Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Leonhard Woepcke in Annaburg v. 3.1.1846 (Keilhau)


F. an Leonhard Woepcke in Annaburg v. 3.1.1846 (Keilhau)
(Autograph nicht erhalten, ed. Jänicke 1880, 103-107. In Edition gesperrte Wörter werden hier unterstrichen wiedergegeben, da vermutlich so in Handschrift, Normalschrift statt Fraktur, in Handschrift Antiqua, wird kursiv wiedergegeben.)

Keilhau, am 3. Januar 1846.


Hochgeschätzter Herr und Freund!

Erlauben Sie mir nochmals, Ihnen nun im neuen Jahre meine besten Wünsche für Ihren frohen, fried- und freudevollen Eintritt in das neue Jahr aussprechen zu dürfen.
Am Sylvester-Tage Vormittags sind wir glücklich in Keilhau angekommen, und haben, Gott sei Dank, auch alles hier gesund und wohl angetroffen.
Unsere Anna wird in dem beiliegenden Briefe ihrer lieben Schwester ausgesprochen haben, ob und wie es ihr hier gefällt. Ich habe wirklich noch nicht einmal Zeit gehabt, sie darnach zu fragen, doch glaube ich aus ihrem frohen und freudigen Bewegen und ihrem vielfachen Eingehen in kleine häusliche Handbietungen schließen zu können, daß es ihr hier ganz wohl gefällt, wenigstens hat nichts in ihrem Betragen von einem Gefühle der Täuschung und Sehnsucht gezeugt. Dazu mag nun auch wohl beitragen, daß sie eine zweite, ihr gleichalterige Mitschülerin Th. L. [sc.. Therese Langguth] schon vorfand.- Nächsten Montag werden wir den Unterricht beginnen.
Ich wollte Ihnen diese Nachricht gleich am Neujahrstage geben, allein da meine Kistchen von Jena noch nicht angekommen waren, ich sie aber jeden Tag erwartete, so verschob ich diese Sendung. Da die Kistchen noch bis heute nicht eingetroffen sind und Sie, irre ich nicht sehr, die Druckblätter, welche Sie zur Ausarbeitung Ihres Aufsatzes von mir wünschen, spätestens bis zum 8. dieses Monats erwarten, so möchte ich mit Absendung der gedachten Blätter nicht länger warten. Sie empfangen daher, hochgeschätzter Herr und Freund, alles, was ich über den besprochenen und zu besprechenden Gegenstand besitze, ohne irgend eine Ausnahme, als ein Ganzes. Es mag sich nun wohl gar Manches darunter finden, was als Einzelnes keinen Werth hat, was aber doch als Glied des Ganzen eine Bedeutung bekommt; auch möchte ich wirklich nicht das von mir mit Sorgfalt Gesammelte zerstückeln. Sollte nun ja die Sendung von Heidelberg ausbleiben, so erhalten Sie hierbei doch, wie ich glaube, das Wesentlichste, mindestens das Neueste, was mir bekannt geworden ist; sendet nun aber Herr Dr. H. [sc.: Hagen] in Heidelberg das von ihm Erbetene, so mag es wohl kommen, daß Sie einiges, besonders aus der Mittelzeit, doppelt erhalten. Ich konnte dies aber nicht vermeiden, indem mir nicht gegenwärtig war, was ich in H. [sc.: Heidelberg] dem Herrn Dr. H. [sc.. Hagen] zurückgelassen hatte. Wollen Sie sich die Mühe geben und eine Sammlung durch die andere vervollständigen, so bitte ich die doppelten Nummern gleich jenen zu verwahren, und gleich nach dem ersten gemachten Gebrauch gütigst zurückzusenden, weil es mir sehr oft nöthig ist, zu gleichzeitigem zwiefachen Gebrauche doppelte Exemplare zu besitzen, wie z.B. in diesem Augenblicke Beyers Programm von mir gewünscht wird, weshalb ich mich freue, es Ihnen schon zurückgelassen zu haben. /
