Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Sophie Müller in Homburg v. 11.5.1845 (Keilhau)


F. an Sophie Müller in Homburg v. 11.5.1845 (Keilhau)
(Autograph nicht überliefert, ed. Pösche 1887, 174-176. Es handelt sich um ein Editionsfragment. Bei Pösche gesperrte Passagen hier unterstrichen [außer in der Anrede wohl auch so im Orig.]. Nach Pösche Vorlage unvollständig, Schluß fehlt; aufgrund der sonstigen Praxis Pösches ist aber damit zu rechnen, daß auch noch weitere Passagen unangemerkt ausgelassen wurden. - Der bei Pösche edierte Anfang ist unplausibel: Wenn F. den Brief am 11.5. geschrieben hat, kann er nicht auf einen Eingangsbrief vom 18. des Monats Bezug nehmen. Der Vergleich mit Partnerbriefen ergibt, daß F. inhaltlich [Heirat der Tochter Müllers] auf den Brief vom 8.5.1845 Bezug nimmt.)

Keilhau bei Rudolstadt 11. Mai 1845.

      Hochgeehrte Frau; schätzbarste Freundin!

Ihr liebes Briefchen vom 18. [sc.: 8.] d. M., welches ich heute empfing, hat mich so hoch erfreut, daß ich mich gedrungen fühle, dasselbe sogleich zu beantworten.
Zuerst teile ich innig Ihr Mutterglück, in Ihrer lieben Tochter die hoffnungsreiche Braut zu sehen. Es ist wunderbar, ob ich gleich ein Mann bin, so ist es mir doch, als könnte ich Ihr hohes Glück durch und durch, in allen Nerven und nach allen Richtungen hin, mit Ihnen fühlen. Ich empfinde recht gut, es muß für die liebende, treusinnige Mutter ein ganz verschiedenes Gefühl sein, den Sohn Bräutigam, oder die Tochter Braut zu wissen; mit dem Brautstand der letzteren lebt sie gleichsam in höherem Bewußtsein ihr eigentlich selbständiges, ihr Gatten- und Mutterleben, in Freud und Leid, in Luft und Schmerz, noch einmal; denn welches Leben, und sei es das glücklichste, wäre ohne Leid, und sei es wirklich das seligste, welches wäre ohne Schmerz? Gut und heilsam ist es für den Menschen, daß es so ist; dennoch wünscht die Mutter ihre geliebte Tochter auf der dornenlosen Rosenbahn in ihren höchsten und eigentlich menschlichen, und eigentlich menschheitlichen, Lebensberuf einzuführen; und je mehr ihr dies möglich ist, um so mehr fühlt sich ihr Mutterherz beglückt, befriedigt.- Darf ich bitten, dem geschätzten Brautpaar meinen besten Glückwunsch auszusprechen?
Auch auf mich, als Erzieher, wirkt es immer ganz eigentlich ergreifend, wenn eine Jungfrau meiner Bekanntschaft in den Brautstand tritt, und dies um so mehr sehnsuchts- und erwartungsvoll, als sie wirklich noch Jungfrau ist, Jungfrau in ihrem Fühlen, Denken und Handeln; - Jungfrau in ihrem Glauben, in ihrem Hoffen, in ihrem Lieben. Immer muß ich dann denken, daß in den Gesin- /
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nungen und dem inneren Leben der Jungfrau während ihres Braut- und beginnenden Ehestandes der Keim und die Bedingungen eines neuen Menschheitslebens liegt; denn was jetzt das Gemüt noch in Unbestimmtheit erfüllt, entwickelt sich im künftigen, im folgenden Leben in Bestimmtheit, und die Geschichte, wie die tägliche Erfahrung, lehrt ja, wie viel nach der förderlichen, (aber auch nach der hemmenden) Seite von eines Menschen Leben für die Menschheitsentwicklung abhängt. Ich weiß es, man würde mich schelten und noch weit mehr, wenn ichs aussprechen wollte, allein ich sage es auch kaum zu mir selbst, doch kann ich nicht anders: bei jeder jungfräulichen Braut muß ich gedenken, daß einst von einer bräutlichen Jungfrau das Heil der Welt kam, und in jedem jungfräulichen Bräutigam sehe ich einen Engel, der mit des Himmels Gruß zu ihr tritt, und wahrlich, so muß es werden: jede Familie muß wieder eine Gott geweihete werden, muß annähernd wieder eine heilige werden, wenn wahrhaft auf die Erde das Himmels-, das Gottes- und Jesus-Friedens-Reich kommen soll. Sehen Sie, hochgeschätzte Freundin, das liegt bei der Bildung und Ausführung meiner Kinderparadiese, meiner Kindergärten, im Hintergrunde: - reine Jungfrauen, klare Jünglinge sollen daraus später zur neuen Gestaltung des Lebens und reiner Darlebung der Menschheit hervorgehen. Erlebe ich es auch nicht, auch nicht die nächste und zweitnächste Generation - die Menschheit erlebt dies, d.h. auf dieser Erde, wozu alle Bedingungen sind, gewiß.