Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Josephine d'Alquen in Arnsberg v. 9.5.1845 (Keilhau)


F. an Josephine d'Alquen in Arnsberg v. 9.5.1845 (Keilhau)
(BN 359, Bl 1-2, Brieforiginal 1 B 8° 3 ½ S. - Name der Adressatin u. Adressatort lt. Wollkopf II, S.6; F. ist sich der Schreibweise des Familiennamens von J.A. unsicher.)

Dem Fräulein Josephine D'Algara (?) in Ahrensberg

Keilhau b. Rudolstadt am 9 Mai 1845.

Geehrtes Fräulein.

Herr von Leonhardi in Heidelberg theilt mir in seinem jüng[-]
sten Briefe Ihren Wunsch und Entschluß mit sich unter mei-
ner Leitung hier für Pflege und Erziehung, besonders noch
vorschulfähiger Kinder namentlich zu einer Führerin und
Vorsteherin eines Kindergartens auszubilden, und fordert
mich auf, mich in dieser Beziehung mit Ihnen zu besprechen.
Zuförderst müßte ich Ihnen hier nun wohl sagen, daß mich -
nach den desfalsigen Mittheilungen unseres gemeinsamen lieben,
für Verbreitung von Menschenwohl so unermüdlich, als selbst auf-
opfer[n]den Freundes von Leonhardi, Ihr Wunsch und Entschluß
gar sehr, ja hoch erfreut, und daß ich deßhalb von meiner Seite
gern alles mir Mögliche thun werde um denselben zu seinem
schönen Ziele zu führen. Was kann ich Ihnen nun noch sagen, als
daß mir deßhalb Ihr Eintritt in meinen kleinen Kreis je eher
um so lieber wäre, weil es wirklich an Arbeiterinnen mit
ächten Sinn, und seelenvollen Streben in diesen Herrlichen Gärten fehlt
und jetzt gerad die schönste und glücklichste Zeit ist, sich zu
diesem heilbringenden Berufe vorzubereiten; ich auch eben
im Begriffe stehe wieder einen Cursus zur Ausbildung für
denselben zu beginnen d.h. gegen das Ende dieses Monats.
Das weitere, was Sie wohl wünschen möchten, ist wohl die
Bestimmung der Dauer eines Bildungscursus. Die Mittel-
zeit ist ½ Jahr, doch hängt es sehr und natürlich von dem
Grade der Vorbildung dafür, als besonders auch von dem
Ziele ab, welches man seiner Bildung gesetzt hat. Nach
dem nun, was mir Herr von Leonhardi kurz über die
Sachlage des Ganzen von Ihrer Seite im Allgemeinen und
kurz angedeutet hat, wünschte ich nun wohl, daß Sie sich
zum Voraus eine nicht zu kurze Bildungszeit stellen möchten, /
[1R]
damit wir Herrn von Leonhardis und gewiß auch Ihre Erwar-
tung erfüllen können, das möglichst Vollkommene zu erreichen.
Sie werden nun wohl auch einige Andeutungen von den Gegen-
ständen des Bildungscursus und von den Beschäftigungen wäh-
rend desselben wünschen; diese sind theils theoretisch, theils prak-
tisch; die letzteren sind wieder doppelter Art, entweder blos
vorbildend, oder ausübend und angewendet in größeren und
kleineren Kinderkreisen. Eine Stunde täglich beschäftigt sich be-
sonders mit dem Wesen des Kindes, des daraus hervorgehenden
Bildungsganges und der Auffindung der darin bedingten Pflege-
und Behandlungs-, überhaupt Erziehungsweise des Kindes.
Da der von mir betreten werdende Erziehungs- und Bildungsweg
mehrfach das zwar ganz einfache aber doch möglichst reine und
richtige Singen in Anwendung bringt, so finden täglich ein[-]
fache Singübungen zur Aneignung der kleinen Spielliedchen
wie aber auch Übungen zur Ausbildung der Stimmen statt.
Weiter im Bereiche dieses Kreises liegender Unterricht versteht
sich von selbst so z.B. Religionsunterricht, nicht sowohl um
