Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Leonhard Woepcke in Annaburg v. 29.12.1845 (Halle/S.)


F. an Leonhard Woepcke in Annaburg v. 29.12.1845 (Halle/S.)
(Autograph nicht erhalten, ed. Jänicke 1880, 99-103. In Edition gesperrte Passagen sind hier unterstrichen, so wohl auch im Orig.; in Edition in Antiqua gesetzte Passagen hier kursiv. - Edition kürzt tw. fälschlich Personen- und Ortsnamen ab, z.B. N. = A[nnaburg], v.E. = v. F[elgermann].)

Halle, den 29. Dezember 1845.

     Hochgeschätzter, lieber Herr Prediger!

Ob es gleich erst nur acht Tage sind, daß ich Ihr liebes Schloß, den freundlichen Mittelpunkt eines vielseitig gesegneten Wirkens verlassen habe, so hat mir diese kurze Zeit in einem Reichthum von Erfahrungen doch wieder mehrseitig die Überzeugung gebracht, daß der durch Ihre gütigförderliche Theilnahme betretene Weg und sich darauf gründende Fortentwickelungsplan zur Verallgemeinerung einer entsprechenden und gedeihlichen Kinder- und Kindheitführungsweise der richtige und zum Ziele führende ist; daß er darum nun aber auch, wie mit aller Ruhe und ungestörter Stetigkeit, so mit regster Kraft und mit stillem, festen, ungeschwächten Gottvertrauen verfolgt werden muß; denn es ist ein sich durchweg bewährendes schönes, darf ich wohl sagen: unzweideutiges Zeichen, daß sich der Gegenstand sowohl der lebensvollen Theilnahme der gemüthvoll Erfahrenen, als der zugleich geistig Durchgebildetsten erfreut; er thut sich Jedermann als ein zwar selbständig in sich selbst ruhender, aber das große Lebensganze in Allseitigkeit - Leben, Wissenschaft und Religion, Individualität und Universalität, Person und Gemeinwesen - pflegend entwickelnder Gegenstand dar. Es ist, wie wenn überall Geist, Gemüth und Lebenserfahrung zu dessen Bekanntwerden - darf ich wohl sagen Verkündigung? - /
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vorbereitet waren; darum ist denn auch die allergrößte Sorgfalt darauf zu wenden, daß der Gegenstand jetzt sowohl zur Kenntnis des Einzelnen, der Person, wie zur Kenntnis des Allgemeinen, des Publikums, komme; es scheint hinlänglich, beiden zu zeigen, daß der Gegenstand die Kindheit und das Kind als ein in sich selbst ruhendes Ganze, sowie die unzerstückte Gesammtheit aller Lebensbeziehungen pflegend entwickelnd und einführend bewußtmachend erfasse. Ihre ganze Stellung und Wirksamkeit ist dazu, theuerer Herr Prediger, eine selten günstige; lassen Sie uns dies ja recht klar erkennen und dem Erkannten getreu den und die Wege verfolgen. Nach drei Richtungen hin muß die Thätigkeit sich wenden; diese drei Richtungen müssen in ihrer gleichmäßigen Entwickelung einen Kreis, d.h. eine Kreisfläche, oder wenn Sie lieber wollen, einen Kugelraum beschreiben und bestimmen; es ist dies die Richtung auf die Person und Individualität, den Einzelnen; die Richtung auf die Gemeinsamkeit und Allgemeinheit, auf das Publikum - und die Richtung auf die Sache, die Kindheit, die Ausführung. Ich darf Ihnen dies so unumwunden aussprechen, da Sie es ja selbst waren, welcher mir diese drei Richtungen als die von Ihnen selbst als notwendig zu betreten, nicht nur ausgesprochen, sondern in Hinsicht auf die wirkliche Ausführung schon bezeichnet haben, z.B. als Mittheilung nach B. [sc.: Berlin] an v. E. [sc. v.Felgermann] - als Mittheilung in einer Abhandlung an die Behörde u.s.w. (diese auch als Person betrachtet) - als Mittheilung an das Publikum, d.h. an irgend ein besonderes der Provinz zugängliches Zeitungs- oder Tagesblatt - und endlich als Wirken für Ausführung von Kindergärten selbst, z.B. in N.[sc.: Annaburg], S. <[sc.: Schweinitz od. Schönebeck]>, T. <[sc.: Großtreben]> u.s.w.
