Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Ida Seele in Darmstadt v. 2.7.1845 (Keilhau)


F. an Ida Seele in Darmstadt v. 2.7.1845 (Keilhau)
(BN 651, Bl 19-20, Brieforiginal 1 B 8° 4 S.; 2 Sätze aus 19R/20V bei Müller 1928, 39.)

Keilhau b. Rudolstadt, Mittwoch am 2en Juli 45.

Sehr liebe Ida.

Endlich ist nun alles zur Abreise der Henriette bereit
und ich hoffe daß sie übermorgen also Freitags A-
ben[d]s bei Ihnen eintrifft. Ob ich mich nun gleich ganz fest
an den sehr bezeichnenden Ausdruck der Madme Bruere halte,
daß Sie ein noch rohes Naturkind bekommen, so läugne ich doch
nicht, daß ich Ihnen das Mädchen mit vieler guten Erwartung
sende, wenn anders Madme Br. wirklich die mütterlich erzieh-
ende Frau ist, wie Ihre Freundschaft für sie mir selbige schilderte
und wenn auch Sie so gütig sind, so viel es Ihre Zeit u. Kraft
erlaubt, der Henriette lehrende, beachtende, übende u. fort-
bildende Freundin und wirkliche Stütze zu seyn. Hinsicht-
lich der Fortbildung welche ihr Madme Br. versprochen
hat wäre es für deren Anstalt sehr gut so wie für das
Mädchen von großem Gewinn wenn Madme Br. demsel-
ben, vielleicht in Gemeinsamkeit mit ihren Töchtern noch
einigen Musik-, sowohl Gesang als auch Clavierunter-
richt geben ließ.
Auf einen Fehler der Henriette muß ich Sie doch aufmerk-
sam machen, welchen zwar eigentlich ich nicht bemerkt habe,
über welchen aber die Frau Pastor Richter sich aussprach,
daß nemlich Henriette zu Zeiten die Wahrheit umgehe.
Haben Sie ja die Güte Henrietten, so wie auch ich es hier
thun werde und schon gethan habe, auf das sehr Nachthei-
lige und Häßliche wie Unwürdige u. Abstoßende dieses
Fehlers aufmerksam zu machen. Weil ich mich der Mdme
Br. über diesen Gegenstand nicht aussprechen wollte, um
[sie] nicht gleich vom ersten Auftreten gegen das Mädchen ein[-]
zunehmen, so thue ich es offen ge[ge]n Sie, damit wenn in dieser
Beziehung etwas Ihnen zur Kunde kommen sollte, Sie so-
gleich das Übel an der Wurzel erfassen können. Da ich
nun aber wie ich es wiederkehrend aussprach, ohngeachtet
dieses dennoch alle gute Hoffnung zu Henrietten habe, so /
[19R]
bitte ich Sie, liebe Ida, recht sehr auch in ihr, der Henriette
all die Liebe, Achtung und besonders auch das Vertrau-
en sorgsam zu pflegen was sie zu der Sache, wie auch
zu mir, wie ich glaube in sich trägt; dieß ist für das tüch-
tige und wirklich erfolgreiche Wirken des Mädchen[s]
von dem größten Nutzen, denn die liebenden, vertrau-
enden und achtenden Gesinnungen welche sie für die Wirksamkeit der Sache in sich trägt
tragen sich dann auch sehr leicht
auf ihre kleinen Pflegebefohlenen über und wirken höchst
seegensreich. Lassen Sie uns, liebe Ida, wo wir auch wirken
ein im Geiste in einig liebend und vertrauend verbun-
denes erziehendes Ganzes bleiben und immer mehr werden, dazu
auch alle die uns verbunden werdenden
Jüngeren herauf erziehen, dann werden wir wir [doppelt] nach
und nach die Seegnungen auf der Erde und unter dem
heraufwachsenden Menschengeschlechte verbreiten
welche alle Guten, besonders alle sorgsamen Eltern
von uns Erziehern erwarten.
Erlauben Sie mir, liebe Ida, hier eine Frage anzu[-]
knüpfen, welche ich schon seit einiger Zeit in mir trage:
Ich wünschte nun wohl, daß Sie immer mehr und mehr mit
den innersten und letzten Grundsätzen auf welchen eigent-
lich mein ganzes erziehendes Wirken und Streben be-
ruht, vertraut in die letzteren Grundlagen deßselben
eingeweiht würden, um so das Ganze wieder ganz
selbst, aber in Unzerstücktheit Vollständigkeit, Einig[-]
keit und Lebendigkeit, aus sich zu entwickeln; wäre
es Ihnen nun auch lieb, ja würde dadurch vielleicht so-
gar ein gefühltes gewisses Bedürfniß Ihres Geistes u. Herzens
erfüllt, so mache ich Ihnen den Vorschlag über diesen
Gegenstand einen Briefwechsel zu eröffnen. Seyn Sie
so gütig sich mir auch darüber, wenn Sie sich mir überhaupt über
Ihre Zukunft aussprechen, - mitzutheilen. Ich wünschte
wenn ich sterbe auf der Erde eine Person, ein Wesen zu-
rück zu lassen, welches Vertreter der Idee, entwickeln-
