Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an M. L. Löwe in Dresden v. 15.5.1845 (Keilhau)


F. an M. L. Löwe in Dresden v. 15.5.1845 (Keilhau)
(BN 545, Bl 3-4, Brieforiginal 1 B 4° 4 S.)

Sr Wohlgeboren Herrn Professor Löwe in Dresden.

      Keilhau b. Rudolstadt am 15 Mai 1845.


      Lieber Herr Professor,
Sehr hochgeschätzter Freund.

Ihre gütige und förderliche Theilnahme an meinen erziehenden Bestrebungen wird gewiß
schon seit mehreren Tagen einer Nachricht von mir entgegen gesehen haben, wie auch ich
Ihnen solche sehr gern früher gegeben hätte, wäre ich nicht durch nicht aufschiebbares
Briefschreiben davon abgehalten worden.
Wie ich mir vorgesetzt hatte, habe ich in Halle den Pfarrer Wislicenus und in Pömmelte
bei Schönebeck den Pfarrer Uhlich aufgesucht. In beiden fand ich besonnen eingehende Män-
ner, doch letz den letzteren mehr rege; ersterer erschien mir doch aber von dem Widrigen
der Verhältnisse etwas in sich zurück gedrängt. Den Gedanken den Erziehungsverein
in ihre Lebenskreise zur Ausführung einzuführen, waren beide geneigt; sind di[e]
Verhält Umstände nicht ungünstig, so wird es heut durch den Herr Pf. Wislicen.
in der Versammlung der Lichtfreunde in Köthen geschehen seyn. Herr Pf. Uhlich
will in der nächsten Volksversammlung, ebenfalls zu Köthen, gegen das Ende
dieses Monats, den Gedanken und Aufruf gleichfalls zur Sprache bringen. So war
und würde also wieder nach mehreren Punkten Saame zu ächter Kinderpflege ausgestreut
fragt man jedoch nun nach dem Ergebniß des Ganzen, so stellt sich der Mangel an tüch-
tigen Musterbildungsanstalten für genügende und umfassende Kinderpflege,
wenigstens die Forderung einer solchen Anstalt klar heraus. Wäre es darum
nur möglich in Deutschland auch nur eine einzige solche Anstalt, allein in mög-
lichster Vollkommenheit auszuführen, so würde der Gewinn davon groß seyn[.]
Dieß müßte aber auch nothwendig in einem Orte, in einer Stadt geschehen, wo die
dadurch den Kindern erlangte Vorbildung und Erziehung ihre fortgesetzte Pfleg[e]
und ihre Anwendung im Leben fände. Daß nun bei dieser Überzeugung mir
der Gedanke an Dresden immer in den Gesichtspunkt tritt, werden Sie, der Sie n[un]
es in dem Günstigen, welches es dazu darbiethet, erst mehr kennen lernten, ganz
natürlich finden. Er ist es daher auch, dessen Ausführung mich nach meiner Rückkeh[r]
nach Keilhau vielfach beschäftigt, besonders auch seit ich Dr. Begers Programm /
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für dieß Jahr gelesen habe. Mich dünkt, es müsse mit ihm ein förderliches Zusam-
menwirken möglich seyn, wenn die, früher in dem Kindergarten gebildeten
Knaben später in seine Schule einträten und er auch dann noch die Wirkung
der ersten Entwickelung und Ausbildung in dem Kindergarten erkennen würde.
Sie sind, lieber Herr Professor mit Dr. Beger, wie Sie mir sagten, freundlich bekannt,
vielleicht gelingt es Ihnen mit Ihren beiderseitigen Verbindungen und Bekannt-
schaften einen Kindergarten in Neustadt-Dresden (doch ist mir jetzt noch der Stadt-
theil gleichgeltend) auszuführen. An meinem Willen würde es dann wenig-
stens nicht fehlen, wenn es sonst die Umstände es erlaubten, der Anstalt
die möglichst vollkommene Ausbildung zu geben. Zu einer Vorbereitung zur
