Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 9.12./11.12.1845 (Annaburg)


F. an Johannes Arnold Barop in Keilhau v. 9.12./11.12.1845 (Annaburg)
(KN 56,51, Brieforiginal 2 B 8° 6 ½ S. - Aus dem Briefanfang geht hervor, daß dieser Brief zusammen mit dem v. 7.12.1845 an Barop verschickt wurde.)

    Annaburg bei Torgau Dienstags am 9en Decbr 1845.

Des Lebens Verständniß u. Einklang und des in Allem wirkenden
        Gottes Geistes Ein[i]gung Dir u. Euch allen zum Gruß.

Ich wollte Dir, wie ich in meinen letzteren Zeilen aussprach, gestern
schreiben l. Barop, allein die augenblicklichen Forderungen ließen mich
nicht dazu kommen.- Eine Äußerung, welche bei Gelegenheit meiner Vor[-]
führungen an d[en] He. Major von Felgermann u Gema[h]lin, fiel, will ich doch
sogleich nachholen, weil sie in ihrer Erfüllung für die Folge für uns
wichtig werden könnte, will ich doch sogl nachholen indem ich sie im
vorigen Brief vergaß, die vom Pred: W.- welcher Felgermann in
seinen Gesinnungen u. Handeln kennt, dies nemlich, daß es wohl mög[-]
lich seyn könne daß der Major im künftigen Jahre mit dem einstigen
Thronfolger Preußens, Keilhau besuche; denn er mache zum Öfteren
mit dems. Fußreisen, so habe er in diesem Jahre Nordteutschland
und unter andern auch die Wohlthätigkeit Anstalt und d[a]s Erziehungs-
haus Das rauhe Haus in Hamburg besucht. Überhaupt weißt Du,
daß die Erholungsreise der Nordteutschen sich viel nach Süden wenden
und so könnte es wohl seyn, daß auch aus der hiesigen Gegend
Keilhau von mehreren ihm sehr wohlwollenden Personen besucht wür[-]
de z.B. vom Prediger Dr Seyler, Frau und Schwestern, welche viel
reisen auch schon in Schwarzburg rc waren und so den Saamen des
Guten weit verbreiten, ebenso auch der Musikdirector der hiesigen
Anstalt Herr Herrling, welcher viel Gutes von der rudolst: Capelle
vernommen, und dieselbe gern einmal hören möchte.- Genug es regt
sich hier das lebhafteste Interesse, was sich aber nicht nur in Worten
gefällt, sondern sogleich nach Möglichkeit zur That zu werden strebt.
Dieses Lebens Agens ist besonders das stille unermüdliche alles ruhig
überschauende und ordnende Wirken des Pred. W.- Was eines
Mannes Wille ausführen kann, zeigt wieder die Thätigkeit dieses. /
[1R]
Als ich am Sonntag Abend in die Gesellschaft trat, wozu ich wie ich Dir
im Vorigen schrieb eingeladen war, kam mir Dr Seyler sogleich mit
den Worten entgegen: "Wir haben schon ein Plänchen zum Beginn eines
Kindergartens hier und wünschen, daß es durch ihre Mitwirkung ein Plan
und Wirklichkeit werde, morgen darüber mehr." In der ganzen Gesell-
schaft sprach sich nun eine einfach warme Theilnahme an dem Gegenstande
aus, welche sich auch besonders dadurch kund that, daß man mir durch ver[-]
schiedene musikalische Productionen der Gesellschaftsglieder Freude zu ma-
chen suchte. So sang z.B[.] der kl. Sohn des Mus: Dir. ein liebliches Schweizer Liedchen.
- Bestimmter und unmittelbar auf das Festhalten und die Pflege der Sache
gehend sprach sich jedoch die Theilnahme gestern in der Abendgesellschaft
bei d[em] He. Dr Seyler aus, wo alle Lehrer des Fleckens und viele aus dem
Institute gegenwärtig waren. Die ganze Lehrergesellschaft mit unserm
Wirthe d[em] He. Dr Seyler wurden Kinder und wir spielten so gleich
mehrere der Kinderspiele durch, und suchten uns so die Wirkung
deutlich zu machen, welche sie in dem Kindesgemüth u Kindesleben her-
vorbringen, zuforderst Heiterkeit u Frohsinn was denn auch das
nächste Ergebniß davon in dem spielenden Männerkreise war.- Daß
jetzt keine Gesellschaft ohne Toast vorbeigehen darf ist an der Tages-
ordnung und so sind auch hier der Sache und ihrem Träger deren
mehrere gebracht worden; der schönste jedoch war der welchen Dr 
Seyler bei dieser Gelegenheit ausbrachte:
Dem Mann, der Mütter lehret sinnig kosen,
In Spielen und in Liedern str duft'ge Rosen.
Den Menschen auf die ersten Pfade streut.
Den Mann von reinster Liebe ganz erfüllet,
In Kindlichkeit wie in ein Kleid gehüllet,
Den Mann - freut Euch - den haben wir nun heut!
[2]
Wir möchten gern ihn dauernd hier umfassen /
Und müssen doch ihn weiter ziehen lassen,
Viel tausend Händchen greifen nach ihm noch.
Manch' Mutterauge wird ihn dankbar segnen,
Manch' Kindesblick lustblitzend ihm begegnen;
Ruft ihm mit mir ein schallend Lebehoch!-
Ich erlaubte mir Dir und Euch dies mitzutheilen, weil Du und
Ihr doch gern auch wissen möget ob durch meine mit so gar
manchen Opfern erkämpfte Reise auch ein Saamenkörnchen
werde ausgestreuet werden was keimen, Wurzel fassen,
Blüthen und Früchte bringen wird. Und solche Äußerungen sprechen
doch diese Hoffnung am bestimmtesten, wenigstens lebenvollsten aus.
- Doch es sollte nicht beim blosen Worte bleiben; der Lehrer
Utgenannt hatte dem Dr S. erklärt daß er bereit sey nebste sei[-]
nen Amtsgeschäften sogleich einen Versuch mit der Ausführung
eines Kindergartens zu machen. Dieß war nun das Plänchen
von welchem Dr S. am Sonntag sprach und welches ich mit zu einem
Plan erheben wollte. Der Herr Dr S. zeigte mir nun beim Weggehe[n]
eine sehr geräumige Stube, ebener Erde, die er zunächst zur Spiel[-]
stube einräumen wolle, und so wurde denn bestimmt sogleich
morgen, also heute damit zu beginnen. In diesem Augenblick
nun, tritt ein zweiter junger Lehrer Herr Will in meine
Stube mit welchem ich einige Spielliedchen durchgehen will
indem er geneigt ist Herrn Utgenannt u den Herrn Dr Seyler
nicht nur heut Nachmittags, sondern wenn es ihm sonst die
Zeit erlaubt in und bei dem kleinen Versuche zu unterstützen.

