Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Karl Hagen in Heidelberg v.14.5.1845 (Keilhau)


F. an Karl Hagen in Heidelberg v.14.5.1845 (Keilhau)
(Autograph nicht überliefert, ed. Hermann Hagen 1882, Nachdruck Hoffmann 1948, 17-22, Seitenangaben nach Hoffmann. Das Schillerzitat aus dem Epigramm „Der Kaufmann“ heißt wörtlich: „Güter zu suchen / Geht er, doch an sein Schiff knüpfet das Gute sich an“ (SchW, ed.Albert Meier I,248)

Herrn Professor Dr. Hagen in Heidelberg.
Keilhau bei Rudolstadt. am 14. Mai 1845.

Hochgeehrtester, lieber Herr Doktor!

Mit dem herzlichsten Danke habe ich die Zusendung des 1. Heftes der
Weilschen konstitutionellen Jahrbücher von der Verlagshandlung in
Stuttgart erhalten, und mit vieler Teilnahme und Befriedigung ist Ihr
so schöner Aufsatz von mir wie von andern gelesen worden; er hat
überall. wo ich gehört habe, daß er gelesen worden ist, gar sehr ge-
fallen. Bald nachdem ich die Zusendung von der Verlagshandlung er-
halten hatte, war ich genötigt, eine Reise nach Dresden zu machen, und
wie freute ich mich, als dort Ihr förderlicher Aufsatz schon bekannt
und gelesen war! Ich zweifle nicht, daß er mir daselbst wenigstens
einen recht kräftigen Mann zur Förderung der von mir angebahnten
Erziehungsvereine und zur Ausführung eines derselben in Dresden ge-
wonnen hat. Sie wünschen nun, von mir zu hören, ob ich bei einem
neuen Abdruck desselben in Ihren Zeitfragen, welche, wie ich mich über-
zeugen muß, auch weit verbreitet bekannt sind, noch etwas hinzugefügt
wünschte. Leider hat mich meine oben erwähnte Reise abgehalten, Ihrer /
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gütigen Aufforderung früher entgegenzukommen. Doch will ich es
wenigstens nicht unversucht lassen, Ihnen zwei meiner Wünsche aus-
zusprechen.
Erstlich drängt jetzt alles so sehr nach der Nutzens-, nach der gewerb-
lichen Seite, nach der Seite des realen Wissens und Könnens und somit
auch nach der Seite des frühen äußeren Kennens der Natur und des Ge-
brauches ihrer Erzeugnisse, daß darüber der zartere Sinn für die Ent-
wickelung und Beachtung des höheren, inneren geistigen Lebens ganz
zurücktritt. Dagegen läßt sich nun nichts tun, der Strom ist zu ge-
waltig, als daß man sich ihm entgegenstemmen könnte. Man muß also
die Sache notwendig anders zu erfassen suchen und dabei an die Worte
des Kaufmanns von Schiller denken:
An das sidonische Schiff knüpft auch das Gute sich an.