- Der Herdersche Zuruf an die Frauen: - "Sinnt und erzieht, ihr könnt es allein, die glückliche Nachwelt" - wird so lange zu den edlen Frauengemütern sprechen, bis viele, von der Wahrheit desselben durchdrungen, es verwirklichen werden.- Sehen Sie, hochgeschätzte Freundin, das ist es, was ich mit meinen wenig erkannten, ja wohl oft verkannten, Mutter- und Koseliedern erstrebe; wie freue ich mich, daß Ihnen auch deren Fortwirkung bis in den Kindergarten klar geworden ist und lebenvoll in dem Ihrigen Ihnen entgegen tritt.
Sollte Ihre jetzt bräutliche, Tochter einmal Hamburg als Wohnort verlassen, dann muß sie sich, gleich ihrer mit dem schönen Beispiel vorangehenden Mutter, um sich einen Kindergarten schaffen; denn in diesem nimmt man gleichsam fühlbar - wie oft werden Sie dies empfunden haben - das Wandeln der Engel wahr, welche Gott zum Schutz und Schirm seiner Kinder sendet!-
Ihre gütige Teilnahme wünscht von mir zu wissen, wie ich, seit ich Frankfurt verlassen, für Kinderpflege gewirkt habe.
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Mit Freuden komme ich diesem Wunsche nach, wenn ich auch nur wenig mitzuteilen habe.- Auf meiner Rückreise schenkte mir ein Familienvater in Gotha - mir zwar und meinem Wirken schon längere Zeit freundlich gewogen, das volle Vertrauen, mir sogleich seine Nichte, ein junges 18 jähriges Mädchen, zur Ausbildung für Kinderpflege und zur Führung eines Familienkindergartens zu übergeben. Zu Hause fand ich schon ein ähnliches junges Mädchen zu gleicher Ausbildung vor; so, daß ich sogleich mit diesen beiden einen Bildungskursus für Kinderpflege begann, und damit gleich in meinen früheren Wirkungskreis eintrat.- Ein anderes Mädchen war kurz vorher ausgetreten, indem ihr in der Nachbarstadt Saalfeld die Führung einer Kleinkinderbewahranstalt übertragen worden war, in welcher sie ihre Oberen, zu meiner Freude, bis jetzt befriedigt.
Das zweite der oben genannten Mädchen ist jetzt schon in Salzungen in eine Wirksamkeit eingetreten.
Von verschiedenen Punkten aus sind Nachfragen nach Kinderführerinnen (Kindergärtnerinnen, wie ich sie gern nenne) auch nach Vorsteherinnen von Kindergärten an mich ergangen, so z.B. von Dortmund aus, wo eine Muster- und zugleich eine Fortbildungsanstalt errichtet werden soll; allein es fehlt mir an Personen, welche ich dazu vorschlagen kann, da die bis jetzt bei mir ausgebildeten fast immer schon ihre bestimmten Stellen hatten, ehe sie bei mir eintraten. Könnten Sie mir ein paar recht wackere Mädchen, wie z.B. Ihre Nanni, vorschlagen, welche zugleich im Stande wären, die einstigen Bildungskosten für die entsprechende Zeit, zwei Thaler wöchentlich für Wohnung, Kost und Unterricht, zu tragen, so geschähe mir, und vor allem der Sache, ein großer Gefallen. Je mehr diese Kinderführungsweise, nach verschiedenen Seiten hin, immer mehr Anklang und Anwendung findet, desto mehr verlangt man auch immer so durchgebildete Personen, daß sie eine solche Anstalt selbständig leiten können.
Finden Sie Personen, bei denen die inneren und äußeren Bedingungen für diesen Beruf sich finden, so suchen Sie sie im Interesse der Kinderwelt zu gewinnen.
Eine andere Thätigkeit, welche mich nach meiner Rückkehr in die Heimat in Anspruch nahm, war die Bildung von "Vereinen deutscher Männer und Väter für Erziehung." Mein Aufruf dazu wird Ihnen in der Didaskalia zu Gesicht gekommen sein. Hier in meiner Heimat fand der Gedanke mehrfach Anklang. [Text bricht ab]