Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 27.11./28.11.1845 (Annaburg)


F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 27.11./28.11.1845 (Annaburg)
(KN 56,49, Brieforiginal 3 B 8° 12 S.)

Annaburg bei Torgau am 27 Nov. 1845.

Lieber Barop.

Gestern Abend 7 Uhr bin ich hier bei dem sehr freundlichen
Herrn Schulinspector und Prediger Wöpke angekommen. Er ist
bei einem wirklich scharfen ein- und durchdringenden Geiste
ein selten lieber milder Mann. Unser Gespräch kam nach den
ersten freundlichen Fragen z.B. nach aller Euerem Wohlbefinden
und dem genommenen Reiseweg sogleich auf die Sache selbst er
zeigte mir wie er sich mit der Sache selbst beschäftigt, sie in sich selbst
fortgebildet die Stetigkeit innerhalb ihr aufgesucht, so Neues gefunden
habe ihm so aber auch Anderes entgegen getreten sey, was ihm
als Unvollständigkeit erschienen sey, s was sich aber bei näherer
Betrachtung eben als Fingerzeige des höheren inneren Zusammenhan-
ges und der Hindeutung auf die wichtigsten Bildungsgesetze
beurkundete, und daß sich so Wahrheit bestätigte, daß hohe
Unvollkommenheiten in ihrem Grunde richtig erkannt Leider
zur Auffindung höherer Wahrheiten werden. Weiter zeigte
sich daß bei dieser Kinderbeschäftigungsweise auch nicht die kleinste
Erscheinung ist, welche, bei gewecktem Auge und Sinn dafür, nicht
zu höherer Einsicht führe. Außer diesem allen, was sogleich Ge[-]
genstand unserer Mittheilung war - und ich werde nachher
darauf zurück kommen - wurde denn auch sogleich - wie er
es nannte - ein Operationsplan entwerfen. Erstl. wird er
mich heut der Direction oder vielmehr dem Vicedirector der Anstalt
vorstellen; dann dem Prediger, ich glaube Oberpfarrer des Ortes
welcher sehr reges Interesse an meinen Kinderpflegenden Beschäftig[u]ngen
nehmen soll; weiter wird er dem den Director des, sich in der Nähe
befindlichen (70 Zögl starken) Schullehrerseminariums, so wie den /
[1R]
Herrn Superintendenten in Torgau und die Oberpfarrer in
Schweinitz u Jessen (zwei nahe gelegene Städtchen) wovon
sich der erstere besonders lebhaft für den Gegenstand
interessirt um sie bei der Ausführung einer neu zu errichtenden
Kinderbewahranstalt zu berücksichtigen - von meiner Gegen[-]
wart benachrichtigen um Zeit und Orte zur Besprechung herbei
zu führen. Du siehst hieraus seine rege, sorgsam pflegende Thä[-]
tigkeit; er sagte mis mir ich möchte hier bei ihm gleichsam den Mitt[e]l[-]
punkt s meines Wirkens machen und es dann Strahlenförmig
von da aus nach den verschiedenen genannten Punkten hin
erweiteren.- Leider ist hier an der Anstalt hinsichtlich der eig[e]nt[-]
lichen Direction noch immer ein Inter[i]misticum, der eigentliche
Director, welcher nach Berlin als Erzieher der [sc.: des] einst künftigen Thronfolgers
berufen ist, ist noch immer nicht ersetzt und somit muß jetzt streng
an dem Bestehenden fest gehalten werden, lassen sich also auch von
der Hand keine Mittheilungen u Vorschläge wegen etwaiger Verbesse-
rungen machen. Eine Ein- und Fortwirkung meines hiesi jetzigen Auf-
enthaltes hier auf die hiesige Anstalt ruht also noch in der Zukunft
unenthülltem Schooße, doch hält der Herr SchulInspector den Gedan-
ken fest die Betrachtung der Körper für den mathematischen
Anschauungsunterricht und so diesen mit der körper-
räumlichen Auffassung in der Anstalt später zu beginnen.