Man muß also auch aus der Wertlegung auf das Äußere die Wert-
schätzung des Innern zu entwickeln suchen. Denn der menschliche Geist
und noch mehr das deutsche Gemüt kann schlechterdings nicht lange
bei dem bloß Äußerlichen verweilen, es muß sich nach dem Innern und
Innersten wieder hinwenden. Ich meine also in Beziehung auf unsere
erziehende und entwickelnde Kinderführungsweise: um die Teilnahme
an derselben, ja ihre Pflege, die Sorgfalt für dieselbe zu wecken, muß
man, was ja so offen in ihr liegt, dennoch noch bestimmter hervorheben,
wie sie eben auch das Kind früh in die richtige Beachtung, den rechten
Gebrauch aller äußeren Dinge, so besonders auch der Gegenstände der
Natur einführt und so zu einem praktischen Leben, zugleich mit
Weckung des Sinnes für den Geist, für das innere Wesen desselben,
wahrhaft vorbildet. Dies ist das eine, was ich wohl wünschte, das in der
Darstellung des Ganzen - weil dieses jetzt als das wichtigste erscheint,
worauf man Wert legt - noch hervorgehoben werden möchte. Ich
glaube auch, daß durch die richtige Erfasssung und Behandlung des
jetzt so praktischen, ja überwiegend materiellen Strebens auch das höhere,
noch vereinzelt stehende Streben der Zeit in den Geist und das Wesen
der Dinge und des Lebens einzudringen und dieses und jene in ihrer
innern Einheit zu erfassen, welchem besonders auch mein Wirken ge-
widmet ist, erreicht werden kann. Wie auch Lamartine sagt : "Hütet
Euch, an der Schöpfung Euch zu versündigen, wenn Ihr die Industrie
(man darf wohl im allgemeinen sagen: das praktische, materielle Zeit- /
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streben) anklagt. Die Industrie ist das Kennzeichen der menschlichen
Stärke und Perfektibilität. Für die gesamte Menschheit erwächst daraus
eine Vermehrung der Kräfte und der Einigkeit, deren Folgen Gott nur
berechnen kann. Endlich kann daraus die von so Vielen ersehnte, aber
nie erreichte Universal-Monarchie hervorgehen, ich meine nicht die poli-
tische, sondern die Universal-Monarchie der Intelligenz, des Handels,
der Industrie und der Ideen". Chevalier sagt: „Die Industrie (ich
setze wieder das sich unbewußte praktische , materielle Zeitstreben)
ist nichts anderes als die Begründung der Geistesherrschaft über die
materielle Welt, oder der menschliche Geist, der sich aus unserem Erd-
ball einen mächtigen Thron erbaut. Naturerscheinungen, die wir früher
aus Furcht wie Götter verehrten, werden zu Vasallen des Menschen und
arbeiten folgsam für ihn. So setzt die Industrie, vollständig entwickelt,
keineswegs den Materialismus auf den Thron, sondern bewirkt nichts
als eine intellektuelle Erlösung". Weiter sagt Schmitthenner: "Es
ist eine der größten Erscheinungen unserer Zeit, daß des Menschen Geist
mit dem Zauberlichte der Wissenschaft immer tiefer und tiefer in das
dunkle Reich der Materie niedersteigt und der wilden Naturgewalten
Mann und Meister wird". Verzeihen Sie, daß ich diese Stellen, die Ihnen
gewiß bekannt sind, hier so ausführlich vorlege, allein ich konnte Ihnen da-
durch abermals am bestimmtesten aussprechen, was ich durch meine Kind-
heits- und Kinderführungsweise, durch meine Spiel- und Beschäftigungs-
mittel und -weisen, so ganz vor allem durch meine Kindergärten zu er-
reichen strebe; warum ich wünschte, daß diese und überhaupt meine
Kindheit- und Kindererziehenden Bestrebungen von dieser Seite in das
größere, allgemeinere, besonders das schaffende, gewerbliche, industrielle
Publikum eingeführt würden, indem es ja eben in dem Zwecke derselben
liegt, zu jener höheren Erfassung der Natur, ihres Geistes und ihrer Ein-
heit hinzuleiten. Da nun schon Ihre "Zeitfragen" vom Jahre 1843 sich
"über die rechte Verbindung der Wissenschaft mit dem Leben" aus-
sprachen, so glaube ich, würde sich in der jetzigen Fortsetzung und in
der trefflichen Abhandlung zu dieser angedeuteten, weiteren Ausführung
mehrfach Gelegenheit zeigen. Deshalb die schon ausgesprochene Bitte
an Sie, gütig teilnehmender Freund!