Donnerstags am 11' Dez. Diese Zeilen wollte ich bestimmt am Dienstag
Abend abschicken und jetzt schreibe ich noch daran, weil ich von dem
Fortgange und der Fortentwickelung der Sache so mit fortgerissen
wurde, daß ich bis jetzt gar nicht über meine Zeit gebieten konnte. /
[2R]
Dienstags Nachmittags um 2 Uhr fand also, wie bestimmt, die erste
Zusammenkunft der Kinder statt, es mochten davon 20 und einige
seyn. Väter u Mütter waren mit Kindern gekommen. Wir spiel[-]
ten eigentlich mit kleinen Unterbrechungen 3 volle Stunden., so
daß es gegen 5 war als ich Seylers verließ. Alles gieng gut, die
Kinder waren glücklich und es freute mich, daß man als es zu
Ende war sagte: - "Die Kinder sind gar nicht müde, die spielten
wohl noch länger fort." Bei den kleineren Spielgenossen fanden
besonders noch andere schöne Erscheinungen statt, welche für die Sache
auf das Klarste sprachen und so wurde denn sogleich für heute
Donnerstags von 3 Uhr an eine Wiederholung bestimmt und weil
voraus zu sehen war, daß ich dabei nicht gegenwärtig seyn kann,
so wurde sogleich bestimmt die heut bisher gespielten Spiele zu
wiederholen.-
Als ich N nach hause kam fiel mir zu meinem Schrecken ein, daß ich
die zur bei der Vorführung des Gegenstandes an den Major von
Felgermann aufgestellten und ausgekramten Sachen noch nicht
wieder zur Vorführung in Schweinitz, für gestern Mittwochs
eingepackt hatte; da es nun früh vor 8 Uhr schon fortgehen sollte
so mußte ich das Schreiben unterlassen und mich nur beeilen
ein zu packen, weil sich leider dabei noch andere Abhaltung fand.-
Gestern Mittwochs war ich also in Schweinitz, der dortige Diaconus
Herr Zscheige ist ein für die Sache sehr erregter junger Mann, er
hat sich sämtliche Spiele angeeignet und will, da er selbst Kinder
von dem entsprechenden Alter hat mit diesen zuerst beginnen.
Beim Vortrage waren besonders f viel Jungfrauen aus der
Stadt gegenwärtig welche lebensvollen Antheil an demselben
nahmen. Leider hat Magistrats- u einige andere Personen
Abhaltung. Ob ein u welches Ergebniß [zustande kommt,] wird die Zukunft lehren. /
[3]
Es war Abends sehr spät als ich nach Hause kam, denn das Auf-
stellen und Anordnen besonders des großen Kastens u sein Ein[-]
packen nimmt immer sehr viel Zeit weg, und doch thut die unmit-
telbare Anschauung des innern Zusammenhanges und der Ent-
wickelung die Hauptsache. (:In Schweinitz zeigte sogl. eine Jungfrau
Lust sich zur Kinderpflegerin aus zu bilden, hätten es nur die Eltern
gestatten wollen[.]:)- Den späten Abend bis Mitternacht
mußte ich meinem Wirthe schenken um vom Fortgang des
Ganzen Rechenschaft zu geben, so beschloß die größte Erschöpfung den
gestrigen Tag, daß ich mich nur mit Mühe u spät heut wieder
erholen konnte, und schon ist dieser Nachmittag (nach meinem
etwas abgeänderten Plane[)] zu einem Besuche in Arensnesta
bestimmt.- Morgen (Freitags und Sonnabends) soll ich nach
Großtreben ins Seminar abgeholt werden, so treibt ein Tag
den anderen.- Doch nun Beantwortung der jüngsten Briefe[:]
1., Frau Langgut[h] aus Hildburghausen habe ich geschrieben, daß ich
ganz bestimmt den 2n oder 3 Jan: den Cursus beginnen werde, da
