Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Dortmund v. 31.5.1845 (Keilhau)


F. an Johannes Arnold Barop in Dortmund v. 31.5.1845 (Keilhau)
(KN 56,47, Brieforiginal 1 B 8° 3 S. - F.s Brief an W. Clemens v.1.6.45 belegt Dortmunder Aufenthalt Barops und seiner Frau.)

Keilhau b. Rudolstadt 31 Mai 1845.

Gottes Gruß zuvor lieber Barop:

Im ganzen Kreise, sowohl im obern als untern Hause ist alles
ganz wohl. So eben komme ich vom Hofe herauf wo die Schwä-
gerin mit der kleinen Marie vor der Thüre stand, diese war
besonders freundlich, reichte mir ihr Händchen und da ich sagte
ich wollte es dem Vater und der Mutter senden, so reichte sie
mir es, als habe sie meine Worte verstanden wiederkehrend.
Gertrud und Adelheid sind im Langengarten und jäten ihr Beetchen.
Emil und Johannes erfreuen sich jetzt des schönen Tages, wie sie heut
früh froh beim Kinderspiele waren. Thusnelde hat mit S Cecilien und
Elisen den Salatkorb aus dem Garten getragen; Alle Eure Lieben
seht Ihr sind wohl u. fühlen sich glücklich. Auch Albertine ist ganz
wohl; sie ist diese ganze Woche ohne jeden auch nur leisen Anfall von Un-
wohlseyn gewesen. Jetzt ist sie in der Leute Stube und schält Kartoffeln.
Wie ich sie überhaupt von früh am Morgen bis Abends spät im
Hause heiter thätig sehe.
Unser Däne gewöhnt sich auch immer mehr ein. Heut war He. Otto
sein Vetter hier: Es ist durch die Umstände, wie durch Selbstwahl
entschieden daß sich Marius dem polytonischen Fache widnet [sc.: widmet]. Herr
Otto scheint ganz streng ein gewisses Ziel und die Erfüllung von Verpflich[-]
tungen im Auge zu haben, welche er gegen die Eltern Marius, um
diese zu bestimmen ihren Sohn nach Deutschland gehen zu lassen, über-
nommen hat da von einer ferneren Berufs Wahl nicht mehr bei M. die
Rede seyn kann, so wünscht der die Zurückstellung des classischen Stu-
diums so weit als nur möglich; in der anderweitigen bisherigen Stel-
lung seines Vetters schien er ganz seine Wünsche u Erwartung[e]n erfüllt zu
sehen, ja er sprach es bestimmt aus. He. Otto bleibt wenigstens 6 Wochen
hier um einen Leitfaden zu schreiben, du findest ihn also bestimmt noch.-
Herr Dr Med. Otto der Botaniker war dagegen heut nicht hier.
Diesen Morgen, gleich nach dem Frühstück bekamen wir einen inter-
ressanten Besuch, welcher bis zum Mittag, bis 1 Uhr bei uns blieb.
Es war dieß der Schulrath Peters aus Hildburghausen. Er war
besonders gekommen um sich mit den Spiel- und Beschäftigungsmitteln und
w Weisen der kleinen Kinder bekannt zu machen. Wie er auch während
der ganzen Zeit seines Hierseyn[s] nur diesem Gegenstande seine ange-
strengte Aufmerksamkeit widmete. Herr Besser welche[r] viel /
[1R]
bei unserm Gespräche gegenwärtig war äußerte sich nachher über
He. SchR. Peters Betragen - "äußerlich habe er ruhig geschienen, aber in[-]
nerlich habe es gekocht["]. Er wünscht ganz besonders daß [sich] die Schullehrer
auf dem Lande der Sache annehmen möchten. Mehrmals dringend
hat er mich aufgefordert, doch ja recht bald eine wohlfeile Ausgabe
des Mutterbuches ganz namentlich zum Gebrauch für Landschul-
lehrer zu veranstalten. Er schien das Buch genau zu kennen; wirk[-]
lich schien er es nur der Schulen des Meiningschen Landes willen zu
wünschen deren 400 und mehrmals 10 sind. Ich sagte ja, - wenn eine
Behörde das Buch den Schullehrern empfihlen [sc.: empfehlen] würde, so möchte es
wohl in wohlfeilerer Ausgabe, die nur durch großen Absatz zu erreichen
erscheinen können. Der Absatz, sprach er, würde dem Buche gar nicht helfen
nur der Preis schrecke die Käufer ab. Er sagte dieß mit einer ruhigen
Bestimmtheit und Überzeugung die mir ganz auffallend war. Ich hätte ge-
wünscht Du wärst gegenwärtig gewesen.- Wir: Middendorff, Christin[e]
und ich führten Bewegungs- und Ballspiele mit 12 Kleinen vor. Der Nutzen
davon sagte er leuchte ganz klar ein.- Wir überschauten nun welche
persönliche Hülfe sich zur Einführ[u]ng im Meini[n]gschen zeige.- Escher -
die De La Porte und die Kinderführerin in Saalfeld und Malchen Henne
in Hildburghausen. Ich sagte daß aber alle nur unvollständig s gebildet
seyen und wenn etwas Tüchtiges geleistet werden solle alle wenigstens
noch 6 Wochen hier leben müßten.
Außer den Kinderspielen erregten auch noch die Erzieh[u]ngsvereine sein