der Erziehung in ihrer Ganzheit sey; und nur ein weibliches /
[20]
Herz und Gemüth kann das ganze Leben des Kindes in seiner
Einheit pflegend in sich tragen, wie der Zweig die ganze Blü-
thenknospe mit der Gesammtheit ihrer schönen Blumen-
entfaltung (welche zuletzt wieder zu dem Saamenkorne führt
so die ganze Pflanze in sich trägt) pflegend entwickelt.
Ich gedenke dabei immer an Maria, welche das ganze Leben
ihres Sohnes pflegend, erziehend pflegend in sich trug; was
verdankt dieser Mutter mit reinem jungfräulichen
Herz und Sinn die ganze Menschheit!- O! nur eine ein-
zige Mutter mit einem einzigen solchen Kinde werden dem
Menschengeschlechte!- Doch können wir nicht das Vollkom-
menste erreichen, erringen, so lassen Sie uns es we-
nigstens versuchen das Vollkommenere zu erstreben.-
- Haben Sie die Güte Henrietten zu veranlassen mir
ohngefähr nach Verlauf von 3-4 Wochen zu schreiben, wo
das Neue des Verhältnisses verschwunden ist, und sie es
in seiner Wirksamkeit, ob befriedigend oder nicht zusagend
erkannt hat. Das Unangenehme, was vielleicht das Neue
und Fremde Anfangs mit sich führt, werden Sie wohl zu
beseitigen, mindestens zu mildern wissen, und dem
vielleicht im Beginne bald muthlosen Mädchen, Aus-
dauer und Vertrauen zu sich und den Verhältnissen zu
geben suchen. Von Ihnen hoffe ich recht bald
einige Zeilen, welchen über den ersten Eindruck welchen Henriette bei
Madme Bruere auch bei Ihnen gemacht hat [, zu erhalten].-
Da es mir bei aus Gründen die eben im Geiste, wie
in dem Zwecke und den beabsichtigten Wirkungen der
Bau- und Legespiele liegen, viel daran gelegen ist, daß
die Kinder diese mit sehr genau gearbeiteten Spielzeug
ausführen, auch es nicht keinesweges gleichgültig ist, ob den Kindern
diese Spielmittel einzeln oder in verschlossenen K um-
schließenden Kästchen gegeben werden, so wäre es
mir bei weitem lieber gewesen, und ich würde es als
einen Freundschaftsdienst von Schneider angesehen haben,
wenn er mich lieber aufgefordert hätte, diese Spiel[-]
mittel, so erziehend geordnet, um den möglichst billigen /
[20R]
Preis an Madme Br. abzulassen. Sie würde solche
dann gewiß verhältnißmäßig ebenso billig von
hier als in Darmstadt bekommen haben. Ich habe
durch solche Meinung und Äußerung wie Herr
Schneider sie an Madme Br. ausgesprochen veran-
laßt in Frankfurt a/m viele Hundert Würfel und
Bauklötzchen machen lassen - Was war das Er-
gebniß?- Billiger waren sie, aber, ob sie gleich
von einem mir besonders dazu empflohlenen [sc.: empfohlenen] Tischler
verfertigt waren, so waren doch eine große Menge
so ungleich, daß ich mich scheute solche auch nur an
eine Anstalt zu verschenken, um nicht den Sinn
für Ungenauigkeit und Halbes in dieselbe zu bringen
noch liegen diese Sachen in Frankfurt a/m und hätte Mme
Br. daran gelegen so hätte ich Ihr solche so billig ab-
lassen können wie sie solche kaum irgendwo erhalten
wird; ja sie selbst würde nur bei längerem Ge-
brauch die Unvollkommenheit und den Nachtheil
solches Spielzeuges eingesehen haben; indem sie auf
den ersten Blick schwerlich das Schlechtere von dem
Bessern unterschieden haben würde.
Aber so geht es wenn man die Sache, wie dieß
Herr Sch.- thut selbst nur äußerlich und halb an-
sieht. Sehen Sie l. Ida hierinn liegt ein Hauptgrund
der halben und falschen Ansichten welche über diese
Kinderbeschäftigungen noch immer im Publikum im
Umlaufe sind.-
Liebe, gute Ida! alles Getrennte und alle trennen-
de statt einende Auffassung der Sache wirkt nach[-]
theilig auf das Wohl der Kinderwelt zurück
nur <innige> vertrauende Einigkeit für [sc.: führt] zu dem
schönen Ziele welchem wir als Erzieher zum Wohle
der Kinder, der Familien, unseres Volkes u. der
Menschheit entgegen streben. Gott erhalte
Sie gesund, freudig und ausdauernd. Bald hofft
[auf] einige Zeilen von Ihnen Ihr väterlicher Freund
Fr. Fr. /

[19R, Rand]
Nehmen Sie l. Ida das Wenige was Ihnen H. A. in einem versiegelten Päcktchen einhändigen
wird gütig auf und an; es knüpft sich daran der Sinn eines kinderliebenden weiblichen Gemüthes.