Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Karl Hagen in Heidelberg v.20.12.1845 (Dessau)


F. an Karl Hagen in Heidelberg v.20.12.1845 (Dessau)
(Autograph nicht überliefert, ed. Hermann Hagen 1882, Nachdruck Hoffmann 1948, 22-25, Seitenangaben nach Hoffmann)

Dessau, am 20sten Dezember 1845.

        Hochgeschätzter, lieber Herr Doktor und Professor !

Obgleich ich eben jetzt auf einer, jedoch bald wieder beendigten
Missionsreise, wie im vorigen Jahr am Rheine, Neckar und Main, so jetzt an
der Elbe, Saale und Elster begriffen bin, so soll mir dies doch nicht das Jahr /
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verschwinden lassen, ohne Ihnen, mein teurer Herr Doktor, meinen
herzlichen und warmen Dank für Ihre dem Gegenstand meines Herzens
bewiesene, so förderliche Teilnahme und Pflege auszusprechen , welche
mir das nun bald verflossene Jahr in einer so schönen, reifen Frucht ge-
bracht, die mir und dem Ziele meines Strebens so große Teilnahme, be-
sonders der Denkenden, gewonnen hat, und eben ganz besonders auf
meiner jetzigen Reise, deren Ziel und Mittelpunkt Annaburg bei
Torgau , eine königlich preußische Militär-Waisen-Erziehungsanstalt,
durch die Teilnahme von dem Prediger und Schulinspektor derselben,
Herrn Wöpke , gewesen ist, Dieser, im verflossenen Sommer mich in
Keilhau besuchend, lud mich ein, ihm zur Förderung der für uns bald
gemeinsamen Sache einen Gegenbesuch in diesem Herbste zu machen.
Mehrfache Ergebnisse dieser Reise und meines Aufenthaltes in Annaburg
habe ich unsern Leonhardi gebeten, Ihnen mitzuteilen, indem ich
mich diesem ausführlich darüber ausgesprochen habe: hier nur die Er-
wähnung eines, zu dessen Förderung und Entwickelung ich mir jedoch
Ihre gütige Mitwirkung zugleich ausbitten muß.
Unerwartet hatte ich Gelegenheit, dem Gouverneur des künftigen
Thronfolgers in Preußen, des Sohnes des Prinzen von Preußen, in Anna-
burg die Idee und die Mittel der von mir angebahnten frühesten Kinder-
führungsweise vorzuführen, nämlich dem Major von Felgermann
und Gemahlin. Sie wurden beide ganz warm für die Sache, und der
Herr Major versprach, am preußischen Hofe für dieselbe zu wirken.
Herr Wöpke nun, welcher, wie Sie und unser Leonhardi, ein treuer
Förderer der Sache ist, wird nun zunächst Ihren Aufsatz in den konstitu-
tionellen Jahrbuchern, von welchem er, Wöpke, wegen seiner gesamten
Auffassung und klaren Durchführung anerkennend freudig ganz durch-
drungen ist, Herrn Major von Felgermann zur Kenntnis zu bringen
suchen, Allein Herr Wöpke sieht sich zur Förderung der Sache in
Preußen auch veranlaßt, gleich mit Beginne des nächsten Jahres einen
Bericht und eine Darlegung der Sache bei seiner Behörde einzusenden,
welche jedoch sehr bald durch die verschieden Instanzen hindurch bis
zum Ministerium kommt. Dieser Bericht und diese Darstellung fordert
jedoch eine etwas andere Fassung, nicht dem Wesen, Ziele und Zwecke,
sondern der Form nach. Um jedoch diesem Berichte und dieser Dar-
legung auch die gleiche Gründlichkeit und historische Wahrheit zu /
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geben, hat mich nun Herr Prediger Wöpke gebeten, ihm so schnell als
nur immer möglich die Materialien zu verschaffen, welche Sie mir ge-
statteten, Ihnen bei meiner Abreise von Heidelberg im vorigen Jahre als
Unterlage zu Ihrer später dann so trefflichen als wirksamen Darstellung
zurückzulassen. Da ich natürlich aussprechen mußte, daß solche noch in