Sie verzeihen mir, hochgeschätzter Herr und Freund, daß ich mir selbst, indem ich Ihnen dies ausspreche, das Ganze im Zusammenhange vorführe, um mir selbst zu sagen, was so Hochwichtiges in der Pflege von N. [sc.: Annaburg] und Ihrer eingehend förderlichen Theilnahme obliegt; Ihnen aber dadurch auch zugleich die Versicherung, ja Gewißheit zu geben, daß ich alles thun werde, um dieser Pflege und Beachtung entgegen zu kommen und sie zu erfüllen. So wie jetzt die Dinge vor mir liegen, so muß nothwendig die Provinz der Mittelpunkt zur Darreichung dessen, was das deutsche Gemüth, der deutsche Geist und das deutsche Leben jetzt bedarf - durch richtige Erfassung und Pflege der Kindheit und Jugend, kurz durch richtige Erfassung und Pflege des aufkeimenden Geschlechtes werden. Nach einem Naturgesetz der Kulturverbreitung ging diese den Flüssen nach, wie sie von den Höhen sich ins Thal senken. So scheint auch hier sich dieser Gang zu bestätigen, früher in Dresden, nun in N.[sc.: Annaburg], dann nach Magdeburg und Halle und vielleicht, wie Sie ja selbst für künftiges Jahr eine solche Möglichkeit, einen solchen Plan andeuteten, nach Hamburg hin. So wäre dann auch die Natur mit uns im Bunde, wie uns ja dies Schiller so schön verheißt.
Hier in Halle habe ich durch die Güte des Herrn Dr. S. [Seyler] einen trefflich und lebensvoll eingehenden Mann in dem Herrn Domprediger Neuhaus gefunden. Er faßte die Sache schnell nach wenigen, nicht einmal an Sachanschauung geknüpften Mittheilungen, sowohl in ihrer Einheit und Tiefe, wie in ihrem Umfang und wie er es selbst bezeichnete: Allerfassenheit oder Allerfassung auf. Ich wünschte wohl, daß Sie sich gegenseitig in Beziehung auf die Pflege dieser hochwichtigen Angelegenheit näher kämen, sich wie im Geiste einig, so auch in der That und Ausführung einigten; sie würden gegenseitig ganz vortreffliche, nicht nur Mit-, sondern Zusammenarbeiter in einander finden, und Mittheilungen darüber aus seinem, ihm aus früherer Zeit noch sehr lieben N. würden ihn sehr erfreulich sein. Er deutete mir nur flüchtig an, /
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daß er zugleich Leiter und Vorsteher einer höheren Töchterbildungsanstalt ist. Ich hielt dies sogleich fest, ihm sagend, daß es eben höchst wichtig sei, daß die Töchter gebildeter Stände früh mit zweckmäßigen Kinderbeschäftigungen und Spielen bekannt würden, theils, um sie jetzt schon in ihren Familien bei ihren Geschwistern, sowie später selbst als Mütter bei ihren eigenen Kindern in Anwendung zu bringen. Ich sagte ihm, wenn Frl. Anna H. [sc.: Hesse] von mir zurückkehrte und sie dann wieder einige Tage hier wäre, dann solche Spiele vorführen und mittheilen könne. Sie sehen daraus, wie sich ruhig und stetig das Ganze fortentwickelt und nach und nach seine richtige Stellung und Anwendung in der Familie selbst findet. In dieser Hinsicht scheint mir nun eben Halle und die Bekanntschaft des Herrn Domprediger Neuhaus so höchst wichtig, weil, wenn mir Entgegnungen kommen, sie immer darauf hinauslaufen, daß durch Anstalten, wie selbst durch die Kindergärten, die Kinder den Eltern und den Familien entfernt und entfremdet würden, was doch eben - nach dem Gesetze des Gegensatzes - das Entgegengesetzte ist; wer es aber nicht erfahren, ist selten in seinem Denken so stringent, daß er dies a priori einsieht.- Ich bitte also, sagen Sie dem Herrn Fr. [sc.: Dr.] S. [sc.: Seyler] außer meinem hochachtungsvollen Gruße auch meinen schönsten Dank für die liebe Bekanntschaft, welche er mir in Herrn Neuhaus verschafft hat und bitten Sie ihn, möglichst dessen Theilnahme an der guten Sache durch briefliche Mittheilungen von dem Fortgange derselben in N. [sc.: Annaburg] zu pflegen.
