Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Ida Seele in Darmstadt v. 13.6.1845 (Keilhau)


F. an Ida Seele in Darmstadt v. 13.6.1845 (Keilhau)
(BN 651, Bl 14-15, Brieforiginal 1 B 8° 2 S.+Adresse, ed. KG 1888, 25f.)

Keilhau Freitags am 13. Juni 1845.

Meine sehr liebe Ida.
Sie werden sich wundern schon wieder einige Zeilen von
mir zu erhalten, und doch fühle ich mich getrieben Sie [sc.: sie] Ihnen
zu schreiben; denn ich gestehe Ihnen offen daß mir Ihre gesamm-
ten Darmstädter Verhältnisse zur Förderung und Verallge[-]
meinerung entsprechender entwickelnder Kinderpflege wichtig
erscheinen, zumal da auch Sie wünschen, daß Sie in Darmstadt,
sey es auch nur zunächst mittelbar für vollständigere Darstellung
und Ausführung wirken zu können. Dieser Wunsch und dieses Streben
von Ihnen hat mich so hoch erfreut, daß ich gern alles was in meinen
Kräften steht thun möchte, daß Ihnen derselbe erfüllt werde, und ich
glaube wirklich, die Verhältnisse und Umstände sind uns dazu günstig
wenn wir sie uns nur recht klar zur Einsicht bringen und recht sorg[-]
lich benutzen.
Verflossenen Sonntag ist nämlich, wie mir Herr Kohl aus Neustadt
in seinem jüngsten, Ihnen im Auszug mitgetheilten Brief schrieb, das
von ihm vorgeschlagene Mädchen hier angekommen, sie ist also heut
den 6en Tag hier und seit dem hat sich der gute Eindruck den ihr erstes
Erscheinen machte nicht vermindert: sie ist ein einfach, stilles, wirklich
in allem ihren Thun mildes Mädchen in den mittlern 20rn. Schade, daß
sie von etwas gedrungenem, auch wohl, wie man sagt gesetztem Körper[-]
bau ist, (ohngefähr wie Frl. Begel) sonst würde sie noch etwas größer
erscheinen. Sie hat eine zu Fingerspielen und Handbeschäftigung gut ge-
baute Hand und darum auch eignet sie sich leicht Handfertigkeiten an.
Da sie wie in ihrem Betragen so auch in ihrem ganzen Äußern etwas Sanf-
tes hat, so dünkt sie mich für Kinder gebildeter Eltern und somit
für Mad: Bruiaq [sc: Bruère] eine recht passende Gehülfin. Nach dem was Sie
mir früher über Mad: Br. geschrieben haben, so hoffe ich es werden
sich beide sehr gut zusammen vertragen; auch Sie liebe Ida werden
eine achtsame und fleißige Schülerin in ihr finden; so hat sie sich we-
nigstens in diesen wenigen Tagen gezeigt. Daß später vielleicht
noch einige unangenehme Mängel hervortreten können ist wohl
möglich, denn wo findet [sich] ein vollkommener Mensch; wenigstens glaube
ich gewiß ist sie eine Ida dem Willen nach - /so heißt sie nemlich /
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wirklich/ - wenn auch nicht eben eine Ida wie Ihre [sc.: ihre] liebe Namens
Schwester in Nordhausen; doch dünkt es mich, sie werden sich beide
schwesterlich zusammen finden.
Deßhalb nun wünschte ich wohl Mad. Br: ginge auf meinen
Vorschlag ein und suchte sich bis zum 1n Octbr durchzuwinden
wo sie dann, so weit es sich menschlicher Weise bis jetzt voraus[-]
sehen läßt eine ihr zusagende Gehülfin bekommen würde.
Ein wirklich frommes gläubiges Gemüth hat das Mädchen auch
wie ich nicht zweifle daß sie auch ein häusliches Mädchen ist.
Auch die Eigenschaft Ida's hat sie, daß sie mißtrauisch in ihre
Kraft ist; doch glaube ich auch diese Eigenschaft ist gut, wenn ihr nur
zu Zeiten etwas Muth zugesprochen wird. Auch in weiblichen,
feinen weiblichen Arbeiten muß sie nicht geringe Kenntniße haben,
wie sie auch sonst einen guten Schulunterricht genossen hat, was
freilich nun einige Jahre her ist.
Sie sehen nun liebe Ida, daß ich nun täglich genug an Sie
erinnert werde, und es mag wohl seyn, daß die erfüllte
Hoffnung welche sich mir an den Namen Ida knüpft, auch einigen
Antheil an der guten Hoffnung hat welche ich zu Ida Weiler
habe; doch hoffe ich ja sie wird auch mich nicht teuschen[.]
Sollten Sie mir hierauf bejahend schreiben, so am besten ist es
jedoch wenn es Mad. Br selbst thut, so lassen Sie mir sogleich schreiben
was Mad Br. an Jahrgehalt zu geben willens ist; daß S sie
die Reisekosten hin trägt ist natürlich, so wie daß sie sich ver-
bindlich macht wenigstens vor Jahr u Tag das Mädchen nicht von
sich gehen zu lassen, so wie gegenseitig ein Vierteljahr Aufkün-
digung.
Christiane Erdmann kommt nun bestimmt nach Gotha wo alles zur
Ausführung eines Familienkindergartens vorbereitet wird
worauf ich mich recht freue.
Nächstens wird ein 10jähriges Mädchen auf einige Wochen zu uns
kommen um spielen und Beschäftigungen zu lernen, um wenn sie nach
Hause zurück kehrt mit ihren zahlreichen jüngeren Geschwistern
sinnig und pflegend zu spielen.- Allwina grüßt Sie; sie stickt jetzt
sehr fleißig an einer größeren Arbeit - einer 2en nach Westphalen. Unser
Thal ist wunderschön wie auch Blankenburg. Am Sonntag wurden wir von
großem Wasser heimgesucht was viel verwüßtete. Auch Middendorff grüßt, er
hat sehr viel zu thun weil Barop noch abwesend. An alle Freunde Grüße.
Leben Sie recht wohl u schreiben Sie mir bald. I. Fr. Fr. /
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[leer] /
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Fräulein Ida Seele,
   Kinderführerin
in der Kleinkinderschule
       zu
frei!                Darmstadt.
Vor dem Oberjägerthor im Schulgebäude.