Ausführung dieses Planes wäre es wohl gut, wem [sc.: wenn] sich Ihnen eine günstige Gelegen-
heit zeigen sollte dem Dr. Beger einige, sich zugleich an Anschauung knüpfende
Mittheilungen zu machen, wie diese Führungsweise besonders die Kinder zu Beach-
tung und Erkenntniß der Natur, mindestens zur Ahnung der Entwickelungs- und Ge-
staltungsgesetze derselben und so selbst, wenn auch nur noch zu einer dunkelen Ah-
nung des höheren Geistes in dem gewerblichen Leben hinleite, wenigstens zu
dieser späteren Einsicht vorbereite und geschickt mache, und wie durch eine solche Kinder-
pflege und Behandlung die Möglichkeit sich zeige, daß das in Erfüllung gehe, was
er in seinem Programm S.11 von Lamartine in Beziehung auf die Industrie anführt:
"Für die gesammte Menschheit erwächst daraus eine Vermehrung der Kräfte u. der
Einigkeit, deren Folgen nur Gott berechnen kann."- Und was daselbst Chevalier
sagt: ["]Industrielles Leben vollständig enwickelt bewirkt eine intellectuelle Erlösung."
und gleicher Weise S[ch]mitthenner: ["]Es ist eine der größten Erscheinungen unserer Zeit,
daß des Menschen Geist mit dem Zauberlichte der Wissenschaft immer tiefer u.
tiefer in das dunkle Reich der Materie niedersteigt und der wilden Naturgewalten
Mann und Meister wird."- Schöneres ließ sich noch von dem Eindringen in die Formen-
und Gestaltungswelt, als die sichtbare Darlegung der Gesetze des Werdens und als das
Schauen der stummen Schöpfersprache Gottes sagen. Es ist Ihnen ja, bester Her Pro-
fessor leicht möglich dem Dr. Beger und sonst eingehenden Freunden, die höhere
Bedeutung unserer Spiele, so wie ihren praktischen Werth fürs Leben zu zeigen. /
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Sehen Sie also wie sich die Ausführung des in Frage stehenden Gedankens, ohne dadurch
jedoch Frankenbergen in seiner Wirksamkeit zu beeinträchtigen, früher oder später an-
bahnen läßt. Ich werde Sie gern mit alle dem unterstützen was ich dazu zu reichen im
Stande bin, fordern Sie nur was Sie glauben das zu geben mir möglich ist.-
Daß unsere Kinderführungsweise auch in größerer Ferne Beachtung gewinnt, davon
von hat uns ein Brief überzeugt, welchen wir jüngst vom Sekretär des "Vereines für die
deutsche Volksschule in Dortmund" erhielten, worin derselbe anfragt ob das Directorium
dieses Vereines - welches die Errichtung einer Musteranstalt für frühe Kinderpflege
beabsichtige - für diese Anstalt eine Vorsteherin und Lehrerin aus meiner Schule er-
halten könne?- Leider mußte ich für diesen Augenblick mit Nein! antworten. Hier
haben Sie nun wieder, hochgeehrtester Freund, ein anderes Hemmniß der Fortentwicke-
lung der Sache, es ist dieß der Mangel an geeigneten weiblichen Personen, welche sich der
frühen Kinderführung zu widmen geneigt sind. Könnten Sie durch den Bereich Ihrer
Bekanntschaft etwas zur Abhülfe dieses Mangels beitragen, so wäre dieß der Sache
ein ganz wesentlicher Gewinn.
Ihrem gütigen Wunsche gemäß erhalten Sie laut beygefügtem Verzeichniß,
theils das Ihnen, zur Vervollständigung dessen was Sie bereits haben, noch Fehlende
theils einige andere vollständige Exemplare zum Gebrauch bei etwaiger Nach-
frage bei Ihnen. Daß Sie daraus nach Wunsche Einzelnes mit seinem Zubehör abgeben
können versteht sich von selbst.