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Haben Sie, lieber Herr Prediger, vielleicht seit meiner Abreise "Gervinus, die Mission der Deutschkatholiken" gelesen?- Diese Schrift schließt mit den für mich höchst merkwürdigen Worten: "es bietet sich jetzt die große Gelegenheit dar, die deutsche Einigung auf Übereinstimmung der geistigen Bildung und religiösen Versöhnung zu gründen." Wollen Sie nun mit dieser Äußerung vergleichend und prüfend zusammenstellen, was wir über das Wesen der von uns gemeinsam angestrebten Kinderpflege und Führungsweise ausgesprochen haben, auch sich zugleich dessen erinnern, was ich mir als eine Äußerung des Herrn Dompred. Neuhaus über die allseitig genügenden Richtungen unserer Kinderbethätigungsweise Ihnen mitzutheilen erlaubte, so wird Ihnen dadurch nicht entgehen, wie jetzt einer der seltensten und glücklichsten Augenblicke zur Ein- und Durchführung einer allseitig genügenden frühen Kindererziehung, wahren Menschheitserziehung ist; eine Zeit, in welcher kein günstiger Moment unbeachtet und ungenutzt vorübergehen gelassen werden darf. Ich freue mich darum recht des Vorsatzes, welchen Sie hinsichtlich der zu schreibenden Abhandlung gefaßt haben, so wie ich mich innig dankbar des großen Lebenszusammenhanges erfreue, welcher Sie zu mir und mich zu Ihnen geführt hat. Erfassen wir, theuerer Herr Prediger und Freund, dasjenige, was dadurch uns gegeben, aber auch von uns gefordert wird; verstehen und erfüllen wir es, so muß dies unser Zusammentreffen in der Geschichte der deutschen Erziehung zunächst ein erfolgreiches historisches Faktum werden. Allein, wie Sie dies ja so oft und bestimmt aussprechen: Plan, Um- und Einsicht muß das Ganze beherrschen, die günstigen Umstände, d.h. Schicksal und Vorsehung thun dann auch schon das Ihre. Mit des Genius Kraft ist die Natur, also sind auch die Gesetze der Menschheits-Entwickelung, als an Erd- und Naturbedingungen geknüpft, in ewigem Bunde; was die eine verspricht, hält dann die andere gewiß; darum nur mit fester, sicherer Hand das Steuer zum Ziele der Menschheit.
Nach dem Briefe des Herrn Sup. H. in T. war Fräul. H. [sc.: Hesse] nebst Mutter nicht abgeneigt, nach Keilhau zur Ausbildung der ersteren zu gehen, wenn sich für beide eine besondere Wohnung fände. Nach gepflogener Rücksprache wäre hier eine heizbare Stube, freilich in einem Bauernhause, zu haben. Die Kost, nebst Frühstück und Vesperbrot, würde in der Anstalt für beide zu bekommen sein. Für Betten und Wäsche müßten sie, wie die übrigen, auch sorgen; doch können erstere (Sie kennen die Qualität) auch wohl hier bekommen werden, wie es hier auch eine Waschfrau gibt. Das Zimmer würde entweder das beim Wirthe sein, welches Sie schon kennen, oder bei einem anderen Bauer. Kostgeld würde jede wöchentlich 1 Thlr. 10 Sgr. zu zahlen haben. Unterrichtsgeld für die Tochter wöchentlich ½ Thlr., der wöchentliche Aufenthalt für beide würde also wohl in dieser Art gegen 4 Thlr. kommen; doch können sich ja auch beide, wenn sie glauben besser weg zu kommen, selbst einrichten (welches freilich wieder manche Nebenausgabe verursacht), oder sie mögen sich mit dem Wirth verständigen. Vielleicht könnte auch die Mutter etwas in der Anstalt mit der Nadel verdienen (ich kenne ja die Verhältnisse derselben nicht, deshalb darf mir dieser Gedanke nicht übel gedeutet werden). Daß ich mich über diese Verhältnisse so ausführlich ausspreche, hat seinen guten Grund in meinem Wunsche, daß sich der Gedanke ausführen, und noch zu diesem Halbjahr ausführen lasse. Denn es steht wohl ganz fest, daß ich vor Michaelis keinen weiteren Kursus beginne; so wäre dadurch fast ein Jahr gewonnen. Zur Förderung der Sache würde ich mich entschließen, das bis zum Eintritt des Fräul. H. [sc.. Hesse] in diesem Monat Abgehandelte mit ihr besonders zu wiederholen, wenn es möglich wäre, daß sie noch im Beginne der zweiten Hälfte dieses Monats hier einträte. /
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Wollen Sie, geehrter Herr Prediger, die Güte haben, dies in kurzem Auszuge Herrn Sup. H. mitzutheilen, so würde ich später das etwa noch weiter zu Wünschende gern hinzufügen.
Was ich Ihnen noch zu senden habe, wird alles demnächstens erfolgen, denn leider habe ich den Geschäftsführer nicht zuhause angetroffen, indem er zum Feste zu seinen Verwandten gereist war.