Am Abend. Die ersten 24 Stunden, der 1ste Tag meines hiesigen Aufenthaltes
ist vorüber. Wie Du aus den vorstehenden Andeutungen ersehen wirst
so wurde während desselben schon viel besprochen; Außerdem machte
mich der He. S. Insp[.] zuerst mit dem inter[i]mistischen Director der An-
stalt dem Herrn Premier Lieutnant Aldendorp, dann mit dem Herrn Ober[-]
pfarrer dem Dr Sailer so wie mit einigen Lehrern, dann mit mehreren
Einrichtungen und Häuslichkeiten der Anstalt bekannt. Im ersteren fand /
[2]
ich einen Mann mit eingehenden pädagogischen Bestrebungen und erzieh[-]
endem Sinne, einen Mann äußerlich in Gestalt etwas dem Wetz-
stein ähnlich doch in ruhiger Haltung. In dem Herr[n] Dr Sailer fand ich einen
sehr humanen mit Ruhe und Ausdauer an dem Wohl seiner Gemeinde be-
sonders durch sichere Begründung einer frühen guten Erziehung arbeitenden
Mann, so besonders auch den Gedanken der Ausführung einer Kl. K. B. A.
in sich tragend auch für Ausführung desselben sich auch schon an den König
gewandt habend von woher ihm aber noch keine Antwort gekommen ist;
doch sind ihm in einem unbenannten Briefe 100 rth. in Scheine[n] von einer
Wittwe zugesandt worden mit dem Wunsche solche zur Ausführung einer KBA.
zu verwenden; er d[er] He. Dr S. selbst ist, wie mir d[er] He. Insp: Wöpke
beim Heimgange sagte, ein Freund von Kinderspielen und soll selbst
deren mehrer[e] schon bei den Kindern in Anwendu[n]g gebracht haben. Auf
alles was ich ihm auf Veranlassung des Gespräches von meinen Bestre-
bungen mittheilte war er sehr eingehend und wenigstens wurde der
Gedanke dadurch rege u. ausgesprochen, bei Ausführung der Sache eine
Führerin für die Anstalt in Klh. ausbilden zu lassen. Wir hoffen uns
noch zu sprechen[.]
Die Anstalt hier hat sehr viel Ansprechendes und für sich einnehmendes
wenn auch die Gebaulichkeiten etwas im alterthümlichen Style mit
vielen Thürmen nach Innen und Außen und vielen Thüren nach Innen
so ist doch alles sehr geräumig und nun zweckmäßig benutzt. so
z.B. große schöne, reinliche Höfe, besonders einer ins im Viereck von
Gebäuden umschlossen in welchem sich die Arbeits- Lehr- und Schlaf-
saale befinden. E Außerhalb dieser Gebäude schöne große Gärten
und ein sehr großer freier Spielplatz, woran sich so gleich der gut
erhaltene Turnplatz schließt. An der Morgenseite dieses Ganzen
zieht sich das lange Gebäude für Musikunterricht hin, in dem, wie
Du Dich vielleicht von Herrn Insp: W.'s Mittheilungen erinnerst hier /
[2R]
sehr viel für Vor- und Ausbildung zur Militärmusik geschiehet
so daß zum B. ohngefähr 50 Musikschüler von 400 u. eingen
Gesammtschülern sind.
