Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Robert Haas in Bad Schwalbach v. 16.5.1845 (Keilhau)


F. an Robert Haas in Bad Schwalbach v. 16.5.1845 (Keilhau)
(BN 460, Bl 1-4, Reinschriftfragment 1 ½ B 4°+ ½ B 4° 6 ½ S. Briefschluß fehlt.)

Sr Hochehrwürden dem Herrn Pfarrer Dr Robert Haas in Bad Schwalbach.

Keilhau b. Rudolstadt am 16 Mai 1845.


         Hochehrwürdiger Herr Pfarrer,
              Hochgeehrtester Herr.

Sie haben mir durch unseren für alles Gute unermüdlich thätigen Herrn Pfarrer Dr Wohlfarth
in Kirchhasel den Beweis geben lassen, daß auch Sie meiner erziehenden Bestrebungen
besonders auch in Beziehung auf frühe entsprechende Kinderpflege und Behandlung noch
freundlich und förderlich gedenken, indem Sie mich durch denselben auffordern lassen
Ihnen zur entsprechenden Einführung in das ihnen zur ächten Wirksamkeit nöthige größe-
re Publikum meine Mutter- und Koselieder zu übersenden. Zur dankbaren Anerken[-]
nung Ihrer förderlichen Theilnahme an dem was mir Lebensaufgabe ist und im Interesse
der aufkeimenden Kinderwelt komme ich im ersten freien Augenblick Ihrem gütigen
Wunsche entgegen Ihnen das genannte Buch zu dem von Ihrer Liebe zu der Kinderwelt
selbst bezeichneten Zwecke zu überschicken. Da aber dasselbe von einigen Punkten aus ei[-]
ne wirklich ganz schiefe Beurtheilung empfangen hat, so muß ich schon bitten hier
einige Rücksichten hervorzuheben, welche zwar in der Erklärung bestimmt ausgespro[c]h[e]n
aber ich weiß nicht aus welchem Grunde von den gedachten Beurtheilern übersehen
worden sind.
Erstlich soll das Buch das ganze frühere pflegende, entwickelnd erziehende geeinte Mutter[-]
und Kindesleben im edlen Bilde, gleichsam in einem Spiegel zeigen, damit die Mut-
ter dasselbe nicht nur gleichsam instink[t]mäßig, sondern wahrhaft menschenwürdig in
höherem Bewußtseyn und mit wahrer klarer Einsicht nach Zweck und Mittel lebe; denn
nur solches Thun ist wahrhaft menschlich, was mit Verstand, Bewußtseyn und Einsicht geschieht.
Es ist also ganz unrichtig, ja wirklich widersinnig, wenn man dem Buche Schuld giebt
es wolle der Mutter und den so häufig ihre Stelle vertreten müssenden Kinderpflegerinn[e]n
Stereotypvorschrift seyn ihr und diesen gleichsam Vorlegblätter liefern nach welchen
sie ihr Leben mit den Kindern, den kleinen Engeln ableben sollten, wie man ein Muster[-]
blatt abzeichnet; es ist kaum glaublich daß man zu einem solchen Gedanken kommen kann, /
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da er so unbegründet als unnatürlich ist, nicht eine sich äußerlich anzueignende todte Vor-
schrift soll das Buch für ihr, der Mutter einiges Leben mit ihrem Kindlein, son-
dern ein geeignetes Mittel das zu wecken, zu beachten und zu pflegen und zu einem
veredelten bewußten Daseyn hervor- und auszubilden was sich in ihrem gemeinsamen
Leben mit dem Kindlein und in demselben entwickeln möchte. Die Mutter kann
und mag dann alles viel einfacher, schöner und lebenvoller darstellen; wenn nur
durch das Buch Lied und Spiel die höhere Achtsamkeit darauf geleitet, die höhere Ein-
sicht darin bewirkt wurde. Dieß soll besonders durch die Motto[-] oder Stirnsprüche
erreicht werden, wodurch das Buch für die Mutter zugleich in gewisser Beziehung
ein praktisches Erziehungsbuch werden soll.
