Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an H. Windorf in Stadtilm v. 2.1.1846 (Keilhau)


F. an H. Windorf in Stadtilm v. 2.1.1846 (Keilhau)
(BlM XV,3, Bl 107-108, Brieforiginal 1 B 8° 4 S.)

        Keilhau am 2en Januar 1846.


Hochgeehrter Herr und Freund

Allem zuvor Ihnen und all den lieben Ihrigen
meinen herzlichen und aufrichtigen Festgruß u.
den besten Seegenswunsch beim gegenwärtigen Jahres[-]
wechsel. Der Himmel seegne im neuen Jahre all die edlen
Wünsche welche zum Wohle der Menschheit und zunächst
Ihrer eigenen lieben Familie in Ihrem Herzen ruhen.
Besonders wünsche ich, daß Ihre jetzige Prüfungsar[-]
beit für Ihr ganzes Leben und Wirken die duftig[-]
sten Blüthen und die reifsten schönsten Früchte bringen
möge.
Was Sie so gütig sind mir über Einklang zu schrei[-]
ben, darüber bin ich ganz mit Ihnen einverstanden;
ich halte mich jetzt auch überwiegend mehr an das That-
als an das Wörterverständnis; des letzteren habe
ich mich im Leben schon so oft und so viel zu erfreuen ge-
habt ohne daß für das erste irgend ein Erfolg daraus
hervorgegangen ist und im Gegentheil habe ich mich
bei Wortverschiedenheit der förderlichsten thatsächlich[en]
Mitwirkung zu erfreuen gehabt. Es ist auch ganz natür[-]
lich, daß bei einem augenblicklichen Zusammentreffen und
solches Mittheilen Jeder zuerst seine Individualität und
sein selbstständiges Denken nach Inhalt und Form sich zu /
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sichern sucht, und so werden auch ganz gewiß unsere
kleinen Wortverschiedenheit[en], die sich jedoch gewiß
auch bald ausgleichen werden, unserm gemein[-]
schaftlichen Wirken keinen Eintrag thuen; wie sich
ja dieß auch schon von Ihrer Seite so schön und erfolg[-]
reich bewährt hat; denn auf meinem kleinen Aus-
flug an die MittelElbe von Ende November bis Ende
Dezember habe ich mehrfach mich überzeugen müssen
daß Ihre jüngeren Aufsätze vielfach gelesen und be[-]
achtet worden sind und daß sie meinem kinderbeach-
tenden und entsprechend pflegenden Bestreben, wie ganz
namentlich auch der Anerkenntniß der Erziehungsver[-]
eine mehrfach den Weg gebahnt haben.
In einem kleinen Dankeszeichen für diese Ihre mehr[-]
fachen Bestrebungen - obgleich ein solches Wirken sei[-]
nen Lohn in sich selbst trägt - erlaube ich mir Ihnen
als, in gewisser Hinsicht eine Frucht meiner jüngsten
Missionswanderung - (denn auf dieser wurde ich in
Wittenberg zuerst mit dem Daseyn desselben bekannt)
ein Schriftchen mit zu übersenden welches für die Sache
besonders der Kindergärten eine doppelte und mehr[-]
fache Wichtigkeit hat: erstlich ist es im Auslande, in der Schweiz,
und von einem mir ganz unbekannten Manne, wie in einem
eben solchen Orte geschrieben; zweitens was mir noch wich[-]
tiger ist, legt es den Gegenstand einer großen Gesell-
schaft eines ganzen Landes - der Schweiz - zur Beachtung
vor und nicht nur zur theoretischen, sondern zur un[-]
mittelbar ausübenden und anwendenden.
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In letzterer Beziehung wünschte ich nun daß unsere deutsche
Gemeinsamkeiten und Regierungen von dem Büchelchen lern-
ten. Sollte sich Ihnen nun nach oder vielleicht während Ihrer
jetzigen Arbeit gleichsam zur Erholung ein Stündchen Frei[-]
zeit bieten um durch irgend eines unserer Volks- und Lo-
calblätter beide auf das Daseyn des Schriftchens und beson-
ders auf dessen Zweck aufmerksam zu machen, so glaube
ich würde es der Sache sehr förderlich seyn. Ich würde den
in Rudolstadt erscheinenden thüringischen Vaterlands-Volksfreund dazu
vorschlagen wenn dieser mehr gelesen würde, sonst bleibt viel[-]
leicht der A. A. d. D. immer noch das dazu geeignetste Blatt.
Vielleicht gieng es auch an den Aufsatz aus dem A. A. d. D.
in den Thüringer Vaterlandsfreund aufnehmen zu lassen.
Läge mir die Kindheit und deren entsprechende Pflege nicht so
wesentlich am Herzen, so hätte ich wohl Anstand nehmen
müssen Ihnen das Büchlein zuzusenden, indem dasselbe
in einer Weise von [mir] spricht wie man es wenigstens nicht gern
in seiner Gegenwart hört zumal Übertriebenes nach jeder
Seite hin schadet; dennoch wollte ich das Erstere so mußte ich
mich über das Letztere hinwegsetzen und auch Ihnen giebt es
vielleicht eine kleine Freude für eine Sache und selbst Person
eingetreten zu seyn, welche im Auslande Anklang findet.
- Wäre mir jetzt die Zeit nicht zu kurz so könnte ich Ihnen
das Letztere auch von einem französischen Gelehrten schreiben, welchen der
der Minister des Unterrichtes in Paris nach Deutschland gesandt
hat, besonders um sich in Deutschland mit einigen sich auf die
Hochschulen beziehenden Einrichtungen bekannt zu machen; auf
eine gleiche Weise haben die Spiel- und Beschäftigungsmittel
von einer Fürstin aus Galizien Anerkenntniß gefunden, welche
darum sich von Darmstadt aus, wo dieß geschahe, sogleich /
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die nöthigen Lehr- und Spielmittel mitgenommen hat.
Sehen Sie geehrtester Herr Rector, so findet die
gute Sache zuerst vom und im Auslande ausübende
Anerkennung und wird sich hoffentlich von dorther
angebahnt, später auch in Deutschland finden.
- Über meine Reise und deren Erfolg mündlich
wenn wir uns wie ich demnächstens hoffe, einmal
persönlich in Stadtilm sprechen werden. Zunächst
nur soviel, daß ich einen Kindergarten in An[-]
naberg wirklich schon gegründet und die Gründung
einiger anderer lebhaft angebahnt habe, so[-]
wie daß ein Bildungskursus für Kinderpflege-
rinnen künftigen Montag beginnt, wo eben für diese
Führerinnen gebildet werden sollen.
Mich bald wieder einiger freundlicher Zeilen
von Ihnen versichernd grüße ich mit Hoch-
achtung und Ergebenheit
          der Ihrige
Friedrich Fröbel

Auch von den Freunden Grüße