Wie sieht es mit der Schwester des Herrn W. [sc.. Will] aus?- Ich glaube ihr wohl nach den vorliegenden Verhältnissen nach Beendigung ihrer Bildungszeit eine angemessene Stelle in der Prov. Sachsen zusichern zu können. Ihr nächster lieber Brief wird mir wohl deren Entschluß melden.
So wüßte ich Ihnen nun in diesem Augenblicke nichts mehr zu schreiben, als Ihnen den gesegnetsten Fortgang der guten Sache in Ihrer Umgegend zu wünschen.- Beiliegenden Brief mit der Aufschrift an Herrn Pred. B. in H., welchen ich von der Güte des Herrn Dr. S. empfing, bitte ich gelegentlich an denselben mit bestem Danke zurückzugeben, weil ich, wie ich früher schrieb, keinen Gebrauch davon machen konnte und so beweisen wollte, daß wenigstens kein Mißbrauch davon gemacht worden ist.
Anna gefällt in ihrer kindlichen Einfachheit und töchterlichen Hilfreichigkeit hier sehr und man hofft Gutes von ihr zur Förderung der Kindheitsache. Wollen Sie dies gelegentlich dem hochgeehrten S.[Seyler]’schen Hause zur Kunde kommen lassen und dazu meine herzlichen Grüße fügen, so werde ich dafür sehr dankbar sein.
Sehr freut sich auf einige baldige Zeilen von Ihnen Ihr hochachtungsvoll ergebener
Friedrich Fröbel.

Nachschrift.

Doch ich wollte Ihnen ja noch Einiges aus einem jüngst empfangenen Briefe meines Ihnen oft genannten Freundes von Leonhardi in Heidelberg d. d. 8. Dez. 1845 mittheilen; es heißt unter anderen [sc.: anderem] darin:
1)"Antoni, der Kinderlehrer, welchen Du kennst, erkennt den großen Nutzen Deiner Kinderbeschäftigungen und Weisen in seiner Privatanstalt; er kann sich nun abwechselnd mit den beiden Abtheilungen derselben ruhiger und zweckmäßiger beschäftigen."- 2) "Einige andere Unternehmen von ähnlichen Privatanstalten hier widmen dem Gegenstand auch ihre Aufmerksamkeit. Eine Lehrerin, Fräul. D., welches an mich von Prof. P. empfohlen wurde, hat sich jetzt schon einiges angeschafft und wird auch auf einige Zeit zu Ida Seele nach Darmstadt gehen, um sich dort noch mehr mit der Sache bekannt zu machen."- 3) "Auf meiner jüngsten Reise von Frankfurt a. M. nach Darmstadt, sagte ein Dr. Duller daselbst, dort habe die Sache gesiegt."- 4) Oberstlieutenant Fresenius, wie Du weißt, einer der Vorstandsglieder des dortigen Frauenvereins, sprach mir auch die große Zufriedenheit mit der Kinderführung der Ida Seele in der dasigen Kinderpflegeanstalt aus. Die Frau Erbgroßherzogin geht sehr oft und gern hin."- 5) Der Oberhofprediger Zimmermann sagte mir auch: "Sie haben sich ja so sehr für die Fröbel'sche Methode interessirt. Die Sache ist gut. Wir sind froh, sie hier zu haben. Sie müssen auch die Anstalt von Fölsing besuchen, in welcher sie angewandt wird."- 6) "Der Gesang und dessen gute, richtige Leitung ist in Verbindung mit den Beschäftigungen der Kinder wesentlich zu deren gedeihlicher Erziehung. Dies sah ich bei Fölsing, bei Ida Seele, und hier bei Antoni, welcher schon eine Menge gute Vorsänger und Vorsängerinnen hat."- 7) "Weswegen ich Dir heute schreibe, ist: Dein[e] Sache in irgend eine namhafte Zeitung zu bringen, da es mir jetzt der günstigste Augenblick /
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dazu scheint. Jetzt kann man mit gutem Gewissen sagen: die Sache hat sich hier und da schon bewährt, sie hat Boden gefaßt, und es ist Pflicht der vertretenden Zeitungen, darüber zu berichten."- 8) "Ich habe Dir noch nicht geschrieben, daß ich auf meiner Rückkehr aus Frankfurt a. M. mit einem Reisegefährten ins Gespräch kam und gerade, weil er auf jeder Station mit Kindern sich ins Gespräch einließ, auch über deine Sache. Es war der Ritter Dr. de Bonage (oder ein ähnlicher Name, er ist zu undeutlich geschrieben, um ihn zu entziffern), von dem die Augsb. Allgem. Zeitung berichtet, daß er im Auftrage des französischen Ministeriums die deutschen Universitäten besuche und Bericht über höheres Unterrichtswesen erstatten solle. Er kam gerade von Johannisberg, wo er einige Abende mit Metternich zugebracht hatte. Er sagte, Deine Sache (die er also kannte), sei gut, und was daran vielleicht nicht gut sei, ließe sich bessern; sie würde aus Frankreich nach Deutschland zurückkommen. Er besuchte mich hier in Heidelberg noch über eine Stunde und ließ sich alles zeigen, was ich von Dir besitze."