Es war zwischen 5 u 6. Zuerst giengen wir in den kleinen Arbeits[-]
saal. 80 und einige Kinder waren hier versammelt und durch
Stricken beschäftigt. Die Kinder mit heiteren frohen Gesichtern ob-
gleich sie ganz ruhig und ohne Sprechen ihre Arbeit verrichten
mußte[n]. Zu Zeiten in Pausen und mit einer Art von Beloh[nun]g für
I ihre Ruhe u Fleiß wird ihnen zu singen erlaubt; da singen sie
dann aus kräftiger Kehle mit heiterm Jugendsinn Natur-
Lebens- Vaterlands- und Kriegslieder; so sangen sie auf meinen
Wunsch eines der letzteren, den Abschied von der Heimath des in
Krieg ziehenden Vaterlandsvertheidigers. In ganz einfacher
Volksthümlicher Sprache u Melodie sprach sich eine gesunde kräftige
Gesinnung aus und obgleich der Vortrag von 80 Kindern nur mit
we[n]ig untermischten 2n Stimmen kräftig war, so war doch der Ge-
sang sehr gehalten gleichmäßig mit gehaltenem Tackt und ohne
alles Hervordrängen einzelner Stimmen. Diese Lieder pflanzen sich
in der Anstalt meistens durch Überlieferung fort. Lieder wie "Was
ist des Deutschen Vaterland pp" Lützows Jagd ward auch gesungen. Wie
wir aus dem Saale getreten waren und über den Hof giengen
schallte uns aus jenem noch ein melodisches kräftiges Lied nach.
Weil die Kinder nun durch vorhergehendes oder nachfolgendes, oder
gar gleichzeitiges Geplauder nicht im Geist u Gemüth zertheilt
werden, so prägten die Kinder im Gesang nun ihre ganze Seele
aus - was ich sage es Dir einen sehr wohlthätigen Eindruck machte
denn der Gesang hatte so nicht nur Tackt, Rhytmus u Melodie
sondern auch Körper, Gestalt, Geist u Seele kurz den Aus-
druck wahren Lebens, man erkannt[e] überall, das Kind lebt augen[-] /
[3]
blicklich und ganz in dem was es singe, darum nirgen[d]s etwas Schleppendes pp.
- Von hier aus gingen wir in den großen Arbeitssaal über 200
Kinder waren hier versammelt wieder beschäftigt mit Stricken, oder
Stopfen der Strümpfe, oder Schneidern, manche auch die kleine Kör-
perbeschädigungen oder Leiden hatten welche sie an diesen Arbeiten ver[-]
hinderten spielten z.B. Dame, Schaf u Wolf pp.- An 2 größeren Tischen
saßen die sogenannten Militärschüler d.h solche welchen durch ihr
besonders gutes Betragen erlaubt wurde sich für die niederen
Militär Chargen Unteroffizir, Feldwebel, Feuerwerker pp sich aus[-]
zubilden. Diese durften nun nach eigener Wahl sich hier zu ihrer Fort[-]
bildung
beschäftigen. Einige arbeiteten Geschichte, andere Mathematik
andere Naturgeschichte rc. Ihr[e] Bücher waren außerordentlich
saubergehalten und schön geschrieben, obgleich diese Arbeiten gar keiner
Controlle unterlagen. Es fanden sich hier stämmige junge Leute bis zu
17 Jahren. Zufriedenheit, Heiterkeit, Gesundheit, Charakter lag auf
dem Gesichte aller. Unbefangen frei u offen in Mittheilung u Antwort.