Nun zu dem Zweiten, was ich wünschte, daß vielleicht bei dem zweiten Ab-
druck Ihrer gewiß viel bewirkenden Abhandlung erwähnt werden möchte. /
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Man wendet gegen die allgemeinere Einführung meiner Kinder-
führungs-, Spiel- und Beschäftigungsweise und besonders die allgemeinere
Ausführung meiner Kindergärten immer ein: daß das darin Angebahnte
wieder verlorenginge, wenn die Kinder daraus aus- und in die gewöhn-
lichen Schulen einträten, Wenn dies nun auch etwas in der Form sein mag,
so ist es doch gewiß nicht dem Geiste nach der Fall. Doch ich will es
einmal, um sogleich zu meinem Ziele zu kommen, zugeben: so wären
es eben die "Erziehungsvereine", die "Vereine der Männer und Väter
(wie hier und da auch schon der Mütter, z. B. in Neustadt an der Orla)
für Erziehung", welche nach und nach dieses Störende beseitigen würden.
Deshalb wünschte ich, daß, wenn auch Sie es für angemessen hielten,
bei dem zweiten Abdruck Ihrer so erfassenden Abhandlung auch der
Gründung der Erziehungsvereine und des bisherigen Erfolges derselben
in der Ausführung erwähnt würde . Das bis jetzt darüber erschienene
Erfassendste steht in Nr. 102 des Allgemeinen Anzeigers der Deutschen
vom 16. April, von einem gewissen Dr. Wohlfarth , welcher auch über
Pauperismus und die Schrift: „Das katholische Deutschland frei von
Rom" geschrieben hat, wozu auch der Redakteur Becker eine Nach-
schrift gefügt hat, welche zum Teil die bisherigen Resultate enthält.
Ich zweifle nicht, daß sich dies Blatt auf Ihrem Museum findet, ebenso
hat auch die Dorfzeitung mehrfach der Sache gedacht; früher erwähnte
ich schon der Nr. 36 vom 1. März. Jüngst spricht davon auch wieder
Nr. 58 der Dorfzeitung vom 5. April, .S. 231. Auch der Allgemeine An-
zeiger der Deutschen hat der Vereine schon früher gedacht, so in Nr. 84
vom 29. März, S. 1176. Ich hebe diese Blätter und Nummern heraus,
weil ich glaube, daß Sie solche, wenn es Sie interessiert, auf dem
Museum, ich meine auch in der Harmonie, lesen könnten.
Mehrere andere unserer Blätter, worinnen des Gegenstands auch
förderlich gedacht worden, erwähne ich gar nicht, weil solche nicht bis
nach Süddeutschland kommen. Auch sächsische Blätter haben den
Aufruf in ihre Spalten aufgenommen. Vereine bestehen, was mir
bekannt geworden, jetzt in Eichfeld (wozu als eingepfarrt Keilhau),
in Schwarza nächst Rudolstadt, in Neustadt an der Orla im Wei-
marischen (woran auch Frauen Anteil nehmen) ; in Dresden haben
sich zur Bildung eines solchen Vereines, ihn gleichsam im Kerne bildend,
Dr. Beger (Rektor an der höhern Bürgerschule in Neustadt-Dresden), /
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Prof. Dr. Wagner, Direktor Dr. Höfer und Dr. med. Löffler
zusammengetan. Von dieser Vereinigung hoffe ich Wesentliches.