Auch in Magdeburg fand ich in einer früheren Bekanntschaft des Herrn Barop Herrn Schul- und Stadtrath Grubitz, einen sehr eingehenden Mann. Er erfaßte die Sache sogleich für praktische Prüfung und sagte mir beim Abschiede, daß er schon drei Mädchen für die Bildungsanstalt in Keilhau in Vorschlag habe und daß er ihnen und ihren Eltern nun die Sache zur Überlegung gegeben habe und daß er hoffe, mir deshalb nach Neujahr bestimmte Nachricht zu geben. Dem sei aber nun, wie ihm wolle, so ist N. [sc.: Annaburg] mit seiner Umgegend als Kleinstadt der guten Sache vor allem festzuhalten, mit dem Wasser, dem Träger so vieles Guten, wird der Sieg davon abwärts fließen und an dessen Ufern sich weitere Keim- und Pflegestätten suchen.
In Leipzig, so hörte ich in Magdeburg, wird sich auch ein Erziehungsverein bilden.- Meinen Brief aus Wittenberg haben Sie doch erhalten?- Es wäre mir sehr unlieb, sollte es nicht der Fall sein! Das darin empfohlene Schriftchen: "Christliche Kindergärten vom Pfarrer Rudolf Stroß [sc.: Stooß] zu Roche (Kanton Bern)" lagert bestimmt in Leipzig. Es liegt mir viel daran, daß es recht bald in Ihre, alles Gute so förderlich verbreitende Hände komme. Ihre und Ihrer Freunde Hand kann das bewirken, was ich oben andeutete. Sollte Herr Pfarrer H. [sc.: <Hildeshagen>] so wie Sie den Gedanken für unmittelbare Ausführung pflegend erfassen und möglichst bald im Verein mit der so menschenfreudlichen und kinderliebenden Familie D. in X. [sc.: <Quetz>]und in Verbindung mit dem Seminar, besonders der Vorbildungsanstalt, einen "Kindergarten", einen echten, ausführen, so bin ich in mir tief überzeugt, das Seminar zu X. [sc.: <Quetz>] würde sich dadurch zu einer Musteranstalt erheben.
In Magdeburg aber habe ich den gütigen Brief an den Herrn Prediger B. nicht abgegeben, ich fürchtete die Sache zwischen zwei Stühle zu setzen.- Auch nach O. [sc.: Ostrau] bin ich leider, leider nicht gekommen, doch sende ich heute den Brief dahin mit der Post ab. Bitte, dies Herrn Dr. S. [sc.. Seyler] zu sagen: daß ich von Dessau aus, wie ich versprochen habe, nach Heidelberg geschrieben, möge /
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Ihnen der Postschein sagen, der, wenn ich ihn nicht verloren habe, hier beiliegen wird.- Durch Fräulein Anna H. [sc.: Hesse] hatte ich einige Nachricht wegen Herrn W.'s [sc.: Will’s] Schwester erwartet; da sie nicht erfolgt, so lese ich darin, daß die Sache noch nicht entschieden ist. Bis gegen das Ende der ersten Hälfte des Januar will ich ihre Ankunft erwarten; denn auch die Überkunft des Dessauer Frauenzimmers war noch unentschieden. Doch beginnt der Kursus bestimmt spätestens am 3. Januar mit den gegenwärtigen Theilnehmerinnen und die noch kommenden müssen nachholen.- Sollte Herr W. oder seine Verwandten wegen einer künftigen Wirksamkeit seiner Schwester besorgt sein so geben Ihnen hoffentlich die mitgetheilten Thatsachen Mittel an die Hand, sie darüber zu beruhigen. Denn wenn wir in N. [sc.: Annaburg] glücklich sind, so wird es nicht fehlen, daß andere benachbarte Orte und Städtchen gerne nachfolgen wollen, und so werden schon ausgebildete Kinderführerinnen gewiß gesucht werden und willkommen sein.
