Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Wilhelm Clemens in Vevey v.1.6.1845 (Keilhau)


F. an Wilhelm Clemens in Vevey v.1.6.1845 (Keilhau)
(BlM XXVII,4,8, Brieforiginal 1 B 8° 2 S.)

Herrn Wilhelm Clemens, Lehrer in Vevay Canton de Vaud

   Keilhau b Rudolstadt am 1 Jun 1845.


Mein lieber Wilhelm.

Ich habe zwar sehr lange weder schriftlich noch mündlich
unmittelbar etwas von Dir gehört, doch habe ich stets den
aufrichtigsten und wärmsten Antheil an dem Entwicke-
lungsgange Deines Lebens genommen, so weit mir solcher durch
Andere bekannt wurde und mich innig theilnehmend gefreut
daß derselbe im ganzen Deinem Streben förderlich war; al-
lein, ich gestehe es offen, noch bestimmter würde meine Theil[-]
nahme haben seyn können, wenn Du so gütig gewesen wä-
rest mir von Zeit zu Zeit unmittelbar einige Kunde zukom-
men zu lassen. Dennoch zweifle ich nicht Du wirst auch mei-
nes Lebens und Strebens freundlich theilnehmend gedacht
haben. In dieser Hoffnung komme ich nun sogleich mit
einer Bitte zu Dir: Der gefällige Überbringer dieses ist
der Herr Schulamtscandidat Langbein aus dem Rudolstäd-
tischen bisher längere Zeit Seminarist in Rudolstadt, außer
durch mehre[re] andere gute Eigenschaften, besonders auch durch
ein feines stilles bescheidenes Betragen zeichnet er sich beson-
ders durch ein von Kunstverständigen als ein sehr vorzüg-
liches besonders sicheres und gewandtes Orgelspiel
aus, wie er denn auch ein braver Pianist ist.
Auf besonderes Anrathen seiner theilnehmenden nament-
lich kunstverständigen Freunde ist er nun als Orgelspieler
auf einer Kunstreise durch Deutschland und in die
Schweiz begriffen und hat mich ersucht ihm dahin einige
empfehlende Adressen zu geben. Obgleich ich selbst
Laie in der Musik bin und also gar kein Kunsturtheil habe,
so erfülle ich doch - gestützt auf die Urtheile der kunstver-
ständigen Musiker Rudolstadts, welche ich oben erwähnte
gern seine Bitte und in dieser Beziehung komme ich nun
auch zu Dir, Herrn Langbein, Dir zur Förderung seiner Künstler- /
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Zwecke bestens zu empfehlen und ihn zunächst wenigstens
Herr[n] Sillich bekannt zu machen; auch ihm sonst durch die-
sen und durch Deine Bekannte vors erste mindestens be-
hülflich zu seyn, daß er vor einem kleinen Kreise kunstver-
ständiger und kunstliebender Musikfreunde eine Probe seiner
Kunstfertigkeit ablege, wornach sich dann das Weitere
wird von Euch bestimmen lassen. Kannst Du ihm dann auch
außerhalb Vevay zum B. nach Lausanne rc Empfehl-
ungen verschaffen, so wirst Du es gewiß gern thun.
Von uns allen kann ich Dir nur die beste Nachricht
geben. Das Leben geht frisch vorwärts wie sich alles eines
geistigen und leiblichen Gesundseyns erfreut. Herr Barop
ist in diesem Augenblick in Westphalen, von woher [er] seine l.
Frau abholt, welche vor einigen Wochen in Begleitung seiner
Schwester, einer gewissen Frau von Born, dahin, zum Besuche seiner
Mutter und Verwandten gereist ist. -
Ich lebe seit längerer Zeit wieder hier in Keilhau in der
Dir bekannten Weise und für die, Dir bekannten Zwecke.
In diesem Augenblick beschäftigt mich besonders die Aus[-]
führung von Erziehungsvereinen durch erziehende Männer
und Väter in Stadt und Land. Ich habe deßhalb in mehreren
öffentlichen Blättern einen Aufruf ergehen lassen, wel-
cher mehrfach Anklang findet auch in manchen Orten schon
in Ausführung gebracht worden ist. Ich achte diese Vereine,
welche uns die Erziehungsbedürfnisse im Allgemeinen
und Besonderen nicht nur kennen lernen sondern auch die Mittel
finden und Wege sie uns aneignen lehren um den erkannten
Bedürfnissen auch befriedigend entgegen zu kommen. Selbst
für die Schweiz könnten diese Vereine dort lebenvoll
eingeführt werden halte ich [ihre] Ausführung wichtig.
Von Middendorffen die besten Grüße so wie von den übrigen
die Du hier noch kennst, welches sich wohl nur auf die Familie
meines Bruders beschränkt. - Brich doch auch einmal Dein
Schweigen und lasse uns doch auch etwas von Dir hören, besonders
mir, Deinem stets treugesinnten väterlichen Freund
FriedrichFröbel
[25a/25aR]
[vakat]