Mit Offenheit u Vertrauen traten mehre[re] z. d[em] He[.] Inspector und schlugen
Lieder vor welche sie zu singen wünscht[en] wo denn unter auch ein Lieb-
lingslied desselben - den Postillion - gesungen wurde.- Nun gieng
es in das Musikhaus zu der unteren oder 2' Abtheilung. Hier
war es wo sich wohl zwei auf gleichem Instrumente u bei gleichen
Übungsstücken auf einem Zimmerchen üben durfte[n]. Allein denke dir
sogar verschiedene Übungsstücke selbst mit verschiedenen Instru-
menten mußten nicht nur in gleichen Zimmern, sondern an gleichem
Pulte geübt werden, da kostet es aufmerken in Hinsicht auf
Ton u Tackt und dennoch kamen mehrere gar nicht heraus. Ihre
Aufmerksamkeit auf das ihnen Obliegende war so gespannt,
daß der Nebenmann für sie gar nicht da war. Ja in einem
größeren Übungssaale waren an 3-4 zerstreuten Pulten wieder /
[3R]
Gruppen von 3, 4 u mehreren. Im Conservatior im [sc.: in] Paris
soll es ebenso seyn. Der Lehrer - wir traten nun ins ei-
gentliche Lehrzimmer - konnte das Ganze zwar nicht billigen
indem die Gehör Ausbildung darunter leide, doch sagte er daß
es wohl auch Gutes mit sich führe, das Schärfen des Ohres für Her-
aushören des Tones, das Festhalten des Taktes rc. In diesem
Zimmer saßen an einem langen Tische vielleicht nahe 20 welche
sich mit theoretischer Musik z[.]B. dem Studium von Webers
Werke beschäftigten. Was mir der Lehrer über den Ges Gang
des Musik unterrichtes mittheilte so scheint darin s Sicherheit,
Festigkeit u Gründlichkeit zu herrschen, welcher jedoch Anfangs
mehr das Gedächtniß als die Einübung und Ausführung in Anspruch
nimmt. Doch suchte er mir auch Beweise von den schnellen Fortschritten
hinsichtlich der Ausführung zu geben. Die obengenannten Schüler welche
sich mit Theorie beschäftigten waren seit 2 Jahr[e]n Musikschüler.
Eine Übung der Schüler bestand auch darinn, daß während einer
oder 2 auf dem gleichen Instrumente spielten, mußte ein 2er oder
3er das was jene spielten auf dem Notenblatte nachlesen und so
Auge u Gehör bilden. Eine andere Übung b war die, daß vorge-
rücktere Schüler die Übungen mehr untergeordneter beauf[-]
sichtigten.- Heut Morgen oder in den nächsten Tagen werde ich die Schüler
der 1n Musikclasse besuchen.
Nun gieng es in den Eßsaal. Die Brote sind so gebacken daß
jedes durch 4, sich in der Mitte kreuzende Schnitte; in 8 Theile getheilt
wird [*Zeichnung: Rundbrot mit acht
  Sektoren*]. Jedes der mittleren Kinder bekommt 4 mal in der
Woche Abends ein solches Stück Brot mit einer kleinen Scheibe Butter
4 Scheiben derselben lagen auf einem Teller, daneben die 4 Stücke
Brot u 2 Becher mit Wasser. Die größt größern Knaben welche confir-
mirt bekommen doppelte Portionen.- Als alle Kinder versammelt /
[4]
waren gab der Saal Aufseher des Tages [(]ein Lehrer[)] ein Zeichen zum Gebet
einer der größeren Zöglinge trat an die oberen Seite des Saales
in die Mitte des Ganges, und sprach ein kurzes Gebet; er sprach es mit
solchem bestimmten Ausdruck innerer Selbstsammlung, daß man nach
Beendig[un]g desselben an dem Betragen der Kinder wahrnehmen konnte,
auch sie waren mit Herz u Sinn dabei gegenwärtig gewesen.