großes Interesse; er wollte sogleich mehreres in Beziehung darauf mit[-]
nehmen um es abschreiben zu lassen; was ich ihn [sc.: ihm] jedoch lieber nach
Saalfeld zu senden versprach, wohin er Mittwochs von seiner
Reise nach Jena wo er seinen Schwager den Herr Super: Schwarz
besucht, zurücke kehrt.- Welchen Erfolg der Besuch haben wird
muß die Zukunft lehren: Er sagte daß er zwar früher seines Berufes
nach blos Philolog gewesen sey aber jetzt mit g[an]zer Seele dem Volksschul[-]
wesen hingegeben sey, theils durch die Art wie er es durch seine jetzige
Stellung kennen lerne, theils lebe aber die Schulmeisterei selbst noch et-
was in ihm indem er ja eines Schulmeisters Sohn sey. Von dem Entwickeln[-]
den aller Kinderführungs- und besonders Unterrichtsweise war er tief
überzeugt.-
Von Kohl aus Neustadt habe ich in dessen jüngsten [sc.: jüngstem] Briefe auch recht
gute Nachricht von dem - nach Stürmen - freudigen Fortgang des /
[2]
dortigen Erziehungsvereines geschrieben. Das letztere mal sind sie bis
11 Uhr Abends zusammen gewesen; der Gegenstand der Besprechung
war besonders das Schlafen und das Schreyen der kleineren Kinder ge[-]
wesen. Er schreibt mir: - "Vieles, namentlich ärztlich Interessante kam
dabei zur Sprache."- Weiter am Schluß: "Herzlich grüßen Köhler und
(Dr Med:) Diemar, letzterer findet sich aller Augenblicke einmal
übereinstimmend mit Ihnen, und er meinte gestern: ""er werde
wohl noch einmal Schulmeister werden, daß sey sein eigentlicher Beruf!""
- Sieh l. Barop wieder ein ganz neuer Gewinn der Erziehungsvereine, daß
der Mensch dadurch es findet, wenn ein eigentlicher Erziehungsberuf in ihm
lebt; denn was können nur einige Menschen hier wirken, die das Erziehungs[-]
geschäfte als ihren eigentlichen Beruf erkennen. So sprach der Schulrath
Peters, er wünschte nur das 20' Theil seiner 400 und etl. [sc.: etliche ] Lehrer solche
Begeisterung für erziehenden Unterricht hätten als er hier fände, dann
sollte sich wohl das g[an]ze M-sche Land eines vorzüglichen Schulwesens
erfreuen. Ich dagegen: "Geben Sie mir den 200' Theil also nur 2 wahr-
haft fähige Männer von innern Beruf und es soll erreicht werden was
Sie wünschen." ["]Wie meinen Sie das?"- Ich sagte ihm die bekannte steigende
Progression stets durch 2 gesteigert.- "Ja dieß hat Zahlwahrheit aber mit den Sachen
verhält es sich anders!"- Ich gab ihm nun Thatsachen aus dem Leben wie
z.B. die einfache Ida Seele fortwirke. Dieß schien ihm für die Wahrheit
der Thatsa[c]he zu genügen.- Die Briefe von Sommer und Lunderstädt gab ich
ihm auch zu lesen um ihm zu zeigen daß auch die Behörden unser Streben anerkennten.
- Die Entwickelung der Festgestalten und die Nachweisung des Pythagoräischen Lehr-
Satzes als Glied eines größeren Schönheitsganzen, machten besonders tiefen Ein[-]
druck auf ihn und wie ich die daraus hervorgehende Wahrheit in 3. 4, 5 u 6.
Ecken rc, rc; nachwies.
Verzeihe l. Barop daß ich Dir davon so viel erzähle allein Du nimmst so
so [2x] einigen Antheil an dem Ganzen, daß Du meine Freude, daß seinmal [sc.: einmal] ein
Mann von der Stellung wie Peters der Sache solche Aufmerksamkeit widmet;
er sprach mir auch aus daß er das Streben selbst schon längst achte u ehre.-
Aus dem Kreise weiß ich gar nichts zu schreiben, als daß alles Lehrer u Zöglinge
frisch froh und heiter ist und solches Leben durch das Ganze herrscht, also
alles auf das Beste von Statten geht. Die besten, herzlichsten und
innigsten Grüße von Allen; und an alle welche die Keilhauer kennen.
Montags wird Bächer[s] Nach<sicht> seyn. Deßhalb denke ich mit d[em] He. Pfar[-]
rer meine längst beabsichtigte Reise nach dem Thür[in]g[er] Wald zu machen.
Von mir besonders die herzlichsten Grüße Dir, Emilien und all den lieben Deinen
D.Fr.Fr.

[Nachschriften an den Rändern; auch andere Reihenfolge möglich:]
Die Schaale Saale ist diese Nacht 12 Uhr so angeschwollen als es die ältesten Leute nicht wissen; das g[an]ze Thal steht unter Wasser, die Saale ist nicht zu passiren. /
[1R]
Kohl hat wegen der Bildungskosten eines Mädchens bey mir angefragt von welcher [sc.: welchem] er mir, als von gebildeten Eltern, viel Gutes schreibt, doch
sind diese arm daher wünscht er das billigste Honorar zu <wissen>. /
[2R]
[Adressat:]
An Barop.