Zweitens soll aber das Buch durch seinen Inhalt wie durch seine ganze Form
besonders dazu dienen das Kind nicht nur in seinem Wesen und in seinem ganzen
Lebenszusammenhange zu erfassen und zu behandeln, in welchem das Kind gleich
von [sc.: vom] ersten Augenblicke seines irdischen Daseyns erscheint, sondern es soll auch vor
allem und wesentlich dazu beitragen, das gesammte Leben desselben als ein einiges
und ungestückeltes zu erkennen, zu beachten und zu behandeln. Demgemäß
soll nun auch
Drittens das Buch mit seinen Randzeichnungen für das 2, 3 und mehrjährige
Kind ein Bilderbuch seyn und werden durch welches sein eigenes gelebtes erstes
und frühestes Kindheitleben nun an der Hand der Mutter und gedeutet von der
Liebe der Mutter noch ein- und noch mehrmal lebt um sich so dessen selbst immer
mehr bewußt zu werden und es sich so in seiner Reinheit und Unschuld und diese
selbst für sein ganzes Leben zu bewahren. Aber nicht nur für ein einzelnes
Kind in der Familie und das Einzelnverhältniß von Kind zu Mutter oder Pfle-
gerin sondern
Viertens für den ganzen Familienkreis, ja für den sich zu einem ganzen Kreis
von Spielgenossen erweiternden Kinderkreis der Familie findet dieß Buch, daher
ein ächtes Familienbuch seine Anwendung indem sich eine große Menge dieser Finger-
Spielchen auch als Vereinsspiele mehrer[er], ja einer ganz großen Anzahl /
[2]
von Kindern werden können, wo dann die Fingerchen zu Kinderchen und diese wieder
zu Fischlein, Täubchen, Vögelchen rc werden.
Die Frau Hofräthin Müller in Homburg vor der Höhe schreibt mir in letzterer
Beziehung in ihrem jüngsten Briefe vom 8en dieses Monats "Die Führerin unserer
"hiesigen Anstalt war einige Wochen bei der von ihnen [sc.: Ihnen] gebildeten Kinderführerin
"Ida Seele zu Darmstadt. Sie benutzte mit treuem Eifer die Zeit um noch Manches,
"besonders die Anwendung des Mutterbuches u. die Bauspiele kennen zu lernen.
"Jetzt erst ist mir das erste (:nemlich die Mutter- und Koselieder:) klar und ich freue mich
"so oft ich unsere lieben Kleinen die fröhlichen Liedchen singen u. die kleinen Fingerchen
"dabei im Körbchen, Hofthor oder Fischchen und Täubchen so nett und beweglich machen oder
"aber auch diese durch die Kinderchen selbst darstellen sehe.- Gewiß es ist dieß sehr gut
"denn gar oft wissen die Kinder nicht, was die Kinder mit den Händchen anfangen sollen
"und kommen deßhalb auf mancherlich [sc.: mancherlei] Unarten."- So weit hierüber diese sinnige Kinder-
erzieherin und Vorsteherin des "Kindergartens" (so heißt wirklich die Kinderpflegean-
stalt) in Homburg vor der Höhe.
Also auch fünftens den Führerinnen der Verwahranstalten, (:von mir gern
zu entwickelnden Kindergärten ausgebildet und erhoben:) kann das Familien-
buch, die Mutter- und Koselieder zu einem reichhaltigen Handbuche und besonders
dazu dienen die Kleinen in die Natur und das Leben, deren höheres Bedeutung,
so weit solche dem kindlichen Gemüthe durch und in der Ahnung zugänglich ist
und in das beide und die Menschen Verbindende, in die Sprache einzuführen.
In all diesen Beziehungen wünschte ich nun wohl, daß Sie, hochgeehrtester
Herr Doctor, zwar das ganze Buch, besonders aber die Erklärungen der Rand-
zeichnungen einer prüfenden Aufmerksamkeit und Durchsicht würdigten; vielleicht
überzeugen, Sie sich denn mit schon Mehreren, welche das Buch in dieser Beziehung
anwendeten, daß dasselbe für Kinderbewahranstalten und besonders für deren
unmittelbare Führerinnen einen wahren Schatz in sich verbirgt um bei, nur eini-
germaßen eingehenden Gebrauch, die Kinder dieser Anstalten in ächt entwickelnd
erziehender Weise zu behandeln und ganz besonders sinnig zu bethätigen. Hier- /
[2R]
wird der nur scheinbar hohe Preis von 4 Rth. prCt. mit Musikheft reichlich wieder
erstattet. Übrigens giebt die Verlagshandlung wenn man sich unmittelbar an
sie wendet, zur Förderung entsprechender Kinderführung, gern für Rth. 3.- ab.
Doch die Erfahrung hat mich gelehrt daß man, um diese allgemeiner besonders im
eigentlichen Kerne des Volkes im Bürger- und Bauernstande wirklich heimisch zu
machen, tiefer eingreifende und auch allgemeiner wirkende Mittel ergreifen und
Allen zugängliche Wege betreten müsse. Erlauben Sie mir nun, hochgeehrteste[r]
Herr Doctor, Ihnen hier einen Weg zur Prüfung vorzulegen zu welchem ich selbst
auf meiner Ihnen bekannten Reise für Verallgemeinerung zeitgemäßer frühen
Kinderbeachtung geführt wurde, es sind dieß die "Vereine deutscher Männer
und Väter für Erziehung" zu deren Ausführung von mir seit Febr. d. J. in mehrer[en]
öffentlichen Blättern ein Aufruf geschehen ist. Ob ich nun gleich hoffe, daß dieser
Aufruf Ihnen entweder durch die Didaskalia, durch den Allgem. Anzeiger der
Deutschen oder durch irgend ein anderes Zeit- und Tageblatt bekannt geworden
ist, so erlaube ich mir doch Ihnen hier einen Abdruck desselben zur besonderen
Prüfung bei zulegen.
