Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Ida Seele in Darmstadt v. 6.6.1845 (Keilhau)


F. an Ida Seele in Darmstadt v. 6.6.1845 (Keilhau)
(BN 651, Bl 12-13, Brieforiginal 1 B 8° 4 S.)

Keilhau bei Rudolstadt am 6 Juni 1845.

Sehr liebe Ida.

Sie bekommen schon wieder in Beziehung auf die in Frage
stehende Angelegenheit einen Brief von mir, woraus Sie
hoffentlich die lebendige Überzeugung gewinnen, daß mir
das von Ihrem und der Madame Bruiay [sc.: Bruère] Vertrauen ange-
knüpfte Verhältniß der ganz besondern Pflege werth ist.
In meinem jüngsten Briefe schrieb ich Ihnen, daß sich
einige junge gebildete Mädchen bei mir zur Ausbildung
für Kinderpflege und namentlich zu Kinderführerinnen
u.s.w. in Kindergärten gemeldet hätten, deren wesent-
liche Ausbildung sich vielleicht den Forderungen angemessen,
sich in 3 bis 4 Monaten beendigen ließ; daß deßhalb
Madame Br.- mit der eigentlichen Besetzung der bei
Ihr für Kinderführung und Beschäftigung bis zu dieser
Zeit warten und die nächsten Forderungen bis dahin,
entweder so gut es nun eben gehen will, vielleicht mir [sc.: mit]
Ihrer gütigen Unterstützung erfüllen, oder sich zur einst-
weiligen
Aushülfe eine untergeordnete Gehülfin
z.B. die Ihnen vorgeschlagene Henriette Ackermann
von hier kommen lassen möchte, welche sie, Mad. Br.-
entweder dann selbst noch, als eingehendes und helfen
könnendes Haus- oder vielmehr Stubenmädchen behalten
oder welches, durch Ihre Verwendung, dann - nach Ein-
tretung der würklichen Kinderführerin bei Mad. Br.-
einen Platz als untergeordnete Gehülfin in Ihrer An-
stalt erhalten könnte, - was mir um Ihretwillen, liebe
Ida, besonders lieb seyn würde.
Auf diese Weise nun fortdauernd Ihre und der Mad. Br-
Wünsche und das gesammte Verhältniß klar und pfle-
gend in mir tragend, empfange ich gestern Abend
von Herrn Kohl, welcher jetzt bei einem seiner Freunde
in Neustadt an der Orla, zwischen Saalfeld und Jena lebt, einen
Brief, worin er mir in Beziehung auf das eine, der
in meinem jüngsten Briefe an Sie gedachten Frauenzimmer, /
[12R]
folgendes schreibt: - "Ich habe sogleich nach Empfange Ih-
"res Briefes heut Morgen 10 Uhr mich zu dem
"Mädchen, dessen Schwester die fragliche Person ist,
"aufgemacht; dieses Mädchen lebt hier in Neustadt,
"das in Frage stehende dagegen lebt in dem mehrere
"Stunden entfernten Ronneburg, ist Tochter eines