Nun noch eine recht herzliche Bitte zum Schluß. Sie selbst, hochgeschätzter Herr und Freund, haben mich darauf aufmerksam gemacht, daß es gut sein könnte und gewiß würde, wenn die Ihnen zugesandte briefliche Mittheilung über den Charakter und das Wesen der Vermittelung der von mir aufgestellten Kinderführungs-, Spiel- und Beschäftigungsweise mehr Allgemeinheit erhielt. Die Erfahrungen der jüngsten Tage bestätigen mir dies. Ich ersuche Sie daher freundlichst, mir gedachte briefliche Mittheilung mit dem Ihnen selbst persönlich bei meiner jüngsten Anwesenheit überbrachten Schluß, sobald als nur immer möglich, durch die Post und gegen Empfangschein als Handschrift zu übersenden. Da ich das Mitgetheilte möglichst bald durch den Druck zu veröffentlichen gedenke, so wäre es wohl nicht nöthig und die Mühe vergeblich, für Sie sowohl einen Auszug, als noch weniger eine Abschrift zu nehmen. Aber wichtiger ist wohl die Frage: ob es wohl für das Ganze und dessen Fortbildung, sowie auch für Ihre Verhältnisse nicht nur nicht störend, sondern förderlich wäre, wenn die wenigen Blätter mit dem Beisatze als ein Sendschreiben an Sie erschienen. Der Gedanke kam mir auf der Reise. Es ist freilich wahr, Person und Persönlichkeit fördert, aber hemmt auch in der jetzigen Zeit das Gute, deshalb wollte ich auch blos vorläufig den Gedanken Ihnen zur Prüfung vorlegen, indem ich weiß, daß Ihnen die Förderung der Sache so wie mir am Herzen liegt; auch werde ich den Gedanken zuhause noch mit den Freunden prüfend überlegen.- Der Titel könnte demgemäß vielleicht werden:

Das Wesen
{meiner / der} entwickelnd-erziehenden Kinderführungs- und
Beschäftigungsweise.

Ein Sendschreiben
an den Herrn Prediger W ..... in N... [sc.: A=Annaburg]
von Fr. Fröbel.
Man könnte auch die Namen nur durch Punkte andeuten.- Doch alles dies ist noch Gedanke, der noch der Prüfung und Feststellung bedarf.
In Halle bin ich nicht bei der Familie L. eingekehrt; doch habe ich den Brief abgegeben, es schien mir doch ein wenig gar zu zudringlich, mich so bei Fremden einzuquartiren. Sagen Sie dem Herrn Diak. Z. [sc.: Zscheige] gelegentlich meinen freundlichsten Dank für seine Güte. Wegen Fräul. W. [sc.: Will] erwarte ich bis Mitte Januar von Ihrer Güte einige Nachricht in Keilhau. Bald nach meiner Ankunft werde ich in K. [sc.: Keilhau] zusammensuchen was ich glaube, daß Ihre Arbeit für die Behörden fördern kann. So wüßte ich nun nichts mehr zu schreiben, als Ihnen ganz besonders und allen denen, welche in N. [sc.. Annaburg] sich mir /
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freundlich bezeigten, meine besten Wünsche zu einem fried- und freudvollen Austritt aus dem alten und einen ebensolchen Eintritt in das neue Jahr auszusprechen. Ihre Güte wird dies Jedem sagen, welcher von diesen in diesen Tagen Ihnen zu Gesicht kommt, ganz namentlich den hochgeachteten Herrn Premierl. L. v. O. und der trefflichen Familie Dr. S.- Gott sei auch im neuen Jahre mit uns und unserm Wollen und Werke.
Von Herzen der Ihrige
Friedrich Fröbel.