der Belehrung willen, welche als vorhergegangen vorausgesetzt
wird, sondern Übersicht, Beherrschung und vielfache Anwendung
des Religiösen im Bereiche der Kinderführung nach den Forde-
rungen der kindlichen Entwickelungsstufen.
Was das Äußere betrifft, so wird von der Anstalt aus,
da unsere häuslichen Räume ganz in Anspruch genommen sind
für angemessene Wohnung im Dorfe gesorgt. Beköstigung
findet in der Anstalt mit den übrigen Gliedern derselben
statt. Für das Bette und das Waschen, für die Lehrmittel
muß von Seite[n] der zu Bildenden gesorgt werden.
Die Kost (Frühstück, Mittags- Vesper- und Abendbrot)
die Wohnung und der Unterricht beträgt im Ganzen wöchent-
lich Zwei Thaler pr[eu]ß. Crt. So wüßte ich nun in äußerer
Beziehung weiter nichts zu bemerken als daß die Reise
über Kassel, Eisenach, Gotha, Arnstadt, Stadtilm und nach Rudol- /
[2]
stadt geht. Die Post, der Eilwagen, geht ganz denselben Weg
und die Straße geht in dem Dorfe Eichfeld nur ¼ Stunde
von Keilhau vorüber, so daß man - ohne vorher nach Ru[-]
dolstadt zu fahren und so den Weg zweimal zu machen -
schon in Eichfeld in dem Gasthofe absteigen und, mit Hülfe
eines Bothen, welcher das Gepäck trägt, leicht zu Fuß
nach Keilhau gehen kann. Das Postgeld muß jedoch leider
bis Rudolstadt bezahlt werden. Ich bitte Sie dieß, im
Falle Sie Ihre Überkunft zu mir festhalten sollten, für
Ihre Reise zu beachten.
Nun ist mir zur Mittheilung an Sie noch eines übrig.
Wünschten Sie vielleicht schon vor Ihrer erlangten Aus[-]
bildung die Gewißheit einer Anstellung zu haben; so
könnten Sie solche vielleicht in Dortmund erhalten. Das
"Directorium des dortigen Vereines für deutsche Volksschulen["]
will nehmlich eine Musteranstalt zur Ausführung von
Kinderbewahranstalten errichten, und hat sich an mich
wegen einer Lehrerin an jene gewandt. Da nun, wie ich höre
Ahrensberg nur 16 Stunden von Dortmund entfernt ist
Sie auch vielleicht Gelegenheit [haben,] dahin zu kommen, so wollte
ich Ihnen dieß doch schreiben, damit Sie sich vielleicht dort
die gesammten Verhältnisse selbst persönlich ansehen auch
vernehmen könnten, bis zu welcher Zeit man eigentlich die
in Frage stehende Anstalt zu eröffnen gedenkt und ob Ihnen
vielleicht noch Zeit genug verbliebe sich für diese Stelle
hier auszubilden. Ich wollte wenigstens nicht unterlassen
Ihnen dieß zu schreiben, doch ist auch wohl später nach an-
deren Punkten hin Aussicht zu entsprechenden Stellen vor[-]
handen. In Dortmund würden Sie sich vielleicht mit einem
Gruß und Empfehlung von mir an Herrn Schmitz, dem
Sekretäre des genannten Vereines zu wenden haben.-
Seyen Sie nun so gütig mir sobald als nur immer mög[-]
lich Ihren letzten Entschluß mitzutheilen, indem Sie aus /
[2R]
dem Vorstehenden ersehen wie ich denselben zur allsei-
tigen Lebenspflege und Förderung sogleich mit dem
Ganzen verwebe.
Somit hoffe ich nun alles erschöpft zu haben, worüber
Herr von Leonhardi wünscht, daß ich mich Ihnen mit-
theilen möchte. Ich bin demselben sehr dankbar, daß
mir derselbe wenn auch nur zuerst Ihre briefliche
Bekanntschaft verschafft hat, hoffe aber daß sich solche
nach der Erwartung unseres Freundes zum Wohle der
Kindheit zu einer persönlichen erweitern wird.
Bis dahin empfangen Sie, geehrtes Fräulein, die
schriftliche Versicherung wahrer Hochachtung
Ihres
Ergebenen
Friedrich Fröbel.