Jetzt durfte freie Unterhaltung statt finden, und man hörte es
daß sie ungehemmt war, doch traten keine Stimmen hervordräng[-]
end heraus, es war das frohe Gesumme der Bienen. Nach
Beendigung des Abendbrotes wurde ebenso wieder ein Gebet ge-
sprochen; alle verließen nun des den Eßsaal wo über 400 aßen
und giengen da es schön u sternenhell war meistens in den unmit[-]
telbar vorliegenden S Hof, doch war es ihnen auch gestattet in die
früher genannten Arbeitssaale zu gehen, bis die Tische ab[g]eräumt
und gereinigt waren. Hierauf kehrten alle in diesen Saal zurück
um sich ganz frei zu beschäftigen wie jeden das Bedürfniß trieb
einige nahmen Arbeiten f vor; andere wandelten Arm in Arm
in Wechselgespräch; in anderen Gruppen wurde erzählt; wieder
andere spielten Brettspiele, andere rangen u maßen ihre Kraft
ander[e] wiede[r] schliefen auch wohl bald ein. Der obengedachte Lehrer
wandelte waltend unter ihnen [um] hervorbrechen persönlicher Lei-
denschaftlichkeit rc zu vermeiden. Wir betrachtetend [sc.: betrachteten] besonders
das frohe Empor- u. hervorblühen der reinen und geklärten Per-
sönlichkeit, der mehrgenannte Lehrer Herr Thieming bemerkte,
daß sich die hiesige Anstalt ganz wesentlich von anderen der Art
z.B. dem Potsdamer Waisenhause auszeichne, wo alles die
Potsdamer-Waisenhaus-Physiognomie trage. Als wir
zurück giengen meinte Herr Insp: Wöpke der Grund liege wohl
mit darin, daß sich schon die tägliche Leitung in den verschiedenen Ar- /
[4R]
beiten und Beaufsichtigung unter mehrere und selbst Personen
verschiedener Erfahrung und Bildung theile, welches der Entwickelu[n]g
der Persönlichkeit günstig sey.- Auch glaube ich, daß das zwar
ganz ruhige, auf sich zurückgezogene, aber doch gemeinsame
Beschäftigtseyn gar sehr zur Ausbildung des innern Menschen nach
Fühlen, Denken und Handeln hinführt. Ich muß selbst [-] durch meine
eigene Lebenserfahru[n]g bestätigt findend - erkennen daß eben
die scheinbare äußere Beschränkung jene innere nicht nur Frei[-]
machung und Kräftigung des Geistes herbeiführt. Ich möchte sagen
durch das ungehemmte Mittheilen nach Außen bekommt das
innere Leben gar keine Gestalt, keinen Körper mit dem Landmann hinsichtlich auf Getreidebau
zu reden: "es umstockt sich gar nicht"[.]
Mir ist diese Bemerkung [in] hinsicht auf selbst früheste Kinderpflege
auch für meine Kindergärten, höchst wichtig und viele Erfahrung[en]
bestätigen mir wie auch hier Ruhe u Bewegung; stilles Sammeln u
Gesammeltseyn in sich und freies Wechselgespräch und im geordneten
Wechsel verknüpft seyn müsse, wie Tag u Nacht; Winter u
Sommer rc. Ich kann gar nicht sagen welch einen wohlthätigen
Eindruck dieser Ausdruck persönlicher Selbstständigkeit und heiterer
Haltung ohne alles militärische oder vielmehr soldatisch Steife auf
mich gemacht hat.
Nach 9 Uhr ist Tages Schluß (Wie 6 Uhr Morgens Tages Beginn)
mit Gesang einiger Verse aus einem Liede und dem Lesen derselben
übrigen als Gebet (:Wie bei uns:)[.] Nun geht es geordnet in die
Schlafsäle; welche ich jedoch noch nicht sah. Dort muß jeder
Knabe sein Bett machen rc. So wie überhaupt alle kleinen
häuslichen Arbeiten von den K Zögling[en] selbst geschehen müssen: Tisch-
decken u Abräumen, Messer abwischen u Putzen. Alles war
glänzend sauber. D[er] Herr Inspector sagte mir daß die Kinder /
[5]
eine seltene Anstelligkeit entwickelten, so mußten z.B.
alle Morgen 100 Schüsseln Suppe aufgetragen werden; allein
Begießen komme höchst selten vor. Ob sie gleich die Messer putzen
müssen, so höre man nie etwas vom Sich-schneiden. Er that da-
durch veranlaßt einen Blick in sein Leben, wie ungeschickt er da-
gegen in diesem Alter gewesen wie viel er zerbrochen habe rc.
Mir waren diese Erscheinungen u Bemerkungen alle höchst wichtig so
wie noch andere worüber wohl mündlich, namentlich hinsichtlich
auf leibl. Gesundheitpflege. Auf dem Spielplatz spielt[en] die
Kinder in ungehemmten Frohsin[n] in verschiedenen Gruppen verschie-
dene zum Theil bekannte theils auch eigenthümliche Spiele. Wort u
Stimme war kräftig u frey allein es fand kein gewaltsames Her[-]
vordrängen einzelner Stimmen, noch weniger widriges Schweigen
statt. Dieß als Spiegelbild des empfangenen Eindruckes.