Vergleichen Sie nun, mein hochgeschätzter Herr und Freund, mit dem vorstehend Ausgesprochenen den Schluß und die Forderung des Verfassers der "Christlichen Kindergärten", welcher wünscht, daß die Kindergärten, wie von uns angebahnt, allgemeine Schweizersache werden sollen, so sehen Sie, daß Deutschland immer das alte bleibt.- Die es mit ihm und seinen Bewohnern gut meinen, müssen sich erst todtmüde und dem Grabe nahe gearbeitet haben, damit ein Echo ihres doch vaterländischen Wollens aus der Fremde komme, ehe man ihnen nur Beachtung, geschweige nothdürftige Anerkennung schenkt.
Weiter schreibt mein Freund, Dr. von Leonhardi: "Das wirst Du gelesen haben, was die Augsb. Allgem. Zeitung vor einiger Zeit von Darmstadt aus über die Versammlung der Philologen und "aber nicht und" Schulmänner berichtete. Es war in einem dieser Artikel gesagt, "daß wenn man von einer solchen Versammlung, wenn sie nicht eitle Gelehrsamkeit, entfernt vom Leben, bieten wolle, die ersten Pädagogen nicht ausschließen dürfe. Mönnich und Du waren mit Diesterweg und Anderen genannt."
Sie sehen daraus, mein sich zur Förderung der Sache der Kindheit, der sich erneuenden Menschheit vielfach hingebender und aufopfernder lieber Herr Prediger und Freund, wie solche doch still fortglimmt, und daß wohl an die Vereinigung der noch vereinzelt glühenden Funken nun zu glauben ist, und daß sich daraus auch vielleicht noch für den Träger der Idee und des Gedankens eine Wirksamkeit entwickeln wird, die beider Idee und Gedanken würdig ist, damit es ihm möglich werde, solche wie in Klarheit und Lebensfülle, so in Allseitigkeit und Allerfassenheit darzustellen.
Ich freue mich jetzt, Ihnen in N. [sc.. Annaburg] ausgesprochen zu haben, daß Idee und Gedanke in Ihnen, als einen Jünger Hegels, für Norddeutschland einen treuen, fördernden Träger und Vertreter gefunden, wie in Dr. H. von Leonhardi, einen Jünger Krauses, für Süddeutschland. Sie Beide, wie Freunde und Brüder einig im Geiste, sollten sich nun auch schriftlich näher treten und einigen; dadurch könnte später vielleicht etwas sehr Großes, auch eine Vereinigung und Verständnis beider philosophischen Schulen und ihr noch mehrseitig förderliches Eingreifen in Volks- und vaterländische Bildung bewirkt werden.- Gott gebe Ihnen nur recht dauerhafte Gesundheit, daß Sie in der begonnenen Weise thätig fortarbeiten können; denn Sie sehen, wie von diesem einen Punkte: erfassende Kindheitspflege - echte Pflege der Menschheit und des Menschenwesens in der Kindheit - lichtende, leuchtende, wärmende, belebende und einende Strahlen nach allen Richtungen hervorblitzen. Fühlen /
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Sie sich veranlaßt, so schreiben Sie Leonhardi, er kennt Sie nun so gut, wie Sie ihn.- Ich habe mir erlaubt, Ihnen einen so ausführlichen Auszug aus von L.'s [sc.. Leonhardi’s] Brief an mich zu machen, weil ich glaube, daß darin doch manche Notiz, mindestens Anregung enthalten ist, welche Ihnen zu Ihrer jetzigen Arbeit angenehm; auch finden sich darin achtbare Namen, z.B. Dr. Duller, Dr. Zimmermann, Erbgroßherzogin von Hessen, selbst der gewiß bekannte französische Reisende Dr. de B. - und achtbare Blätter, z.B. die Augsburger Allgemeine Zeitung - genannt.- Möge jedes dieser Steinchen sich durch Ihren Geist in Ihrer Hand sich zum Dome der Menschheit bei dessen jetzigen Baue einfügen.-
Friedrich Fröbel.