Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an H. Windorf in Stadtilm v.7.11.1845 (Keilhau)


F. an H. Windorf in Stadtilm v.7.11.1845 (Keilhau)
(BlM XV,3, Bl 105-106, Brieforiginal 1 B 4° 2 S.)

Sr Wohlgeboren dem Herrn Rector Windorf in Stadtilm

Keilhau bei Rudolstadt am 7 Nov 1845.

Hochgeehrester Herr und Freund.

Gleich als ich Ihren trefflichen Aufsatz in N° 298 des Allgem. Anz. d. D. vom 1’ d. M.
gelesen hatte wollte ich Ihnen schreiben und Ihnen aussprechen, wie ich Ihnen während
des Lesens desselben oft und warm dankbar die Hand gedrückt habe. Daß ich mit
ganzer Aufmerksamkeit gelesen habe dafür mögen Sie in einigen Bemerkungen den
Beweis finden, welche mir unmittelbar beim Lesen entgegen traten. So fügten
sich mir gleich auf der 3890 Spalte auf der 15en Zeile von unten nach den Worten ”mit
eigenem Geiste” die Worte ”im Einklange mit beiden (: Natur u. Leben:)” - ein; denn mich [dünkt]
es kann, mindestens scheinbar, durch beide auch Manches eingeengt werden, was nicht die
höchste Beistimmung erhält; wenigstens muß man diesen Einwurf, so sehe ich es
gleich von Vorne herein beseitigen.
Den Satz Zeile 4 und 3 von unten: ”Die höchsten Lehr- und Glaubenssätze müssen
deßwegen ihre Grundlage in der Erfahrung haben” unterschreibe ich ganz, warum?
weil die Gesammtgrundlage unseres Bewußtseyns nur Erfahrung ist; also auch die
des Bewußtwerdens und Bewußtseyns der Menschheit, indem ja ”Offenbarung” eben auch die tiefste und ursprünglichste ”Erfahrung” ist: - Daß auch das Geistigste
in unserm Innersten, Geheimsten d.h. wo wir ganz und gar daheim sind, ”offen
und ”bar” vorliegt.
Ebenso erkenne ich wieder ganz den Satz auf der 3891 Spalte von: ”Die ganze Welt
- bis unser Inneres aufzunehmen” an; denn erh enthält die Grundüber[-]
zeugung auf welcher das in sich Einige u Einigende, Allgenügende und Allerschöpfende
der von mir angebahnten Erziehungs- so besonders frühe Kinderbethätigungsweise
beruhet.
Einiges nun Folgende fordert für mich einer tieferen Erörterung als mir hier
brieflich und überhaupt schriftlich möglich ist; jedoch kann man diese Erörterung
nach meinem Erachten auch ganz der Zeit überlassen welche sie gewiß bringen wird[.]
Wichtig ist es für mich und das Ganze der Menschheitsentwickelung, daß auch
Sie Spalte 3892 Zeile 3,2,1 von [unten] und Sp: 3893 Zeile 1,2,3 u.s.w. von oben die
Überzeugung aussprechen: - ”Die Geschichte sagt nemlich, und die Vernunft giebt
ihr vollen Beifall” - bis - ”als andere.” u.s.w. u.s.w. bis [”] vernünftig.”
Da man aber das Wort ”Lebenserfahrungen[”] sehr häufig nur auf Erfahrung
im und am rc. äußeren Leben beziehet, so würde ich zur Vermeidung von Miß[-]
verständnissen Spalte 3893. Z. 9 v. unten ”Eigenerfahrungen [”] bei Welt- und Le-
benserfahrungen einführen oder ein anderes Wort für Erfahrungen wählen
deren Gegenstand unser Inneres selbst ist.
Was Sie nun weiter Sp 3894 und 95 über Symbole sagen, muß ich ganz
auf den bestimmten Werth beruhen lassen, welchen es in sich trägt, nur /
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möchte ich mir die Frage erlauben: - ”ob es nicht, da das von Ihnen aufgestellte [sc.: Aufgestellte] lauter Wortsymbole sind, auch ”Sach- und Anschauungssymbole[”] giebt, ja nach
Ihren eigenen Worten Spalte 3891:
”Die ganze Welt ist das große verkörperte Schöpfungswort der Allmacht
”und der Mensch ist vermöge seiner Sinne dazu bestimmt, dieses Wort Gottes
”zu beschauen, zu erkennen, zu durchforschen, in allen Dingen und dadurch das
”Wort und mit ihm den Schöpfer selbst nach und nach in sein Inneres aufzunehmen”
wirklich geben muß? <- ? - ? ->
Ich für meine Person glaube nun nicht nur dieß, sondern bin auch in mir davon
ganz fest überzeugt, ja ich suche diese Sach- und Anschauungssymbole selbst auf-
zufinden nicht nur, sondern sogar darzulegen und um es nur ganz unumwunden
offen, bar und frei Ihnen auszusprechen: darinn sind meine Spiele, das von mir
aufgestellte Spielganze gegründet und jene ruhen hierin.
Mich Ihnen darüber weiter mitzutheilen und klar zu machen, wird uns das
Leben gewiß Gelegenheit geben, hier muß mir diese Andeutung genügen.
Doch die Zeit drängt mich, ich muß zum Schluß eilen; Wie sehr ich nun durch und
durch von der von Ihnen Spalte 3896 ausgesprochenen Überzeugung bin:
Die Kinder müssen gewöhnt werden, selbst zu sehen und zu hören rc rc
brauche ich Ihnen nun nicht weiter auszusprechen, denn eben meine Kinderbeach[-]
tungs-, Pflege[-] und Führungs- also Spiel- Bethätigungs- und Beschäftigungsweise
ruht darin, nur würde ich ebendeßhalb nach: ”zu hören” noch hinzufügen:
   sie müssen gewöhnt werden selbst zu thun, selbst zu schaffen rc.
   und nun das so Selbstgethane, Selbstgeschaffene nach allen Beziehungen Grund
und Folge zu beachten, vergleichen, wie auch Sie fordern:
dahin zu wirken dieß im häuslichen wie im öffentlichen und Gemeindeleben, im
Schul- und bürgerlichen Leben zu erreichen, ist der U um- und erfassende
Zweck der Erziehungsvereine, welche von Ihnen mit ebenso warmen und christl
lichen Sinn und Herzen erfaßt und vertreten werden, wie sie meinem war-
men und christlichen Sinn und Herzen entkeimt und entquollen, entsprungen
sind.
Mögen diese wenigen Andeutungen Sie nun überzeugen hochgeehrtester
Herr und Freund, wie sehr ich das innere geistige Band, was uns vereint
nicht nur anerkenne, sondern auch immer mehr zu sicherer gegenseitiger
Zielerreichung klären und befestigen möchte zum Seegen der aufkeimen-
den Menschheit[.]
Wie nun natürlich die Erziehungsvereine in sich Sprach- und Mittheilungsvereine
sind, so erfordern Ssie zu ihrer innern Belebung wie großen allgemeinen
Verknüpfung: - Schreib- d.h. Schriftsteller- und Lesevereine. Sie Ssehen wie
von einem Organon ausgehend, sich alles organisch verbindet und dieß
muß dem einfachsten Bauer einleuchten.
Von den Freunden B und M. die herzlichsten Grüße, welchen ich den
meinen hinzufüge. Lassen Sie bald etwas von sich hören Ihrem
aufrichtig ergebenen

FriedrichFröbel.
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