Aber denke Dir! selbst bis in diesen, in sich so abgeschlossenen Kreis
war Wislicenus: - "Ob Schrift? ob Gruß?" - eingedrungen.

Am 28. Novbr. Es ist heut wieder ein ganz herrlicher Herbsttag
ich freue mich in ihm den Vortag Deines Lebensfestes zu begrüßen.
Erlaube mir zum Zeichen meiner Theilnahme an demselben das Beste
zu geben was ich jetzt habe: Die letzten Ergebnisse meiner Be-
achtu[n]gen, Erfahrungen u besonders Forschungen über die frühe Kind-
heitpflege. Seit Langen [sc.: langem] ja von jeher trage ich die Überzeugung
in mir es muß dafür nicht nur einen mit nothwendigkeit
gegebenen sondern sich auch durchs einfache Wort klar zu
bezeichneten Anfangs- Ausgangs- und Anknüpfungspunkt geben[.]
So klar und fest mir nun diese Überzeugung war, so schwer
wollte sich mir dafür der nicht nur einfache u klare, sondern
auch lebenvoll bezeichnete Wortausdruck zeigen, welcher
auch bei dem kleinsten nur eben gebornen Kindlein seine leitende /
[5R]
erweckende, erzeugende und bleibende Wortausdruck finden
welcher sogleich mit dem Erscheinen des Kindes als G geborn
seine Anwendung finde, indem sich doch zunächst wenigstens
in allen europäischen Sprachen der Satz u die Wahrheit
wiederholt: "mit der Geburt beginnt die Erziehung des Men[-]
schen["]. So erscheint mir nun folgendes als erzeugender
Satz nachstehendes wahr: -
"Beachte Bewahre u pflege des Kindes Gesundheit, seine Unschuld
und Reinheit, seine Freudigkeit u seinen Frieden (will man es
weiter ausdehnen) seinen Frohsinn u seine Unbefangheit also Frei-
heit["]. Will man dasselbe noch einfacher aussprechen:
Bewahre u pflege des Kindes Freudigkeit u Frieden.
(Freudigkeit (Freude) und Friede verhalten sich aber als
der Sache nach gleich wie Äußeres u Inneres; also läßt
sich die Forderung eng zusammen ziehen[.)]
Bewahre u pflege des Kindes Lebensfreudigkeit[.]
Also an das allseitige Gefühl der Freude, sich aussprechend
zuerst in Wohlbefinden, Wohlbehagen, in Freudigkeit in
Lust in innerer Wohligkeit im Gefühl der Ungestörtheit
Ungetrübtheit, also im Gefühle inneren Friedens, also des
Einklanges der innern Lebenseinigung, Harmonie, an die
Bewahrung u Pflege dieses in sich Einigen und doch so Viel-
gestaltigen, darum muß sich die Erziehung anknüpfen
davon muß sie als den ersten Keimpunkten und dem
ersten Treiben des Herzblattes ausgehen, wenn sie für
das Leben so erfolgreich seyn will u soll, als unser Herz
ahnet als unser Geist erstrebt und unser Thun verwirklichen
möchte.- Nimm diese letzte u jüngste Frucht meines Leben[s]
auch in dieser unvollkommen[en] Form als herzensgabe zu dem Lebensfeste
ich hoffe treu gepflegt soll sie ein Kern eines schönen Lebensbaumes seyn. /

[6]
Am Freitage den 28n Nov. 5 Uhr. Nachmittags. Erstlich hoffe ich, Du
wirst ja das v Vorstehende aus dem Geschreibsel herausfinden in-
dem ich nicht Zeit habe es nochmals durchzulesen.
