Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Albert Bitzius (= Jeremias Gotthelf) in Lützelflüh v. 1.6.1845 (Keilhau)


F. an Albert Bitzius (= Jeremias Gotthelf) in Lützelflüh v. 1.6.1845 (Keilhau)
(FMMO, Brieforiginal 1 B fol 3 S., BlM XV,3, Bl 99-100 Abschr. 1 B fol 3 S.)

[Kopf: Lithographie mit Schriftzug "Erziehungsanstalt in Keilhau"]

Keilhau bei Rudolstadt im Schwarzburgschen in Deutschland am 1 Juni 1845

     Herrn Pfarrer Bitzius Hochehrwürden in Lützelflühe, Canton Bern, Schweiz


Hochgeehrtester Herr Pfarrer.

In der freudigen Zuversicht, daß der Name des Unterzeichneten und das Andenken
an das einst freudige Zusammenwirken mit demselben nicht ganz aus Ihrem Gedächt-
niß geschwunden ist, kommt derselbe zuforderst mit hochachtungsvoller Begrüßung,
dann aber auch sogleich mit neuer Bitte zu Ihnen.
Ja! innig hochgeschätzter Herr Pfarrer darf ich wohl hoffen nicht nur nicht von Ihnen ganz
vergessen zu seyn, sondern daß Sie sich auch wohl zu Zeiten meiner noch freundlich und
freundschaftlich erinnern. Nun wenn dieß, was ich, ich gestehe es offen, wirklich der
Fall ist, so werden Sie mir auch verzeihen, wenn ich nicht nur schriftlich, sondern auch
zugleich mit einer Bitte bei Ihnen einspreche.
Der freundliche Überbringer dieses ist Herr Langbein ein in seiner Vaterstadt
Rudolstadt wegen seines vortrefflichen Orgelspieles von Kunstverständigen achtend
anerkannter junger Mann. Auf Anrathen und Aufforderung dieser und seiner Freunde
tritt derselbe nun jetzt ganz besonders als Orgelspieler ein[e] Kunstreise durch Deutsch-
land und in die Schweiz an. Da ihm bewußt ist, daß ich auch im letztgenannten Land /
[1R]
nicht ganz unbekannt bin, so hat er mich um einige empfehlende Adressen dahin
gebeten.
Wen könnte ich demselben nun für seinen Zweck wohl ersprieslicher nennen als Sie
hochgeehrtester Herr Pfarrer, als dessen Name jedem ächten Schweizer so werth, für den[-]
selben so gewichtig ist. Herr Langbein hat mich deßhalb ersucht ihn durch ein
paar freundliche Worte bei Ihnen einzuführen; ob ich nun gleich weder
Musiker und noch weniger darin Kunstverständiger bin, so glaubte ich doch
auf das Wort solcher Männer ihm diese Bitte nicht abschlagen zu dürfen[.]
Meine freundliche Bitte an Sie geht nun auch blos dahin, Herrn Langbein
wenn es möglich ist Gelegenheit zu verschaffen vor Ihnen und einigen Ihrer
kunstverständigen und kunstliebenden Freunden zunächst eine kleine Probe seiner
Leistungen auf seinem Instrumente, der Orgel ablegen zu dürfen; nach deren
Ergebnissen Sie dann ermessen, in wie weit dessen Wunsch um weitere Empfeh[-]
lung von Ihnen Erfüllung werden kann.
Herr Langbein ist wie Ihnen sein erstes Auftreten zeigen wird ein sehr
bescheidener und wie seine Kunstfreunde sagen, für seine Leistungen zu seinem
Nachtheile nur zu bescheidener Mann. Auch dieß wollte ich doch nicht unerwähnt
lassen, damit erst seine Leistungen selbst für ihn sprechen mögen, denselben in
anderen Orten der Schweiz besonders Ihres Cantons Ihren Freunden zu Kunstdar-
stellungen, vielleicht sogar irgendwo zu einer festen Anstellung für Orgelspiel zu empfehlen.- /
[2]
Auch von mir und meinem Leben wünschen Sie gütigst ein Wort zu hören?- Seit ich 1836
die Schweiz verlassen lebe ich, wie Ihnen vielleicht auch schweizer Blätter gesagt haben,
