Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Leonhard Woepcke in Annaburg v. 22.12.1845 (Wittenberg)


F. an Leonhard Woepcke in Annaburg v. 22.12.1845 (Wittenberg)
(Autograph nicht erhalten, ed. Jänicke 1880, 98-99. In Edition gesperrte Passagen werden hier unterstrichen wiedergegeben. - Die Relation dieses Briefs zu dem am selben Tag in Schönebeck an die Keilhauer geschriebenen Brief ist schwierig. Laut dem anderen Brief v. 22.12.1845 ist F. am Morgen aus Dessau abgereist. Da F. zwischen 14.00 h und 15.00 h in Schönebeck einen Termin hat, schreibt er den Brief an die Keilhauer spätestens in der Mittagszeit. Am nächsten Morgen will er nach Magdeburg fahren. Dies muß nicht zwingend realisiert worden sein, jedenfalls ist er am 26.12. in Magdeburg. Aufgrund der Reiserichtung bleibt aber für die Abfassung des Briefs an Woepcke in Wittenberg nur der Vormittag bei einer Zwischenstation.)

    Wittenberg, den 22. Dezember 1845.
Hochgeehrtester und theuerster Herr und Freund!

Mit dem innigsten, tiefwurzelnden Danke für die so vielfach aufopfernd hingegebene Pflege, welche Sie dem Gedanken der Lebenserneuung der Menschheit und Christenheit durch entsprechende Beachtung und Behandlung der Kindheit gebracht haben, ergreife ich die Feder, um Ihnen eine kleine Notiz eiligst mitzuteilen, welche ich aber lieber als eine Sendung vom Himmel betrachten möchte, die mir gerade in diesem Augenblicke gekommen ist; es ist dies der einfache Titel eines noch einfacheren kleinen Schriftchens, mit welchem mich Herr Prediger M. bekannt machte. Sie führt den Haupttitel:
"Christliche Kindergärten" als die eigentlichen Primarschulen der christlichen Republik, von Rudolph Stroß [sc.: Stooß], deutscher Pfarrer des Münsterthals zu Roche. Bern 1845. 42 Seiten.
Diesem Haupttitel zur Seite steht ein zweiter, welcher den Beisatz enthält: "Versuch einer Beantwortung der Fragen aus dem Fache der Volksbildung, welche die schweizerische gemeinnützige Gesellschaft für das Jahr 1845 ausgeschrieben."
In diesem Schriftchen werden Sie Alles finden, was Sie in diesem Augenblick zur Förderung Ihres Vorsatzes und zur Erreichung des sich erkorenen Zieles und Zweckes und zur Aufführung des neuen Erziehungs-Baues bedürfen: Axt und Säge, Beil und Hobel, Zange und Hammer, Plan und Grundriß. Nur ein paar Worte aus dem Vorbericht mögen Ihnen dies Gesagte bestätigen. Indem der Verfasser die Feder ergreift, den eben angegebenen bescheidenen Versuch zu machen, kann er nicht umhin, vor allem der verehrten Direction der schweizerischen gemeinnützigen Gesellschaft Glück zu wünschen, daß sie einen Gegenstand von der allergrößten Wichtigkeit, welcher zugleich in das Fach des Armenwesens tief einschlägt und daher auch von dieser Seite die sorgfältigste /
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Erwägung und Prüfung verdient, zur Sprache gebracht. Tief in seinem Herzen überzeugt, daß unsere Civilisation mit der allgemeinen Einführung "der Kindergärten" eine neue Epoche beginnt, wagt er es, die Hoffnung auszusprechen, die schweizerische gemeinnützige Gesellschaft werde sich von dem Gegenstand nicht trennen, bis die Wichtigkeit desselben alle Theile des heißgeliebten Vaterlandes so durchdrungen, wie die überaus ernsten Zeichen und Mahnungen der Zeit es erfordern. Wenn je, so finde hier der Ruf allgemeine Anwendung: "Pfleget und bauet, bauet das Vaterland! Säemann, säe früh den Samen! Baumeister, lege den rechten Grund deines Gebäudes tief!" das gilt besonders in der vorliegenden Frage.
Genug, Sie finden in diesem Schriftchen Alles, was Sie wünschen und von einem mir und Ihnen gleich ganz Unbekannten und aus und in einem fremden Lande und für ein sogenanntes freies Land ausgesprochen. Es ist die unparteilichste und kräftigste Stimme des begeisterten Mitarbeiters, welchen Sie sich, welchen wir uns nur immer wünschen können. Sie brauchen nun unter das Schriftchen nur zu schreiben: "Ja, so ist es, ich habe es selbst so empfunden, ich habe es selbst so an Kindern gesehen und selber an der erwachsenen Jugend - gehet nun hin und führet so bald aus, als Ihr könnt, was hier vorgeschlagen ist." Verschreiben Sie sich wenigstens sogleich ½ Dutzend dieser Schriftchen, Sie können keinen trefflicheren, siegesgewissen Kampfgenossen und Mitgärtner sich zugesellen, als dieses Schriftchen; Sie werden sich gewiß bald ein zweites ½ Dutzend oder vielleicht gar ein Dutzend kommen lassen, und zur raschen, als gründlichen und ausdauernden Förderung der Sache in N. und der ganzen Umgegend ist jetzt nichts geeigneter, als diese Schrift, es ist wie ein Himmelsgeschenk gerade zur rechten Zeit, am rechten Ort und zum richtigsten, besten Gebrauch der rechten Männer. Kein schöner Neujahrsgeschenk für alle, welche Sie für die heiligste Sache der Menschheit beleben wollen, als dieses Schriftchen.
Stets dankbar der Ihrige

Friedrich Fröbel.