Ihrer Hand seien, so hat er mich ersucht, Sie doch ganz ergebenst zu
bitten, ihm die bezeichneten Materialien doch gütigst so bald als nur
immer möglich und, wenn es angeht, mit nächster Post unfrankiert und
auf seine Kosten, mit Angabe eines entsprechenden Geldwertes als Manu-
skripte und Drucksachen gegen Empfang- oder Postschein zuzuschicken.
Da nun die Sache auf dem Grunde, welchen Ihre Teilnahme gelegt hat,
weiter und wo möglich zu einem letzten, entsprechenden Ziele gefördert
werden soll, so hoffe ich, Sie werden Herrn Wöpkes und meine
freundschaftlich ergebene Bitte nicht nur nicht übel deuten, sondern
gewiß auch gütigst erfüllen. Die Aufschrift ist: „Herrn Wöpke,
Prediger und Schulinspektor an der königl. preuß. Militär- Waisen-
Erziehungsanstalt in Annaburg bei Torgau in der preußischen Provinz
Sachsen".
Außer mehreren einzelnen Aufsätzen im Allgemeinen Anzeiger der
Deutschen. in der Dorfzeitung usw. über meine erziehenden Bestrebungen
und besonders über die Erziehungsvereine, wovon ich vielleicht noch
einige Nummern nachher besonders bezeichne, ist mir vor allem ein
Schriftchen höchst wichtig, welches mir ganz zufällig erst in diesen
Tagen bekannt wurde. Es führt den Titel: „Christliche Kindergärten,
die eigentlichen Primarschulen der christlichen Republik" von Rudolf
Stooss ,
deutscher Pfarrer des Münstertals, zu Roche. Bern 1845, ge-
druckt bei Chr. Fischer, 42 S. in 8°.
Ich bitte Sie gar sehr, - es wird Sie gewiß nicht reuen, einen so be-
geisterten Mitkämpfer kennen zu lernen - sich das Büchlein zu ver-
schaffen; es sucht nicht nur für die Sache zu erwärmen, sondern auch
sogleich die bestimmtesten Mittel nachzuweisen, wodurch Ziel und Zweck
mit Bestimmtheit erreicht werden können. Macht das Büchlein den
gleichen Eindruck auf Sie wie auf mich. so suchen Sie durch die Ihnen
zu Gebote stehenden Wege und Mittel die Kenntnis der kleinen Bro-
schüre und deren Verbreitung nach Möglichkeit zu bewirken. Ich glaube,
daß dadurch das Werk ganz wesentlich gefördert werden wird. Sollten /
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Sie nicht in Weils konstitutionellen Jahrbüchern oder in Ihren Zeit-
fragen auf die Broschüre hinweisen können? Sie ruht ja auf politischer,
und wenn auch republikanischer Grundlage: diese zu beachten, ist
ja auch für die konstitutionellen Staaten wichtig. Ich bin sehr begierig,
Ihr ruhiges, bestimmtes Urteil nicht bloß über das Schriftchen selbst,
sondern auch über dessen Wirksamkeit zu hören. Wollten Sie es mit
einigen Zeilen tun, so würde ich sehr dankbar sein.
Sollte es möglich gewesen sein, meinen früheren Wunsch zu erfüllen,
daß von dem Abdruck Ihres Aufsatzes über National-Erziehung mehrere
besondere Abzüge gemacht worden wären, so würde ich mich gar sehr
freuen und herzlich dankbar sein, wenn Sie einen derselben an den Herrn
Prediger Wöpke mit beilegen wollten.
Auf meiner Reise, wie überhaupt durch mein Wirken bin ich gar sehr
oft an Ihre lieben beiden Kinder erinnert worden, so daß ich mich wirk-
lich nach denselben sehne; ich glaube, wenn die Erfurt-Frankfurter
Eisenbahn fertig wäre, ich könnte dadurch bestimmt werden, eine Flug-
reise zu Ihnen zu machen. Grüßen Sie mir die lieben herzigen Kinder.
Nochmals wiederhole ich, daß ich hoffe, Herr von Leonhardi
werde Ihnen weitere Kunde von meinem Leben geben.
Gott führe Sie in Friede und Freude mit all den Lieben Ihres Herzens
aus dem alten und zu Friede und Freude in das neue Jahr ein; dies der
herzlichste Wunsch Ihres dankbar ergebenen
Friedrich Fröbel.