarsten hervor. O nur kurze Zeit gläubig, vertrauend thä-
tige Ausdauer! und die seegensreichsten Früchte bleiben nicht aus.
Schon der Glaube, das Vertrauen ist eine That, und diese eine Frucht welche
sogleich wieder andere Blüthen weckt und Früchte hervorruft; denn /
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Glauben, tief begründeter Glaube und solches Vertrauen wirbt wie-
der Glauben und Vertrauen und die klare feste That ruft die
gleiche That hervor, das habe ich auch schon bei der Bildung dieser
Erziehungsvereine erfahren, denn dadurch wirkt {der / das} Einzelne all-
gemein und auf das Allgemeine. So können und werden aus Ihrem
Vereine Früchte besonders Wirkungen hervorgehen, welcher sich un-
ser ganzes Vaterland, ja die Menschheit erfreuen wird, besonders
da derselbe seinen Gegenstand so in seiner Wurzel, seinem Keime
zu erfassen gedenkt, ja wirklich schon erfaßt hat, indem man, wie
die kurzen Mittheilungen unsers lieben Kohl sagen gleich bei
der ersten Versammlung von der Frage ausgieng: - "wenn [sc.: wann] die Er-
ziehung des Kindes beginnen müsse?" - und daß man sich zunächst
mit der sogleich angewandten Beantwortung dieser Frage be-
schäftigen werde.
Da mir bei jedem Beginne eines neuen Bildungskursus für Kinderpflege
immer wiederkehrend diese Frage ebenfalls zur Beantwortung vorliegt, so ist
es mir sehr wichtig darüber die Erfahrungen Anderer zu hören. In dieser Bezieh[-]
ung ist mir nun jüngst ein Buch in die Hände gekommen, welches sich, besonders
in dem ihm beygegebenen Vorwort, gedrängt sehr schön über diesen Gegenstand
ausspricht. In der Hoffnung, daß es auch den geehrten Mitgliedern Ihres Ver[-]
eines lieb ist darüber die Erfahrungen und Überzeugungen Anderer zu hören
und um denselben einen kleinen Beweis meiner warmen Theilnahme an ihren
Verhandlungen zu geben, lege ich hier abschriftlich einen Auszug aus dem
gedachten Vorworte hier bei. Darf ich hoffen, daß es dem geehrten Ver-
eine nicht unangenehm ist, so werde ich gelegentlich, indem mir jetzt
die Zeit dazu mangelt, noch einige Auszüge aus dem Werkchen selbst,
folgen lassen. Es ist, wenigstens mir, so hocherfreulich seine Überzeugung
und Erfahrung wieder aus dem Munde und durch die Feder eines Ande-
ren ausgesprochen zu vernehmen, daß ich gern auf diese Weise auch
die s meinigen ausspreche. Wollen Sie dagegen so gütig seyn ebenso
auch mir und durch mich unserm Vereine die Ergebnisse Ihrer Be-
rathungen mitzutheilen, so werde ich mit diesem Ihnen dafür höchst dank-
bar seyn; denn dadurch werden wir in den Stand gesetzt werden nicht
nur zur Einsicht sondern auch zur Anwendung der allgemein und tiefbe-
gründeten Erziehungsgrundsätze zu kommen und so zu einer übereinstimmenden wahrhaft volksthümlichen
Kinder- und Jugenderziehung, dem eigentlichen Zwecke unserer Erziehungs- /
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vereine; denn nur Einklang und Übereinstimmung im Erkennen Wollen u Thun kann zum Ziele führen.
Nach den vorliegenden Erfahrungen ist hier bei der Bildung der Erziehungs[-]
vereine von Mitgliedern derselben, namentlich aus dem Bürger- und
Lehrerstande, die Frage aufgeworfen worden, wie wohl die Landes-
erziehungsbehörde die Gründung solcher Vereine ansehen werde? Ob
wir nun gleich bei den bis jetzt in unserm kleinen Heimathländchen bestehenden Vereinen es noch
nicht für angemessen fanden von den bis jetzt bestehenden Erziehungsver-
einen bei der Landesschulbehörde Anzeige zu machen, um so die Ansicht
des fürstl. Consistoriums von denselben zu hören, so wünschten wir
doch wenigestens aus dem angeführt[e]n Gr[u]nde auf dem Privatwege zu vernehmen, welche Aufnahme
unsere [sc.: unser] Anzeige Vorhaben dort finden würde; ich hielt es daher für angemessen
unserm LandesschulInspector, dem Herrn ConsistorialAssessor Prof.
Sommer
in Rudolstadt privatim alles das mitzutheilen was bis jetzt
für die Sache namentlich in unsem Heimathländchen, dafür geschehen
war. D Hierauf erhielt ich Ende vorigen Monats die hier abschrift[-]
lich beiliegende Antwort. Da Sie nun vielleicht auch, bei noch in Frage
stehenden Mitgliedern Ihres Vereines, mit solchen zu thun haben bekommen
die ehe sie selbstständig einen Entschluß fassen, vorher nach Oben hin sehen
und fragen: was wird man dort dazu sagen? - so erlaube ich
mir die eben gedachte Antwort hier beizufügen; denn obgleich
unsere Schulbehörde nicht die für Neustadt ist, so herrscht doch in
den Urtheilen und Ansichten der verschiedenen Behörden, beson-
ders unter ähnlichen Verhältnissen, über gewisse Gegenstände
eine solche Conformität, daß man von der Ansicht der einen
mit einiger Wahrscheinlichkeit wenigstens auf die der anderen
schließen kann. Wenigstens kann man läßt sich von der beifälligen
Zustimmung der einen auf eine weniger hemmende Entgegenwirkung, der
anderen schließen [er]hoffen. Ihnen aber Hochgeehrtester Herr selbst und auch
vielleicht den andern geehrten Mitgliedern Ihres achtb[a]ren Vereines ist es viel
leicht angenehm zu wissen, wie ein wenn auch daß wenn der Gegenstand auch von einer betreffend[e]n Behörde in einem andern La[n]de
Landes Behörde, Regierung pflegend Beacht[un]g zu hoffen erwarten haben
wird, und so bestimmt mich auch dieß zur Beilage <für solche> <Mitschrift>. Denn die ersten
glimmenden <Funke[n]> auch der best[e]n <Sache> kann man nicht sorgsam genug pfleg[e]n,
[Text bricht ab]