Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 7.12.1845 (Annaburg)


F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 7.12.1845 (Annaburg)
(KN 56,50, Brieforiginal 2 B 8° 7 S.- Aus dem Anfang des Briefs v. 9.12./11.12.1845 an Barop geht hervor, daß beide Briefe zusammen verschickt wurden.)

Annaburg bei Torgau am 7 Decbr 1845.

               Friede und Freude
    Dir l. Barop und Euch allen zum Gruß.

Sehr gern hätte ich durch Dir und Euch schon seit Abgang meines
jüngsten Briefes an Euch wieder Nachricht von mir gegeben;
allein ich wurde von diesem Tage an durch den Zweck meines Hier-
seyns ununterbrochen so in Anspruch genommen, daß ich außer der
Zeit, welche ich nach der Erschöpfung zu meiner Erholung bedurfte
frey nicht über eine Stunde verfügen konnte, und sogar man-
che freundliche Einladung zum Genuß besonders musikalischem
und anderen, welchen die Anstalt bietet, ausschlagen mußte,
die Nachweisung alles dieß im Einzelnen werdet Ihr mir
erlassen. Verflossenen Montag waren wir in Großtreben
einem Pfarrdorfe wo derPrediger Hundertmark ein Pro-
seminarium und ein Seminarium erster Klasse, jedoch als Privat-
unternehmung hat. Leider war gerad Schulvisitation, doch lernte
ich bei dieser Gelegenheit den Superint: von <Prottin> kennen;
zwar einen alten Mann, aber doch immer einen Mann durch wel-
chen sich die Idee pro oder contra weiter fortpflanzet und mein
lieber, treuer Begleiter d[er] He. Prediger Wöpke, weiß immer die
Menschen sogleich beim rechten Ende anzufassen und sie sogleich
in die Mitte des Ganzen einzuführen, so auch hier, und so war also
dieser Besuch nicht ohne Zweck. Da Regenwetter eintrat war der
Prediger so gütig uns zurückfahren zu lassen; wie denn auch für
die nächste Woche ein Tag zur weitern Mittheilung fest gesetzt
wurde.- So der Montag. Am Dienstag hatte Herr Pred. W. die Lehrer des Institutes
Nachmittags zu einer Tasse Kaffee rc zu sich gebeten.
Um 3½ Uhr (denke Dir) begannen schon die Mittheilungen und in
Mitternacht 12½ Uhr wurden sie, nach kleinen Unterbrechungen /
[1R]
welche der Magen und die Forderungen unseres sorgsamen
Wirthes machten, erst geschlossen. Der Anwesenden waren
7 (einige Lehrer fehlten, dagegen waren einige andere Ange-
stellte dabei gegenwärtig[)]. Die Idee gewann einen herrlichen
Sieg welcher sich in vielfach frohem Herzenserguß und in
sich darauf gründenden Plänen Gedanke und Ausführung auch
hier heimisch zu machen aussprachen.
Auf Einladung des hiesigen Ortsprediger Dr Seyler wurde
hierauf Mittwochs Mittags nach dem naheliegenden Städtchen
Schweinitz zu einer Lehrerconverenz der Umgegend gefahren
um auch hier Mittheilu[n]gen zu machen.
28 Personen theils Lehrer, theils Prediger waren gegenwärtig
nachdem ich meinen kleinen Apparat aufgestellt hatte begannen
die Mittheilungen; sie begannen nach 3 Uhr und dauerten bis gegen 7 
Uhr. Manh Manche Lehrer hatten nun noch 4 Stunden nach Hause zu gehen,
- da ohngeachtet der anhaltenden Mittheilung noch Manches zu
erörtern blieb wurde zunächst eine Fortsetzung der Mitthei[-]
lung auf folgenden Sonnabend in Annaburg von 2 Uhr an
festgesetzt. Alle Anwesenden worunter sehr viel liebe junge
feurige junge Männer, so zum B. mein Wirth der Tertius
Günther waren voll freudigen Dankes wegen des Empfangnen.
Auf der Rückfahrt wo mich besonders der Dr Seyler der
Prediger des Ortes begleitete, wurde fest gesetzt, daß ich
schon morgen Donnerstags einer Einladung der hiesigen
Harmonie Gesellschaft (d.h. einer Gesellschaft aller achtbaren
OrtsEinwohner und ihrer Frauen[)] folgen möchte und einen Vor[-]
trag über die Kinderspiele in dem Gesellschaftslocale
halten möchte.