sie nun schon die Festkleider der Tochter geschickt zu haben scheint,
und da ich auch glaube, daß es für das Mädchen gut ist wenn
sie die Christfeyer auch den Ernst des Neujahrsfestes mit in Keilhau
begeht, so habe ich ihr geschrieben, daß sie ihre Tochter auch kurz
vor Weihnachten wenn sie es wünsche nach Keilhau abgehen
lassen könne. Dieß damit Du und die Luise F. nicht überrascht werd[et].
2., Ida Seele in Darmstadt wünscht für eine Dame einen Spielkästchen
5e (fünfte) Gabe nebst Lithographien. Herr Schwarzkopf
möchte es doch so schnell als möglich durch die Post besorgen
weil es noch eine Weihnachtsgabe werden soll. Vielleicht wäre
das Postporto verhältnißmäßig etwas gemäßigter wenn
er zwei Exemplare sendete (das 2e zur Verfügung: auch packen
sich dann wohl die Lithographien leichter.[)]- /
[3R]
3. Ich habe bisher immer einen Brief von De la Porte in Salz-
z ungen erwartet; er ist wohl angekommen? Du hast ihn aber
wohl zurück behalten weil Du nicht wußtest wo er mich
treffen würde. Nun nachdem ich von Ida Seele Nachricht be-
kommen kann er auch liegen bleiben bis ich zurück kehre.-
Herr Schwarzkopf soll auf den Fall, daß der Brief von De la
Porte
angekommen demselben nur mit zwei Worten melden:
daß ich verreist und bald nach meiner Rückkehr antworten
würde.
4. Ebenso muß der Brief von Kommer liegen bleiben.
5., Da ich jedenfalls von hier nach Wittenberg gehe, so würde
es mich gar sehr freuen dort einen Brief bey Prof. Lom-
matsch
zu finden. Ich denke nächsten Donnerstag früh von
hier nach Wittenberg und über Dessau und Schönebeck nach
Magdeburg und von da über Que[t]z (Kantor Eisfeld)
und Ostrau (Veltheim ist ein Freund von Pastor W.) nach
Halle zu reisen, wenn anders Geld u Zeit langt.
6. Vergiß doch ja nicht dem Herrn Hamel zu sagen, daß er das
bekannte Liedchen an Herrn Prediger W. sende; dieser hat damit
ein Plänchen zur Freude seiner Knaben auf Weihnachten; er soll
es ihm doch ja nicht zu Wasser machen.- Wahrlich in der jetzigen
Zeit kann man nicht genug freundlich persönliche Bekanntschaften
haben; sie nicht zu pflegen ist jetzt die größte Unvorsichtigkeit
sage und zeige dieß doch Hameln. Könnte das Liedchen sogleich
mit eingen Zeilen abgehen so würde es mich sehr freuen.
7. Sage Herrn Schwarzkopf er solle sogleich
1 Duzzend Farbenfolgen von 6 Bällen
3 Dzzd 3e Spielg[ab]e und 2 Dzzd 2' Spielgabe bereit machen
3 Dzzd 4' Spielgabe um solche mit schnellster Gelegenheit
und den billigsten Preisbestimmungen hierher zu senden, weil /
[4]
sich hier ein großer Absatz vorbereiten kann indem
hier mehrere Kindergärten in Anregung sind.
Dieß war das Wichtige dessen ich im vorigen Briefe er-
wähnte und weßhalb ich wünschte daß dieser Brief
schon in Euren Händen sey. Bitte also ja Schwarzkopf
sorgsame Notiz zu nehmen.
Gott gebe daß dieser Brief Middendorff gesund trifft[.]
Wenn sogleich ein Paar Zeilen von Dir abgingen, so
könnten mich solche wohl noch hier treffen.
An alle besonders an d[en] He. Pfarrer, dieß bitte ich
ja nicht zu vergessen, die herzlichsten Grüße, so wie an
Deine Frau u Kinder und das g[an]ze untere Haus
D. u. E[.] FrFr
[4R]
[leer]