In der Dorfzeitung No 36 vom 1 März; dann in No 58 vom 5 April. In dem
Plauderstübchen, (dem Beiblatte zur Dorfzeitung) No 11, Vom 14 April; in dem
Allgem. Anzeiger der Deutschen No 84. S. 1176 und in No 102 vom 16 April, und in
anderen Blättern ist dieser Aufruf mehrfach prüfend erwähnt und weiter verbreite[t]
worden; jedoch wünschte ich dem Aufrufe noch eine förderliche Aufnahme in ein, nach
allen Richtungen Deutschlands verbreitetes, besonders aber von dem Bürger- und Bau[ern-]
mann, zugleich aber auch von Geistlichen und Lehrern d.h. von vorwärts Strebenden,
- gelesenes Blatt. Da ich nun glaube daß das von Ihnen herausgegebene
Volksblatt ein solches ist, so wünschte ich wohl, daß Sie den Aufruf so wie ganz
besonders den denselben zum Grunde liegenden Gedanken und Zweck einer ernsten
Prüfung unterwerfen und, wenn dieselbe sich für die Förderung beider ausprächen
den Aufruf in das größere, und strebende Publikum Ihres Blattes auf förderliche
Weise einführen möchten, zumal da es mich dünkt die Erziehungsvereine und Ihr
deutsches /
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Volksblatt würden sich gegenseitig zur Erreichung ihres gemeinsamen Zweckes:
- Bildung des Volkes und gründliche Erziehung des heraufwachsenden Geschlechtes
förderlich die Hand reichen; indem, wo sich Erziehungsvereine bilden werden, dann
gewiß, ja nothwendig auch Ihr Volksblatt ein willkommner Gast seyn wird, weil
die Erziehungsvereine und deren Mitglieder demselben; als in der beiderseitigen
Aufgabe und deren Lösung liegend, vielfach den Weg in Orte und Familien bahnen
werden, wie dieß z.B. gleich bei uns und im hiesigen Pfarrspiele der Fall ist. Es
haben sich nemlich bald nach dem Erscheinen des Aufrufes in unserm Pfarrspiele Eich-
feld - wie in einem benachbarten: Schwarza Erziehungsvereine gebildet, wo nun
durch diese auch Mittheilungen an die daran theilnehmenden Landbewohner geschehen
sind.
In der freudigen Zuversicht nun, daß nicht nur die Idee der Erziehungsvereine,
wie solche der Aufruf darlegt, sich Ihrer förderlichen Theilnahme und kräftigen
Mitwirkung erfreuen wird, sondern nochmehr die schon stattgefundene Ausführung derselben,
erlaube ich mir Ihnen die Statuten der beiden zunächst in meiner
Nähe bestehenden und bereits seit einigen Monaten thätigen Vereine zu gütiger
Einsicht und Prüfung mitzutheilen; auch lege ich noch einige der Urtheile bei, welche
mir darüber aus öffentlichen Blättern bekannt geworden sind. Ich theile nun zwar
auf das vollkommenste die Überzeugung derselben, daß durch die Erziehungsver-
eine dem Pauperismus und Romanismus aufgeg das Kräftigste entgegen ge-
wirkt <gew> und die Nationalerziehung gefördert werden könne; allein ich muß
fürchten daß diese drei Rücksichten, so gewichtig schon jede einzelne derselben ist,
dennoch nicht im Stande sind den Erziehungsvereinen die Allgemeinheit zu geb[en]
und besonders bei dem Bürger und Landmann den Eingang zu verschaffen welch[en]
ich ihnen zu einer durchgreifenden Förderung des Volks- und Familienwohles
wie zum Glück der Kinder und der heraufwachsenden Jugend so ernstlich ersehne
vielmehr glaube ich, daß um diese beiden Zwecke zu erreichen besonders für den
Bürger und Landmann die angedeuteten ihnen näher liegende Früchte hervorge-
hoben werden müssen. Die Förderung und Erleichterung der Familien- und d[er] /
[3R]
öffentlichen Erziehung, die Übereinstimmung und das Zusammenwirken der Schule und d[es]
Hauses, die Fortbildung der Jugend nach zurückgelegten Schuljahren, die Erleichterung
derselben selbst wenn die Jünglinge z.B. als Gesellen rc und die Töchter als Dienende
fremde und ferne Orte besuchen müssen, wo solche dann den Vorständen der Erziehung[s-]
vereine dieser Orte oder den Mitgliedern derselben zu Rath und That; und zur Überwachung empfohlen
werden können.
