Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 26.4.1845 (Dresden)


F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 26.4.1845 (Dresden)
(KN 56,46, Brieforiginal 1 B 8° 4 S.)

Dresden Sonnabends am 26 April 1845.

Lieber Barop.

Damit Du nur weißt woran Du bist eile ich Dir mit einigen Worten
Nachricht von mir zu geben. Der Gedanke der Erziehungsvereine
spricht auch hier in seiner Wahrheit und tiefen Begründung im Menschen[-]
wesen und besonders in den Zeitforderungen hier mehrfach an, wie er
auch sogleich zur Ausführung drängt.
Gestern Abend waren diesem He Folge schon der Herr Dr Med.
Löffler (in der Altstadt) Herr Reiter Dr Beger, Herr <Droeden>
Dr Höfer, Herr Prof: Wagner (sämtlich aus der Neustadt)
Frankenberg und ich zur Bildung eines Erziehungsvereines für
Dresden in einem hiesigen öffentlich[e]n Orte, vereinigt (:Prof. Dr
Löwe
hatte unabweisliche Geschäftsabhaltung:). Alle mit einer
Stimme sprachen: der Gegenstand rede für sich dem Wesen wie der
Ausführung nach, und so erkannte man sich für letztere sogleich
im Geiste und durch denselben verbunden: - Der Verein soll
ein freier, möglichst wenig durch Form und Statut beschränkter
seyn, sich nach und nach unter und durch Gleichgesinnten ausbreit[e]n
und erweitern, und darum auch Frauen u Müttern den Zutritt
gestatten. Obgleich ein festes geistiges Sich geeint- und verbund[e]n-
Fühlen das Ergebniß dieses ersten Zusammentrittes war, so war
doch die Zeit zu kurz (indem viele einige andere Geschäfte riefen) um
jetzt den Gegenstand weiter und ins einzelne zu besprechen. Da-
zu nun ließ sich nicht früher ein Tag u eine Stunde finden als
künftigen Montag Abends 7 Uhr. Der Wunsch sprach sich natür[-]
lich aus, daß ich bei dieser 2' Versammlung noch hier gegenwärtig
seyn möchte und so kann ich also vor Dienstags nicht von hier
abreisen; der Gegenstand, - dieß werdet ihr erkennen ist zu
wichtig als daß ich früher Dresden verlassen dürfte, im Gegentheil
wäre es gut, wenn ich - wäre es möglich noch einige Zeit um das Ga[n]ze
zu einem Ziele zu bringen hier geblieben wäre; doch wird es
der Montag schon zu einem schönen Schluß bringen.
Aber nicht allein um Dresdens, sondern auch um Zaukerode
und des Plauenschen Grundes willen, ist es unerläßlich daß ich /
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wenigstens bis Dienstags noch hier bleibe. Vorgestern Donnerstags
Nachmittags kam nemlich Herr Bergverwalter Lindig mit
seinem Cassirer Herrn Mittelbach aus Zaukerode nebst 3
Geistlichen seiner Gegend u zwei jungen Frauenzimmern zu
mir um von mir weitere Darlegung der Kinderführungs[-]
Spiel- und Beschäftigungsweise zu sehen und vernehmen. Ich
führte sie sogleich in die Mitte des Ganzen ein indem ich begann
von 3-4 mit 8-9 Kindern Frankenberg[s] zu spielen (so viele
nur besuchen seine Na[ch]mittagsspielstunden). Nachher führte ich Ihnen
mehreres im Zimmer bei Frankenbe[r]g bey gegen 6-7 Uhr
vor; auch eine [sc.: ein] junges Mädch[e]n aus Dresden war von innerer
Theilnahme getrieben dabei gegenwärtig.- Das Ergebniß
war eine allgemeine Befriedigung und der Wunsch einer
möglichen Ausführung im Plauenschen Grunde, weßhalb
Bergverw. Lindig äußerte es sey nur Schade, daß er nicht
noch mehr Personen mitgebracht habe um solche sogleich durch
den Augenschein zu belehren u für Ausführung zu stimmen.
Da er nun auch hoffte, daß sich wohl ein Erzieh[un]gsverein im
Plauenschen Grunde ausführen lassen würde, mir aber dieser
Grund sowohl wegen seines Verhältnisses zu Dresden als zu
den vielen Reisenden su welche ihn alljährli[c]h besuchen, höchst
wichtig ist als eine Art Mittelpunkt für Deutschland, so
machte ich Herrn Lindig selbst den Vorschlag - M morgen, Sonn-
tags nach Zaukerode zu kommen, mehreres vorzuführen u
so vielleicht die Sache sogleich zu einem Schluß zu bringen,
dazu kam das Wichtige, daß sich sowohl die beiden mit
Herrn Lindig gekommenen Frauenzimmer, als die junge Dresd[-]
nerin aus Herzensneigung für Kinderpflege in dieser Weise
in sich bestimmt fühlten - ja wenn sie nicht von erst Familien[-]
verhältnissen zu beachten hätten, sich sogleich entschlossen
haben würden mit mir nach Keilhau zu gehen, die
eine um sich für den Plauenschen Grund - die zweite vielleich[t]
für Dresden und zunä[c]hst als Gehülfin Frankenbergs und die
dritte in Hoffnung eine entsprechende Wirksamkeit irgendwo
zu finden (vielleicht in DresdenNeustadt:) - diese Keime,
das siehest Du, und sehet ihr ein, durfte ich im Augenblick /
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des Hervorbrechens nicht auch sogleich wieder ohne Schutz und
Pflege lassen, besonders da mich die 3 jungen Mädchen wirklich
mit Hoff[n]u[n]g für Kinderpflege erfüllten.
So gehe ich nun morgen nach Zaukerode wo ich Mittags bei
Lindig seyn werde.- Herr Prof. Löwe wird mich wen[i]gste[n]s
ein Stück begleiten.- Auch dieser hat gestern Abend
bei einem seiner Vorträge in dem Gewerbverein schon auf
die Nothwendigkeit der E Ausführung von Erzieh[u]ngsvereinen
hingedeutet, und er meint, daß auch hier manches seiner
Worte auf guten Boden gefallen wäre und Wurzel schlagen
Keimen, Wachsen, Blühen u Fruchten werde.
Du siehest viel ließ sich in Dresden thun. Schade nur
daß Frankenberg durch sein Phlegma oder wie ich es
nennen soll, oder durch sein unpraktisches Wesen - aber
auch wirklich durch sein sich Trennen von der Unterlage des
Ganzen rc - ganz wesentlich an Vertrauen verlohren
hat; ich hörte gestern von einem seiner Freunde diese Klage
daß seine alten Freunde z.B. Käufer Sup[e]rint: rc, ihr
Vertrauen zurück gezog[e]n haben.- Alles wird nun von sei[-]
ner Frau abhängen. Gut ist es daß sie achtbar u kinder[-]
liebend im Urtheile nach Außen hin dasteht, zeigen
muß sich freilich der Nachhalt: - Die äußeren Umstände
sind ihm höchst günstig (:hinsichtlich Wohnung - Zimmer - Hof u
Garten:) um etwas Tüchtiges auszuführen. Allein leider
zersplitter[t er] sich in sich durch seinen Antheil Gott weiß
in wie vielen Vereinen, was ich nicht gut halte. Er
scheint mir auch seine Person unwillkührlich, mehr her[-]
vorzudrängen, als sich eigentlich die Erhebung u Ausbildung
Fortbildung der Sache zu einer stetigen Angelegenheit se[i]n[e]s
Herzens u Geistes zu machen; darum ist seine Kinder[-]
führung u Behandlung der Kinder heftig ja hart, leidenschaftlich
so daß es mir oft selbst einen Stich ins Herz giebt wenn ichs
sehe; auf der andern Seite hin ist er todt, ohne Leben rc
- hier zeigt sich recht wie viel von der Auffassung rc abhängt.
Montags Nachmittags spiele ich wieder mit bei Frankenb[er]g - einige Familien
früher[e] Hamburger, haben mich darum ersu[c]ht. Ehe ich abreise schreibe
ich wieder grüße mir alle besonders unsern wa[c]kern Herrn Pfarrer /
[2R]
sage ihm - vergiß es aber ja nicht - daß unser Eich-
felder Verein, selbst mit seinen vorläufigen Bestimm[un]g[en]
eine recht tüchtige feste Grundlage für die Fortentwicke[-]
lung der Erzieh[u]ngsvereine sey, die Thatsache - dies Daseyn
habe eine unbestreitbare, ja siegreiche <Kraft> - Sage
ihm es brenne mir unter den Sohlen ich sehne mich zu[-]
rück um mit ihm in unserer lieben Heimath u auf
dem Walde umher zu wandeln und mit ihm Hand u [sc.: in]
Hand u Herz in Herz für Erzieh[u]ngsvereine zu wirken
- überall sein es uns eine Stimme für ihre Zeitge-
mäßheit.- Er möge nur alles aufs beste vorbe-
reiten, womöglich auch in Rudolstadt; denn nun
habe es ja z eine Hauptstadt Deutschland zum Vorbild.
Lebet recht wohl.
Lebe wohl.