"unglücklich gewesenen aber reellen vor einigen Jah-
"ren verstorbenen Kaufmannes, hat eine gute Bil-
"dung, soll auch recht gute Naturstimme und viel Ge-
"hör haben und eine edle Seele seyn. Also wäre et-
"was Gutes zu hoffen. Sie ist fest entschlossen zu Ihnen
"zu gehen, um sich für Kinderführung auszubilden.
"Heute Mittag ist nun der Brief schon an sie abgesen-
"det, der ihr die Beschleunigung ihrer Reise zu Ihnen
"räth, und sie würde wohl künftigen Sonntag bei Ihnen
"in Keilhau seyn, höchstens Mitte künftiger Woche.
"Was zur Erleichterung ihrer Subsistenz geschehen kann
"möge geschehen kann möge geschehen, weil Gutes von
"ihr zu erwarten steht. Könnte nun bei der sich in Darm-
"stadt zeigenden Stelle für einer Kinderführerin noch auf
"dieses Mädchen Rücksicht genommen werden, so wäre
"es wohl in mehrfachem Rücksicht Betracht schön. Viel-
"leicht kann sie dann schon nach 3 Monaten dahin
"abgehen und von Ida Seele später noch fortgebildet werden.
"Durch Ida's Mitwirkung oder Vermittelung kann viel-
"leicht unterdessen vorläufig deren Stelle dort vertre-
"treten werden. Das Äußere soll auch hübsch seyn.
"Das Alter ist glaube ich angehende 20.! Also Alles
"wohl zusagend. Gebe der liebe Gott seyn Gedeyhen!"
Ich habe Ihnen, liebe Ida! den Auszug aus Herrn Kohls
Brief mit Vorbedacht wörtlich und so ausführlich gegeben,
damit Sie einmal die Sache ganz überblicken und so weit
es Ihnen gut erscheint auch mittheilen können, dann aber,
daß Sie auch die Meinung eines Andern, und namentlich
eines Ihnen Bekannten, über die Sache hören. Ich habe
nun, da so das Ganze so klar als allseitig vor Ihnen /
[13]
liegt Ihnen nun nur auch klar meine Ansicht auszusprechen,
diese: daß ich es den gesammten Verhältnissen am an-
gemessensten halte, daß Mad. Br.- mit der Haupt-
besetzung der Stelle so lange wartet, bis das hier er-
wähnte Mädchen (oder auch ein anderes, der schon im vorigen
Briefe gedachten) tüchtig, wenigstens so weit es in 3 Mo-
naten nur immer möglich ist ausgebildet ist, um in die
offene Stelle mit Erfolg ihrer Wirksamkeit eintreten
kann [sc.: zu können]. Dieß glaube ich nun, kann den vorliegenden Um-
ständen nach bis Michaelis oder zum 1en Octbr geschehen,
wo ein neues Viertel- oder vielmehr Halbjahr beginnt.
Bis dahin müßten Sie sich oder vielmehr Mad. Br.- so gut
zu behelfen suchen, als es immer auf eine der mehrfach
vorgeschlagenen Weisen, oder eine andere geschehen kann.-
- Lieb wäre es mir nun, wenn Sie oder Mad. Br.- bei
Eingang dieses Briefes mir noch nicht auf meinen vorigen
Brief geantwortet hätten; da ich jedoch dieß, also das
Durchkreuzen dieses Briefes und Ihrer Antwort erwarten
muß, so bitte ich Sie im Fall Ihre mir bereits übersandte
Antwort nicht ganz übereinstimmend ist, mit der welche sich
aus diesem Brief ergiebt - mir dann sobald als nur immer
möglich
, am liebsten mit der nächsten Post, der Mad. Br.-
letzte Bestimmung und Entschließung zu schreiben, weil ich dann
bis nach Eingang dieser, das mir bis jetzt schon Geschriebene
ab als noch einer weiteren Abänderung unterworfen
betrachten werde
. Jedenfalls erwarte ich also einige
Zeilen Rückantwort, besonders wenn Sie mir darin
freundlich eine Bitte erfüllen wollten mit welcher ich noch
zu Ihnen komme: Als ich auf meiner letzten Reise von Heidel-
berg nach Frankfurt a/m, von Osthofen nach Darmstadt kam
und ich mit einigen Magistratspersonen von Bensheim
in Ihrer Anstalt war, spielten Sie mit Ihren Knaben
ein sehr schönes Pferdchens- oder Reiterspielchen; irre
ich nicht, so ging es nach der Methode: "Die Reiter und
das gute Kind!" - schon dort nun wollte ich Sie bitten mir
das ganze Spiel mit Spielweise, Wort und Melodie mit- /
[13R]
zutheilen, habe es aber vergessen und bin mehrfach spä-
ter davon abgehalten worden. Jetzt aber werde ich
bei meinem Spiele mit den Kindern mehrfach an das
schöne Spielchen und Liedchen erinnert; wollten Sie nun
wohl so gütig seyn, und es mir nach Spiel- und Singweise
in Ihrem nächsten Briefe mitzutheilen?- Gewiß aber
haben Sie noch gar Manches andere Schöne, sowohl von
Spielchen als Liedchen erfunden; wollten Sie mir davon
Einiges mittheilen, so würde gewiß mir eine große Gefällig-
keit dadurch geschehen. Überhaupt werde ich Ihnen für jedes
von Ihnen aufgefundene Neue, welches Sie mir mittheilen,
herzlich dankbar seyn, wie ich Ihnen dagegen auch gern
manches Neue von mir mittheilen werde.-
Seit ich Ihnen, liebe Ida, schrieb, habe ich wieder, obgleich
nur auf wenige W Tage, doch, wie ich hoffe, mit wesent-
lichem Erfolge, eine Reise für Verbreitung entspre-
chender Kinderpflege auf den Thüringer Wald ge-
macht; ich habe oft gewünscht Sie möchten dabei seyn
und Ihrer deßhalb viel gedacht. Einige ganz treffliche
junge Prediger Familien mit lieblichen Kindern,
eingehenden Müttern und thatkräftigen Vätt Vätern
habe ich gefunden, so, daß ich hoffe in diesem Jahre noch
einige Kindergärten auf dem thüringer Walde auf-
blühen zu sehen.
Auch die von mir angebahnten Erziehungsvereine,
theils zur Klärung, theils zur Abhülfe des Erziehungs-
bedürfnisses finden immer mehr und bei uns ganz
lebhaften Anklang; ich hoffe diese und die Kindergärten
sollen sich gegenseitig förderlich in die Hand arbeiten.
Hier und in Blankenburg ist alles noch so gesund
und wohl, wie ich es Ihnen das letzteremal schrieb.
Herr Middendorff giebt viel Unterricht u. vertritt
in Abwesenheit des He. Barop dessen Stelle. Allwina
seine Tochter, arbeitet an einer größeren Stickerei. Die
Frankenberg
ist noch in Bl. im Bade.- Erhalten Sie mir, lie-
be Ida, das Wohlwollen aller derer, die sich meiner
freundlich erinnern, so wie ich alle diese herzlich von mir zu grüßen bitte. Von allen Ihren Freunden und
Freundinnen hier die besten Grüße, die Namen sagen Sie sich wohl selbst, besonders von mir. I. Fr. Fr. /
[13V, Rand]
Ich halte das hier vorgeschlagene Verhältniß für Mad. Br. weit entsprechender, als das Ihnen im
vorigen Briefe vorgeführte mit Christiane Erdmann; obgleich wenn Mad. Br. schlechterdings nicht /
[12R, Rand]
warten kann, dieß auch gar sehr zu beachten ist. Im Fölsingschen Hause die herzlichsten Grüße u. d. lieben Johanna einen Kuß.
Ich sende Ihnen diesen Brief, weil es mir am leichtesten ist nicht frankirt, thun Sie es auch mit dem Ihrigen. /
[12V, Rand]
An Fräulein Begel wie namentlich auch an Herrn Schaffenit und Schlapp die freundlichsten Grüße[.]