Von 3 Uhr Nachmittags an, wo der Saal geheitzt wurde
ordnete ich alles auf das Angemessenste.- Um 7½ Uhr /
[2]
begann der Vortrag nachdem ohngefähr 100 Menschen
Männer Frauen, Väter u GroßVäter, Mütter u Großmütter
Jungfrauen, Jünglinge, eingetreten waren. Mit einer wirk[-]
lich gespannten Aufmerksamkeit folgte man dem Vortrag
bis gegen 10 als ich dann durch Vorzeigung ins Einzelne ü-
bergieng und ich aussprach daß die Uhr mir sage es
sey schon 10½ so erwiederte man mir; ja wenn sie
uns nicht sagen daß wir gehen sollen, so bleiben wir um
sie ohne Unterbrechung zu hören.- So verließen viele erst mit
mir den Saal wo ich alles ununterbrochen untereinander zurück ließ indem
man mir zu dessen Sicherung den Schlüssel des Saales eingehän-
digt hatte.- Zum Schluße noch bekam ich mit Herr[n] Pred. W.
eine Einladung für nächsten Montag Abend zu dem Ortspre-
diger dem oftgenannten Dr Seyler.- Die Gedanken auch
hier eine Kinderpflegeanstalt auszuführen und deßhalb eine
Person von mir in Keilhau ausbilden zu lassen rc, rc wurde
jetzt viel u mannichfach besprochen; auch hatte man mir schon
die Bekanntkanntschaft [sc.: Bekanntschaft] einer lieben Jungfrau, der [sc.: des] Fräulein
Hesse
zugeführt, welche auch schon an diesem Abend meine
Zuhörerin war. Mit gar manchen lieben u freundlichen
Dankes Worten und Blicken und freudig gefaßten Vorsätzen
welche sich zu einem schönen G Kranz verflochten, wurde erst
wohl nach 11 Uhr der Saal verlassen.
Freit[a]gs Vormittags brachte ich mit Einpacken zu. Nach-
mittags besuchte ich eine liebe Lehrer Familie, deren liebliche[r]
blauäug[ig]er und blondlockiger Kinderkreis den schönsten Kinder[-]
garten bildeten. Leider sieht der Vater bald einer Versetzung
entgegen sonst wäre hier sogleich der schönste Anknüpf[u]ngspunkt
zu den [sc.: dem] lieblichsten Kindergarten gewesen. In dem Eltern[-]
liebe u Sinn, Kinderanmuth, Wohnung, Hofraum, Garten, alles zusammen
stimmt. /
[2R]
Sonnabends Morgens wollte ich Euch schreiben, da trat
bald Besuch zu mir, der mich so in Anspruch nahm, daß
mir kaum Zeit übrig blieb zu dem oben erwähnten
Vortrag für den Nachmittag in einer hiesigen Ortsschule
die nöthigen Vorbereitungen zu machen.
2 Uhr Nachmittags war vorbei und schon trat der Ortspre-
diger Dr Seyler mit 2 seiner bejahrten Schwestern ein
ihm folgten nicht nur Männer u Frauen, Lehrer u Laien,
sondern - der Himmel weiß durch welche Veranlassung [-] auch
eine Zahl von wohl 40 Kindern beider Geschlechter und ver[-]
schiedenen Alters.- Die Mittheilung war schwierig, ich hob
hervor was sich Jeder als ihn besonders ansprechend heraus
nahm, so schien die Mittheilung allen genügend und zu-
letzt wurde ich aufgefordert sogleich mit den zufällig ver[-]
sammelten Kindern einen Versuch mit den Kinderspielen
gemacht [sc.: zu machen]; alles schien zur Zufriedenheit auszufallen ein
junger Schullehrer wurde davon, wie soll ich sagen - ergriffen
daß er mir erklärte, schon Montags oder Dienstags mit
einem kleinen Kreise einen Kindergarten zu beginnen;
ja er war seines Vorsatzes so voll, daß er mich unmittel-
bar wieder bei Her[r]n Pred: W. aufsuchte um mit mir
das desfallsige Weitere zu besprechen. Besonders waren
die Frauen u Mütter glücklich, und bald kam ein Vater
der Apotheker Violett zu mir um mir für die Freundlichkeit
zu danken mit welcher ich seine Familie in die Spiele eingeführt
und besonders seine Kleinen beachtet hatte. Also durchweg
Leben - Liebe - Freude - Dank - Vorsatz - Wille - That -
- Es war schon wieder dunkel geworden. Nur zu Hause an-
gekommen trat außer den [sc.: dem] oben gedachten jungen Lehrer
Utgenannt - der Diaconus von Schweinitz mit einem /
[3]
jungen Candidaten der Theol. ins Zimmer um mich auf Veranlas-
sung der Bürgergesellschaft zu Schweinitz, welche von mei[-]
nen Vorträgen, ihren Geist u Zweck gehört habe, einzuladen
demnächstens doch wieder nach Schweinitz zu kommen und
im großen Saal daselbst einen Vortrag für Jeden welcher An-
theil nehmen wolle, zu halten, indem man bezwecke in
dem von mir angeregten Geiste eine KlKinder anstalt
auszuführen. Es wurde nun der Plan gemacht: nächsten
Mittwoch früh 8 Uhr von hier abzufahren, und um 2 Uhr
Nachmittags den Vortrag zu beginnen und ihn so zu schließen,
daß ich alles wieder einpacken und Abends zur rechten
Zeit wieder in Annaburg seyn kann: Schweinitz liegt 1 Stunde
von hier.- Donnerstag wurde für Großtreben bestimmt
wo ich vielleicht dann noch Freitags u Sonnabends bleibe
um auch dort zwei Vorträge für die Lehrer der Anstalt und
die Seminaristen zu halten. Großtreben ist 2½ Stunde[n] von
hier. Daß von den verschiedenen Orten Wagen gesandt, oder
sie von hier aus besorgt werden versteht sich von selbst.