Zweitens habe ich Nachmittags durch die Güte des Herrn Insp. W.
wieder mancherlei s Schönes gesehen. Einmal auf einem Spazier[-]
gang die Um[ge]gend in sein ihrer Eigenthümlichkeit welche die <Fläche mit>
ihren Haiden und Heinen [sc.: Heiden und Hainen] bietet, wie mit ihren grünen Saatflächen;
dann die Lesebibliothek mit dem verschiedenen Interesse der jungen
Lesewelt, was sich oft als ein sehr ernstes aussprach, denn es war
Bücherabgabe und Bücherausgabe; ich habe dabei gesehen wie dieß
eine Art von Controlle u Spiegel dessen giebt, was einen großen
Theil der Zöglinge im Augenblick beschäftigt.-
Drittens waren wir auf dem Turn- oder Schwingsaal wo die
Vorturner für kommenden Sommer vor- und ausgebildet werden.
Das Locale war ein zwar nicht übrig hoher aber ein sonst sehr
geräumiger Saal mit festen Recken und Trag- oder stellbaren
Barren. Den Anfang machte Prüfturnen; wo alles das nach[-]
geholt und geprüft wurde was die Turner in letzter Übung nicht
gekonnt oder schuldig geblieben waren. Eiselens Turnübungen dien[ten]
dabei zur Grundlage. Spieß verschiedene Werke sind auch hier
bekannt; dann kam Riegeturnen. Endlich als Fortbildung Frei-
übungen. Die jungen Leute schienen mit ganzer Seele beiyedem
Gegenstande zu seyn. Die Leistungen waren nach verschiedenen
Richtungen recht brav. Alle Woche werden jetzt 4 Stunden ge-
turnt.- Der Turnlehrer ist der Oberlehrer Siegel.
Zu Hause angekommen wurde der Plan für die nächsten Tage
besprochen. Du kannst gar nicht glauben mit welcher ernsten
Sorgfalt Herr Insp. Wöpke alles prüft um aus meinem
Hierseyn den größten Nutzen u Gewinn zur Förderung der Sache z. ziehen. /
[6R]
Er trägt mir an Euch alle die herzlichsten Grüße auf
ganz namentlich aber an Dich u Middendorff. Aber auch
eine Bitte von ihm bringe ich und ich bitte Dich recht sehr für
deren baldige Erfüllung Sorge zu tragen.
Bei Herr[n] Wöpkes Anwesenheit lies Hamel den Kindern
ein Liedchen singen welches ersterem besonders gefiel. Er bat
Hameln es ihm bis zu seiner Abreise abzuschreiben; allein Ha-
mel vergaß es. Er erinnerte diesen an sein Versprechen als
er mir jüngst schrieb und Hamel wollte mir eine Abschrift des
Liedchens geben, doch er vergaß es, ich erinnerte ihn, und er
vergaß es abermals, zuletzt bei meiner Abreise vergaß
ich selbst ihn nochmals an sein Versprechen zu erinnern. Sei nun
doch so gut ihn zu bitten Erstl, das Liedchen doch ja sogleich abzu[-]
schreiben und an Dich zur Absendung hierher abzugeben; dann
auf dem Papier zugleich den Titel von dem Liederbuche an-
zugeben in welchem er auf s der Herbstreise das Liedchen
selbst mit Melodie gefunden hat.
Sei doch ja so s gut Hameln zu treiben diese Bitte zu erfüllen
es wäre gar schön wenn so auch der Name Keilhau unter
diesen kräftigen hiesigen Knaben u Zöglingen bekannt würde.
Hamel könnte es ja auf einen halben Briefbogen mit einem
Briefkopfe von Keilhaus Ansicht abschreiben.
Nun lebe recht wohl die besten Grüße an alle zufor-
derst an Deine liebe Frau u Kinder an Middendorff und die
Seinigen, an den Bruder u sein Haus und an alle Lehrer.
Unserm lieben Herrn Pfarrer aber einen besonders freundlichen
Gruß. Nun nochmals meine aufrichtigen u besten
Seegenswünsche zu Deinem morgenden Lebensfeste
E. u. DFrFr.