Nun aber auch meinen, bisher zurück gedrängten, herzlichen Dank für die aber-
mals von Ihnen, hochgeschätzter Freund und Ihrer geehrtesten lieben Frau em-
pfangenen so vielfachen Freundschaftsbezeugungen; sie haben für mich besonders
deßhalb so hohen Werth, weil sie mir zugleich der schöne Ausdruck Ihrer lebenvollen
und förderlichen Theilnahme an meinen erziehenden Bestrebungen sind. Ich wünsche
mir etwas dazu beitragen zu können; daß daraus auch Ergebnisse hervorgehen
mögen, welche Ihnen Blumen der Freude in Ihr rastlos thätiges Leben winden;
denn wirklich niederschlagend ist es, wenn solche ausdauernd pflegende Theilnahme
ohne entsprechende Früchte bleiben soll. Nochmals bitte ich, sagen Sie mir, wenn ich es
übersehe, was ich zu thun habe um das Ganze zu dem vor Ihnen liegenden schönen Ziel /
[4R]
zu führen.
Wie die mir bewiesene Güte Ihrer hochgeehrten lieben Frau im lebendigen Bilde
bleibend vor mir steht, so bitte ich mich auch bei Ihrem lieben Töchterlein in
freundlichem Andenken zu erhalten; vielleicht, daß die Liedchen, Spielchen u Bilder
des mitkommenden Familienbuches etwas dazu beitragen können; denn es ist
gar zu erfreulich und gewiß nicht ohne, für das Leben seegensreiche Folgen in
dem Andenken lieber, sinniger kleinen Mädchen fortzuleben, weil ihre Thätig-
keit ist eigentlich von ihrer frühesten Zeit an eine pflegende, erziehende und das
Leben überhaupt gestaltende ist. Möge zur Nährung und Bildung solches Sinnes
Ihnen allen und besonders der lieben Kleinen das Buch recht lieb werden, indem
sich ja alle die meisten der darin angegebenen Fingerspielchen als Spiele fröhlicher
Kindergemeinschaft ausführen lassen, wenn Sie den schönen Gedanken noch verwirk-
lichen sollten zu dem lieben Töchterchen noch einige Spielgenossen aus der Nähe
zu versammeln. Wie z.B. die Fingerchen Fischlein sind, so können es auch einige
Kinder oder auch nur eines seyn; die übrigen bilden dann den Rand des Teiches oder
noch schöner, die Ufer des Bächlein in welchem die Fischlein schwimmen; die rhytmisch
schaukelnde Bewegung der Arme deutet auf das sanfte Wogen der Wellen. Weiter
können wie die Fingerlein, so auch die Kinderchen Täubchen seyn, welche auf das grüne
Feld hinaus aus dem Taubenhause fliegen, welches von dem zuerst in dichtem Kreise
stehenden Kindern gebildet wird; welcher Kreis sich durch das einige Schritte rückwärts
Treten der Kinder so erweitert, daß die innerhalb des Kreises sich als Täubchen befindlichen Kinder durch den-
selben hindurch und so in ihrer Phantasie hinaus aufs grüne Feld fliegen können;
wo sie dann als Täubchen mit ihren Ärmchen die Fliegbewegung, wie vorher als Fisch-
lein mit denselben und besonders mit den Händen die Schwimmbewegung machen.
Verzeihung, daß ich Sie gleich wieder in meine Kinderkreise und Spiele einführte;
doch seyn Sie so gütig und nehmen Sie es als einen Beweis wie so gern ich Ihnen für
die viele mir bewiese[ne] Freundschaft dankbar seyn möchte.- Barop und Midden-
dorff
tragen mir die herzlichsten Gegengrüße auf.- Wie geht es mit unserm
Bergverw. Lindig in Z.?- Ich hoffe doch zu völliger Genessung. Ihm gelegentlich mei[-]
nen theilnehmenden Gruß. Bleiben Sie mit all Ihrem Lieben mir und meinem Wirken
freundlich förderlich gewogen. Mit Liebe u. Dank Ihr bleibend ergebener FriedrichFröbel