Dienstag ist zu einem Besuche in Arensnesta (Arensnesta) [sc.: Arnsnesta]
beim dortigen Prediger bestimmt, woran sich wieder Mehreres
anknüpfen soll.- So eben werde ich zum 2n male zum hiesigen
Prediger zu einer Gesellschaft von Freunden eingeladen.
Aber auch heute war ich den ganzen Tag in Anspruch genommen.
Du wunderst Dich daß der bisherige Director der hiesigen An-
stalt der Major von Felgermann zum 1en Adjutanten des Prin-
zen von Preußen und zum Gouverneur von dessen Sohn den
einstigen König von Preußen ernannt worden ist.- Zufällig
kam derselbe vor einigen Tagen hierher um hier Lebewohl zu
sagen rc; - Freunde nannten ihm meinen Namen den er /
[3R]
schon kannte; er äußerte gegen d[en] He. Prediger - in sehr ver-
bindlichen Worten schriftlich den Wunsch in Gesellschaft
seiner Frau einer gebornen von Krausenik heut einen
Vortrag von mir zu hören. Im Zimmer Besuchszimmer
d[es] He. Predigers ordnete ich nun noch gestern Abend spät
alles zusammen und heut nach der Früh Kirche schenkte
er mir in Gesellschaft seiner anmuthvollen vollen Gattin
von 10½ bis 1½ unausgesetzt seine Aufmerksamkeit.
Er sagte mir, daß er die Prinzeß von Preußen auf mei-
ne Bestrebungen aufmerksam machen werde.
Er und sie waren so menschlich eingehend, daß ich mir den
Muth nahm ihm alle über mein Wirken rc ausgegeben[en]
Denkschriften u Blätter - und ihr zur Erinnerung die Mutter[-]
und Koselieder zu überreichen. Sollte mich mein Lebens
Weg auch einmal nach Berlin führen, so hatte ich vorher
Einladung und Erlaubniß erhalten sie besuchen zu dürfen.- Der
Prinz von Preußen soll ohne diesen Major nicht leben
können; er auch mit der Königin durch seine Stellung f viel in Berührung kommen.
- Du siehst lieber guter Barop: "Wie die gütige Vorsehu[n]g
auf wunderbar einfachem Wege der Forderung der
Sache die Bahn brechen will. Nun Gott sey alles
anheim gegeben, er mache mich und uns alle nur immer
mehr treu.- In Wittenbe[r]g war ich noch nicht, aber
schon ist das dortige Seminar auf meine Ankunft vor-
bereitet.- In Halle war ich auch noch nicht aber Theil-
nahme hat mir schon Quartier u Theilnahme auch dort
bereitet[.]- In Dessau konnte ich nicht halt machen. Em-
pfehlende Briefe werden mich auch dorthin begleiten.
Jetzt muß ich eiligst schließen, Morgen ein Mehre- /
[4]
reres und Wichtiges hinsichtlich der Geschäfte indem
hier manche Bestellung[en] erfolgt sind; auch nach Darm[-]
stadt. In dieser Minute werde ich in Gesellschaft
d[es] He[.] Prediger W.- zu einer musikalischen Abend-
unterhaltung in die hiesige Harmoniegesellschaft
eingeladen, so eine Störung nach der andern
und schon hat die Glocke zur Postabgabe geschlagen.
Sende morgen nach Rudolstadt um den 2en
Brief in Empfang nehmen zu lassen es ist mir
wichtig. Dein u Euer FrFr.
Middendorff meine besondere Theilnahme
Denke Dir Barop des Majors von Felchermanns [sc.: Felgermanns]
erste Frage an d[en] He. Prediger Wöpke ist gewesen: -
Ob Eintracht u Einverständniß unter uns herrsche
ob Spaltungen vorgefallen? rc - Man s weiß nicht
wie die Menschen zu solchen Fragen kommen?-
Aber überall Trennung also Einigung aus Grund-
satz zu sehen Einigung t mit Aufopferung das thut
der Zeit Noth, des Bedarf sie.
[4R]
[leer]