Sollten Sie nun, hochgeehrtester Herr Doctor, diese Ansicht auch als die Ihrige
erkennen, so würde es mich freuen, wenn Sie solche in Ihrem vielgelesenen Volks-
blatte zur Beachtung und Ausführung der Erziehungsvereine nicht minder auf
dem Lande als in der Stadt auf eine dem Bürger und Landmanne gleich verständ-
liche und eindringliche Weise aussprechen sich wirklich gedrungen fühlten.
Durch die Erziehungsvereine können nun nicht nur, die in ihrer Nutzbarkeit viel
anerkannten Bewahranstalten allgemeiner, sondern auch für die mittleren und höheren Stände, wirkliche Kindergärten ausgeführt, ja selbst die Bewahranstal[-]
ten durch die mehr entwickelnd und bethätigende Behandlungsweise der Kinder
und durch deren sinniges Einführen in die Natur und das Leben zu wahren Kinder-
gärten erhoben werden.
Sobald nun meine Idee der pflegend-entwickelnden Kinderführungs- und Kin-
derbethätigungsweise und somit die Art meiner frühen Beachtung, Behandlung und
Erziehung der Kinder in Ihrer Beurtheilung bestanden hat, so werde ich Ihnen
gern nach und nach auch meine Kinderspiel- und Bethätigungsweisen und Mitte[l]
zur Prüfung übersenden. Jetzt erlaube ich mir nur zu einer ganz allgemeinen
Einsicht Ihnen ein Blatt beizulegen welches über diesen Gegenstand ein Freund
desselben in Frankfurt a/m veröffentlicht hat, so wie ich noch eines Aufsatzes er-
wähne welcher in dem 1n Band der constitutionellen Jahrbücher, dieses Jahres von Weil, von
einem gewissen He. Prof[.] und Dr Hagen in Heidelberg erschienen ist. Wenn
ich Ihnen nun hier Blätter und Aufsätze erwähne welche für die Sache sprechen, so
scheue noch fürchte ich mich keinesweges Ihnen auch die zu nennen, welche mir als
Entgegnungen bekannt worden sind, so finden sich diese besonders und zwar ziemlich /
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stark in Courtmanns Schriften, in den Schriften von Dr Gräff in Kassel und zwar
namentlich in dessen jüngster pädagogischen Zeitschrift, so wie im Geiste dieser Ent-
gegnung einen Aufsatz in der Didaskalia No 39 v. 8en Febr d. J. Doch erscheinen
mir diese Entgegnungen alle so wenig gegründet, als vielmehr dadurch als sich in sich
selbst vernichtend, daß ich es für ganz überflüssig gehalten habe darauf bis jetzt auch
nur ein Wort zu erwidern, jedoch will ich durch diese Äußerung keinesweges Ihrer
Prüfung des Für und Wider vorgreifen, noch etwa gar dieselbe dadurch bestimmen.
Ich hielt es nur für Pflicht der Entgegnungen zu erwähnen und dann glaubte ich auch
würde es Ihnen lieb seyn zu wissen, ob einen und welchen hemmenden Einfluß jene
berührten Entgegnungen auf die Fortentwickelung der Idee und Ihrer Ausbildung habe;
und da war es mir gleichfalls Schuldigkeit auszusprechen, daß die Idee, ihrer innern Wahr-
heit gewiß, weder an sich, noch in ihrer Anwendung die Entgegnung scheut; denn ent-
weder hat sie die Vervollkommnung des Ganzen im Interesse der Kinder zum Zweck,
dann ist sie dankbar willkommen, oder sie beruht auf Unkunde oder wohl gar auf,
wenn auch versteckter Böswilligkeit, dann zerfällt sie zu ihrer Zeit in sich selbst; so hat
denn die Idee und ihre Ausführung auch nicht Ursache eine Entgegnung und sey es selbst
eine wahre Anfeindung zu scheuen; aber eines wünscht sie darum sehr: d.i. vielfach[e]
Prüfung durch wirkliche Anwendung und Ausübung; dieser Wunsch ist um so gerech[t]er
als sie dass da, wo sie statt gefunden hat z.B. in Homburg vor der Höhe, in Darmstadt,
in Niederingelheim, in Gaisburg bei Stuttgart, in Coburg, in Gera, in Dres-
den und noch an gar manchen, mir selbst unbekannten Orten, sich bewährt hat. /
[Text bricht ab]