Daß die Vereine wirklich ins Leben eingreifen, d. h. beim Volk schon
dem Gedanken nach Anklang finden, geht auch aus einer Aufforde-
rung hervor, welche das Beiblatt der Dorfzeitung "Das Plauderstübchen"
enthält (s. Nr. 11 vom 14. April, S. 42). Da, wenn ich nicht irre,
dieses Beiblatt nicht nach Heidelberg kommt, so will ich dieselbe hier
wörtlich beifügen:
"Der in Nr.54 des Allgem. Anzeigers der Deutschen von Fröbel
getane Aufruf zur Begründung von Erziehungsvereinen hat, wie Nr. 58
der Dorfzeitung berichtet und wie Einsender aus seinen eigenen ört-
lichen Verhältnissen weiß, großen Anklang gefunden und lebhaftes Ver-
langen nach Inslebentreten solcher Vereine in den Herzen Vieler rege
gemacht. An vielen Orten fühlen die Bürger, daß in der Erziehung
noch sehr viel zu tun von Nöten ist; allein sie sind über die entsprechen-
den Erziehungsprinzipien nicht mit sich im Klaren. Auch finden sich
nicht an allen Orten die charaktervollen, begeisterten, geeigneten Männer,
die Aufklärung und Anleitung hierin geben können und wollen: im
Interesse derer nun, die das Verlangen nach dem Bessern fühlen, aber
den Weg, am besten dahin zu gelangen, nicht kennen und eines Führers
ermangeln, erlaubt sich der Einsender, die Bitte zu tun, daß sich die
Erziehungsvereine, die sich bereits gebildet haben oder noch bilden
werden, dahin vereinen möchten, ein gemeinschaftliches Organ ihrer
Vereinsverhandlungen herauszugeben und Fröbe1 zu ersuchen, die
Redaktion desselben zu übernehmen. Durch die gegenseitigen Mitteilungen
würden die einen von den andern belehrt werden, wohin zu trachten
und zu streben sei, die weniger Gebildeten aber würden von den Kenntnis-
reicheren lernen, was zu tun sei und worauf es ankomme".
Was sagen Sie, lieber Herr Doktor, zu diesem Aufruf zur Heraus-
gabe eines allgemeinen Organs der Erziehungsvereine?
Durch alles dies ließe sich wohl zu seiner Zeit ein schönes Ganzes er-
ringen. Versuchen Sie darum, ob es möglich ist, auch Heidelberg
(durch Gründung eines Kindergartens) dem Gegenstande Grund und
Boden zu gewinnen. Jugend-, Turn- und Volksspiele ließen sich dann
gewiß auch bald ausführen, so wie hoffentlich, zunächst wenigstens in
einem oder einigen der benachbarten Dörfer Sonntags-, Spiel- und /
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Kindergärten, woran Erwachsene jedes Alters als Zuschauer, besonders
als solche auch Mütter mit ihren noch jüngeren Kindern Anteil nehmen
könnten, wodurch diese so zweckmäßige Kinderbetätigung auch in die
Familien und in das Haus eingeführt werden, ganz besonders aber auch
das immer mehr gefühlte Bedürfnis echter Volks- und Nationalspiele
und Feste nach und nach seine Befriedigung erhalten würde. Also, teuer-
ster Herr Doktor, nur erst den kleinsten Anfang, nur erst den geringsten
Raum, damit das Samenkorn keimen und seine Pfahlwurzel treiben
kann! Es wird sich daraus schon die kräftigste Pflanze, die schönste
deutsche Eiche entwickeln !
Geht es an, so wünsche ich 25 Exemplare besondere Abdrücke des
Aufsatzes, aber dann auch möglichst bald nach Beendigung des Druckes
durch den Buchhandel über Leipzig, durch meine Kommissionäre Geb-
hard
und Reisland zu erhalten. Wollten Sie vielleicht Ihrem Ver-
leger den Vorschlag machen, ob er es nicht; weil doch der Gegenstand
jetzt so viel Interesse und Besprechung findet, für angemessen hielte,
eine kleine Anzahl, vielleicht von einigen Hunderten, mit besonderem
Titel als selbstständige Broschüre abdrucken zu lassen? Ich glaube, daß
sich doch immer einiger Gewinn dabei herausstellen würde; zur größeren
Verallgemeinerung der Sache würde es gewiß beitragen. Ihren lieben
Kindern meine herzinnigsten Grüße und sagen Sie ihnen, daß ich ihrer
sehr oft gedenke. - Leben Sie recht wohl und erfreuen Sie wieder mit
einigen Zeilen
Ihren dankbaren

Friedrich Fröbel.

Verzeihen Sie mir den langen Brief, auch die Wiederholungen in selbi-
gem. Ich mußte ihn unter zu vielen Störungen, wie immer, niederschreiben.