Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Ida Seele in Darmstadt v. 23.11.1845 (Keilhau)


F. an Ida Seele in Darmstadt v. 23.11.1845 (Keilhau)
(BN 651, Bl 21, Brieforiginal 1 Bl 8° 2 S.)

  Keilhau bei Rudolstadt am 23 Novbr. 1845

Sehr werthe liebe Ida.

Vorerst erlauben Sie mir die Hoffnung auszusprechen, daß
Sie nun meinen jüngsten Brief oder vielmehr Packet und da-
rin die längst gewünschten Beschäftigungsmittel erhalten
haben werden. Wie freue ich mich aus der Ferne Ihr bestäti-
gendes Ja! zu hören. Haben Sie die Güte sich ja in allem
wo Sie Rathes und Hülfe bedürfen, und wo Sie glauben
daß ich Ihnen helfen kann sich an mich zu wenden; ich wer-
de dieß stets als einen sprechenden Beweis Ihrer
unverändert treuen und vertrauenden töchterlichen Ge-
sinnung ansehen.
Gern sehr gern gieng ich auf alles ein, was Ihr
lieber Brief mir sagt, doch jetzt beeile ich mich nur
Ihren und Fräulein Streckers Wunsch zu erfüllen
und Ihnen zu schreiben, daß ich große Hoffnung habe
Ihnen ein junges Mädchen senden zu können welches
sich während eines zweimaligen und a[l]so mehrmo-
natlichen Aufenthaltes hier bei mir mit Kinder[-]
pflege theoretisch und praktisch besonders aber auch
mit den Kinderbeschäftigungsmitteln bekannt
gemacht hat. Es ist dieß die Ihnen schon zum Öfte-
ren genannte Antonie de la Porte ein
einfaches deutsches Mädchen, deutscher zwar auch
einfacher doch auch für ihren Beruf gebildeter Eltern
der Vater ist wie ich wohl schon schrieb: Oberlehrer
an einer Volksschule in Salzungen im Meiningschen.
Ich werde sogleich mit diesem Brief auch einen an
den Vater des Mädchens absenden und anfragen
ob er in den Vorschlag eingeht. Das Mädchen ist zwar
erst ich glaube 17 Jahre alt hat sich aber von frühe
an im elterlichen Hause mit kleinen Kindern in
allen Lagen beschäftigen M müssen, auch hat sie, zwar /
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Stiefmutter, aber eine sehr ordentliche achtbare
Frau, die sie mit Ernst zu allen häuslichen und
weiblichen Tüchtigkeit[en] anhält, und so glaube ich
auch daß es ebenso von Sitten wie vom Herzen noch ein
reines unverdorbenes Kind ist.- Aber das ist
wahr das Mädchen hat noch viel Jugendliches, doch zweifle
ich nicht im mindesten, daß sie bei milder, fester Be-
handlung sehr bald damit auch den höheren Ernst des
Lebens verbinden wird. Geduld müssen wir aber
fast unter allen Verhältnissen haben; hätte ich es freilich
¼ Jahr früher gewußt dann hätte ich Ihnen wie ich glaube
ein zwar älltres [sc.: älteres] 27jähriges Mädchen, aber ich glaube
ein ausgezeichnetes vorschlagen können, die Ida Weiler
jetzt in einer Familie in Chemnitz. Doch wie ich sagte
ich zweifle nicht unsere Antonie wird mit ihrer Kindlich[-]
keit auch den stärkenden milden Ernst, und vor allem
also die treue, zuverlässige, erziehende Pflege verbin-
den. Versuchen müssen wir ja im Leben so Vieles, wa-
rum nicht auch dieß, und koste der Versuch auch ein
Hundert Thaler - geht oft mehr verloren, wo auf der
anderen Seite kein solcher Preis zu gewinnen ist, wie hier.
- Also liebe Ida sagen Sie also nebst meinen acht[u]ngs[-]
vollen Gruß dieß Frl. Strecker und daß ich ant[-]
worten werde sobald ich vom Vater des Mädchens
die Antwort erhalten habe.
Jetzt liebe Ida muß ich aber für heut schließen
wenn die Briefe noch nach Rudolstadt sollen, denn
schon schlägt es 6 Uhr Abends[.]
Alle Bekannte bitte ich zu grüßen. Vielleicht so-
bald ich den jetzigen Kursus an welchen sehr braven
Mädchen
antheil nehmen werden (lauter Töchter wack[r]er
Eltern und dieß ist viel werth) - beendigt haben werde
komme ich zu Ihnen, bis dahin bewahren Sie Ihre treu
töchterlich[en] Gesinnung[en]   Ihrem   väterlichen Freunde
Friedrich Fröbel