D. u. E. FrFr.

Christianen grüße ich ganz namentl.
Sie soll sich nur recht fest im Singen mach[e]n.
Dieß sei eine Hauptsache u sich viele Liedch[e]n aneignen; denn selbst kleine Mädch[en] in Zaukerode könnten sie.
Ich wollte schon den Brief zur Post geben, nahm ihn aber wieder mit zurück
um Dich zu bitten, doch ja bei Breternitzens es einzuleiten, daß sie
uns die obere Stube ausbauen, denn es läßt sich nun doch annehmen
daß sich immermehr die Zahl derer vergrößern werde, die in erdenklicher
Kindheitpflege ihren Beruf finden. Auch wäre es schön, wenn sich in Keil[-]
hau zu unsern Kindern noch einige hinzufänden.
Es ist für mich recht peinlich und niederschlagend: überall hört man nur
Klage über Frankenbergs Kinderführung, besonders seine Bequemli[c]hk[e]it
Nachlässigkeit u daß er nicht einmal für eine tüchtige Wärterin gesorgt
hat.- So auch diesen Vormittag wieder.- Man wirft ihm gerad zu vor
daß er der Sache, mehr um des Broterwerbes als aus innern [sc.: innerm] Triebe u Beruf
thue u.s.w.; u.s.w.