aus vielfachen Gründen überwiegend der Erziehung und Pflege der Kinder in ihrem noch
nicht schulpflichtigen Alter besonders durch entwickelnde, erziehende und bildende Spiele
und Beschäftigungen, so wohl in dem häuslichen und Familienkreis als in größeren
Gemeinsamkeiten die ich wegen der darin zu beachtenden entwickelnden Pflege der Indi-
vid[u]alität des Kindes und der Beachtung seiner gesammten Lebensverhältnisse "Kindergärten"
nenne, auch wegen des Geknüpftseyn[s] dieser Kinderpflege und Erziehung an wirkliche Gärten
der Kinder. Wie ich mich nun, wie Ihnen vielleicht ebenfalls bekannt geworden ist, bemühe
dazu die nöthigen Mittel zu reichen; so ist es mir auch Lebensaufgabe, dazu Personen mit
Fähigkeiten und Neigung für Kinderführung auszubilden.- Seit besonders diesem und dem
vorigen Jahre beginnt alles dreies immer mehr nicht nur Anklang sondern auch An-
wendung zu finden. Aber eines wurde von den Kinderfreunden und den Freunden meiner
Bestrebungen noch als ein durchgehender Mangel erkannt. Der eigentliche Sinn und die allge-
mein durchgehende sowohl einzelne als gesammte Thätigkeit für ausführende Erziehung.
Das Bedürfniß Vereine dafür besonders erziehender Männer und Väter, nicht minder
aber auch solcher Frauen und Mütter zu bilden trat vielfach auf das bestimmteste entgegen.
Dadurch aufgefordert erschien im 2n Monat dieses Jahres in mehreren Tagesblättern von mir
ein Aufruf zur Bildung von Erziehungsvereinen in Stadt und Land. Wie derselbe
mehrfach Anklang so hat derselbe auch schon mehrfach in Stadt- und Land Ausübung gefunden.
Auch für die Schweizerverhältnisse insoweit mir solche bekannt sind glaube ich wird
die Ausführung der Erziehungsvereine wie die Einführung der Kindergärten ganz ge-
wiß von Wichtigkeit seyn, ich zweifle auch nicht, daß wir uns darüber verständigen
würden, wenn es nur möglich wäre mich Ihnen nicht nur wortklar zu machen, sondern
auch die Sache selbst in ihrem Erfolge anschaulich zu zeigen. Doch leider ist hierzu hier weder
Zeit noch Ort noch Gelegenheit. Könnte der Gedanke auch Ihr vaterländisches Interesse
erregen so würde es mich freuen von Ihnen darüber ein Wort vielleicht durch die
Verlagshandlung des "Allgem: Volksblattes für Deutsche" zu erhalten.-
Nicht nur aber in diesem sondern in all den trefflichen Gaben mit welchem Sie das
Volk und deren Erzieher beschenken ist ihr [sc.: Ihr] Geist, sind Sie uns ein sehr lieber Hausfreund.
Ich wollte nur Sie fänden sich recht bald einmal veranlaßt Deutschland zu besuchen und
würden dann auch auf längere Zeit bei uns heimisch wie es jetzt die Erzeugnisse Ihrer
Vaterlands- und Menschenliebe, Ihres Geistes und Gemüthes sind. Gott erhalte Sie
Ihrem Vaterlande und allen Menschen- und Volksfreunden, somit auch uns in
der kräftigsten leiblichen und geistigen Gesundheit.
Meine Freunde Barop und Middendorff welche sich oft mit mir an Ihren
kräftigen gesunden Gaben stärkend laben grüßen Sie mit mir auf das
herzlichste und achtungsvollste; lassen Sie uns obgleich in ganz verschiedenen
Ländern und unter ganz verschiedenen Verhältnissen doch im Handeln, im Sinnen
und Denken für Menschen[-] und Volkswohl für Erziehung und Bildung des in der Kindheit
immer von neuem aufkeimenden Menschengeschlechtes innig geeinte Freunde bleiben.
Der Ihrige
        Friedrich Fröbel